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Leselupe.de > Horror und Psycho
Vanitas
Eingestellt am 17. 12. 2006 23:42


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Felix
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Der Herbst war gekommen.
Kühl und beinahe melodisch pfiff der eisige Wind durch Gräser und Wipfel und ließ die Blätter in farbenprächtigen Wirbeln über den weitläufigen Rasen tanzen.
Die Hände tief in den Taschen seines schwarzen Mantels vergraben und mit hoch gestelltem Kragen stand Liam Charon am Rande der Trauergemeinde und lauschte der andächtigen Rede des Priesters.
Seine teuren Schuhe drohten im vom Regen zu Schlamm verwandelten Boden zu versinken, doch rĂĽhrte sich Liam keinen Schritt weit, auch nicht, als ihm das eisige Wasser bereits aus seinen klitschnassen Haaren in Bahnen in den Nacken lief.
Niemand konnte Trauerreden so ergreifend und wahr formulieren wie Pater Elroy und Liam hatte bereits viele von ihnen mit angehört.
Nicht, dass er besonders häufig von Trauerfällen in der Familie betroffen gewesen wäre, Liam besaß so etwas wie eine Familie nicht mehr, aber er hatte das Gefühl, dass er es so manchem Toten in seinem Leben schuldig gewesen war.
Auch mit diesem Verstorbenen war er nicht verwandt, und so stand er in einigem Abstand zu den schweigenden Angehörigen zwischen den anderen Grabsteinen und hielt seine eigene, ganz persönliche Andacht für diesen Mann.
Wie die Krähen dachte er mit dem Anflug eines Schmunzelns, als sein Blick kurz auf die krächzenden Vögel fiel, die sich wie ein schwarzer Schleier in einem bereits fast kahlen Baum direkt über dem frischen Grab niedergelassen hatten.
Als die Trauernden schlieĂźlich gefĂĽhrt von Pater Elroy von dannen zogen, um sich dem erfreulicheren Leichenschmaus zuzuwenden, war es endlich an Liam dem verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.
Beiläufig strich er sich eine Strähne seines klitschnassen blonden Haares aus dem Gesicht und tat einen tiefen Atemzug.
Es roch nach Herbst, roch nach nasser Erde, nach Regen und nach frischer Luft.
Liam fühlte sich beschwingt, ließ aber nicht den nötigen Respekt vermissen, als er gemessenen Schrittes auf das Grab zuging, das gerade erst von zwei Totengräbern zugeschaufelt wurde.
Der Schlamm unter seinen Sohlen gab bei jedem Schritt schmatzende Geräusche von sich, bis Liam schließlich direkt vor dem Grab und dem schwarzen Eichensarg stehen blieb.


Albert Bosrich
Beloved son and brother
1881 – 1901


So jung...
Liam schĂĽttelte den Kopf und lieĂź die einzelne Rose fallen, deren dunkles Rot bald schon unter mehreren Schaufeln Erde verschwunden war.
Mit Bedauern betrachtete er die Aufschrift, die in schmucklosen Lettern auf dem harten Grabstein geschrieben stand und mit ihren wenigen Worten nur wenig Platz einnahm.
Liam hatte Albert in den wenigen Minuten, die sie sich gekannt hatten wirklich bewundert, der junge Mann hatte nicht einmal Angst gezeigt oder gebettelt, als er ihm die zwei Kugeln direkt in Brust und Kopf gefeuert hatte.
Es war eine blutige Tat gewesen, eine von vielen, und Liam konnte sie inzwischen nicht mehr zählen, aber er hatte immer den Anstand gehabt zu den Beerdigungen seiner Opfer zu gehen.
Er war sich nicht mehr sicher, wann er angefangen hatte für Geld zu töten, irgendwann, eigentlich war das Wann auch nicht weiter wichtig. Liam war jetzt Anfang dreißig und hatte bereits viele Menschen sterben sehen. Manche hatten gebettelt, andere geweint, wieder andere geschwiegen.
Aber sie waren alle gestorben.
Trotz des Funken Mitgefühls, das er immer wieder empfand, war Liam stolz auf sich und seine Fähigkeiten. Sein Kommen war Endgültig, er war der Tod, der die Menschen gegen einen geringen Aufpreis in die Welt der Toten beförderte.
Der junge Mann fuhr sich durch die kurzen blonden Haare und nickte den beiden Totengräbern lächelnd zu, dann schlenderte er davon.
Die klamme Feuchtigkeit war ihm bis in die Zehenspitzen gedrungen und was er jetzt brauchte war etwas Warmes zu Trinken.
Einen Toast auf Albert…

Big Bens mächtige Glocke dröhnte über Londons Dächer und Straßen und verkündete die neunzehnte Stunde des Tages
Auch zu dieser Stunde waberte der Nebel noch in dünnen Fäden von der Themse kommend durch die Straßen und Gassen von Westminster und verschluckte die Geräusche der Stadt wie ein großes hungriges Tier.
Liam eilte mit eingezogenem Kopf durch das Gewirr von Straßen, die bei Dunkelheit und im dunstigen Schein der wenigen Straßenlaternen trotz der Passanten und gemächlich dahin trottenden Pferdekutschen verlassen und bedrohlich wirkten.
Die letzten sieben Stunden hatte er mit Trinken und Spielen im Brooks’s Club verbracht. Zunächst hatte er sich nur mit Tee gewärmt, später war dann die gesamte Belohnung für Alberts Tod in den Genuss von Black Velvet und Einsätze beim Whist geflossen.
Irgendwann war ihm das Geld ausgegangen und nun hatte er die angenehme Wärme des Clubs wieder mit dem Wetter des englischen Herbstes eintauschen müssen.
Doch obwohl ihm die klamme Kälte bereits wieder in die Glieder fuhr entschloss er sich, leicht wankend, zu einem kleinen Spaziergang durch den Hyde Park.
Ein ärmlich gekleideter Junge von etwa neun Jahren verkaufte am Eingang des Parks die aktuelle Abendzeitung und Liam drückte ihm einige Pennys für eine Ausgabe in die gierig ausgesteckte Hand.
Bald schon feuerte er die Zeitung aber wieder in einen nahen Papierkorb, da sie keine Neuigkeiten von Belang zu bieten hatte. Stattdessen widmete Liam seine Aufmerksamkeit nun dem still und dunkel daliegenden Park.
Um diese Uhrzeit hielten sich nur noch wenige Menschen im weitläufigen Hyde Park auf, nur ab und zu schritt ein schweigsamer Passant, ein leises tuschelndes Paar oder eine Hure mit ihrem Freier an Liam vorbei und verschwand alsbald wieder in der nebligen Dunkelheit. Immer wieder durchbrachen die einsamen Lichtkegel von vereinzelten Laternen die Nacht und beleuchteten den Pfad zu Liams Füßen wenigstens teilweise.
Andere mochten den Hyde Park zu dieser Nachtzeit als gefährlich empfinden, und das zurecht, doch fühlte sich Liam hier, entrückt von Londons schmutzigen Straßen und schwitzenden und pulsierenden Menschenmassen, wesentlich wohler.
So hingerissen in die Betrachtung der von einem verdeckten Mond dubios beleuchteten Wolkenberge bemerkte der junge Mann nicht die Person unter der Laterne, die ihn interessiert musterte.
„Mr. Charon! Mr. Charon, entschuldigen Sie!“
So plötzlich aus seinen Träumereien gerissen drehte sich Liam schlagartig auf dem Absatz um, eine Hand wanderte bereits zu der Luger-Pistole unter seinem Mantel. Doch der Mann, der ihm da freundlich lächelnd entgegen geschritten kam sah keineswegs wie einer der üblichen Mörder oder Strauchdiebe aus, die Londons Elendsviertel zu Hauf ausspuckten.
Der Fremde war, soweit Liam das im fahlen Licht der Laterne ausmachen konnte, relativ klein, dicklich und hatte ein ebenfalls rundliches Gesicht, das von einem prächtigen braunen Schnurrbart geziert wurde.
„Mr. Charon?“ inzwischen war der Mann nahe herangetreten und musterte Liam mit leicht geneigtem Kopf.
Einen Moment lang betrachtete Liam den Mann seinerseits aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen.
„Ja, der bin ich…und Sie sind?“
„Entschuldigen Sie Sir, dass ich Sie so erschreckt habe“, der Fremde lüftete zum Gruß seinen Zylinder, „glauben Sie mir, das war nicht meine Absicht. Aber ich habe etwas mit ihnen zu bereden.“
„Und dafür lauern sie mir im Park auf?“ kurz huschte ein Schmunzeln über sein noch recht jugendliches Gesicht, dann wurde Liam wieder ernst.
„Nun ja, ich dachte mir, dass man nicht in aller Öffentlichkeit über gewisse Geschäfte reden sollte“ nun war es an Liams Gegenüber verschwörerisch zu Lächeln, sein Atem bildete kleine Wölkchen in der kalten Nachtluft.
„Ich frage nicht, wie Sie mich aufgespürt haben. Also, über was für eine Art Geschäft reden Sie?“
„Über ein Geschäft, das sie sehr stark betrifft Mr. Charon Sir. Ich rede von dem Geschäft mit dem Tod.“
Erst jetzt wagte Liam es wieder sich ein wenig zu entspannen und seine Hand von der Luger zu lösen.
„Sie haben einen Auftrag für mich?“
„Ich? Oh nein, keineswegs, ich will mit solchen Geschäften nichts zu tun haben. Aber mein Arbeitgeber, Sir Horacio, hat einiges Interesse an ihren…Fähigkeiten“ der Mann deutete bei der Erwähnung seines Geldgebers eine leichte Verbeugung an.
„Nun, dann sagen Sie Sir Horacio, dass ich gerne seinen Auftrag annehmen werde, solange der Preis stimmt“ Liam wollte bereits weiter schlendern, doch hielt ihn eine Hand an seiner Schulter sanft davon ab.
„Das können Sie mit ihm auch persönlich besprechen. Er lädt Sie zum Abendessen ein“ wieder erschien das joviale Lächeln auf den Lippen unter dem Schnurrbart.
Liam stutzte, Sir Horacio schien ein sehr gastfreundlicher Mann zu sein. Als er dies auch erwähnte nickte sein Gegenüber.
„Ja, er ist ein sehr freigiebiger und großzügiger Mensch. Manche nennen ihn sogar einen Philanthropen, wussten Sie das?“
„Nein“, Liam fragte sich, was diese ganze Farce überhaupt sollte, „nein, das wusste ich nicht.“
Der Fremde lächelte.
„Nun, Sie werden ihn ja heute Abend kennen lernen. Folgen Sie mir Mr. Charon“ der Mann wandte sich zum Gehen.
„Folgen? Wohin?“
„Natürlich zu dem Vehikel, das uns zu Sir Horacios Wohnsitz bringen wird. Es ist eine dieser neuen Automobile, Sir Horacio liebt solche Spielereien.“
Liam schwieg, während er mit tauben Fingern eine Zigarette hervorholte und anzündete. Er nahm einen tiefen Zug und Zigarettenqualm vermischte sich mit den Wolken seines Atems.
„Tatsächlich?“ am liebsten hätte Liam laut aufgelacht, dieser kleine Mann und sein Arbeitgeber mit seinen Marotten gingen ihm auf die Nerven. Aber er erinnerte sich an den Auftrag und sagte schließlich:
„Ich komme mit, aber ich halte nicht viel von diesen motorisierten Wagen. Furchtbar laut und unbequem.“

Die Fassade des Herrenhauses zeichnete sich dunkel und verfallen vor dem mitternächtlichen Himmel ab.
Liam hatte das einstöckige Gebäude zunächst überhaupt nicht als Villa erkannt, stand es doch Mauer an Mauer mit anderen großen Häusern in einer eher kleinen und abgelegenen Straße. Trotzdem war dies der ideale Ort für dieses Haus, entschied der junge Auftragsmörder.
Die Laternen warfen ihr Licht auf eine Villa, die irgendwann einmal prachtvoll gewesen sein mochte. Nun jedoch war längst der Putz von dem im klassizistischen Stil errichteten Mauerwerk gebröckelt und zeigten sich Risse im Gestein. Sir Horacios Residenz blickte aus dunklen, toten und zum Teil mit Brettern vernagelten Fenstern auf die Neuankömmlinge.
Der Regen prasselte leise auf das nass glänzende Kopfsteinpflaster, während sie sich dem gusseisernen Zaun und Tor näherten, die das Gebäude und einen kleinen verwucherten Vorgarten von der Straße trennten. Das Automobil hatte Sir Horacios Butler beinahe achtlos am Straßenrand stehen lassen.
Das Tor quietschte laut und protestierend, als es aufgeschwungen wurde und Liam warf erst noch einen letzten Blick an der grauen Fassade hoch, ehe auch er durch das Tor und in den Vorgarten trat.
Wie schon am Morgen traten ihm wieder der Geruch von nasser Erde und feuchtem Gras in die Nase als er zögerlich auf die massive hölzerner Doppeltür zuschritt, die der Butler bereits aufgeschlossen hatte. Mit einer weit ausholenden Geste bat er Liam einzutreten.
Seine Hand jedoch wies direkt auf einen schwarzen gähnenden Schlund, der eine drohende Verheißung aussprach. So jedenfalls erschien es Liam, der langsam an dem lächelnden Fremden vorbei und ins Innere des Gebäudes schritt.
Insgeheim schalt er sich einen Narren ob seiner unterschwelligen und unbegrĂĽndeten Sorge.
Nein, es war keine Sorge, es war reale und spürbare Angst, erkannte Liam verärgert. Warum machte er sich solche Gedanken? Er war ein Profi und dies hier ein möglicher Auftrag.
Energisch fegte er alle Gedanken an Furcht beiseite und widmete sich der Betrachtung der Umgebung.
Die Sohlen seiner Schuhe klackten leise auf den rissigen schwarz-weiß karierten Fliesen, während er den Blick aufmerksam von einer Seite zur anderen schweifen lies und nicht wusste, ob er angeekelt oder fasziniert sein sollte.
Liam schritt durch Erinnerungen. Es waren viele Erinnerungen, die zum Teil bereits zerfielen oder unter einer dicken Staubschicht langsam in Vergessenheit gerieten. Der junge Mann schritt durch leere, stille Korridore, immer gefolgt von dem kleinen Fremden, und betrachtete rostige Kerzenständer, morsche Tischchen und Stühle und Bilder, deren einst satte Farben längst ausgeblichen waren.
Das gesamte Haus war eine einzige melancholische Erinnerung an vergangene, prachtvollere Zeiten.
„Sir Horacio legt keinen besonderen Wert auf…nun ja…eine gepflegte Atmosphäre oder?“ Liam wischte mit dem Finger Staub von einer Büste und zerrieb diesen angewidert zwischen den Fingern.
Wie wollte dieser Mann ihn fĂĽr seine Dienste bloĂź bezahlen?
„Es liegt alles im Auge des Betrachters“ war die einzige Antwort, die sein Begleiter mit seinem so typischen aber auch seltsamen Lächeln gab.
So verfallen das Haus auch war, es hatte gleichzeitig auch ungeahnt große Ausmaße. Liam hätte schwören können, dass ihm das Gebäude von außen niemals als so groß erschienen war, doch nun betrat er eine zweite kreisrunde Halle, deren Wände in dem gleichen schwarz-weißen Marmor beschaffen waren wie der Fußboden.
An ihrem anderen Ende wand sich eine Freitreppe hinauf in den ersten Stock. Von irgendwo dort oben drang ganz leise Musik an Liams Ohr – das erste Zeichen von Leben, auf das er in diesem Haus stieß. Er blieb stehen und warf einen abwartenden Blick zurück zu dem kleinen Mann, der in diesem Moment mit einem Kerzenständer mit brennenden Kerzen an ihm vorbei schritt. In dem diffusen Schein der Kerzen warf sein kleiner Körper einen riesigen Schatten an die Wand.
„Wenn Sie mir bitte folgen würden Mr. Charon.“

Auch das obere Stockwerk präsentierte sich in einer beinahe morbiden Pracht.
Allerdings bestand es lediglich aus einem lang gezogenen Flur, dessen Wände aus teurem Mahagoniholz wurmstichig waren und dessen Decke Risse und Löcher aufwies, durch die sich Regenwasser seinen Weg bahnte.
Das hypnotische Pochen der fallenden Regentropfen verband sich mit den noch immer gedämpften Klängen der ihm unbekannten Melodie.
Liam folgte der watschelnden Gestalt von Sir Horacios Diener, der den Kerzenständer vor sich hielt und so einen Raum nach dem anderen aus der Dunkelheit schälte. Innerhalb des goldenen Lichtkegels erhaschte Liam Blicke auf Räume in denen leere Betten, rußgeschwärzte Kamine, noch mehr zerstörte Möbel und verwüsteten Bücherregalen im Fluss der Zeit verfielen.
Diese Eindrücke waren immer nur von kurzer Dauer, bevor der Lichtkegel weiterwanderte und die Nacht sich ihr Territorium zurückeroberte. Ein Raum blieb Liam dennoch in schaurig schöner Erinnerung.
Das Zimmer war größer als die anderen und musste einst als eine Art Ballsaal gedient haben. Die Kronleuchter, die einmal ihr Licht auf die tanzende Gesellschaft geworfen hatten, waren längst erloschen, doch noch immer standen überall im Raum gesichts- und konturlose Kleiderpuppen, die edle aber modrige und von Motten zerfressene Ballkleider und Fracks trugen. Zwischen ihnen hatten Spinnen ihre Netze gewoben, in ihnen hatten Milben ihr Zuhause gefunden und auf ihnen lagerte der Schmutz und Staub von Jahren, wenn nicht Jahrzehnten.
Trotzdem wirkte es, mit der Musik, die ĂĽber allem schwebte, wie eine letzte niemals enden wollende Abendgesellschaft.
Die letzten Minuten hatte Liam geschwiegen, hatten seine GefĂĽhle zwischen Furcht und Staunen gestanden. Nun glaubte er sich wieder einigermaĂźen gefasst zu haben.
„Sir Horacio scheint an der Vergangenheit festzuhalten.“
Der Diener warf ihm ĂĽber die Schulter einen bitteren Blick zu.
„Master Horacio ist ein alter Mann, seine besten Zeiten sind vorbei. Braucht nicht jeder etwas woran er sich in diesen schnelllebigen Zeiten klammern kann?“
Liam brummte und schnippte sich eiligst eine Spinnwebe von seinem Mantel, die nun aber widerspenstig an seinem Finger hängen blieb.
„Es scheint mir, als würde die Welt in der er lebt gemeinsam mit der an die er sich erinnern kann zerfallen.“
„Erinnerungen verbleichen nun einmal mit der Zeit, nicht wahr?“ der Diener zuckte lediglich mit den hängenden Schultern und richtete den Blick wieder nach vorne.
Dort tauchte nun aus der Dunkelheit eine weitere DoppeltĂĽr auf, die einen spaltbreit offen stand. Aus diesem Spalt flossen Licht und die Musik gleichermaĂźen.
Kurz vor der TĂĽr blieb der Diener stehen und wandte sich Liam zu, es platschte leise, als er dabei in eine der PfĂĽtzen auf dem Boden trat.
„Sir Horacio erwartet Sie bereits. Keine Sorge, Sie haben das Ende des Labyrinths erreicht“ der kleine Mann kicherte und öffnete die Tür für ihn.
Als Liam eintrat sah er in sein Spiegelbild.

Spiegel, der gesamte Raum mit Ausnahme des Bodens war verkleidet mit ĂĽbergroĂźen Spiegeln.
Bei manchen war der mit Blattgold verzierte Rahmen mit grünlichem Schimmel übersät, bei anderen hatte sich die spiegelnde Fläche in ein milchiges Weiß verwandelt.
Inmitten dieses Kabinetts saĂź Sir Horacio Nott an einem groĂźen Tisch und as zu Abend, wobei er den leiernden Lauten des Grammophons hinter ihm lauschte. Als Liam eintrat blickte er von seinem Teller auf und starrte die Wand zur Rechten des jungen Mannes an.
„Ah, Mr. Charon, bitte treten Sie doch ein, ich habe Sie bereits erwartet“ Sir Horacio wies auf einen zweiten Stuhl am anderen Ende des Tisches.
Liam warf einen Blick über die Schulter, doch der kleine Diener war verschwunden und in der Dunkelheit des Flurs nicht zu sehen. Der Auftragsmörder trat in das von einem großen Lüster hell erleuchtete Spiegelzimmer.
Unsicher bewegte er sich auf den Tisch zu, immer wieder Seitenblicke auf seine Spiegelbilder an Wänden und Decke werfend. So etwas hatte er in der Tat noch nie erlebt.
Respektvoll blieb Liam vor dem Tisch stehen, doch hatte sich Sir Horacio bereits wieder seinem Abendessen, einem Rehbraten mit Preiselbeeren, zugewendet. Liam nutze den Moment, um seinen Auftraggeber näher zu mustern.
Sir Horacio war alt, genauso wie das Haus in dem er wohnte. Sein graues schütteres Haar fiel ihm in dünnen Strähnen auf die Schultern, die irgendwann einmal recht breit und imposant gewesen sein mochten, nun aber kraftlos und eingefallen wirkten. Das Gesicht dagegen wirkte edel mit den hohen Wangenknochen und den für Horacios Alter wenigen Falten.
Auch der Kleidungsstil des alten Mannes war elegant: Ein langer schwarzer Frack mit Schwalbenschwanz über einer Weste und einem weißen Hemd mit Vatermörder. Wahrscheinlich trug er auch eine schwarze Hose mit dazu passenden Lackschuhen.
Dandy ging es Liam belustigt durch den Kopf. Sir Horacio mochte einmal reich gewesen sein, doch dieses Geld war mit Sicherheit seit langer Zeit fĂĽr GlĂĽcksspiel, Alkohol und Huren ausgegeben worden. Liam kannte dieses Problem.
Kein Wunder, dass diese Villa so verkommen ist. Der Schatten des Unheimlichen entlieĂź den jungen Mann dennoch nicht aus seinen Klauen.
„Jetzt setzen Sie sich doch bitte Mr. Charon, Sie sind mein Gast“ lächelnd deutete Nott auf den noch freien Stuhl.
Liam warf seinen Mantel ĂĽber den StuhlrĂĽcken und kam der Aufforderung nach. Als er endlich saĂź tauchte auch der Diener wieder wie aus dem Nichts auf und stellte eine zweite Portion des RehrĂĽckens zusammen mit Messer und Gabel direkt unter Liams Nase ab.
„Guten Appetit“ Sir Horacio lächelte und deutete auf die geöffnete Flasche Rotwein in der Mitte des Tisches. „Bedienen Sie sich ruhig Mr. Charon, unser kleines Gespräch soll doch in angenehmem Ambiente stattfinden.“
Als er diese Worte hörte, musste Liam ein Lachen unterdrücken und kaschierte es mit einem dankbaren Nicken, als ihm Sir Horacios Diener etwas von dem tiefroten Wein einschenkte.
„Also Mr. Charon“, Nott nahm einen genüsslichen Schluck des Roten, „ich will Sie nicht unnötig lange aufhalten, ich sollte ihnen wohl erzählen wieso ich Sie eingeladen habe.“
Erst jetzt fielen Liam die Augen seines GegenĂĽbers auf. Sie hatten sich milchig-weiĂź getrĂĽbt und verweilten nie lange an einem Punkt des Raumes. Sir Horacio Nott war blind.
Einen Augenblick verwirrte Liam diese Tatsache, doch wusste er selber nicht genau wieso. Der Umstand wirkte in diesem Raum voller Spiegel so bizarr.
Der Auftragsmörder räusperte sich und fand schnell wieder zu sich.
„Nun, wahrscheinlich weil Sie wollen, dass ich jemanden für Sie töte“ Liam schmunzelte bereits wieder in seiner gewohnten Art, auch wenn der alte Mann es nicht sehen konnte.
Sir Horacio antwortete nicht sofort, stattdessen kaute er bedächtig auf seinem Essen und nahm einen weiteren Schluck von dem Wein.
„Richtig“ sagte er schließlich und ließ sich von seinem Diener, der die ganze Zeit schweigend dabei stand, Wein nachschenken.
Liam lieĂź sein Essen unberĂĽhrt und sah ihn abwartend an.
Der Alte schob den Teller mit den Essensresten von sich und lehnte sich mit auf dem nicht gerade üppigen Bauch gefalteten Händen zurück.
„Man erzählt, dass hinter ihrem Beschluss Auftragsmörder zu werden eine ganz besondere Auffassung steckt.“
Liam seufzte unhörbar, hatte der Alte nicht über den Auftrag reden wollen? Er musste sich hier wohl in Geduld üben.
„Ja das ist richtig. Sagen wir so, meine Einstellung zu den Dingen hilft mir meine Aufträge leichter zu….verarbeiten.“
Liam wartete auf eine Antwort, doch wanderten Notts erblindete Augen lediglich ziellos im Raum umher. Darauf begann auch der Auftragsmörder wieder beunruhigte Blicke durch das Zimmer zu werfen; wohin er auch schaute blieb sein Blick an seinem Spiegelbild hängen.
Liam verlagerte sein Gewicht auf dem Stuhl, der ihm plötzlich unbequem erschien.
„Wissen Sie, viele Leute verurteilen mich dafür, dass ich ihre Mitmenschen umbringe. Vielleicht sogar dafür, dass ich einen Verwandten oder einen geliebten Menschen ermordet habe. Mit einem Kopfschuss, einfach so“, Liam lächelte, „aber diese Reaktionen zeugen doch von einer unglaublichen Ignoranz. Wer sind wir denn, dass wir Tiere zu unserem Vergnügen töten, aber schockiert den Kopf schütteln, wenn Unsereins eine Kugel zwischen die Augen verpasst bekommt?“
Liam machte hier eine kurze Pause, da er merkte, dass der Alte ihm sehr wohl auf eine recht gedankenverlorene Weise zuhörte. Der junge Mann nahm einen großen Schluck seines Weins und begann auch endlich zu essen.
Jetzt war er in seinem Element. Dies war ein Gebiet auf dem er trittsicher wandelte. Eine Weile lieĂź er den trockenen Rotwein seinen Gaumen kitzeln, bevor er ihn hinunter schluckte und sich wieder ĂĽber den Rehbraten her machte.
„Jedenfalls zeigt dieses Verhalten, dass die Menschen noch immer nicht gelernt haben, dass sie auch nur Tiere sind. Ich eröffne die Jagd. Es ist nicht viel dabei ein Tier zu töten, oder?“ sagte er kauend und betrachtete dabei das Stück Fleisch, dass er gerade auf seine Gabel gespießt hatte.
Während der gesamten Zeit hatte Sir Horacio nur dagesessen und kein einziges Geräusch von sich gegeben. Allerdings hatten sich seine trüben Augen auf einen weit entfernten Punkt gerichtet, den vielleicht nur er in seiner Welt aus Geräuschen und Schwärze zu sehen im Stande war.
„Interessant“, sagte er schließlich gedehnt, „Cedrique, ich denke du kannst nun abräumen.“
Tatsächlich hatte auch Liam gerade seine Mahlzeit beendet und sah nun etwas überrascht zu, wie der Diener namens Cedrique Teller und Besteck auf ein Tablett stellte und damit um ein weiteres Mal in der Dunkelheit des Korridors verschwand.
„Sie machen sich es etwas einfach, meinen Sie nicht auch Mr. Charon?“ fragte Sir Horacio ohne Umschweife.
„Nun es mag einfach sein Sir, aber es ist doch so. Der Mensch ist eine niedere Kreatur, die zu allem bereit ist, selbst zum vergießen des Blutes seiner Mitmenschen. Ich bin doch das beste Beispiel dafür“ Liam lachte erheitert auf, leerte sein Glas und schenkte sich sofort nach.
„Sie stellen sich also in keiner Weise über die Leute, die Sie töten?“
„Ich richte über sie, indem ich sie töte. Natürlich stelle ich mich in gewisser Weise über sie. Ich bin der Tod, der die Menschen sicher und vor allem präzise und diskret ins Jenseits befördert.“
In diesem Moment traf Sir Horacios leerer Blick zum ersten Mal auf den von Liam und das Schmunzeln, das der junge Mann gerade noch auf den Lippen getragen hatte, erstarrte. Es war ihm, als wäre dies kein Zufall. Liam räusperte sich.
Der alte Mann begann zu grinsen und entblößte zwei Reihen erstaunlich weißer Zähne.
„Dann sind Sie der Mann, den ich suche Mr. Charon.“
„Ohne Zweifel bin ich das, Sir“ Liam nippte an seinem Glas.
„Für den Auftrag, den ich vergeben will brauche ich einen Mann der sich sicher über seine eigenen Fähigkeiten ist und einen kühlen Kopf behält. Der Auftrag ist etwas…heikel“ Sir Horacio tastete mit seinen Fingern nach dem Vatermörder und rückte ihn zurecht.
„Oh Sir, Sie überschütten mich mit Komplimenten“, Liam kicherte, „also, wer ist es, den ich für Sie ins Jenseits befördern soll? Den Architekten ihres Hauses?“
„Den Tod, Mr. Charon, den Tod.“
Liam hatte das Glas an seinen Mund gefĂĽhrt, hielt nun aber in dieser Bewegung inne und betrachtete den Alten aus erstaunten Augen.
„Den…Tod?“
„Den Tod.“
Einen Moment herrschte absolute Stille, in der man Regen und Wind um das alte Herrschaftshaus pfeifen hören konnte. Die leiernden und rauschen Töne des Grammophons begannen den Raum zu füllen. Langsam stellte Liam sein Glas zurück auf den Tisch.
„Hören Sie Sir, ich weiß nicht recht wie…“
„Bevor Sie an meiner geistigen Gesundheit zweifeln Mr. Charon, mir geht es gut. Sie werden den Tod für mich töten. Nicht irgendeine Person oder ein Hirngespinst“ der Mann lächelte, doch lag in seinen Worten kein Humor.
Dieses Mal war es an Liam zu schweigen, also fuhr Sir Horacio fort:
„Sehen Sie, ich bin alt und gebrechlich geworden, aber das war nicht immer so. Früher war ich attraktiver und reicher. Ein Bonvivant. Mein Leben war ein einziges Fest voller Liebe, Lust und Dekadenz“, der alte Dandy seufzte leise, den Blick noch immer in weite Ferne gerichtet, „heute bin ich blind, die Musik ist verklungen und alle die, die ich kannte hat er bereits zu sich genommen.“
Für einen Moment verlor Sir Horacio die Würde, die er die ganze Zeit über zur Schau getragen hatte und sackte sichtlich in sich zusammen. Dann aber glomm in seinen leeren Augen ein eigentümliches Funkeln auf und er straffte sich wieder, seine Hände umkrallten die Lehnen des Stuhls.
„Aber ich werde mich ihm trotzdem noch nicht ergeben. Ich habe wundervolle Erinnerungen an ein wundervolles Leben und das lasse ich mir von ihm nicht nehmen“ das sonst so beherrschte Gesicht des Alten bekam einen entschlossenen Ausdruck.
Innerlich lachte Liam laut auf und schlieĂźlich fand dieses Lachen in Form eines Grinsens auch seinen Weg auf sein Gesicht. Der Alte konnte es ja ohnehin nicht sehen.
Dieses ganze Gebäude war ein Irrenhaus und sein Bewohner der einzige Insasse.
„Ihre Dienste wären mir natürlich auch eine enorme Bezahlung wert, glauben Sie mir, ich besitze dieses Geld.“
Nachdenklich ließ Liam den Rotwein im Glas kreisen und betrachtete nachdenklich die kleinen Wellen die die Flüssigkeit schlug. Warum eigentlich nicht? Selbst wenn es niemanden zu töten gab und selbst wenn Sir Horacio das Geld gar nicht besaß, wovon Liam ausging, so gab diese Begebenheit noch immer eine interessante Geschichte ab, die er im Brooks’s Club erzählen konnte.
„Einverstanden Sir Horacio“, Liam sprang von seinem Stuhl auf, „wo finde ich diesen…Tod?“
„Oh er ist hier…hier irgendwo. Er versteckt sich, um mich zu einem passenden Zeitpunkt zu holen“ Sir Horacios Finger krampften sich um die Lehnen seines Stuhls. Sein Gesicht hatte sich zu einer Fratze verzogen.
Befremdet warf Liam Blicke in alle Richtungen des Zimmers, doch ĂĽberall begegnete er nur seinem eigenen Spiegelbild, das ihn durch Schimmel und Schmutz hindurch anblickte.
Was für ein zutiefst seltsamer und verstörender Abend.
Schließlich beruhigte sich der alte Mann wieder; seine Hände entspannten sich und lagen nun kraftlos auf den Lehnen. Ächzend erhob er sich aus seinem Stuhl und tat einige unsichere Schritte auf das Grammophon zu. Sofort war Cedrique aus der Dunkelheit an seine Seite getreten.
„Ich bin müde Mr. Charon, wir beenden das Gespräch hier. Cedrique wird ihnen ihr Zimmer zeigen, es liegt gleich hier auf dem Flur“ die Stimme des Alten klang tatsächlich müde und matt, als hätte er die ganze Zeit seinen ganz persönlichen Kampf im Inneren, in der Dunkelheit geführt.
„Irgendwann geht sogar der schönste Abend zu Ende, Mr. Charon.“
Sir Horacios Finger tasteten eine Weile ĂĽber das Grammophon, dann nahm er die Nadel von der Platte und die Musik verstummte.

Angeekelt ließ Liam den Blick durch das Zimmer schweifen, das man ihm zugewiesen hatte. Der muffige Geruch von vielen Jahren drängte in seine Nase und Liam glaubte, dass er ihn sogar als penetranten Geschmack auf seiner Zunge wahrnehmen konnte.
Der morsche Stuhl knarrte protestierend, als der junge Mann sein Gewicht nur leicht verlagerte. Liam hatte sich in ihm niedergelassen, weil er glaubte diese Nacht kein Auge zumachen zu können, die Ereignisse des Abends hatten bei ihm einen starken Eindruck hinterlassen, wie er sich überrascht eingestehen musste.
Im schummrigen Licht der kleinen Tischlampe löste Liam die Luger aus seinem Schulterhalfter und wiegte sie in der rechten Hand. Ihr Gewicht gab ihm Sicherheit und wirkte beruhigend.
Dem Tod den Tod bringen….
Der Auftragsmörder schüttelte den gesenkten Kopf, eigentlich war die ganze Sache zu absurd…aber wieso konnte er dann nicht darüber lachen?
Um sich abzulenken legte er auf einen der wurmstichigen StĂĽtzpfosten des Himmelbetts an, nur um den Lauf gleich wieder zu senken.
Sir Horacio wollte ihn fĂĽr ein Hirngespinst bezahlen, doch womit wĂĽrde er ihn entlohnen? Mit weiteren Wahnvorstellungen?
Seufzend fuhr sich Liam durch die halblangen strähnigen Haare und über das schmale Gesicht. Was er jetzt brauchte war Alkohol, Zigaretten und eine Nutte. Automatisch wanderte sein Blick zu dem silbernen Tablett mit dem Scotch und den Kristallgläsern, die Cedrique für ihn auf die Kommode gestellt hatte. Nach einigen Schlücken, die seinen Rachen und seine Brust mit einem wohligen Gefühl erfüllten, stimmte sich seine Laune bereits wieder positiver.
War er nicht Liam Charon, der beste Auftragskiller Londons?
Liam nahm einen weiteren Schluck.
War er nicht der Tod, der umher ging in London und sein blutiges Werk vollbrachte?
Liam leerte das Glas und knallte es zurĂĽck auf die Kommode.
Er war der Fährmann.
Das Sturmfeuerzeug klickte in der Stille, als Liam sich eine Zigarette anzĂĽndete. Tief inhalierte er den Geruch nach Rauch und Tabak.
Der faule Gestank blieb.

Musik, irgendwo erklang Musik.
Sie drang tief in Liams Unterbewusstsein bis hinein in seine unruhigen Träume und weckte ihn. Er kannte diese Melodie.
Noch halb in den Fängen eines schlechten Traumes öffnete Liam langsam die Augenlider und sah sich um. Für einen Moment wusste er nicht, wo er sich befand, doch dann kehrte die Erinnerung zurück.
Fluchend rieb sich Liam den steifen und schmerzenden Nacken und ließ die Halswirbel knacken. Die Melodie war noch immer da, sie war nicht mit seinen Träumen verblasst, und nun gesellte sich noch das Murmeln und Rauschen von Stimmen dazu.
Verwirrt schĂĽttelte Liam den Kopf und rieb sich die brennenden Augen, bevor er einen prĂĽfenden Blick auf sein Glas und die Karaffe voll Scotch warf. Nur wenig der FlĂĽssigkeit fehlte.
Noch immer schlaftrunken erhob er sich aus dem Stuhl, der daraufhin um ein weiteres Mal protestierend ächzte, und genehmigte sich ein weiteres Glas Scotch. Während er das Getränk seine Kehle herunter rinnen ließ warf er einen Blick auf die kleine Uhr auf der Kommode. Diese war schon lange stehen geblieben, doch musste es mitten in der Nacht sein.
Liam hob eine Augenbraue und ging zur Tür, um sie einen Spaltbreit zu öffnen. Schlagartig wurde der Geräuschpegel intensiver und es gelang ihm sogar einige Wortfetzen aufzuschnappen.
Eine Abendgesellschaft? Verwirrt schloss er wieder die TĂĽr und ging herĂĽber zur Kommode, um seine Luger zu entsichern und in das Halfter zu schieben, die gesamte Situation kam ihm zu unnatĂĽrlich vor.
Eilig rĂĽckte er seinen Seidenschal und sein weiĂźes Hemd zurecht und klopfte den Staub von den Ă„rmeln, um schlieĂźlich auf den Flur hinaus zu treten.
Im Spiegelsaal zu seiner Rechten herrschte inzwischen Dunkelheit und Stille, die Geräusche kamen von der Freitreppe und der runden Empfangshalle. Als sich Liam in diese Richtung wandte flutete ihm alsbald auch das Licht der Kronleuchter und Kerzen entgegen, die den muffigen Flur mit ihrem goldenen Schein erhellten und die Gemälde an den Wänden in ein Spiel aus Licht und Schatten tauchten.
Liam betrat die Kreisrunde Eingangshalle und blickte vom oberen Absatz der Freitreppe aus auf eine ganze Ansammlung von Männern und Frauen, die allesamt in Schwarz gekleidet waren, in kleineren Grüppchen zusammen standen und sich über die Musik hinweg miteinander unterhielten, während sie an ihren Gläsern nippten oder Zigarren rauchten. Langsam, wie in einem Traum einen Fuß vor den anderen setzend, schritt er die Treppe herunter, vorbei an Personen, die ihn nicht zu bemerken schienen.
Was war dies für eine seltsame Gesellschaft und woher kamen zu dieser späten Stunde all die Leute? Liam versuchte vergeblich in der Menge Sir Horacio oder seinen Diener Cedrique auszumachen, stattdessen fiel ihm nur eine Gestalt in weißem Frack auf, die ihr Gesicht hinter einer lachenden Holzmaske verbarg. Liam hatte den unteren Absatz der Treppe erreicht und schritt nun zwischen den Gästen einher, immer wieder Blicke nach Rechts und nach Links werfend. In diesem Meer aus schwarzen Stoffen kam er sich in seiner Kleidung deplatziert vor und doch schenkte ihm niemand Beachtung.
„Mr. Charon“ eine Stimme in seinem Rücken riss ihn aus seinen Beobachtungen.
Erschrocken drehte sich der Auftragsmörder um, eine Hand bereits am Griff seiner Waffe, doch als Liam des Gesichtes gewahr wurde, dem er sich gegenüber sah und das ihn freundlich anlächelte, wurde sein Griff kraftlos und schlaff. Ihm gegenüber stand Albert Bosrich.
Das Gesicht des jungen Mannes war makellos, es gab keine Spur irgendeines Einschussloches oder von Blut. Wie alle trug Albert einen schwarzen Frack zu schwarzer Hose und schwarzem Hemd.
Liam taumelte rückwärts, die Hand die eben noch die Luger umfasst hatte, hing kraftlos herab. Fassungslos betrachtete der Auftragsmörder sein letztes Opfer.
„Das…kann nicht wahr sein!“ flüsterte er heiser und bahnte sich weiter rückwärts einen Weg durch die Halle. Albert folgte ihm gemessenen Schrittes.
„Ah wie ich sehe ist soeben unser letzter Gast eingetroffen. Also meine Damen und Herren, der Abend kann beginnen“ dieses Mal war es die volltönende Stimme des maskierten Mannes in Weiß, die durch die Halle an Liams Ohr drang. Plötzlich lichtete sich die Menge um ihn herum und er stand inmitten eines Kreises aus Gästen, der sich um ihn herum wie eine Mauer gebildet hatte. Liam bewegte sich keinen Schritt mehr, wagte es nicht einmal sich im Kreis zu drehen. Entsetzen hatte ihn gepackt.
Er kannte diese Leute, die ihn umringten. Er kannte jeden Einzelnen, hatte in jedes dieser Gesichter geblickt, als er ihre Leben ausgelöscht hatte. Manche von ihnen hatten geweint, andere waren vor Angst bleich und starr gewesen, doch nun trugen sie alle diese ausdruckslosen Gesichter zur Schau, die weder Angst noch Wut zeigten.
Dies konnte nur ein Traum sein, es musste ein Traum sein.
Liam drehte sich um, als in seinem Rücken Bewegung in den Kreis der Gäste kam. Die Leute bildeten eine Gasse für den Mann mit der Maske, der, ganz in Weiß gekleidet, auf Liam zuschritt, während sich der Kreis in seinem Rücken wieder schloss. Der Mann sagte nichts, sondern musterte Liam nur durch die Augenöffnungen seiner lachenden Maske hindurch. Liam wusste instinktiv, dass er dem Tod in die Augen schaute. Dem wahren, dem leibhaftigen Tod.
„Sie haben mich gesucht, Mr. Charon…“ die Stimme wurde von den Wänden und der hohen Decke in die Stille zurückgeworfen.
Liam schluckte und rang um seine gewohnte Fassung. Nur ein Traum…
„Und ich…ich habe Sie gefunden. Das wird die…die Prämie meines Lebens“ Liam versuchte zu Grinsen, schnitt stattdessen aber nur eine hilflose Grimasse.
Trotzdem drang ein leises Lachen unter der Maske hervor, der Tod schĂĽttelte amĂĽsiert den Kopf.
„Sie glauben also immer noch, mich töten zu können Mr. Charon? Nun gut, aber lassen sie uns das Geschäftliche nach dem Vergnügen abhandeln“ der Mann in Weiß klatschte in die Hände und es geriet Bewegung in die Menge. „Tanzt, Freunde, tanzt! Die Nacht ist doch noch jung, ich selber werde für euch spielen.“
Der Tod verließ den Kreis und begann, auf der Freitreppe stehend, auf der Violine die Melodie zu spielen, die Liam bereits in Sir Horacios Spiegelsaal gehört hatte. Nun kam Bewegung in die Gäste, der Kreis begann sich rhythmisch zu bewegen, wobei sich aber keine Lücke in ihm auftat.
Die Panik ergriff nun wieder Besitz von Liam und er versuchte verzweifelt dem Ring aus Leibern zu entkommen. Stattdessen lief er aber nur in die Hände seiner Opfer, die versuchten ihn zu sich in den Kreis zu ziehen. Für einen schrecklich langen Moment befand er sich inmitten dieses Totentanzes, Hand in Hand mit den Menschen, die er getötet hatte und die sich nun lachend und zum Klang der Violine immer wieder im Kreis bewegten, sprangen und hüpften. Mit einem Schrei riss sich Liam los und flüchtete blindlings die Treppe hoch. Die Violine in seinem Rücken verstummte keineswegs sondern wechselte jetzt lediglich in eine fröhlichere Weise.
„Wo wollen Sie hin Mr. Charon? Sie können doch nicht einfach von Ihrem eigenen Fest flüchten! Dies ist Ihr Fest, ein Fest zu Ehren des größten Mörders aller Zeiten!“ rief ihm der Tod spöttisch hinterher, doch achtete Liam gar nicht auf seine Worte.
Kopflos stĂĽrmte er die Treppe hoch und blieb an ihrem oberen Ende stehen, nur um festzustellen, dass ihm eine johlende und lachende Menge folgte. AngefĂĽhrt wurde sie vom Tod mit seiner Violine.
In seiner Verzweiflung zog Liam die Waffe und feuerte schreiend zwei Schüsse in die schwarze Masse, die aber beide daneben gingen und lediglich Löcher in den edlen Marmor schlugen. Mit zitternden Händen ließ er die Waffe sinken und rannte weiter den Gang entlang, ständig verfolgt von Musik, Gesang und Lachen.
Aber es war vergeblich, Liam konnte so schnell rennen wie er wollte, seine Verfolger holten weiter auf.
Der Korridor schien sich endlos zu strecken und bald schon stolperte Liam nur noch kraftlos und mit brennender Lunge dahin. Ein Mann löste sich aus der Menge, Liam konnte sich nicht mehr an seinen Namen erinnern, und hielt ihm nun einen Lorbeerkranz aus Asche und Knochen über sein Haupt und sprach dabei:
Memento mori, memento te hominem esse, respice post te, hominem te esse memento.
Die Worte wurden nur leise gesprochen und doch hallten sie bohrend und unablässig in Liams Kopf wieder.
„Ein Hoch unserem großen Triumphator“ lachte der Tod und die Menge antwortete in einem vielstimmigen Kichern.
Mit letzten Anstrengungen stieß Liam die Flügeltüren zum Spiegelzimmer auf und schlitterte hinein. Sofort stellte er fest, dass sich auch hier etwas verändert hatte: Das Grammophon, der Esstisch und sämtliche andere Einrichtung waren verschwunden, dafür stand nun in der Mitte des Raumes auf einem kleinen Sockel ein Thron aus morschem, wurmstichigem und verbranntem Holz.
Der Tod und sein Gefolge drängten ihn auf diesen Thron zu und bildeten sogar ein Spalier für ihn. Liam spürte, dass seine Beine nachgeben wollte, dennoch feuerte er einen Schuss nach dem anderen ab und traf dieses Mal sogar Arme, Köpfe und Brustkörbe. Die Getroffenen zeigten aber keine Regung, sondern tanzten nur weiter um ihn und den Thron herum.
Panisch sah er sich in allen Richtungen um, sah sich aber überall nur seinem eigenen monströs verzerrten Spiegelbild gegenüber, das mal nur als verschwommener Schemen zu erkennen war, dann wieder als Monstrosität in allen Einzelheiten und Details, mit langen Spinnenfingern oder seltsam verzogenen Gesichtszügen.
Liam resignierte und fiel kraftlos in den Stuhl, dessen morsches Holz laut knackte, aber nicht nachgab. Zersplittertes Holz bohrte sich in sein Fleisch und riss ihm die Haut an mehreren Stellen auf. Apathisch starrte Liam auf das Blut, das ihm in Rinnsalen an den Armen herunter lief, während die Toten um ihn herum ihren Tanz wieder aufnahmen. Nur am Rande bemerkte er, wie ihm der Lorbeerkranz aufgesetzt wurde und ihm Asche und Knochenstückchen in Nacken und Augen rieselten.
Erst war es nur ein leises Kichern, dann brach das Lachen wie ein Schwall aus Liams Kehle heraus und er stimmte mit ein in die allgemeine Kakophonie aus Musik und Gelächter. Er lachte bis seine Stimme rau war und sein Rachen schmerzte. Dies war Wahnsinn, es konnte nur seinem eigenen kranken Unterbewusstsein entspringen, natürlich! Also warum sollte er nicht mitlachen?
Er verstummte erst, als der Mann in WeiĂź vor den Thron trat, die Violine senkte und sich auf ein Knie fallen lieĂź.
„Ich beuge mein Haupt vor ihnen Mr. Charon. Wahrlich, ich mag die Menschen seit je her in das Jenseits geführt haben, aber Sie sind ein wahrer Künstler des Todes…bravo“ der Tod klatschte leise in die Hände. „Aber ich befürchte nun ist es an der Zeit, dass sie Ihren Auftrag erfüllen, immerhin haben Sie einen Ruf zu verlieren.“
Fassungslos beobachtete Liam, wie er sich die Maske vom Gesicht zog und Sir Horacios grinsendes Gesicht zum Vorschein kam.
„Schießen Sie Mr. Charon, Sie wissen doch, das Leben ist ein einziges Fest, aber irgendwann geht jeder rauschender Abend voll Musik und Spaß zu Ende“, Sir Horacio hielt zwei goldene Münzen in die Höhe, „die Belohung für ihren Erfolg halte ich in meinen Händen. Wie versprochen.“
Liam starrte ungläubig in die Augen seines Gegenübers, die nun tiefschwarz und nicht mehr milchig-weiß waren, noch immer rann ihm das Blut warm und dick den Unterarm herab.
Sein Blick wanderte von Nott zu den versammelten Gestalten in Schwarz, zu seinen Opfern, die ihn noch immer umtanzten und wieder zurĂĽck zu dem alten Dandy.
Liam erwiderte das Grinsen und hob die Waffe, der kalte Stahl fĂĽhlte sich kalt in seinem Mund an, als er abdrĂĽckte.

Sir Horacio erhob sich und betrachtete Liams leblosen Körper auf dem Thron, den Lorbeerkranz, der ihm nun halb ins Gesicht gerutscht war.
„Memento…“ murmelte er und drückte dem jungen Mann die goldenen Münzen auf die Augen.

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Show me a hero and I will write you a tragedy. F. S. Fitzgerald

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Marcus Richter
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Hallo Felix,
also ich werde mit der Geschichte nicht richtig warm. Du hast sie zwar gut durchgeschrieben und gewinnst durch die guten Beschreibungen und deine anschauliche Schreibe auch gut an Fahrt, um den gar nicht so verkehrten Schlusspunkt zu setzen, aber alles in allem versandet die Geschichte in dieser Mischung aus Poe und einem unglaubwürdigen Auftragsmörder. Mit ihm steht und fällt ohnehin die Geschichte. Er ist ein wenig zu weich und trägt ein wenig zu viel Versagerallüren mit sich herum. Natürlich stellt sich nicht die Frage nach einem realen Bezug, aber die Illusion dessen. Also wenn er der Tod auf zwei Beinen ist und damit so ungemein erfolgreich, warum treibt er sich in dunklen Parks herum und geht in einen Club, nur dass ihm dann das Geld ausgeht. Das passt mir alles nicht mit Erfolgreich sein zusammen. Die Figur des Auftragsmöders ist in den letzten Jahren sehr komplex(natürlich mehr oder weniger) bearbeitet worden. Mir fällt da nur jarmushs "der amerikanische Freund" ein. Die Geschichte zündet vermutlich deshalb nicht, weil du dieser Komplexität nachhängst. Allein der Auftragsmöder als Verkörperung des Zwiespalts zwischen Tier und Mensch und damit am Scheidegrat des Menschseins überhaupt, hat doch die Frage nach dem "wer wir sind", also auch Leben und "Tod" entscheidend geprägt.
Ich will hier nicht weiter ausführen, ich hoffe, du verstehst den Gedanken. Wenn also der Auftragsmörder, oder der Mörder an sich - der nicht nur dem Grat zwischen Mensch und Tier, sondern auch Leben und Tod um so vieles näher ist, als viele andere Protagonisten - wenn er also um so vieles komplexer ist, dann erschließt sich, dass auch die Geschichte um vieles komplexer sein müsste.

Aber gut, ich weiĂź nicht, ob das so sein "muss", schlieĂźlich ist Horrorliteratur in erster Linie Unterhaltungsliteratur. Und ich hoffe, dass ich dir deine Geschichte nicht zu sehr vermiest habe - aber dafĂĽr hast du sie ja sicher hier eingestellt, um Meinungen zu erfahren.

Also, lass dich von mir nicht zu sehr bequatschen,
mit freundl. grĂĽssen,
marcus
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"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs GrĂĽnbein

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