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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verdun
Eingestellt am 04. 03. 2005 10:49


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Daijin
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2001

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Es mag vielleicht etwas seltsam sein, heutzutage eine Geschichte ├╝ber den 1. Weltkrieg zu schreiben, aber mich hat dieses Thema schon immer inspiriert.


Verdun


Schie├čen. Schie├čen. Schie├čen. Immer weiter Schie├čen. Das Monstrum mu├č gef├╝ttert, die Blutm├╝hle weitergedreht werden. Solange das Maschinengewehr fri├čt, gibt es Leben; es darf niemals hungern. Wieder f├Ąllt einer, von dem st├Ąhlernen, ewig fressenden Monster, der feuerspuckenden Bestie niedergestreckt. Dem Korporal hat ein Schrapnell die Schulter weggerissen. Ein junger Soldat steht auf seiner Leiche und gibt neues Futter. Er hat keinen Namen, wie der Korporal. Niemand hat einen Namen, niemand hat ein Gesicht. Es gibt keine Namen, es gibt keine Gesichter. Es gibt nur das Leben und den Tod und den Wahnsinn, der leise durch die Gr├Ąben schleicht und in den Nischen lauert. Der aus den toten Augen der Namenlosen stiert; der mit dem Gasnebel her├╝berweht; der nachts aus der schemengef├╝llten, todesschwangeren Dunkelheit hervorspringt und den Verstand der Namenlosen mit sich rei├čt und eine leere H├╝lle zur├╝ckl├Ą├čt, die zittert, zittert und schreit.
Es z├Ąhlt nur das Leben; und der Tod. Der Wahnsinn ist anders, fremd, ist unvorstellbar.
Eine Granate trifft den linken Grabenabschnitt und verwandelt ihn in formloses Chaos aus Erde, Holz und Leichenteilen. Die Bestie w├╝tet weiter, aber sie ist allein. Sie hetzt ├╝ber das Schlachtfeld, hin und her, aber immer mehr Namenlose kommen aus ihren L├Âchern, laufen, springen, kriechen durch die rasenden Z├Ąhne des Monstrums. Sie sind im Graben. Feuers├Ąulen schie├čen durch den schmalen Gang und verzehren das k├Ąrgliche Leben inmitten des Todes. Der junge Soldat f├╝ttert nicht mehr. Er liegt blutend auf dem toten Korporal. Die H├Ąlfte seines Gesichts ist weggeschossen, aber er hatte nie eines. Keiner hatte ein Gesicht. Niemand f├╝ttert die Bestie. Noch fri├čt sie und w├╝tet, doch das Futter schwindet. Die letzte Patrone wird verschlungen, verschwindet im eisernen Bauch des Monsters, um sofort wieder ausgespuckt zu werden, dann greifen die Z├Ąhne ins Leere. Die Bestie stirbt. Von links kommt der Tod in Flammens├Ąulen, in st├Ąhlernen Spitzen und schwirrenden Splittern. Rechts ist noch Leben. Dort liegt der junge Soldat auf dem Korporal mit den grauen Augen und dem rostroten Bart. Er hat ein Gesicht, sie beide haben Gesichter. In ihnen lauert der Wahnsinn, der zittert, zittert.

__________________
Die Wahrheit ist meist nur eine Ausrede f├╝r einen Mangel an Phantasie.
- Elim Garak

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San Martin
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Sprachlich gro├čartig. Inhaltlich sehr bedr├╝ckend. Der Schluss ("In ihnen lauert der Wahnsinn, der zittert, zittert.") beeindruckend. Ich bin begeistert von dieser Nahaufnahme einer Schlacht des 1. Weltkriegs und den Mitteln (Wiederholungen, Personifizierung, etc.), die du eingesetzt hast, um dem Leser den Text nahezubringen.
__________________
"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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knychen
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der meinung von san martin kann ich mich nicht anschlie├čen.
denn niemand, egal in welchem krieg, ist ohne gesicht und ohne namen. wenn man die identit├Ąt der opfer leugnet und ihnen das gesicht und damit ihre individualit├Ąt nimmt, schiebt man das grauen einer sinnlosen schlacht wie der vor verdun vor sich her. romane und novellen wie " im westen nichts neues", "das menschenschlachthaus", "bitte sterben zu d├╝rfen" leben gerade davon, da├č die protagonisten greifbar werden. identit├Ątslos waren sie nur f├╝r die planer der schlachten; material wie die munition und die transporttechnik.
der begriff "namenlose" wird auch (pers├Ânlicher eindruck) ├╝berstrapaziert und durch den inflation├Ąren gebrauch in der wirkung reduziert.
um beim plot zu bleiben: ein streifschu├č. bi├čchen blut, aber ohne wirkung.
tut mir leid.
gru├č knychen
__________________
kny

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San Martin
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quote:
leben gerade davon, da├č die protagonisten greifbar werden. identit├Ątslos waren sie nur f├╝r die planer der schlachten

Genau das, was du ansprichst, findet sich im Text wieder: Dass der Krieg eben nicht von Namenlosen, Gesichtslosen gek├Ąmpft wird. Solange die Soldaten kein Gesicht haben, k├Ąmpfen sie wie befohlen, sterben wie befohlen - selbst das Maschinengewehr hat mehr Pers├Ânlichkeit als sie. Erst am Ende der Geschichte wird ihnen das Gesicht zur├╝ckgegeben, was sie prompt in den Wahnsinn treibt, denn der Wahnsinn dieses Krieges (und aller Kriege ) ist es, dass sich dort Menschen mit Gesichtern, Gef├╝hlen, Erinnerungen, Liebesgeschichten, Familien, Kindern gegenseitig umbringen.

Wenn ich also den Text richtig verstande habe, dann versteheh ich deine Kritik nicht, knychen.
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"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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knychen
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f├╝r mich wird h├Âchstens andersherum ein schuh draus.
das mantrahafte runterbeten der gesichts- und namenlosigkeit bringt in diesen der thematik unangepa├čt kurzen text eine fade l├Ąnge. f├╝r mich ist da ein widerspruch.
denn eigentlich haben sie (korporal und soldat) am anfang gesichter und verlieren sie erst nach und nach durch blinden gehorsam an den moloch krieg.
wenn schon die wende zur menschlichkeit, zum individuum, dann h├Ątte man die beiden am anfang auch einblenden m├╝ssen.
aber so wie du meine kritik, jedenfalls so, wie ich sie formuliert habe, nicht verstehst, verstehe ich vielleicht den text nicht so, wie er gemeint ist.
nicht vergessen, es ist eine ganz pers├Ânliche meinung, nicht der anspruch auf allgemeing├╝ltigkeit.
gru├č knychen
__________________
kny

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Daijin
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Ich kann San Martins Argumentation nicht mehr viel hinzuf├╝gen.
Die ganze Idee des Textes ist es, da├č sich das Grauen des Krieges nur solange ertragen l├Ą├čt, wie man die Augen davor verschlie├čt, da├č jeder einzelne Soldat ein eigenes, denkendes, f├╝hlendes Individuum ist. In dem Moment, wo dem Protagonisten dies klar wird, indem er das Gesicht des Toten wahrnimmt und nicht nur seine Funktion als Soldat, verliert er den Verstand.

Das, was Du als "mantrartiges Herunterbeten" bezeichnest, ist das, was sich der MG-Sch├╝tze selbst immer wieder einredet, um nicht mit den Konsequenzen seines Handelns und der Ereignisse um ihn herum konfrontiert zu werden.

Gru├č

Daijin


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- Elim Garak

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