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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verflucht
Eingestellt am 20. 06. 2013 14:40


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Silberpfeil
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2013

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Der Angestellte wachte eines Tages auf und verfluchte Alles und Jeden. Er fluchte ├╝ber die Nachbarn, die das Tor des Nachts nicht geschlossen hatten. Er fluchte ├╝ber zu langsame Autofahrer auf seinem Weg zur Arbeit. Regnete es, so verfluchte er das Wetter, da sich bei N├Ąsse seine Haare kr├Ąuselten. Und immer wenn er fluchte, zog er die Augenbrauen zusammen.
An einem besonders hei├čen Morgen, nach einer besonders schw├╝len Nacht, war seine Laune besonders schlecht und er fluchte bereits ├╝ber den bellenden Nachbarshund, bevor er das Haus verlie├č. Kein Autofahrer war vor seinen Fl├╝chen sicher, er schoss sie ab wie Pfeile von einem Bogen.
Als er endlich in eine Stra├če bog, die frei von anderen Verkehrsteilnehmern war und sich gerade dar├╝ber freuen wollte, sah er in einiger Entfernung eine Person auf dem B├╝rgersteig auf die Fu├čg├Ąngerampel zugehen, den Finger ausgestreckt und jeden Augenblick auf den Knopf dr├╝ckend. Er verfluchte die Person, wollte sie zum Teufel jagen. Er hielt seinen Wagen an der roten Ampel und warf der Person einen hasserf├╝llten Blick zu, noch immer Gift und Galle spukend. Da bemerkte er, dass es sich um eine alte Dame handelte, vom Leben gezeichnet, auf einen Gehstock gest├╝tzt, die Haut runzelig. Doch ihr Gesicht so lieblich, beinahe engelsgleich, trotz der Falten. Sie sah zufrieden aus.
Der Angestellte fragte sich wieder und wieder, weshalb die Frau zufrieden aussah. Ihm fiel beim besten Willen kein Grund daf├╝r ein. Er f├╝hlte sich schuldig, da er sie verflucht hatte. Auch sp├Ąt am Abend lie├č ihn der Gedanke an sie nicht los und er musste erkennen, dass er neidisch auf sie war.
Und so betrachtete er sich zum ersten Mal seit langer Zeit ausf├╝hrlich im Spiegel. Er blickte in sein Gesicht und fragte sich, wer der Mann war, den er dort sah. Ein ewig genervtes Gesicht mit einer Zornesfalte zwischen den Brauen. M├╝de, stumpf aussehende Augen, die jeglichen Glanz l├Ąngst verloren hatten. In der Nacht w├Ąlzte er sich hin und her, kaum imstande Ruhe zu finden.
Am n├Ąchsten Tag nahm er sich vor, nicht so viel zu fluchen. Er gr├╝├čte freundlich seine Nachbarin, die ihn jedoch nicht beachtete. Er hielt sich an die Geschwindigkeitsbeschr├Ąnkung, obwohl der Autofahrer hinter ihm wild tobte und dicht auffuhr. Er kochte Kaffee f├╝r seine Kollegen, doch Niemand r├╝hrte die Kanne an. Da erkannte der Angestellte, dass kein Mensch ihn leiden mochte. Selbst Freunde und Familie hatten sich l├Ąngst von ihm abgewandt.
Von Tag zu Tag wuchs seine Einsamkeit und er merkte, wie sehr ihm die N├Ąhe zu anderen Menschen fehlte. Er wurde verbittert, kehrte in sein altes Muster zur├╝ck und fluchte erneut ├╝ber Alles und Jeden.

Im Winter dann, an einem besonders nasskalten Morgen, sah er erneut die alte Frau. Trotz Schirm peitschte der Wind ihr den Regen ins Gesicht. Doch sie lie├č sich vom Wetter nicht abhalten. Sie ging ihren Weg und wie zuvor hatte sie einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht.
Die Neugier des Angestellten war geweckt. Er wollte wissen, wohin ihr Weg sie f├╝hrte. So parkte er sein Auto und folgte ihr. Sie betrat ein Haus mit einer roten T├╝r. Er fand keinen Hinweis darauf, was sich in dem Haus befand, stellte aber er fest, dass die T├╝r nicht verschlossen war. Am Ende des Flurs war ein gro├čer Raum, aus dem ihm viele Stimmen entgegen schallten. Darin bot sich ihm ein Spektakel, von dem er bisher nur geh├Ârt hatte. Er war in einer Suppenk├╝che gelandet. ├ärmlich aussehende Menschen warteten in Schlangen stehend darauf, von netten Damen eine warme Mahlzeit zu bekommen. Die alte Frau zog ihren Mantel aus, legte ihren Schal ab und begr├╝├čte herzlich die anderen Damen. Sie arbeitete also hier.
Alle Frauen waren freundlich und zuvorkommend, behandelten die Menschen mit Respekt und H├Âflichkeit. Der Angestellte war fasziniert und beobachtete sie eine Weile bei ihrer Arbeit. Er blieb im Hintergrund, sprach mit Niemandem, denn er wollte in Ruhe nachdenken.
Die Vibration seines Mobiltelefons riss ihn schlussendlich aus seinen Gedanken. Sein Vorgesetzter fragte wutentbrannt, wo er stecke. Und so fuhr der Angestellte zu seinem Arbeitsplatz, betrat das B├╝ro seines Chef`s und k├╝ndigte, denn er w├╝nschte sich f├╝r die Zukunft ein Leben ohne permanenten Zeitdruck, ohne Terminvorgaben und ohne cholerischen Chef. Vor allem aber wollte er nicht mehr fluchen, sondern andere Menschen durch Herzensg├╝te erfreuen.

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