Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
316 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verdreht
Eingestellt am 19. 05. 2002 21:32


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
The Girl Who...
Routinierter Autor
Registriert: Dec 2001

Werke: 29
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Verdreht
I
„Ist doch alles voll von Klischees. Hat’s doch alles schon mal gegeben. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden, Baby! Es gibt unter dieser Sonne nichts Neues mehr.“

Ich höre zwar hin, aber kümmere mich eigentlich einen Scheißdreck um das, was er sagt. Alle paar Sekunden nicke ich, alle paar Minuten bestellt er mir einen neuen Drink. Die Hitze lässt mich schneller trinken, und mit jedem Schluck nehmen seine Gedanken an Schwärze zu. Eigentlich müsste er wissen, dass er keine Chance hat. Seine glänzende Stirn und die herausgewachsenen Strähnchen ekeln mich an. Vermutlich denkt er, er sähe aus wie Bela Lugosi, tatsächlich ähnelt er eher einem müden Clown.

„Fang gar nicht erst an, dir vorzumachen, wir wären originell! Vielleicht war’s der erste Typ, der ausschließlich schwarze Klamotten trug und sich die Nägel lackierte, aber...“

Ich drehe mich weg und betrachte die Tanzfläche. Keiner tanzt mehr. Oh, nicht, dass sie leer wäre. Genaugenommen ist sie voll von schmelzenden Körpern, alle beschäftigt mit windenden Bewegungen. Tausend kompostierende Körper, die Hitze produzieren. Ich nippe an meinem Drink. 151.

„Das macht doch alles keinen Sinn mehr. Wir könnten uns genauso gut alle umbringen. Oder besser noch: Andere umbringen. Legen wir doch so viele um wie wir können, bevor uns einer umlegt. Es gibt verdammt noch mal zu viele Menschen.“

„Was?”

„Wir sollten Leute umlegen.“

„Oh.“

Pflaumenfarbener Lippenstift ziert den Rand meines Glases. Ich halte es vor mein Auge und schaue durch die verunstaltete Umgebung. Farbe und Licht amüsieren mich. Ich finde schnell etwas komisch.

„Hoffst du darauf, dass ich dich mit nach Hause nehme?” frage ich. „Erwartest du, dass ich mit dir ins Bett gehe?“

„Ähh...“

„Antworte erst gar nicht! Deine Hoffnungen sind von keinerlei Bedeutung. Worin liegt auch der Sinn? Ist alles schon mal gemacht worden. Bye bye, Batboy.“ Davon mal abgesehen, habe ich gar kein Zuhause.

Er sitzt dümmlich da, als hätte ich ihn gerade zu Unrecht bestraft.

„Aber...“

„Bevor du gehst… würdest du mir noch einen Drink ausgeben?”

„Fick dich! Bezahl deine verdammten Drinks doch selber! Außerdem schuldest du mir zwanzig Mäuse.”

„Lauf jetzt, Jungchen. Zum Spielen ist es schon zu spät.“

Ich betrachte sein Gesicht, und die Wut, die sich darin anstaut. Er ist nahe dran, gewalttätig zu werden. Seine Lippen zittern, als würde er gleich weinen oder schreien. Zu weit gegangen, denke ich, als er seine Hand hebt. Mit zwei schnellen Schlucken leere ich mein Glas und drehe mich erneut weg. Er zischt irgendetwas, geht aber dann, ohne mich zu schlagen. War eigentlich vorauszusehen.

Ich winke die Bedienung hinter der Theke heran. „Noch einen Bacardi, ohne Eis.“ Sie wirft mir das erfahrene Lächeln einer Kellnerin zu, die weiß, wie man für Trinkgeld arbeitet. Ich beobachte sie, als sie sich wieder entfernt. Alt genug, um in einer Bar zu arbeiten, aber noch zu jung, um legal in einer Bar zu trinken. Ein Limbo-Bimbo, denke ich. Versuche dann, mir eine solche Bemerkung zu vergeben. Muss am Alkohol liegen.

Der Rücken meiner Hand ist geprellt. Ich betrachte die Verfärbungen, während ich auf meinen Drink warte, überlege, wie das passiert ist. Ich muss nicht lange warten. Erinnere mich an ihr Lächeln, und gebe ein großzügiges Trinkgeld. Mit zurückgelegtem Kopf leere ich das Glas in einem Zug.

„Noch einen, bitte.”

„Soll ich einen Doppelten draus machen?“ Sie denkt, sie wäre süß. Sie ist definitiv süß.

„Ja, das wäre nett.“

Eine Falte erscheint für einen Moment auf ihrer Stirn, aber sie kommentiert meine Bestellung nicht weiter. Einen Augenblick später habe ich bereits ein neues Glas. Ich weiß, sie würde gerne etwas sagen, wartet nur auf ein Anzeichen von Konversationswille meinerseits. Ich gebe ihr die Erlaubnis nicht.


II
Eine feuchte Hand windet sich zwischen meinen Beinen, eine Zunge zwingt sich in meinen Mund. Ich versuche, mich zu wehren, indem ich den Kopf zur Seite drehe, aber ermögliche meinem Angreifer damit nur, mein Ohrläppchen in seinen (ihren?) Mund zu saugen und zuzubeißen. Ich schreie, richte mich schnell auf und finde mich auf einer unbekannten Couch wieder. Bitte, bitte, sag, dass ich nicht mit dem Fledermaustypen nachhause gegangen bin. Gelegentlich habe ich nicht mal was gegen diese bleichgesichtigen Gothicgestalten, aber der war einfach nicht mein Typ. Mein Nacken ist ganz steif. Langsam frage ich mich, wo ich eigentlich bin. Verdammt, ich hasse Träume.

Meine Haut fühlt sich an, als wäre über Nacht eine weitere Schicht dazugekommen, und ich klebe an meinem Ledermantel wie nacktes Fleisch auf dem Kunstlederbezug eines Autositzes an einem heißen Sommertag. Anscheinend habe ich mich in der Nacht nicht ausgezogen, was, nehme ich mal an, gut so ist. Ich stehe von der Couch auf und sehe mich um. Ein unordentliches Apartment, und ich erkenne gleich, dass eine Frau hier lebt. Dafür gibt es immer bestimmte Anzeichen. Hauptsächliche die herumliegenden Zeitschriften auf dem Boden – Mademoiselle, Harper’s Bazaar, Soap Digest. Ein Stapel CDs trägt ebenfalls den unsichtbaren ‚weiblich’-Aufkleber – This Mortal Coil steckt dazwischen, und Mazzy Star.

“Ich hoffe, du fühlst dich besser.”

Ich drehe mich zu der Stimme um. Die Bedienung von gestern Nacht steht im Türrahmen ihres Schlafzimmers. Sie trägt einen kurzen Frotteebademantel, der nichts versteckt, und hat die vollen Lippen einer Latina, obwohl ihre Augen asiatisch aussehen. Ihre Unterlippe bettelt förmlich danach, leicht gebissen zu werden. Sinnlich.

„Hallo… ähm… tut mir leid… wie bin ich… ich hoffe, ich habe nicht…” Ich stottere noch so einiges, und sie lässt mich eine ganze Weile lang fortfahren. Mein Gesicht füllt sich mit Blut, und ich fühle mich fiebrig. Hauptsächlich vom Kater, aber sie hilft mir auch nicht gerade. Irgendwann bekomme ich dann doch meinen Namen heraus. Sie sagt mir, sie hieße Tess.

„Du kannst dich gerne waschen gehen. Das Wasser ist sehr heiß. Eine Dusche hilft mir am nächsten Morgen beinahe immer.“

Ich mache einen Schritt, und mein Mantel gibt ein saftiges, saugendes Geräusch von sich, als er sich von meiner Haut löst.

„An was von gestern Abend erinnerst du dich?”

An mehr, als ich eigentlich möchte, denke ich, sage aber nichts.

„Erinnerst du dich daran, wie du mich geküsst hast?“

Ich sage immer noch nichts.

„Du meintest, du würdest mich lieben und wolltest, dass ich deine Frau werde.“

Ich warte darauf, dass sie lächelt, und als sie es tut, lache ich höflich mit, obwohl ich ihren Bericht eigentlich nicht besonders amüsant finde.

„Du hast meine Stirn geküsst und gemeint, dass du mich ewig lieben und beschützen würdest. Als ich dir erklären wollte, dass du betrunken warst, brachtest du mich zum Schweigen, indem du deine Lippen auf meine drücktest.“

Wieder lacht sie, ich allerdings nicht. Ich kann mich an nichts von alledem erinnern. Eigentlich hatte ich gestern Abend alles vergessen wollen. Jetzt will ich mich so sehr erinnern. Hatte ich sie wirklich geküsst? Es sah nicht so aus, als hätte sie einen Grund zu lügen.

„Haben wir…?”

„Miteinander geschlafen? Welche Antwort würde dich mehr enttäuschen?”

„Ich glaube, ich würde jetzt gerne duschen.“

Sie deutet auf das Bad und meint, ich solle einfach eines der Handtücher benutzen. Lange stehe ich unter der Dusche, sie hatte tatsächlich Recht, das Wasser ist sehr heiß. Ich kann fühlen, wie es das Gift von meiner Haut wegreißt und Abschaum von meinem Körper spült. Allmählich werde ich wieder menschlich. Nichts macht mich so lebendig als ein guter Kater.

Ich erwische mich dabei, mich selbst zu befriedigen, während Bilder des Latinamädchens in meinen Gedanken aufblitzen. Ich stelle mir vor, wie ich ihre Brüste streichle, eine Hand ab und zu zwischen ihre Beine gleiten lasse, während sie einem großen Kerl einen bläst. Ich frage mich, warum ich ihn der Fantasie zufüge, eigentlich ist er unnötig. Vielleicht, weil mir der Gedanke, alleine mit ihr zu schlafen, Unbehagen bereitet.

Mein Orgasmus ist höchstenfalls zweitklassig, allerdings bin ich auch nicht gerade in bester Verfassung. Schnell trockne ich mich ab. Ich habe keine anderen Klamotten als die, in denen ich geschlafen habe. Anstatt mich anzuziehen, wickle ich das Handtuch eng um meinen Körper. Es ist groß und verdeckt alles, das verdeckt werden muss.

„Gut getan?”

„Was meinst du damit?”

„Die Dusche. Fühlst du dich jetzt besser?“

„Ja, viel besser.”

„Du siehst aus wie ein Krebs. Tue dir keinen Zwang an.“

Sie sitzt mit überkreuzten Beinen auf einem Stuhl. Keine Unterwäsche, ich kann ein wenig von ihrem Schamhaar sehen. Es macht mich an, trotzdem sehe ich wieder weg.

„Was hörst du da?“, frage ich, als ich auf die Musik aufmerksam werde. „Die Swans“, sagt sie. Langsam und schwermütig, der Gesang in dieser tiefen Monotonie, die ich so sehr mag.

„Möchtest du etwas essen?”

„Dich“, kommt es mir beinahe über die Lippen, aber ich reiße mich zusammen, murmele stattdessen ein „egal“.

„Ich kann dir auch einen Drink machen“, sagt sie. Ob das eine Frage oder ein Witz war, weiß ich nicht.

„Nein. Nein, danke.”

Allein von dem Gedanken daran wird mir übel.

„Ich fände es gut, wenn du noch ein bisschen hier bleiben würdest.“

Ich habe eh kein Zuhause mehr, es kommt mir also entgegen, dass sie ihre Einladung verlängert.

„Danke, das wäre sehr nett. Ich bin ziemlich müde, macht es dir etwas aus, wenn ich noch ein wenig schlafe? Ich nehme einfach wieder die Couch, die Musik stört mich nicht. Ich mag die Swans.“

„Quatsch, nimm mein Bett!“

Sie nimmt meine Hand und führt mich in ihr Schlafzimmer, und es überrascht mich nicht, als sie neben mir ins Bett schlüpft. Trotz des Drucks ihrer harten Brustwarzen zwischen meinen Schulterblättern schlafe ich sofort ein.


III
Als ich aufwache, bin ich hungrig und allein. Es ist dunkel, und ich brauche mehrere Minuten, bis ich den verdammten Wecker finde. Es ist neun Uhr abends. Ich habe den ganzen Tag geschlafen. Kann mich nur an wenige solcher Tage erinnern. Ich verspreche mir selbst, nie wieder so viel zu trinken. Ein Versprechen, von dem ich weiß, dass ich es nicht halten werde.

Mein Magen knurrt und lenkt meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Okay, Essen. Ich greife nach dem Handtuch, das ich heute morgen achtlos auf den Boden geworfen hatte. Es fühlt sich kalt gegen meine Haut an, und sein muffeliger Geruch ekelt mich an. Ich taste die Wand nach der Türklinke ab. Meine Koordination ist völlig den Bach runter.

Das Badezimmer, ein paar Pillen gegen die Kopfschmerzen. Das Wohnzimmer, meine Sachen sauber und zusammengefaltet über einer Stuhllehne. Die Küche, verwelkter Salat, vorbehandelter Truthahn und eingetrocknete Mayonnaise. Es verwundert mich, dass ich nicht kotzen muss.

In ihrer Wohnung gibt es keinen Alkohol. Hätte ich mir denken können.

Ich entschließe mich, in die Bar zu gehen, in der sie arbeitet, um zu gucken, ob sie dort ist. Sie hat nirgendwo eine Notiz hinterlassen. Es dauert eine Weile, bis ein Taxi auf mein Winken hin anhält.

Mehrere Kinder mit Umhängen, Hörnern und Masken tanzen um den Türsteher herum. Bis Halloween sind es noch ein paar Wochen. Der Typ erzählt mir was von einer Band und sechs Mäusen Eintritt, ich sehe ihn nur angewidert an und gehe an ihm vorbei. Er hält mich nicht auf. Tatsächlich spielt eine Band live auf der Bühne, als ich eintrete.

„Your parents too. Then you became the fear of you. Feeeaaarrr.” Ein vergängliches Cover des Originals. Es dauert einige Sekunden, bis ich in dem Sänger den Typen von gestern Abend wiedererkenne. Ich lächele ihn an. „Fear“, singt er und zeigt mir den Finger. Hatte auch nichts anderes erwartet.

Ich kann Tess nirgendwo sehen und versuche, einen der Kellner anzusprechen, gebe aber auf, ohne zu erfahren, ob sie heute arbeitet. Die Musik ist viel zu laut.

„Ich liebe deine Haare!“, ruft mit irgendein Ficker zu.

Langsam geht mir das Geld aus. Das Taxi hat eine Menge gekostet, und die letzte Nacht war um einiges teurer geworden, als ich geplant hatte. Ich weiß gar nicht, wie viel genau ich noch habe, nur ein kleines Bündel verknitterter Scheine in meiner Jackentasche, welches reichen muss, bis ich ein neues Apartment gefunden habe.

Die Band spielt jetzt einen Song, den ich nicht kenne. Der Sänger liegt auf dem Boden, das Mikrofon an seine Brust gepresst. Mit seinem Schwanz in der Hand fällt er in ein endloses Mantra voll „Suck me. Fuck me. Make me yours.“ Beeindruckt mich irgendwie.

Es wird nun doch Zeit für einen Drink. Doppelter Rum mit Coke. Ich frage mich, wie es kommt, das Kellner immer verstehen, was man trinken will, aber nie antworten, wenn man ihnen eine Frage stellt.

„Suck me!”

Der erste Schluck schmeckt süß wie Sirup, als wäre keine Kohlensäure drin. Erst denke ich daran, einen neuen zu bestellen, dann trinke ich trotzdem weiter.

„Fuck me!“

Ich suche die Menge nach bekannten Gesichtern ab, betend, dass ich nur Leute sehe, die ich auch sehen will. Keiner meiner Freunde ist da.

„Make me yours!“

Mit einem Schrei und einem Orgasmus beendet der Sänger das Stück. Die Lichter gehen aus, und unter einer Welle von Applaus, die mich krank macht, verlässt die Band die Bühne.

“Schon lange hier?” Die Stimme gehört Tess.

„Zu lange. Arbeitest du heute?“

„Nein, wollte nur meinen Scheck abholen. Ich dachte, du würdest noch da sein, wenn ich nach Hause komme.“

„Tut mir Leid.“

Sie fordert mit einem Wink nach etwas zu trinken, und mir fällt auf, dass sie nicht bezahlt. Muss angenehm sein. Ich frage mich, was sie trinkt, sie hat nichts Bestimmtes bestellt. Der Kellner wusste bereits, was sie wollte. Ich entscheide mich, dass es geschmacklos wäre zu fragen, und der Gedanke verfliegt sich wieder.

Tess trägt ein einfaches weißes Hemd und blaue Jeans. Das Hemd ist vorne zusammengeknotet und entblößt ihren Bauchnabel, der oberste Knopf ist geöffnet. Sie sieht aus, als könnte sie in Sekunden bereit sein, und ich muss mir eingestehen, dass sie mich schon wieder anmacht. Dieses Mädchen ist so normal und gewöhnlich verglichen mit all den Punks und Vampiren, die diese Bar füllen – beinahe profan.

„Ich finde…” Ich will etwas sagen, aber die Band fängt wieder an, beginnt mit einer Wand aus unmöglichen Klängen. Wieder spielen sie ein Stück, das ich nicht kenne.

„Lass uns abhauen und zu Göttern werden! Ich mag deine Haare wirklich!“ Der gleiche Typ von vorhin. Joe Irgendwer Ficker. Seine Augen glänzen vor Drogen. Er beugt sein Gesicht vor, fast berühren sich unsere Nasen. „Ich liebe dich“, sagt er. Einer seiner Kumpel zieht ihn in die Menge zurück, ich bin froh, dass er wieder weg ist. Seine Haare waren voll mit Gel, ich glaube, ich konnte es riechen.

„Kanntest du den?”, fragt Tess.

„Nö.“

Mein Glas ist leer, ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, es ausgetrunken zu haben. Ich bestelle einen weiteren Drink. Obwohl ich wohl bald pleite sein werde, gebe ich ein großzügiges Trinkgeld. Mache ich immer.

„Du solltest Make-up auflegen.”

„Komisch, dass du das sagst“, antworte ich. „Du trägst doch selbst keins.“

Sie schmollt, und wieder fallen mir ihre vollen Lippen auf. Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern, sie geküsst zu haben. Ich will das noch mal tun.

„Ich muss mal zur Toilette. Kommst du mit?“, fragt sie.

„Vergiss es.“

Ich sehe ihr nach, als sie durch die Menge schlendert. Ihr Hintern ist rund und widersetzt sich der Schwerkraft. Ihre Jeans umarmen sie fest, und ich bezweifle, dass irgendetwas in ihre Hosentaschen passen würde. Ein Mann rempelt mich an, und ich verliere sie aus den Augen.

“Das tut mir so Leid.”

„Schon okay. Spendieren sie mir einen Drink, und ich werde es wieder vergessen.“

Ich hasse es, Leute mit Vorurteilen zu beschreiben, aber dieser Typ lässt mir keine andere Wahl. Er sieht aus wie ein ehemaliger Diskovertreter – so alt wie mein Vater – einschließlich dem offenen Hemd, das sein Brusthaar freilegt. Fehlt nur noch das goldene Medallion. Ich sehe zu, wie er mit einem Hunderter bezahlt, den er aus einer Brieftasche pellt, die aussieht, als wäre sie aus solchen Scheinen gemacht worden. Welcher Idiot zeigt denn so offen sein Geld herum? Da ich ja auf einen neuen Drink warte, spüle ich den, den ich in der Hand halte, zügig runter.

“Wow, langsam Süße. Hab noch nie jemanden gesehen, der so durstig ist.“

Ich zeige keine Reaktion, als er sanft eine Haarsträhne aus meinem Gesicht schiebt. „Ich habe schon den ganzen Abend nach jemandem wie dir gesucht“, sagt er. „Würdest du dir gerne ein bisschen Geld verdienen?“

So sehr ich es hasse, Leute mit Vorurteilen zu beschreiben, hasse ich es noch mehr, wenn sie dann tatsächlich in all diese Klassifikationen passen. Die Schiene war ich bereits einmal gefahren, und es hatte lange gedauert, bis ich mich selbst wieder leiden konnte. Ich weiß genau, was er meint, aber habe keinerlei Ambition, diesen Weg noch einmal zu gehen.

„Bestimmt nicht. Danke für den Drink.”

„Bist du sicher? Würde auch schnell gehen.“ Er schreit, und es ist beinahe so heiß wie gestern Nacht. Weniger Körper, aber nicht viel weniger Hitze. Ich schaue mich nach Tess um. Bedauerlicherweise kann ich sie nirgendwo sehen. Ich will so tun, als wäre ich mit ihr hier – als wären wir ein Paar, damit mich dieser Typ in Ruhe lässt.

„Wir müssen auch nirgendwo hingehen. Komm einfach mit mir auf Klo! Geht ganz schnell, das verspreche ich dir. Hundert? Vielleicht spendiere ich auch zwei Scheine, kommt drauf an, wozu du bereit bist.“ Ein Spuckfaden hängt aus seinem Mund. „Was meinst du? Geht ganz schnell.“

Dann sehe ich Tess. Sie ist auf der Tanzfläche, eng umschlungen von den Armen eines dieser in Schwarz gehüllten Skelette. Rasierter Schädel und Schatten unter den Augen, eines dieser Arschlöcher, die glauben, dass Gibson ein Gott und Cyberpunk das einzig Wahre sei. Ihre Lippen sind mit seinen verbunden, und, mit geschlossenen Augen, reibt sie ihr Becken an ihm.

„Ganz schnell, ich versprech’s.”

„Jetzt hau endlich ab!“

Unbeeindruckt schleicht der Schleimer davon, um woanders einen neuen Versuch zu starten, und ich bin wieder allein, starre Tess an. Verdammte Schlampe, kennt die keine Treue? Da wird mir klar, dass ich mich dämlich anstelle, dass ich keinen Grund habe, eifersüchtig zu sein. Ich kann keinen Besitzanspruch auf sie stellen. Außerdem stehe ich doch über solch dämlichen Gefühlen!

Auf der Bühne zieht der Sänger gerade seine Klamotten aus. Ein durchnässtes Shirt fliegt in die Menge. Mehrere Leute stolpern bei dem Versuch, ihm auszuweichen, was ich ironisch finde. Wieder ist mein Glas gelehrt, ohne dass ich es mitbekommen habe. Ich bestelle ein neues. Und noch eins. Und noch eins. Und die ganze Zeit beobachte ich, wie der Knochen Tess angrabscht, ihren Arsch und ihre Titten befummelt.

Das Stück hört gar nicht auf.

„Wer ist der Typ da, der mit Tess tanzt?“, rufe ich dem Kellner zu.

„Wer ist Tess?“, lautet seine Antwort, bevor er zum anderen Ende der Bar eilt.

Ich halte es einfach nicht mehr aus und entschließe mich zu gehen. Die Musik verfolgt mich, als ich aus der Bar herausstolpere. Eine dunkle Gasse begrüßt mich. Es kommt mir vor, als würde ich verbrennen. Aber die Nachtluft ist kalt, und mein Atem verdichtet sich in dicken Wolken. Der Wind versteift die Haut auf meiner Stirn, ich setze mich neben einer Mülltonne auf den Boden und übergebe mich.

SPIELEN VERBOTEN

Ich will weinen, aber ich weiß, ich wäre ein Narr, wenn ich tatsächlich weinen würde, und fühle mich doch so schon wie einer. Verdammt, was hatte ich denn erwartet? Mein Magen ist leer, ich stehe auf und gehe los, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Alles sieht so klar aus.







__________________
He who doesn't forget his first love will never experience his last. --- Majakowskij

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Monfou
???
Registriert: Feb 2002

Werke: 0
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
stringenz und stilbrüche

Hi, The Girl Who

Für eine Kurzgeschichte recht lang. Dabei ist der Stil sehr typisch für eine Kurzgeschichte. Es könnte so weiter gehen. Eine Szene reiht sich an die nächste. Ein Moment an den nächsten Moment. Wie heißt es doch so schön: Schreiben heißt: Augenblicke sammeln. Es werden also Augenblicke gesammelt, short cuts, shortest cuts. Figuren tauchen auf. Verschwinden. Das ist eigentlich recht traditionell und zugleich sehr schlank und spannend. Dazu die Umgangsprache, die mir an sich gefällt: Vor allem wenn es um die erotischen Aspekte geht. Zu Beginn finde ich die Wendung „..aber kümmere mich eigentlich einen Scheißdreck um das, was er sagt…“ zu ungeschliffen, zu unliterarisch, nicht weil da „eigentlich“ und „Scheißdreck“ steht, sondern weil der Satz überall stehen kann und wenn man auch zeigen will, wie floskelhaft etwas ist, kann man natürlich nicht 1:1 Floskeln schreiben. Und noch was: Mir persönlich ist diese Gothic-Atmosphäre sehr fern, sagen wir, zu platt und durchschnittlich. Insgesamt ist der Stil fast ein Remake. Was mir gefällt, sind die erotischen Szenen, der klare, knappe Aufbau. Auch die Coolness der Erzählerin, die mir allerdings eher wie ein Aschenbrödel vorkommt angesichts dessen, was es an Literatur in diesem Genre gibt. Aber immerhin, vielversprechende Ansätze, Stringenz. Ich lehne „welcher, welche, welches“ als Relativpronomen ab, weil es verstaubt und bieder klingt (und das gerade hier), allenfalls für Ironie tauglich. Insgesamt fehlt mir ein bisschen (inhaltliche und vor allem sprachliche) Finesse, was nicht heißt, dass es nicht im Vergleich zu anderen Storys hier herum eine sehr lesenswerte Story ist. Die Stilschichten sind disparat, am Ende beispielsweise liest man vom "erbrechen" (eigentlich viel zu gehoben im Kontext) ect., was nicht zum stärker umgangsprachlichen Ton der Erzählerin an anderen Stellen passt.

Beste Grüße

Monfou

Bearbeiten/Löschen    


annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

als ergänzung noch eine reduce-to-the-max von annabelle!

geschichte sähe schöner aus, wenn die vielen leerzeilen draußen wären?


Verdreht

I
„Ist doch alles voll von Klischees. Hat’s doch alles schon mal gegeben. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden, Baby! Es gibt unter dieser Sonne nichts Neues mehr.“

Ich drehe mich weg und betrachte die Tanzfläche. Keiner tanzt mehr. Oh, nicht, dass sie leer wäre. Genaugenommen ist sie voll von schmelzenden Körpern, alle beschäftigt mit windenden Bewegungen. Tausend kompostierende Körper, die Hitze produzieren. Ich nippe an meinem Drink. 151.

„Das macht doch alles keinen Sinn mehr. Wir könnten uns genauso gut alle umbringen. Oder besser noch: Andere umbringen. Legen wir doch so viele um wie wir können, bevor uns einer umlegt. Es gibt verdammt noch mal zu viele Menschen.“


Pflaumenfarbener Lippenstift ziert den Rand meines Glases. Ich halte es vor mein Auge und schaue durch die verunstaltete Umgebung. Farbe und Licht amüsieren mich. Ich finde schnell etwas komisch.

„Ähh...“

„Fick dich! Bezahl deine verdammten Drinks doch selber! Außerdem schuldest du mir zwanzig Mäuse.”

„Lauf jetzt, Jungchen. Zum Spielen ist es schon zu spät.“

Ich betrachte sein Gesicht, und die Wut, die sich darin anstaut. Er ist nahe dran, gewalttätig zu werden. Seine Lippen zittern, als würde er gleich weinen oder schreien. Zu weit gegangen, denke ich, als er seine Hand hebt. Mit zwei schnellen Schlucken leere ich mein Glas und drehe mich erneut weg. Er zischt irgendetwas, geht aber dann, ohne mich zu schlagen. War eigentlich vorauszusehen.

Ich winke die Bedienung hinter der Theke heran. „Noch einen Bacardi, ohne Eis.“ Sie wirft mir das erfahrene Lächeln einer Kellnerin zu, die weiß, wie man für Trinkgeld arbeitet. Ich beobachte sie, als sie sich wieder entfernt. Alt genug, um in einer Bar zu arbeiten, aber noch zu jung, um legal in einer Bar zu trinken. Ein Limbo-Bimbo, denke ich. Versuche dann, mir eine solche Bemerkung zu vergeben. Muss am Alkohol liegen.

„Soll ich einen Doppelten draus machen?“ Sie denkt, sie wäre süß. Sie ist definitiv süß.

„Ja, das wäre nett.“

Eine Falte erscheint für einen Moment auf ihrer Stirn, aber sie kommentiert meine Bestellung nicht weiter. Einen Augenblick später habe ich bereits ein neues Glas. Ich weiß, sie würde gerne etwas sagen, wartet nur auf ein Anzeichen von Konversationswille meinerseits. Ich gebe ihr die Erlaubnis nicht.

Ihre Unterlippe bettelt förmlich danach, leicht gebissen zu werden. Sinnlich.

„Hallo… ähm… tut mir leid… wie bin ich… ich hoffe, ich habe nicht…” Ich stottere noch so einiges, und sie lässt mich eine ganze Weile lang fortfahren. Mein Gesicht füllt sich mit Blut, und ich fühle mich fiebrig. Hauptsächlich vom Kater, aber sie hilft mir auch nicht gerade. IrgendDann bekomme ich dann doch meinen Namen heraus. Sie sagt mir, sie hieße Tess.

Wieder lacht sie, ich allerdings nicht. Ich kann mich an nichts von alledem erinnern. Eigentlich hatte ich gestern Abend alles vergessen wollen. Jetzt will ich mich so sehr erinnern. Hatte ich sie wirklich geküsst? Es sah nicht so aus, als hätte sie einen Grund zu lügen.

Sie deutet auf das Bad und meint, ich solle einfach eines der Handtücher benutzen. Lange stehe ich unter der Dusche, sie hatte tatsächlich Recht, das Wasser ist sehr heiß. Ich kann fühlen, wie es das Gift von meiner Haut wegreißt und Abschaum von meinem Körper spült. Allmählich werde ich wieder menschlich. Nichts macht mich so lebendig als ein guter Kater.

Ich erwische mich dabei, mich selbst zu befriedigen, während Bilder des Latinamädchens in meinen Gedanken aufblitzen. Ich stelle mir vor, wie ich ihre Brüste streichle, eine Hand ab und zu zwischen ihre Beine gleiten lasse, während sie einem großen Kerl einen bläst. Ich frage mich, warum ich ihn der Fantasie zufüge, eigentlich ist er unnötig. Vielleicht, weil mir der Gedanke, alleine mit ihr zu schlafen, Unbehagen bereitet.

Mein Orgasmus ist höchstenfalls zweitklassig, allerdings bin ich auch nicht gerade in bester Verfassung. Schnell trockne ich mich ab. Ich habe keine anderen Klamotten als die, in denen ich geschlafen habe. Anstatt mich anzuziehen, wickle ich das Handtuch eng um meinen Körper. Es ist groß und verdeckt alles, das verdeckt werden muss.

Tue dir keinen Zwang an.“

Sie sitzt mit überkreuzten Beinen auf einem Stuhl. Keine Unterwäsche, ich kann ein wenig von ihrem Schamhaar sehen. Es macht mich an, trotzdem sehe ich wieder weg.

„Was hörst du da?“, frage ich, als ich auf die Musik aufmerksam werde. „Die Swans“, sagt sie. Langsam und schwermütig, der Gesang in dieser tiefen monotonie, die ich so sehr mag.

Ich habe eh kein Zuhause mehr, IHRE EINLADUNG es kommt mir also entgegen., dass sie ihre Einladung verlängert.

„Danke, das wäre sehr nett. Ich bin ziemlich müde, macht es dir etwas aus, wenn ich noch MAL ein wenig schlafe? Ich nehme einfach wieder die Couch, die Musik stört mich nicht. Ich mag die Swans.“


Hier bett, bett und nimmt, nimmt!

„Quatsch, nimm mein Bett!“

Sie nimmt meine Hand und führt mich in ihr Schlafzimmer, und es überrascht mich nicht, als sie neben mir ins Bett schlüpft.


Als ich aufwache, bin ich hungrig und allein. Es ist dunkel, und ich brauche mehrere Minuten, bis ich den verdammten Wecker finde. Es ist neun Uhr abends. Ich habe den ganzen Tag geschlafen. Kann mich nur an wenige solcher Tage erinnern. Ich verspreche mir selbst, nie wieder so viel zu trinken. Ein Versprechen, von dem ich weiß, dass ich es nicht halten werde.

Mein Magen knurrt und lenkt meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Okay, Essen. Ich greife nach dem Handtuch, das ich heute morgen achtlos auf den Boden geworfen hatte. Es fühlt sich kalt gegen meine Haut an, und sein muffeliger Geruch ekelt mich an. Ich taste die Wand nach der Türklinke ab. Meine Koordination ist völlig den Bach runter.

Das Badezimmer, ein paar Pillen gegen die Kopfschmerzen. IM Das Wohnzimmer, meine Sachen sauber und zusammengefaltet über einer Stuhllehne. Die Küche, verwelkter Salat, vorbehandelter Truthahn und eingetrocknete Mayonnaise. Es verwundert mich, dass ich nicht kotzen muss.

In ihrer Wohnung gibt es keinen Alkohol. Hätte ich mir denken können.

Ich entschließe mich, in die Bar zu gehen, in der sie arbeitet, um zu gucken, ob sie dort ist. Sie hat nirgendwo eine Notiz hinterlassen. Es dauert eine Weile, bis ein Taxi auf mein Winken hin anhält.

Mehrere Kinder mit Umhängen, Hörnern und Masken tanzen um den Türsteher herum. Bis Halloween sind es noch ein paar Wochen. Der Typ erzählt mir was von einer Band und sechs Mäusen Eintritt, ich sehe ihn nur angewidert an und gehe an ihm vorbei. Er hält mich nicht auf. Tatsächlich spielt eine Band live auf der Bühne, als ich eintrete.

„Your parents too. Then you became the fear of you. Feeeaaarrr.” ??? Ein vergängliches Cover des Originals. ???

Ich kann Tess nirgendwo sehen und versuche, einen der Kellner anzusprechen, gebe aber auf, ohne zu erfahren, ob sie heute arbeitet. Die Musik ist viel zu laut.

Langsam geht mir das Geld aus und das Taxi hat eine Menge gekostet, und die letzte Nacht war um einiges teurer geworden, als ich geplant hatte. Ich weiß gar nicht, wie viel genau ich noch habe, nur ein kleines Bündel verknitterter Scheine in meiner Jackentasche, welches reichen muss, bis ich ein neues Apartment gefunden habe.

Die Band spielt jetzt einen Song, den ich nicht kenne. Der Sänger liegt auf dem Boden, das Mikrofon an seine Brust gepresst. Mit seinem Schwanz in der Hand fällt er in ein endloses Mantra voll „Suck me. Fuck me. Make me yours.“ Beeindruckt mich irgendwie.

Mit einem Schrei und einem Orgasmus beendet der Sänger das Stück. Die Lichter gehen aus, und unter einer Welle von Applaus, die mich krank macht, verlässt die Band die Bühne.

Sie fordert mit einem Wink nach etwas zu trinken, und mir fällt auf, dass sie nicht bezahlt. Muss angenehm sein. Ich frage mich, was sie trinkt, sie hat nichts Bestimmtes bestellt. Der Kellner wusste bereits, was sie wollte. Ich entscheide mich, dass es geschmacklos wäre zu fragen, und der Gedanke verfliegt sich wieder.

„Ich finde…” Ich will etwas sagen, aber die Band fängt wieder an, beginnt mit einer Wand aus unmöglichen Klängen. Wieder spielen sie ein Stück, das ich nicht kenne.

„Lass uns abhauen und zu Göttern werden! Ich mag deine Haare wirklich!“ Der gleiche Typ von vorhin. Joe Irgendwer Ficker. Seine Augen glänzen vor Drogen. Er beugt sein Gesicht vor, fast berühren sich unsere Nasen. „Ich liebe dich“, sagt er. Einer seiner Kumpel zieht ihn in die Menge zurück, ich bin froh, dass er wieder weg ist. Seine Haare waren voll mit Gel, ich glaube, ich konnte es riechen.

„KENNST du den?”, fragt Tess.

Mein Glas ist leer, ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, es ausgetrunken zu haben. Ich bestelle einen weiteren Drink. Obwohl ich wohl bald pleite sein werde, gebe ich ein großzügiges Trinkgeld. Mache ich immer.

„Ich muss mal zur Toilette. Kommst du mit?“, fragt sie.

„Vergiss es.“

Ich sehe ihr nach, als sie durch die Menge schlendert. Ihr Hintern ist rund und widersetzt sich der Schwerkraft. Ihre Jeans umarmen sie fest, und ich bezweifle, dass irgendetwas in ihre Hosentaschen passen würde. Ein Mann rempelt mich an, und ich verliere sie aus den Augen.

“Das tut mir so Leid.”

„Schon okay. Spendieren sie mir einen Drink, und ich werde es wieder vergessen.“

Ich hasse es, Leute mit Vorurteilen zu beschreiben, aber dieser Typ lässt mir keine andere Wahl. Er sieht aus wie ein ehemaliger Diskovertreter – so alt wie mein Vater – einschließlich dem offenen Hemd, das sein Brusthaar freilegt. Fehlt nur noch das goldene Medallion. Ich sehe zu, wie er mit einem Hunderter bezahlt, den er aus einer Brieftasche pellt, die aussieht, als wäre sie aus solchen Scheinen gemacht worden. Welcher Idiot zeigt denn so offen sein Geld herum? Da ich ja auf einen neuen Drink warte, ICH SPÜLE MEINEN DRINK RUNTER.

“Wow, langsam Süße. Hab noch nie jemanden gesehen, der so durstig ist.“

Ich zeige keine Reaktion, als er sanft eine Haarsträhne aus meinem Gesicht schiebt. „Ich habe schon den ganzen Abend nach jemandem wie dir gesucht“, sagt er. „Würdest du dir gerne ein bisschen Geld verdienen?“

So sehr ich es hasse, Leute mit Vorurteilen zu beschreiben, hasse ich es noch mehr, wenn sie dann tatsächlich in all diese Klassifikationen passen. Die Schiene war ich bereits einmal gefahren, und es hatte lange gedauert, bis ich mich selbst wieder leiden konnte. Ich weiß genau, was er meint, aber habe keinerlei Ambition, diesen Weg noch einmal zu gehen.

„Wir müssen auch nirgendwo hingehen. Komm einfach mit mir auf Klo! Geht ganz schnell, das verspreche ich dir. Hundert? Vielleicht spendiere ich auch zwei Scheine, kommt drauf an, wozu du bereit bist.“ Ein Spuckfaden hängt aus seinem Mund. „Was meinst du? Geht ganz schnell.“

Dann sehe ich Tess. Sie ist auf der Tanzfläche, eng umschlungen von den Armen eines dieser in Schwarz gehüllten Skelette. Rasierter Schädel und Schatten unter den Augen, EIN ARSCHLOCH; DAS GLAUBT, dass Gibson ein Gott und Cyberpunk das einzig Wahre sei. Ihre Lippen sind mit seinen verbunden, und, mit geschlossenen Augen, reibt sie ihr Becken an ihm.

Unbeeindruckt schleicht der Schleimer davon, um woanders einen neuen Versuch zu starten, und ich bin wieder allein, starre Tess an. Verdammte Schlampe. , kennt die keine Treue? Da wird mir klar, dass ich mich dämlich anstelle, dass ich keinen Grund habe, eifersüchtig zu sein. Ich kann keinen Besitzanspruch auf sie stellen. Außerdem stehe ich doch über solch dämlichen Gefühlen!

Auf der Bühne zieht der Sänger gerade seine Klamotten aus. Ein durchnässtes Shirt fliegt in die Menge. Mehrere Leute stolpern bei dem Versuch, ihm auszuweichen, was ich ironisch finde. Wieder ist mein Glas geLEERT, ohne dass ich es mitbekommen habe. Ich bestelle ein neues. Und noch eins. Und noch eins. Und die ganze Zeit beobachte ich, wie der Knochen Tess angrabscht, ihren Arsch und ihre Titten befummelt.

Das Stück hört gar nicht auf.

„Wer ist der Typ da, der mit Tess tanzt?“, rufe ich dem Kellner zu.

„Wer ist Tess?“, lautet seine Antwort, bevor er zum anderen Ende der Bar eilt.

Ich halte es einfach nicht mehr aus und entschließe mich zu gehen. Die Musik verfolgt mich, als ich aus der Bar herausstolpere. Eine dunkle Gasse begrüßt mich. Es kommt mir vor, als würde ich verbrennen. Aber die Nachtluft ist kalt, und mein Atem verdichtet sich in dicken Wolken. Der Wind versteift die Haut auf meiner Stirn, ich setze mich neben einer Mülltonne auf den Boden und übergebe mich.

SPIELEN VERBOTEN

Ich will weinen, aber ich weiß, ich wäre ein Narr, wenn ich tatsächlich weinen würde, und fühle mich doch so schon wie einer. Verdammt, was hatte ich denn erwartet? Mein Magen ist leer, ich stehe auf und gehe los, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Alles sieht so klar aus.

Bearbeiten/Löschen    


The Girl Who...
Routinierter Autor
Registriert: Dec 2001

Werke: 29
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
thanx

Danke fürs Lesen und Kommentieren. Werde die von Euch beiden genannten Kritikpunkte in meiner Überarbeitung miteinbeziehen, sehr hilfreich.

Grüße,
S
__________________
He who doesn't forget his first love will never experience his last. --- Majakowskij

Bearbeiten/Löschen    


annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

stellst du´s dann noch mal ein - oder die korrigierte fassung?
würde mich interessieren; dein unterkühlter stil ist - cool!

annabelle (mit blaugetönter sonnenbrille auf gelber gartenliege)

Bearbeiten/Löschen    


Monfou
???
Registriert: Feb 2002

Werke: 0
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hi Girl, hi annabelle,

ich hoffe, du entnimmst unserer ausführlichen Kritik vor allem eins: Deine Story hat Rasanz und gefällt!

Ich kann vielen - naturgemäß nicht allen - Vorschlägen annabelle g.'s zustimmen. Füllwörter (mal, tatsächlich, auch) sind manchmal atmosphärisch wichtig, ja notwendig, aber vielleicht muss man sie sparsamer im Text-Feld verstreuen. Diese Feinheiten sind vielleicht wichtig: Als ich die Geschichte nun noch einmal überflog, störten mich manche Saloppheiten mehr als beim ersten Lesen, das dank der schön gebauten Story zu einem kleinen Lesesog wurde.

Wohlgemerkt: Slang, Umgangssprache, Obszönes - all das hat seine Qualität. Aber auch Slang kann - wie jede Sprachform - poetisch griffig oder knapp daneben sein. Ich finde, ehrlich gesagt, nichts so schwierig, wie umgangssprachlich zu schreiben. Man kann Umgangssprache z.B. in Dialogen weder "wörtlich" übernehmen - das würde einfach leer und tumb klingen -, noch kann man zu sehr daran herumkneten - es würde gekünstelt. Das ist eine Gradwanderung, die enorme Kunstfertigkeit voraussetzt. Man braucht den Bauch und den Kopf. Und irres Glück. Daraus resultiert vielleicht auch das Problem der Stilschichtenwahl. Einmal sprich die Erzählerin eben von "Arschloch" und von "Klamotten", dann kommen sehr hochsprachlich geprägte Wendungen. Das kann funktionieren, kann in vielen Fällen daneben gehen. Also, ich beneide dich nicht, das ist ein Seiltanz, bei dem man sprachlich leicht die Balance verliert.


Allen herzliche Grüße
Monfou


Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!