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Leselupe.de > Science Fiction
Vampyrotheutis Infernalis
Eingestellt am 22. 12. 2005 16:14


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brain
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“Die Welt des Vampyrotheutis wird nicht mit Händen sondern mit Tentakeln begriffen. Sie ist nicht ersichtlich (scheinbar), sondern Vampyrotheutis selbst macht sie mit seinen Lichtern ersichtlich.“
Vilem Flusser und Louis Bec, Institut scientifique de recherche paranaturaliste, 1993

Der Raum war weiß. Die Wände, der Boden, die Decke, das Licht.
Kniff man die Augen zusammen, konnte man fast meinen, sich in einem absoluten und endgĂĽltigen Nichts zu befinden.
Keine Kontur, keine Form, kein Ton störte die Wahrnehmung. Das genaue Gegenteil von einem schwarzen Loch.
Hier schienen die Gedanken wahrhaft frei zu sein. Frei, zu dem zu werden, was ihnen beliebte.
Man konnte die Kameras in den Ecken des Raumes nicht sehen, aber sie waren da, in der Wand versenkt wie Implantate.
Herr Dr. Römer blickte auf den Monitor und schüttelte den Kopf. Der Splitscreen zeigte ihm vier Perspektiven des Rauminneren. Vielleicht würde der Alte heute etwas mitteilsamer sein als sonst. Der Alte, der in der Mitte des Raumes hockte, und mit sich selbst sprach, angeschlossen an zahlreiche Schläuche, welche ihn intravenös ernährten. Ein künstlicher Darmausgang auf seinem Bauchnabel führte Unverdauliches in einen kleinen Plastikbehälter ab, welcher jeden Tag gewechselt wurde.
Der Arzt betrat den Raum.
Kein Ton störte die Stille.
Unbemerkt baute Herr Dr. Römer sich hinter dem Alten auf, beobachtete diesen und machte sich Notizen.

„Hey, Sebbi. Was zu tun?“
„Äh...Ich wollte gerade...“
„Das kann warten. Ich hab hier was für dich. Ne Riesenkrake. Hatn paar Spaziergänger gefressen und is dann am Strand verreckt.“
Mit diesen Worten drückte Cristofczik, der Redakteur des „Berghäuser Anzeigers“, ihm einen Zettel in die Hand und grinste...
“Ist drüben in der Nähe von Nieder-Gemünden. Kannste garnich verfehlen. Direkt an der Küste. Schneider ist vor Ort. Der kann dir dann Näheres berichten. Und jetzt los.“
...und lieĂź ihn stehen, wie er es immer tat.
„Und vergiss deine Kamera nicht.“

„Guten Tag, Herr Finkelsteyn.“
Der Alte ignorierte ihn oder hörte ihn nicht.
Vielleicht bedingte das Eine das Andere, doch das konnte nur er selbst wissen.
Herr Dr. Römer war an Schweigen gewöhnt.
In seiner Branche waren Dialoge sehr selten. Meistens hörte man ihm zu oder ließ ihn einfach nur reden. Es war seine Aufgabe, Menschen Dinge zu entlocken, über die sie nicht sprechen konnten oder wollten. Oft war dies lediglich auf deren Unvermögen zurückzuführen, in Worte zu fassen was in ihnen vorging und so empfand er sich in einem möglichen Dialog lediglich als Initiator, jedoch nie als Sender.
„Wie geht es ihnen?“
Wieder nichts.
Er ging um den Alten herum, um zu sehen was vor diesem lag und kam sich dabei vor wie ein Spion, der etwas Geheimes und Intimes erblickte. Umso größer war seine Enttäuschung, als er feststellen musste, dass er nicht erkennen konnte, worum es sich bei dem Ding handelte, denn der Alte hatte seine Hände darüber gefaltet, als wäre es eine Kerze, die er vor dem Regen schützen musste.
Unablässig purzelten kaum hörbare Silben und Laute aus dem Mund des Alten.
Herr Dr. Römer bemühte sich Augenkontakt herzustellen und startete einen neuen Versuch eines Gespräches.
„Fühlen sie sich wohl?“
Der Alte verstummte in seiner Litanei herunter gebeteter Wortfetzen, sah dem Arzt in die Augen und grinste.
„Gehen sie weg.“
Die Worte waren nicht mehr als ein Flüstern, doch der Arzt war sicher, dass die Tonbandgeräte sie aufgefangen hatten.

Es regnete, als Sebastian um halb drei losfuhr. Um viertel nach drei war er dann am Ort des Geschehens. Es regnete auch nicht mehr, aber eine „steife Brise“ wehte, wie die Leute hier sagten. Mehrere Schaulustige hatten sich am Strand eingefunden, die ortsansässige Polizei hatte die Sache jedoch im Griff. Ein Krankenwagen fuhr langsam weg. Die Sirene war aus.
„Hey, sie da. Sind sie der Typ von der Zeitung?“
„Ja, mein Name ist...“
„Kommen se mal hier rüber, da ham se gutes Licht.“
„…Sebastian.“ Er reichte dem Mann, der ihn angesprochen hatte, die Hand.
“Sebastian Finkelsteyn. Sind sie Herr Schneider?“
„Ja. Verdammt. Ham se so was schon mal gesehn?“
Das Wesen war gewaltig. Vom Kopf bis zu den Tentakelenden hatten die Feuerwehrmänner, die es aus dem Wasser gezogen hatten, einundzwanzigeinhalb Meter gemessen.
„Scheiße. Was soll das denn sein?“
„Wir wissen es nich...das heißt, eigentlich schon, aber nich, was es hier verlorn hat.“
Schneider plusterte sich auf und wirkte sichtlich nervös.
„Vampyrotheutis Infernalis, lautet der lateinische Name der Kreatur, die sie vor sich liegn sehn. Es ist bekannt und bewiesn, dass diese Tiere in den Tiefen der Meere leben. Sie gehörn zur Gattung der Octopoda Mollusca…den jagendn, aktivn, achtarmign Krakentieren.“
Er räusperte sich hektisch und geräuschvoll.
„Von Zeit zu Zeit wird n totes Exemplar angespült, aba dieses hier war am Lebn und hat Menschn verspeist. Der Schiedsmann des Dorfes hat es erschossn. Aber...das alles ist eigentlich gar nich möglich. Diese Viecher sind in einer Umgebung heimisch, in der ein immenser Wasserdruck herrscht. Man schätzt ihn auf etwa 1000 Atmosphärn. Wir, die Menschn, und diese Viecher, sin Nachbarn auf ein und dem selbn Planetn, doch wir können nich nebeneinander existiern.“
Er holte tief Luft und erzählte aufgeregt weiter. Man konnte ihm ansehen, dass er das Ganze irgendwie genoss.
„Im Laufe ihrer Evolution habn sich deshalb die Knochen zurückgebildet. Sie sin Weichtiere un in unsrer Welt völlig fremd. Sie würdn sterbn, bevor sie die Wasser-oberfläche erreicht hättn. Und wenn sie an Land kämn, würdn sie an unsrer Luft er-stickn. Wir lebn in zwei völlig verschiednen Welten, wir und diese…Dinger. Und das is auch gut so!“
Sebastian nickte, als wĂĽrde das alles zusammenpassen. Das war eine ausgezeichnete Taktik, wenn man nicht wusste, was man sagen sollte.
„Woher wissen sie das alles, Mann? Sind sie ein wandelndes Lexikon?“
Schneider schĂĽttelte verlegen den Kopf.
„Ähhh…Nein...Galileo. Die machn spitze Dokus...“.
„Galileo. Nicht zu fassen.“

„Herr Finkelsteyn. Warum soll ich gehen?“
Schritt für Schritt. Bisher hatte der Alte kaum auf Gesprächsversuche reagiert. Die Sache hatte sich also bereits zur Diskussion entwickelt.
Die Lachfaltengesäumten Augen des Alten blickten müde und distanziert hinauf in die Augen des Arztes, der jetzt ein wenig mutiger wurde und sich hinkniete, um sich auf eine Höhe mit seinem Gegenüber zu bringen.
„Sie haben es noch nicht gesehen. Noch können sie…einfach gehen.“
Herr Dr. Römer zog die Brauen herunter und schüttelte abermals den Kopf.
„Ich habe sie gesehen, Herr Finkelsteyn. Ich kann nicht gehen, ohne zu wissen, was es ist und was es für sie bedeutet.“
Ein kurzes Zögern, Überlegen, strategische Offensive.
„Was ist es?“
Sebastian Finkelsteyn blickte wieder auf seine Hände, welche das Ding vor dem Rest der Welt versteckten. Seine Antwort war sachlich und hatte nicht den geringsten Beigeschmack von Trotz oder Hohn.
„Nichts.“
„Darf ich es dennoch sehen?“
Der Alte schien unschlĂĽssig zu sein.
Er blickte in die Ecken des Raumes, als wüsste er, wo die Kameras hingen. „Gehen sie.“ Mehr ein Seufzer als eine Bitte.
„Es gibt nichts zu sehen.“
Er schloss die Augen. Seine Hände bewegten sich, als wärmten sie sich an einem Feuer und für einen kurzen Moment erblickte der Arzt das Ding, das unter die Hände des alten Sebastian Finkelsteyn gekrochen war, doch es war ein Ding der Unmöglichkeit zu sagen, worum es sich dabei handelte.

In rascher Abfolge machte Sebastian ein paar Fotos von der Kreatur, die am Strand lag und ging auf sie zu, um Nahaufnahmen machen zu können.
Das Blitzlicht wurde von kopfgroßen schwarzen Augen reflektiert. Im Näherkommen konnte Sebastian etwas hören, ein rhythmisches, gleichmäßiges Geräusch, das beständig schneller wurde.
Es war das Herz des Riesen. Der Koloss wälzte sich herum. Tentakeln schlugen durch die Luft und mähten durch die Schaulustigen und die Polizisten.
Noch ehe Sebastian wusste, wie ihm geschah, hatte ihn einer der Fangarme gepackt und mitgerissen.
Die verbliebene Menschentraube hatte sich ĂĽber den Strand verstreut und sah zu, wie sich die fleischige Masse des UngetĂĽms in die Fluten des Meeres zog.
Sebastian konnte nichts tun. Das Biest riss ihn unerbittlich mit in die Tiefe.
Es wurde stetig kälter je tiefer sie tauchten und alles, was zu sehen war, waren die schwammigen Konturen des Geschöpfes, das ihn gepackt hatte, schwach beleuchtet vom Blitzlicht der unablässig um sich schießenden Kamera.
Immer tiefer hinab tauchten sie, bis in Regionen, zu denen die Strahlen der Sonne nicht vordrangen. Die einzigen Lichtquellen waren die lockenden, hypnotisierenden Leuchtorgane der Jäger, die hier unten hausten und das fragmentartige Blitzlicht.
Alles um ihn herum war schwarz und die Kälte und der Druck drohten ihn zu zermalmen, wie einen Wurm. Der Fangarm, der ihn umschlungen hielt, quetschte ihn zusammen und schnürte ihm das letzte bisschen Luft ab, das er noch in den Lungen hatte. Die Welt um Sebastian fing an sich zu drehen und zu Strudeln und Wirbeln zu werden.
Dann sah er ein grünes, kugelähnliches Gebilde auf sie zukommen, das den Oktopus um mindestens vier oder fünf Körperlängen überragte. Ein schuppiges, walähnliches Etwas, mit haushohen Froscharmen. Es öffnete ein gigantisches, Reißzahnbewehrtes Maul und erst dann wurde alles schwarz.
Sebastian wachte drei Wochen später in der forensischen Abteilung in Homberg Ohm wieder auf, aber das war gar nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem war, dass Sebastian etwas aus der Tiefe mitgebracht hatte. Etwas, das nicht in diese Welt gehörte.

„Was ist das?“ Schweiß trat auf die Stirn des Arztes.
„Das ist unwichtig, Doktor. ICH habe es gefunden. Es ist MEIN!“
„Wozu benutzt man es?“
„Man BENUTZT ES NICHT!“
„Aber, welchen Sinn hat das Ganze?“
Der alte Sebastian lachte kurz auf. „DAS…ist eine sehr gute Frage…jedoch muss ich zu bedenken geben …dass die Antwort den Sinn zerstören würde.“
Er stöhnte begierig und herzhaft, sodass es fast wie ein Knurren klang und sein Blick verbiss sich erneut in das Ding.
„Ich könnte mein ganzes Leben damit verbringen, darüber nachzusinnen, was es ist, woher es kommt und warum gerade ich es gefunden habe.“
Der Arzt setzte jetzt alles auf eine Karte.
„Herr Finkelsteyn. Sie haben bereits einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit verbracht. Sie sollten…“ Er suchte nach Worten.
„Seit sie vor über vierzehn Jahren ihren…Unfall am Strand hatten, sind sie hier in diesem Raum, auf dem Boden und beschäftigen sich mit diesem…Ding.“
Herr Dr. Römer machte eine bedeutungsschwangere Pause.
„Finden sie nicht, dass es an der Zeit wäre, ihr Geheimnis mit jemandem zu teilen?“
Sebastian Finkelsteyn dachte kurz darüber nach …Evolution… runzelte die Stirn …1000 Atmosphären... und gab es frei.
Der Arzt sah es nun in seiner ganzen, hypnotisierenden Pracht.
Es war absolut und endgĂĽltig. Blendend hell und verlockend warm.
Keine Kontur, keine Farbe, kein Ton trĂĽbte die Wahrnehmung.
Er vergaĂź die versteckte TĂĽr, die Kameras, die Mikrophone und die Techniker.
Ohne den Blick von dem leuchtenden Etwas auf dem Boden abzuwenden, setzte er sich im Schneidersitz neben den Alten und die Suche nach dem Sinn wurde zum Sinn selbst.

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brain
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PS:

Der aufmerksame Leser wird schnell merken, dass die bereits von mir veröffentlichte Geschichte "Nichts" ein Teil dieser Geschichte ist. Ich entschied mich dazu, den alten Text sozusagen "auszuschlachten", um das Geschehen des Herrn Finkelsteyn näher beleuchten und ihm mehr Facetten zugestehen zu können, als bisher. Ich hoffe man wirft mir nicht vor, Leichenfledderei zu betreiben. Das Ergebnis empfinde ich zumindest als gelungen und der "Opferung" des alten Textes wert.

Viel SpaĂź beim Lesen.

MfG:-)

Brain

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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hm,

wunderbar verschachtelt, fantastische story und ein verblĂĽffndes ende. was will man mehr?
lg
__________________
Old Icke

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brain
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Registriert: Jun 2004

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Profil
Hallo...

...und vielen Dank fĂĽr das tolle Lob.
GrĂĽĂźe:-)
Brain

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Dietmar PreuĂź
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2004

Werke: 2
Kommentare: 7
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Hallo Brain,

Die Darstellung des Klinikraumes ist atmosphärisch ganz gut gelungen. Mich hat auch gleich interessiert, was die beiden Handlungsstränge miteinander verbindet. Irgend etwas hat mich allerdings darauf gebracht, dass sie zeitgleich ablaufen, was mich natürlich verwirrt hat.

Ein Punkt noch: Du stellst die Geschichte in ein Forum für SF ein. SF führt aber heutige wissenschaftliche Erkenntnisse in der Zukunft fort und geht von einer Logik und Machbarkeit auch dort aus. Daher müsstest du meiner Meinung nach erklären, warum das Tiefseewesen nun doch in einem Dorfteich leben kann, und warum der so tief ist. Ansonsten fühle ich mich eher im Bereich der Fantasy.

Mit freundlichem GruĂź

Dietmar PreuĂź
__________________
www.dietmarpreuss.de

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brain
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2004

Werke: 42
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Hallo!

Vielen Dank fĂĽr Lob und Kritik.

Also...
...von einem Dorfteich ist gar nicht die Rede. Nieder-GemĂĽnden, das Dorf, wo das Monstrum auftaucht, liegt an der KĂĽste. Das Ding kommt also aus der Tiefe des Meeres.

Zu Deinem Vorschlag die Geschichte lieber dem Fantasy-Bereich zuzuprdnen kann ich nur sagen, dass es mir generell sehr schwer fällt Geschichten in Schubladen zu stecken. Daher stimme ich Dir hundertprozentig zu, dass die Story unter "Fantasy" gut aufgehoben wäre. Möglicherweise aber auch unter der Rubrik "Kurzgeschichten", "Horror" oder "Sonstige Prosa".

MfG:-)

Brain

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