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Leselupe.de > Kindergeschichten
Vaters Schlüssel
Eingestellt am 07. 10. 2003 13:41


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Muffin
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Vaters Schlüssel


Jona knipste die Taschenlampe an und leuchtete Mira ins Gesicht. In ihren großen braunen Augen leuchtete die Aufregung.
„Fertig?“ fragte er.
Sie nickte.
Jona zog einen gewaltigen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche. Mira hüpfte von einem Bein aufs andere. Jona betrachtete die silbrig glänzenden Schlüssel im Licht der Taschenlampe. Welcher wohl der Richtige war?
Jona besah sich das Schlüsselloch. Drei der Schlüssel konnte er sofort ausschließen, sie waren viel zu groß. Zwei Schlüssel steckte er umsonst ins Schlüsselloch. Der dritte Schlüssel passte zwar, er ließ sich aber nicht herumdrehen. Der Vierte passte. Jona hörte das Zurückschnappen des Riegels. Sie waren also drin. Sie waren am Ziel ihrer Träume angelangt: mitten im größten Spielzeugladen der Stadt, ach was, der ganzen Welt.
Jona sah auf seine Armbanduhr. Zehn Uhr. Perfekt! Genau zwölf Stunden bis der Laden wieder aufmachte und elf ein halb Stunden bevor sein Vater merkte, dass der Schlüssel fehlte.
Mira lief mit einem entzückten Aufschrei in den Laden. Jona musste sie bremsen. Sie würde noch die Nachbarn alarmieren. Er schloss sorgfältig die Tür hinter sich.
Ganz still lag der Laden vor ihnen. Im Schein der Notbeleuchtung waren so gerade eben die hohen Regale zu erkennen. Jona wusste, wo er hin musste: zum Sicherungskasten. Jona war elf Jahre alt und mit elf wusste man, dass man ohne Strom nicht an den Spielekonsolen spielen konnte. Jona fand den Sicherungskasten ohne zu suchen. Er hatte seinen Vater oft genug dabei beobachtet, wie er das Licht an oder ausmachte. Er fand auch ohne Probleme den Hebel mit der Aufschrift „Spielekonsolen“ und schnippte ihn an. Er hätte auch einfach an dem Schlüssel am Eingang drehen können, dann wären alle Sicherungen angegangen, aber Jona wagte nicht das Licht anzumachen. Man könnte sie zu leicht erwischen.
Jona blickte Mira fragend an.
„Was machen wir als erstes? Gehen wir ein paar Computerspiele spielen?“
Mira war einverstanden. Sie hatte da ein Spiel mit Pferden gesehen, dass sie schon lange einmal ausprobieren wollte.
Mit den Taschenlampen bewaffnet, liefen sie in den Laden. Jonas Herz klopfte ihm bis zum Hals. Es war verboten, was sie hier taten, aber es war zu schön. Endlich allein in diesem Laden. Endlich ohne jemanden der ständig sagte „fass das nicht an“ oder „das kannst du dir ja dann zu Weihnachten wünschen“ oder „Komm jetzt endlich wir müssen gehen“.
Sie gingen durch die langen Gänge mit den hohen Regalen. Vorbei an ferngesteuerten Autos, riesigen Stapeln von Gesellschaftsspielen und leblosen Puppengesichtern. Aufregung brannte in Jonas Gesicht. Die hellen Lichtkegel der Taschenlampen zitterten unstet an den Regalwänden entlang. Endlich erreichten sie die Elektronikabteilung. Mit dem kleinsten Schlüssel des Schlüsselbundes öffnete Jona die Glaskästen, in denen die Konsolen waren. Er machte erst seiner Schwester das Spiel mit den Pferden an, dann begann er selbst zu spielen. Seine Spielfigur, ein aufrecht laufender und Muskel bepackter Fuchs, lief über eine gefährliche subtropische Insel, kämpfte mehr oder weniger erfolgreich gegen Fleisch fressende Pflanzen und auf dem Boden kriechende Dachse. Dabei schwebte zeitweise eine grell bunte Inkamaske über seinem Kopf, die ihn nahezu unbesiegbar machte.
Jona spielte so angestrengt, dass er zuerst gar nicht merkte, dass seine Schwester die Lust verloren hatte, neben ihm stand und ihn ungeduldig am Ärmel zupfte.
„Mann, dann geh doch zu den Puppen!“ rief er ungehalten. Doch seine Schwester traute sich nicht alleine durch den dunklen Laden. Jona wusste warum. Es lag an der Geschichte, die sein Vater gerne erzählte. Er sagte, dass nachts, wenn alle Kinder aus dem Laden verschwunden waren, das Spielzeug anfing zu leben, wie im Film, und jeden, der noch im Laden war, bestrafen würden. Jona war alt genug, um das nicht zu glauben, aber Mira hatte drei Nächte lang nicht in ihrem Zimmer schlafen wollen, denn da war ja auch Spielzeug drin. Ihr Vater musste daraufhin zu geben, dass nicht alle Spielsachen zum Leben erwachen würden und dass Mira nur Spielzeug hätte, das nicht aufwachen könnte.
Jona und Mira kamen mit den Armen voll Puppen und Stofftieren zurück in die Elektronikabteilung. Mira fing sofort an die Puppen im Kreis um sich aufzubauen.
Jona wandte sich wieder den Konsolen zu. Diesmal spielte er ein kleines blaues Monster, das über Hawaii lief und sich ständig vor Außerirdischen in Acht nehmen musste. Er war nicht besonders gut darin. Er stürzte ständig ab.
Er hatte Mira die ganze Zeit mit ihren Puppen reden hören, doch offensichtlich hatten sie genug Kaffee getrunken, denn jetzt hörte er schon eine ganze Weile nichts mehr von ihr. Irritiert drehte er sich um und konnte ein höhnisches Grunzen nicht vermeiden. Da lag seine Schwester in mitten der Stofftiere und schnarchte selig. Da hatte sie ein ganzes Paradies voller Spielzeug und sie schlief.
Jona horchte in den Laden. Tagsüber war der Laden erfüllt von Kindergeschrei, nachts war er so still, dass es fast in den Ohren wehtat.
Jona gähnte. Kein Wunder, dass Mira eingeschlafen war. Es war ja auch schon fast zwölf. Jona probierte ein Spiel, auf dessen Cover ein schwarzhaariger Junge mit Brille war, der einen Blitz auf der Stirn hatte.
Das Spiel war anstrengend. Man musste viel lesen. Im Spielwarengeschäft gab es keine Lautsprecher. Ihm wurde nichts vorgelesen.
Die Figur lief durch lange von Fackeln beleuchtete Gänge, öffnete Türen, hinter denen weitere Gänge waren und traf irgendwelche Menschen, die ihm fadenscheinige Antworten gaben.
Jona drückte sie weg ohne sie zu lesen. Wann kam endlich ein wenig Aktion in das Spiel?
Er hatte gerade wieder die Texte eines rothaarigen Jungen weggedrückt, als sich plötzlich etwas veränderte. Die Figur reagierte nicht mehr auf seine Anweisungen, blieb stehen und drehte sich ganz langsam um. Offensichtlich erschreckte sie das, was sie sah. Sie riss die Augen auf. Sie kam ganz nah an den Bildschirm, so dass nur noch dass Gesicht zu sehen war. Jona drückte auf alle möglichen Knöpfe, aber es half nicht. Die Figur entfernte sich wieder ein wenig, hob die Hand und klopfte ans Glas.
Klonk klonk klonk
Jona traute seinen Ohren nicht. Er hatte gehört, wie die Figur an die Scheibe klopfte. Aber er hatte den Ton doch gar nicht an! Das Gesicht der Figur verschwand und ein anderes Gesicht drückte sich die Nase an der Scheibe platt. Dieser rothaarige Junge. Auch er klopfte gegen die Scheibe, aber sehr viel fester als der Junge mit den schwarzen Haaren. Das Klopfen hallte durch die leeren Gänge des Spielwarengeschäftes. Jona drückte panisch den AUS-Knopf der Konsole, doch sie reagierte nicht. Die Jungen waren dazu übergegangen am Fernsehgerät zu rappeln und Jona musste fürchten, dass das schwere Gerät samt seinem Ständer und der Spielekonsole umkippte. Es gab nur eine verbleibende Möglichkeit.
Er musste den Stecker ziehen.
Jona musste eine Plastikverkleidung abreißen, doch als er den Stecker herauszog, umfing ihn erleichternde Stille.
Zumindest vorerst.
Er hatte gerade die CD aus der Konsole entfernt und eine Neue eingelegt, als etwas weiter hinten im Laden ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Jona zuckte zusammen. Jeder seiner Muskeln war gespannt. Bereit sich vor allem in Sicherheit zu bringen, was auf ihn zukommen mochte, lauschte er in den dunklen Laden.
Stille.
Jona entspannte sich langsam. Er musste sich zugestehen, dass sein Herz raste. Sein Blick fiel auf Mira, die zusammengerollt in ihre Kuscheltiere, noch immer schlief.
Jona atmete tief durch. Er war schreckhaft wie ein kleines Kind. Er lächelte bei dem Gedanken und schüttelte den Kopf, sich selbst tadelnd.
Vielleicht lag es daran, dass Jona nicht mehr damit gerechnet hatte, vielleicht steckte ihm auch noch der erste Schreck in den Gliedern, auf jeden Fall erschreckte er sich beim zweiten Knall noch mehr als beim ersten. Vielleicht lag es auch daran, dass gleich darauf jemand laut fluchte und in einer Ecke des Ladens Licht aufflackerte.
Jona klammerte sich an die CD, die er noch immer in den schweißnassen Händen hielt. Da war jemand! Es musste ein Einbrecher sein. Jona starrte in die Dunkelheit auf den kleinen tanzenden Lichtschein. Es war fast fünf Regale entfernt in einer Ecke. Vorsichtig und ohne auch nur das geringste Geräusch zu verursachen bückte sich Jona nach der Taschenlampe. Es war eine gute Taschenlampe, mit Metallverkleidung, fast dreißig Zentimeter lang und der griff war dicker als der eines Tennisschlägers. Sie war eine Waffe und genauso hielt Jona sie nun vor sich. Er holte versuchsweise aus und schwang sie im eleganten Bogen nach unten. Als er sich davon überzeugt hatte mit dieser neuen Waffe umgehen zu können, schlich er ohne die Lampe anzumachen durch den Laden auf das seltsame Licht zu. Als er noch zwei Regale entfernt war, hob er die Taschenlampe über die rechte Schulter zum Schlag bereit. Seine Hände waren schweißnass. Sein Herz raste. Obwohl er nichts mehr gehört hatte, seit dem Fluch, wurde ihm übel vor Angst.
Er drückte sich an das letzte Regal, das er von dem seltsamen Licht entfernt war, und lauschte. Seltsame Geräusche kamen von jenseits des Regals. Ab und zu redete mal jemand, doch Jona konnte es nicht verstehen. Es klang so blechern.
Jona holte tief Luft und streckte dann ganz vorsichtig den Kopf um die Ecke und zog ihn ganz schnell wieder zurück. Er schüttelte den Kopf, presste die Augen zu, bis bunte Punkte ihm davor tanzten, öffnete sie dann wieder und steckte den Kopf ein zweites Mal um die Ecke.
Was er da sah war einfach unmöglich. Er sah da, auf dem Boden, auf den Regalbrettern, überall im Gang, lebendige Spielzeugfiguren! Sie bewegten sich wie selbstverständlich und gingen sehr seltsamen Beschäftigungen nach. Jona sah ein Monster, vielleicht ein Troll, mit einer Keule, dick wie Jonas Daumen, immer zu auf ein Klo schlagen unter dem eine kreischende Mädchenpuppe saß. Daneben standen sich zwei Puppen gegenüber, die kleine Stöckchen, wie Schwerter gegen den anderen richteten und sich gegenseitig mit Funken besprühten. Auf einem der oberen Regalbretter wurde die Puppe eines schwarzhaariger Jungen mit Brille von einem Schlangenkopf immer und immer wieder mit grünem Schleim bespritzt. Eine Figur aus fast durchsichtigem Plastik rannte von einem Ende des Gange zum anderen und rempelte dabei andere Puppen an, die sich irritiert umsahen und offensichtlich gar nicht begriffen, wer sie da angerempelt hatte. Die Figur wankte ungesehen von allen an zwei Figuren vorbei, die auf Besen fliegend kleine geflügelte Schlüssel fingen, und an einem dicken Mann, der in der einen Hand einen rosafarbenen Schirm trug und in der Anderen einen lebenden kleinen Drachen. Das wirklich erschreckende war, dass es von jeder Figur noch mindestens zehn Doppelgänger gab. In einer Ecke saßen mindestens elf Mädchenpuppen und steckten die identischen Nasen in völlig identische Bücher. Direkt neben Jonas Kopf lief eine ganz andere Figur. Sie trug einen roten Umhang mit weißen Sternen, hatte einen Besen zwischen die Beine geklemmt und hielt eine Hand hoch, in der eine kleine goldene Kugel mit Flügeln zappelte. Die Figur hatte sichtlich Probleme beim Laufen, weil ihr rechter Fuß an einem Sockel befestigt war, der mit Wolken und Sternen geschmückt war. Die Figur machte immer abwechselnd einen normalen Schritt und einen riesigen, ausholenden Schritt, um den Sockel zu bewegen. Die Figur lief genau auf Jona zu.
Jona stolperte laut keuchend zurück.
Faszinierender Weise blieb das Keuchen ungehört, nicht überhören konnte man allerdings den Knall, mit dem Jona in einen Stapel Aktionfiguren fiel. Er war über die Figur eines rot getigerten Katers gestolpert. Das bunte Treiben im Gang erstarb. Alle Figuren drehten die Köpfe und starrten zu Jona, der rücklings in dem Stapel aus gruselig aussehenden Figuren lag.
Jona war jetzt ungefähr auf Augenhöhe mit den Figuren auf dem ersten Regalbrett. Entsetzte Gesichter starrten ihn an. Dem Dicken mit dem Drachen auf dem Arm war der Unterkiefer herunter gefallen. Die Spannung war fast greifbar und Jona wollte gerade aufatmen, weil die Figuren sich wieder wie Spielzeug benahmen und sich nicht bewegten, als eine etwas zu klein geratene Figur, einer etwas größeren am Ärmel zupfte und in die angespannte Stille sagte:
„Warum lebt der denn?“
Jona wollte schreien. Warum sprach der denn? Was war das hier für ein Trick? Wollte sein Vater ihn endgültig austreiben sich nachts mit seinem Schlüssel davor zu stehlen? Jona beruhigte sich ein wenig. Wenn das ein Trick war, dann war es völlig ungefährlich.
Aber wie funktionierte er? Jona wollte sich aufrichten, um die Figuren genauer betrachten zu können, doch er hielt mitten in der Bewegung inne. Die Figuren hatten alle völlig synchron reagiert. Sie zogen alle samt kleine Stöckchen aus den Taschen und sie zeigten in Sekunden Schnelle auf Jonas Nase. Jona hielt die Luft an, doch dann prustete es aus ihm heraus.
„Hah!“ rief er. „Was wollt ihr damit machen, mich tot kitzeln?“ Die Worte hatten eine Wirkung mit der Jona nicht gerechnet hatte. Die Figuren wichen zurück.
„Warum spricht der?“ flüsterte jemand und jemand ganz hinten begann etwas anderes zu flüstern, etwas das Jona nicht verstehen konnte. Es wurde von vielen der Figuren wiederholt, sie riefen es immer lauter, sie schrieen regelrecht. Ein Chor aus den Stimmen hunderter Figuren und sie riefen einen Namen. Jona hörte eilige Schritte. Zwischen den Figuren bildete sich eine Gasse und durch diese Gasse schritten etwa zwanzig Figuren. Sie alle zeigten denselben alten, hageren Mann mit weißem Bart und einer halbrunden Lesebrille und in jedem Gesicht dieser zwanzig Figuren lag dasselbe abwesende Lächeln.
„Das ist es also, was euch in Angst und Schrecken versetzt“, sagte einer der Männer mit leise kriechender Stimme. „Ein Junge. Ein lebender Junge.“
„Was sollen wir nur mit ihm machen?“ sagte ein anderer. Er strich nachdenklich über seinen weißen Bart.
„Es ist ja wohl klar was wir mit ihm machen!“
Eine zweite Gasse tat sich auf. Eine weitere Gruppe von Figuren trat vor. Sie hatten alle blonde lange Haare, einen Stock, dessen Knauf einen Schlangenkopf formte, und einen äußerst höhnischen Gesichtsausdruck.
„Wir machen mit ihm, was wir mit allen machen, die sich nicht an die Regeln halten.“
„Genau“, sagte eine Stimme von einem der oberen Regalbretter. Eine Gruppe von schwarzhaarigen Puppen stand dort aufrecht an der Kante. Sie trugen den gleichen überheblichen Gesichtsausdruck, wie die blonden Puppen unten. Sie hielten alle ein kleines schwarzes Büchlein in der linken Hand.
„Wir sollten mit ihm machen, was wir mit Bestellnummer 735 gemacht haben.“ Die Menge der Figuren sog erschrocken die Luft ein. Die schwarzhaarigen Figuren packten kleine Seile aus und seilten sich damit vom Regalbrett ab. Die unten stehenden Figuren beeilten sich ihnen auszuweichen.
„Erinnert ihr euch?“ fragte der selbsternannte Sprecher der Gruppe die Umstehenden. „Sie wollten tagsüber herumlaufen. Sie glaubten es wäre lustig. Sie haben ihre Scherze am helllichten Tag gespielt und was haben wir getan?“
Stille folgte.
„Wir haben sie aus dem Programm genommen“, flüsterte der Schwarzhaarige. Die Gesichter der Puppen wandten sich wieder Jona zu, doch der Ausdruck in ihnen hatte sich gewandelt. Hass sprühte aus ihnen.
„Also, ich bitte euch, die Situation war ganz anders“, protestierte der Weißhaarige, doch seine Worte verfehlten ihre Wirkung. Die Figuren richteten ihre Stöckchen wieder auf Jona. Ihre Gesichter waren wutverzerrt. Sie riefen etwas, dass in Jonas Ohren wie „Styropor“ oder so ähnlich klang und winzige rote Lichtkügelchen rasten auf ihn zu. Jona warf sich zur Seite. Hunderte Kartons wirbelten um seinen Kopf. Die kleinen roten Geschosse schlugen dampfend und Funken sprühend links oder rechts vor ihm ein. Es stank nach verbranntem Plastik. Jona spürte, wie sich die kleinen roten Leuchtkugeln in seine Kleider fraßen, er spürte den heißen Schmerz auf der Haut, wo sie ihn berührten. Wild mit den Armen rudernd strampelte er sich aus dem Haufen mit den Kisten frei, kam auf die Beine und rannte los. Doch er konnte den Puppen nicht entkommen. Eine ganze Armee von auf Besen fliegenden Figuren verfolgte ihn und ließen einen Schauer von weiß glühenden Funken auf ihn herabregnen. Sie brannten tiefe Löcher in seine Kleidung und jeder Funken brannte wie Feuer auf der Haut. Jona riss die Arme über den Kopf und rannte schreiend los. Seine Taschenlampe lag in einer Ecke, unerreichbar für ihn. Jona begann mit den Armen nach den kleinen Figuren zu schlagen, doch es waren hunderte und für jede, die er beiseite schleuderte, erschienen drei neue. Jona schielte durch den Schleier von Tränen, der vor seinen Augen war, und griff blindlings in ein Regal. Hastig und noch immer rennend riss er den Karton auf, den er ergriffen hatte. Ein Schwert. Ein Schwert mit silbrigen Rubin besetztem Griff. Ein Name stand auf der Schneide, doch Jona hatte keine Zeit ihn zu lesen. Jona schwang das Schwert, dass jeder Aktionheld Mitleid gehabt hätte. Es war nutzlos. Sie waren zu klein und zu schnell, als dass er sie jemals mit einem Schwert besiegen konnte. Er brauchte etwas mit einer größeren Fläche. Jona rannte immer noch verfolgt in die Abteilung mit den Sportgeräten. Völlig willkürlich ergriff er einen Tennisschläger. Er schlug mit aller Kraft in den Schwarm von Figuren. Es klappte besser als er gedacht hatte. Er schmetterte gleich mehrere Figuren zu Boden. Eine Figur, die aus einen Porzellan ähnlichen Kunststoff gefertigt war, verlor spontan Arme und Beine und musste am Boden zerschmettert aufgeben. Doch wirklich durchschlagend war der Erfolg nicht. Die meisten Figuren rappelten sich nach kurzer Zeit wieder auf, um erneut einen Angriff auf ihn zu fliegen. Jona musste sich mit der Flucht begnügen. Wie wild um sich schlagend lief er kreuz und quer durch den Laden, bis er fast keine Luft mehr bekam und gerade, als er glaubte keinen Zentimeter mehr laufen zu können, verfing sich sein rechter Fuß in etwas und Jona, der mitten im Sprung über eine rote Eisenbahn aus kleinen Bausteinen war, fiel und schlug der Länge nach auf den harten Boden. Wie betäubt blieb er liegen. Jeder Knochen seines Körpers tat höllisch weh, er hatte Angst und er hätte heulen können, hätte er noch die Kraft dazu gehabt. Plötzlich spürte er einen Schmerz, der nicht von seinem Sturz kam. Er sah auf und bemerkte den Troll, der eben auf die Toiletten geschlagen hatte. Er schlug mit äußerster Hingabe auf Jonas Daumen und es tat weh. Jona schleuderte ihn weg, doch andere Figuren kamen, um über ihn herzufallen. Er war direkt in den Gang gelaufen, in dem die Figuren zurückgeblieben waren, die keine Besen zu Fliegen hatten. Die Figur eines lockigen Mädchens seilte sich direkt vor seinem Gesicht ab und trat ihm so fest sie konnte vor die Nase. Jona traute ihr durchaus zu, dass sie sie brechen könnte. Mit letzter Kraft rappelte er sich auf alle viere und schüttelte zumindest einige der kleinen Plagegeiste ab. Kriechend flüchtete er. Doch es half nicht viel. Eine ganze Armee von Figuren marschierte im Gleichschritt auf ihn zu. Jona keuchte von Angst, wich ihnen aus und bemerkt, dass von der anderen Seite eben so viele Figuren kamen. Er hob müde und kraftlos den Kopf und er blickte vor sich in der Luft seine Rettung. Ein Besen, viel zu klein für ihn, aber sicher groß genug, um ihn zu tragen, hing vor ihm in der Luft. Jona ergriff ihn und schwang sich mit einer Kraft, die er sich selbst nicht mehr zugetraut hätte, auf den Stiel. Er stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab und sauste in Richtung Decke. Hastig drückte er den Besenstiel zur Erde, um nicht gegen die Decke zu prallen.
Er hörte die Figuren unter sich schreien.
„Er hat den Besen!“
Doch er konnte sich nicht über seinen Erfolg freuen, denn er musste den Besen zuerst einmal unter Kontrolle bringen. Er schlingerte wild hin und her. Fast wäre Jona gegen ein Regal mit Stofftieren gerast. Er drehte im allerletzten Moment bei und bemerkte, dass er hinter sich noch immer eine Flotte aus Figuren hatte, die ihn jetzt wieder auf Besen verfolgten. Jona beugte sich tief über den Stiel und beschleunigte. Würde es reichen, um ihnen zu entkommen? Er drehte sich um, um seine Verfolger im Auge zu behalten und das war ein Fehler, denn dadurch sah er die Leiter nicht, die mitten im Gang stand und ihm den Weg versperrte. Als Jona sie bemerkte, war es bereits zu spät zum Wenden. Mit einem ohrenbetäubenden Getöse und markerschütternd schreiend raste er in die Leiter, knallend und polternd fiel er zu Boden und blieb vor Schmerz halb bewusstlos liegen. Er sah die Armee aus Figuren noch von allen Seiten kommen, von vorne, von hinten, von links, von rechts und von oben, dann verlor er endgültig das Bewusstsein.

„Es ist wirklich unglaublich! Wie konntet ihr nur? Denkt ihr denn gar nicht mit?“
Sonnenstrahlen fielen durch das große Schaufenster des Spielzeugladens. Überall im Laden lagen Figuren verstreut.
„Und deine kleine Schwester hast du auch mit genommen! Was glaubst du, welche Angst wir gehabt haben? Die Betten leer!“ Jonas Mutter schrie seit einer guten halben Stunde ohne zwischendurch Luft zu holen. Jona hatte noch nie jemanden gleichzeitig brüllen und weinen sehen. Sein Vater lief kopfschüttelnd durch den Laden, hier und da eine einzelne Figur aufhebend. Er redete unablässig mit sich selbst. Jona wusste, dass er sich Vorwürfe machte, den Schlüssel einfach auf der Kommode liegen gelassen zu haben. Eine von den Verkäuferinnen nahm ständig einen Besen zur Hand, um ihn gleich darauf wieder weg zulegen.
„Was zum Teufel habt ihr hier angestellt!“ schrie Jonas Mutter weiter. Jona wollte den Mund aufmachen, ihr alles erzählen, was hier passiert war, aber jetzt im strahlenden Sonnenschein, war er sich nicht mehr sicher, was er eigentlich erlebt hatte.
Der Bezirksleiter, der Chef von Jonas Vater, saß auf dem Laufband einer Kasse, das Gesicht in den Händen. Ein Polizist lief mit einem Block durch den Laden, immer hinter Jonas Vater her, der mit den Nerven am Boden die schreckliche Bilanz zog: wirklich kaputt war nichts, aber es würde Stunden dauern, den Laden wieder aufzuräumen. Jona sah seinen Vater nicht, doch er hörte ihn immer wieder aufstöhnen, wenn er etwas gefunden hatte, das nicht so war wie vorher.
„Sieh dir das an. Dieser hier ist sogar kaputt!“ rief er entrüstet und hielt die kleine Figur hoch, deren rechter Fuß gestern noch an einem Sockel mit Sternen und Wolken fest war. Jonas Vater hatte die Figur in der einen, den Sockel in der anderen Hand. Er war offensichtlich abgebrochen.
„Damit“, sagte Jona müde. „habe ich ihm einen echten Gefallen getan.“
Das war das letzte, was er sagte, bevor man ihm Handfeger und Kehrblech in die Hand drückte.




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(Curt Goetz)

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Gilmon
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Hallo Muffin,

ein schöner Text, ich habe ihn gern gelesen. Besonders gut hat mir die detailreiche Erzählweise gefallen, gerade was die Beschreibung der verschiedenen Spielsachen bzw. Spielfiguren betrifft. Ich hätte mich bei der Lebendigkeit des Spielzeugs auf "traditionelles" Spielzeug beschränkt und das Eigenleben des Computerspiels weggelassen. Ein außer Kontrolle geratenes Computerspiel wirkt weniger "beängstigend" als Puppen, die sich von alleine bewegen.

Deine Geschichte würde auch sehr gut in den Bereich Kindergeschichten passen, weil ich mir deinen Text auch sehr gut als Märchen für Kinder vorstellen kann.

Grüße, Gilmon

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Muffin
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Hallo Gilmon,

ich hatte erst überlegt es ins Forum für Kinderlit. zu stellen, wusste aber nicht genau, ob es da hinpasst.

Was das Computerspiel angeht hast Du recht. Es ist eigentlich überflüssig. Muss ich mal drüber nachdenken.

Mir ist der Anfang ohnehin zu lang. Es dauert so lange, eh Aktion in die geschichte kommt.

Meinst Du ich soll die Geschichte ins Kinderlit.Forum verschieben?


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hera
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Hallo Muffin!

Ich würde gleich am Anfang etwas mehr Spannung reinbringen. Die Kinder müssen doch total aufgeregt gewesen sein. Sie hätten erwischt werden können, von einer Polizeistreife oder Anwohnern. Um zehn schlafen ja längst noch nicht alle.
Jona kann natürlich zuerst ein Computerspiel spielen, aber in die Länge ziehen würde ich das auch nicht.
Danach wird die Geschichte richtig gut und ausgesprochen spannend. Du schreibst sehr bildhaft. Ich fand auch klasse, dass Jona zuerst an einen Einbrecher glaubt, wo er doch selbst genau genommen einer ist.

Viele Grüße, hera

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