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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verdurstet
Eingestellt am 25. 04. 2002 15:42


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Nuwanda
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2002

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Verdurstet

Kennst Du sie auch, diese Tage, an denen einfach alles schiefgeht? An denen man sich wĂŒnscht, man könne in eine andere Welt flĂŒchten, einfach nicht mehr an all die Probleme denken, die einen so sehr beschĂ€ftigen? Abschalten. Entspannen. TrĂ€umen.
Eric kannte diese Tage und er hatte die FĂ€higkeit, sich seinen Problemen zu entziehen, aus dem Alltag auszubrechen. Er konnte sich in seine TrĂ€ume flĂŒchten.
Mit 15 entdeckte Eric, dass er anders war als die anderen Teenager. Er wusste schon immer, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Erst dachte er, er sei möglicherweise schwul, denn oft hörte er von Homosexuellen, die schon frĂŒh spĂŒrten, dass sie anders waren. Doch das war es nicht.
Vielmehr war es ein Traum, der ihm unheimlich vorkam.
Es begann in der Nacht vor seinem ersten richtigen Date mit einem MĂ€dchen.
Nein, ein feuchter Traum war es nicht. Dass solche TrÀume nicht ungewöhnlich waren, wusste Eric nur allzu gut. In dieser Beziehung war er ein ganz normaler 15 jÀhriger Junge.
Er war sehr aufgeregt in dieser Nacht, dachte nur noch an Lisa, so hieß das MĂ€dchen, mit dem er am nĂ€chsten Tag im Kino verabredet war. Stundenlang lag er wach in seinem Bett und malte sich aus, was alles schiefgehen konnte. Was ist wenn sie ihn nicht mag? Oder wenn sie ihn kĂŒsst und er es nicht richtig macht?
Endlich schlief er ein und dann war er plötzlich mitten in der WĂŒste. Nichts als Sand um ihn herum. Eine stechende Hitze herrschte dort, die Sonne brannte auf seiner Haut. Er lief los, ziellos in irgendeine Richtung. Er versuchte der Hitze zu entkommen, doch seine Beine schienen immer schwerer zu werden, er wurde langsamer. Seine Kehle schrie nach Wasser. Und alles fĂŒhlte sich so realistisch an. Eric fĂŒrchtete sich.
Er hatte den Gipfel einer DĂŒne erreicht, als er spĂŒrte wie seine Beine unter ihm zusammensackten. Er fiel und rutschte. Die DĂŒne schien unendlich hoch zu sein, es kam ihm wie eine kleine Ewigkeit vor, bis er unten angelangt war. Er wurde schneller, der Wind wehte ihm ins Gesicht, was eine große Erleichterung war und plötzlich war ĂŒberall Wasser. Als er seinen Durst gelöscht hatte, fĂŒhlte er sich so leicht, als wĂŒrde er im nĂ€chsten Moment abheben, nie hatte er sich glĂŒcklicher und sorgenfreier gefĂŒhlt wie hier und jetzt.
Das Wasser war ein See, umgeben von Palmen, es war ein richtiger kleiner Wald mit bunten Vögeln, die um die Wette zwitscherten. Paradiesische FrĂŒchte so weit sein Auge reichte. Hier gefiel es Eric, sein Kopf war frei von allen Problemen und er konnte tun und lassen wozu er Lust hatte, hier in dieser wunderschönen Oase mitten in der Einsamkeit der WĂŒste.
Als er aufwachte, war er zuerst ein wenig enttĂ€uscht, dass es nur ein Traum war, doch dann fiel ihm das Date mit Lisa ein und er bemerkte, dass er ĂŒberhaupt nicht mehr aufgeregt oder nervös war, die Angst, die er vorm Einschlafen hatte, war verschwunden. Er fĂŒhlte sich richtig gut, nur seine Nase tat ihm weh, er verspĂŒrte ein leichtes Brennen. Als er sich im Spiegel betrachtete, sah es fast so aus als hĂ€tte er einen Sonnenbrand. Aber wovon? Seit Tagen hatte die Sonne nicht mehr geschienen. Nur in seinem Traum hĂ€tte er einen Sonnenbrand bekommen können. Aber das hier war die RealitĂ€t! Seltsam. Ach, wahrscheinlich war er nur irgendeine Allergie. Er dachte nicht mehr weiter darĂŒber nach.
Das Date lief phantastisch, genau wie sein Leben, das eine Weile perfekt zu sein schien.
Eric hatte eine traumhafte Beziehung mit Lisa, tolle Freunde, war in der Schule recht gut und war nie großem Stress ausgesetzt. Bis er 19 war, dann kam alles auf einen Schlag: Nur noch zwei Wochen bis zum Abitur und Eric hatte noch kein bisschen dafĂŒr gelernt. Und dann trennte sich Lisa auch noch von ihm, wegen einem Anderen.
Er wusste nicht, wie er das alles schaffen sollte, er konnte sich nicht aufs Lernen konzentrieren, weil er stĂ€ndig an Lisa denken musste. Er war kurz vorm Verzweifeln. Und dann hatte er wieder diesen WĂŒstentraum, fĂŒr eine Nacht entkam er der bitteren RealitĂ€t. Und am nĂ€chsten Tag ging es ihm tatsĂ€chlich besser. Doch diesmal war es nicht das Ende seiner Probleme, er fĂŒhlte sich nur fĂŒr ein paar Tage gut, dann ging es wieder bergab und der Traum kam wieder.
Das Abitur schaffte er, doch schon stand er vor dem nĂ€chsten Problem, er wusste nicht wie sein Leben weitergehen wĂŒrde, hatte keine Ahnung was er jetzt mit sich anfangen sollte. Je mehr Probleme oder Stress auf ihn zukamen, desto öfter trĂ€umte er von der WĂŒste. Jedesmal wusste er eine Lösung, wenn er aufwachte, doch jedesmal kamen auch wieder neue Probleme hinzu, es wurden immer mehr.
Der Traum war nie exakt der gleiche. Der Weg zur Oase war immer unterschiedlich. Mal lang, mal kurz, meistens fand er das Wasser, dass ihm vorm Verdursten rettete, relativ schnell, doch manchmal kam es ihm wie Stunden vor. Es fĂŒhlte sich immer realistischer an. Und eines Tages, bzw. eines Nachts traf er in der Oase einen anderen Menschen. Eine Frau. Eric hatte sie noch nie gesehen und doch war sie so echt fĂŒr ihn. Sie redeten stundenlang und von nun an war diese Frau immer dort, wenn er in die WĂŒste kam. Sie redeten und lachten und irgendwann fingen sie sogar an, sich zu lieben. Immer öfter wollte Eric trĂ€umen, er freute sich geradezu ĂŒber den Stress, den er im Leben hatte, denn er wusste, dass er dann wieder trĂ€umen wĂŒrde.
Eric hasste sein wirkliches Leben, mittlerweile hatte er keine Freunde mehr, er war viel zu sehr mit sich selbst beschĂ€ftigt. Er arbeitete viel, er war nun Anwalt, ein sehr gestresster Anwalt. Und wenn er nicht dabei war, sich Probleme einzuhandeln, trĂ€umte er. Das geschah nicht mehr nur nachts. Er brauchte keinen Schlaf um zu trĂ€umen. Überall konnte er vor der RealitĂ€t in die WĂŒste flĂŒchten. Er konnte einfach abschalten, wann und wo er wollte.
Andere Leute trinken, um der RealitĂ€t zu entfliehen, Eric trĂ€umte. Die TrĂ€ume machten ein Wrack aus ihm. Der permanente Sonnenbrand war nicht das einzige Anzeichen dafĂŒr, dass der WĂŒstentraum realer als gewöhnliche TrĂ€ume war. Einmal kletterte er in der Oase auf eine Palme und fiel runter. Am nĂ€chsten Morgen hatte er schreckliche Schmerzen in seinem rechten Bein. Drei Tage lang humpelte er. Doch Eric glaubte nicht, dass es was mit den TrĂ€umen zu tun hatte. Er wusste nur, dass die TrĂ€ume all seine Probleme lösen, doch nun trĂ€umte er nicht mehr nur zur Entspannung, sondern aus Sucht.
Er wusste bald nicht mehr was RealitĂ€t war und was Traumwelt. Er hoffte sein Leben als Anwalt war der Traum, ein Alptraum aus dem er bald erwachen wĂŒrde.
Und genau das Gegenteil geschah. Eric war 32 Jahre alt, als er eines morgens nicht mehr aus seinen TrĂ€umen aufwachte. Er hat sich in der WĂŒste verirrt und ist verdurstet.

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