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Leselupe.de > Gereimtes
Vanitas-Sonett, dem jegliches Memento Mori abgeht
Eingestellt am 22. 08. 2011 12:36


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werther
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Myrte mit der Sichel schneiden
gilt nicht grad als neuzeitlich,
auch es einem RĂĽckschritt glich,
sich noch mit Brokat zu kleiden.

Jedoch an Migräne leiden
kommt nie aus der Mode nich,
für die Frau geziemt es sich –
so wie das Gespräch zu meiden.

Alte Sitten, neue Normen,
andre Themen, gleiche Formen,
tauscht die Welt nur das Gesicht.

Alles bleibt wie alles war.
Anderswo wie hier und da:
Unter-, Mittel, Oberschicht.


Unter-, Mittel, Oberschicht -
Kleinkinder mit Rastalocken
farblich zwei ungleiche Socken
geben keinen RĂĽckschluss nicht.

Jeder teilt die gleiche Sicht:
ganze Bohne, fairer Handel,
Alnatura-Hautcreme-Mandel,
wichtig auch: Ein Stimmungslicht.

Noch wichtiger: neue Formen!
das Verwerfen alter Normen!
Jugend ist doch progressiv!

Doch bewahrt, was sich gehört
und Altvätersitte lehrt -
stets moralisch sensitiv.


Stets moralisch sensitiv
weiĂź Sie, was sie hat, zu loben
Kriecht man unten, steht man oben:
Ethik ist nicht relativ.

Und der Kompromiss massiv:
Nichts, ob dem man mĂĽsse toben,
Niemand widerspräche Roben.
Schau, es läuft doch und es lief.

Läuft und lief und wird noch laufen
allwielang wir weiterkaufen
weitersaufen, weiterscheiĂźen

weiterficken, weiterschnaufen,
so gedeiht der Graupelhaufen –

Wer soll dem auch ein Ende machen wollen können?
__________________
"zu schreiben, als ob sich Leben darin ausdrücke und zu leben, als ob sich Philosophie darin fände."

Version vom 22. 08. 2011 12:36

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gitano
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Werther!
Gern erinnere ich mich an Deinen Text "Abiose". Dieser war in einer guten Symbiose in Inhalt und Form gesetzt.

Dieser Text hier weist weder formal noch inhaltlich irgendein typisches Merkmal eines Sonetts auf.

Auch als NICHTSONETT-Text ist er nach meinem Empfinden formal und inhaltlich außerhalb von guter Qualität stehend.

Textarbeit...wo soll man da beginnen? Für Textarbeit an einem Sonett wäre es wohl für alle Beteiligten wichtig zu wissen wovon man eigentlich spricht. Aus diesem Text kann ich leider nicht ablesen, daß Du weist was ein Sonett ist.

Es gäbe Möglichkeiten und Quellen sich dieser schönen Gedichtform anzunähern (viel Lernarbeit und Erfahrung). Die Frage ist: Möchtest Du wirklich die Sonettform verstehen und selbst Sonette schreiben?

Liebe GrĂĽĂźe
gitano

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Bernd
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"Vanitas" - wieder ein Wort, das ich nicht kannte, den Inhalt schon: die Vergänglichkeit allen Seins.
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Es zeigt die Nichtigkeit jeder Darstellung.

Um diese zu zeigen, reicht ein einzelnes Nicht-Sonett nicht aus, es bedarf ihrer mehr, macht es zu einer Nicht-Sonetten-Gruppe, in dem das Sonett in der Vergänglichkeit allen seins verschwindet.
"Alles was besteht, ist Wert, dass es zugrunde geht" - dieser tiefphilosophische Inhalt ist Thema des Werkes.

Es geht zugrunde und bleibt doch. So dieses fraktal-zyklische Werk.

"Myrte mit der Sichel schneiden
gilt nicht grad als neuzeitlich,"

Die Sichel, der Schnitter, steht bereits am Anfang fĂĽr den Tod, ohne es schon zu zeigen.
Der Tod auch doppelt, Traditionen sind vergangen.


"auch es einem RĂĽckschritt glich,
sich noch mit Brokat zu kleiden."

Hier tritt ein grammatisch unschönes Gebilde auf, um den Rhythmus zu erhalten, wird die Satzstruktur zerstört, Vernichtung im Kleinen.


"Jedoch an Migräne leiden
kommt nie aus der Mode nich,"

Kopfschmerzen, die Zerstörung des "normalen" Miteinander ("Alkmene hat Migräne" in Amphytrion) als Modeerscheinung, zusammen mit Sprachverfall, Endsilben werden verkürzt, eine normale Erscheinung der Sprachentwicklung.

"für die Frau geziemt es sich –
so wie das Gespräch zu meiden."

Frauen waren ausgeschlossen, sind es aber nicht mehr, Ansatz einer Spirale.


"Alte Sitten, neue Normen,
andre Themen, gleiche Formen,
tauscht die Welt nur das Gesicht."

Das gleiche Thema. Aber bei all dem Verfall entsteht Neues.



"Alles bleibt wie alles war.
Anderswo wie hier und da:
Unter-, Mittel, Oberschicht."

Und das ändert sich nicht, wird aber vernichtet und steht wieder auf.



"Unter-, Mittel, Oberschicht -
Kleinkinder mit Rastalocken"

Wieder eine Tonbeugung, das Gedicht wird in seiner Form zerstört.


"farblich zwei ungleiche Socken
geben keinen RĂĽckschluss nicht."

Doppelte Verneinung, sprachlich leider fast ausgestorben. Ich liebe sie sehr, nagt sie doch an der abstrakten Logik.


"Jeder teilt die gleiche Sicht:
ganze Bohne, fairer Handel,
Alnatura-Hautcreme-Mandel,
wichtig auch: Ein Stimmungslicht."

Die Vernichtung geht weiter, Klimakatastrophe und all die Nöte werden durch fairen Handel gehemmt, der weder hemmt noch fair ist. Es ist die Illussion fairen Handels.


"Noch wichtiger: neue Formen!
das Verwerfen alter Normen!
Jugend ist doch progressiv!

Doch bewahrt, was sich gehört
und Altvätersitte lehrt -
stets moralisch sensitiv.


Stets moralisch sensitiv
weiĂź Sie, was sie hat, zu loben
Kriecht man unten, steht man oben:
Ethik ist nicht relativ.

Und der Kompromiss massiv:
Nichts, ob dem man mĂĽsse toben,
Niemand widerspräche Roben.
Schau, es läuft doch und es lief."

Und wieder wiederholt sich alles.

"Läuft und lief und wird noch laufen
allwielang wir weiterkaufen
weitersaufen, weiterscheiĂźen

weiterficken, weiterschnaufen,
so gedeiht der Graupelhaufen –

Wer soll dem auch ein Ende machen wollen können?"

Ausbruch aus der Form und alles bleibt gleich ...

Durch dreifache Fastwiederholung ändert sich alles, bleibt gleich und verschwindet immer wieder.

__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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