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Leselupe.de > Kurzgeschichten
VergangenheitsSchnipsel
Eingestellt am 20. 06. 2002 22:13


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Miss_Geschick
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Schwarz

Wie lange kann eine Frau widerstehen, wie lange?

Unz├Ąhlige Male offenbarten wir uns in Briefen und Telefonaten, solche, die keine waren, sondern mir weis machen sollten, dass wir uns unterhielten. Ich f├╝hlte mich verloren, ja verloren "...verstehst du das?"

Er sagte keinen Ton.

Nie sagtest du etwas, nicht mal am Telefon. Stunden ├╝ber Stunden verbrachte ich auf dieser Tankstelle, ging mit dir die Zeitungsregale durch, wir lasen den Spiegel, die Gala, die FAZ, die Bravo, hahaha, wir lachten und dachten - am Telefon - und die Tageszeitung, die WAZ, frisch aus der Druckerpresse. Schwarze H├Ąnde hattest du, ich sah sie. Sie waren so schwarz wie der H├Ârer deines Telefons, die Muttermale auf deinem Hintern, die Flecken auf deiner Lunge und die L├Âcher deiner Seele. Schwarz war auch die Nacht, jede Nacht, die wir mit nichts anderem verbrachten, als uns Zeit zu geben, Zeit f├╝r...f├╝r was eigentlich?!

Doch deine Stimme, deine H├╝lle und dein Charme, deine Haare, dein Lachen und dein R├╝cken, ja, dein R├╝cken war wei├č. Alles was ich sah, war wei├č, was ich sp├╝rte, war Loch. Ein verschlingendes, schwarzes Loch. Du warst ein Loch und zogst mich mit jedem Wort weiter in dich hinein, obwohl du nichts sagtest. Zwei Jahre verbrachten wir mit dem Nichts, den Entschuldigungen, der Leere und dem Skorpion, der Jungfrau traf. Du warst in einer schwierigen Phase, jaja, eine Phase, die dein ganzes Leben anhalten sollte. Du suchtest Antworten und glaubtest sie damals in der Esoterik zu finden. Heute bekam ich eine kleine Pyramide, gestern war es ein Stein und morgen sollte es ein Buch sein. "Ich bin so; ich wurde in mich hinein geboren, nicht zum letzten Mal, frag bitte nicht.", sagtest du mir immer dann, wenn ich deine Isolation nicht mehr aushielt.
Bis zu diesem Satz lagen schon viele Monate hinter uns, in denen wir versuchten eine Entfernung zur├╝ckzulegen, die man in neun Leben nicht bew├Ąltigen konnte. Was fiel mir also ein, es mit einem Leben zu versuchen. Wie sollte mir das gelingen, wenn du vor mir standst und auf vier Leben zur├╝ckblicktest, w├Ąhrend ich mir im Spiegel meine Endzeit betrachtete.

Wie lange kann eine Frau dir widerstehen, wie lange?

Du warst immer einsam, immer, aber allein wolltest du nicht bleiben. Auf Abruf sollte ich deiner Existenz einen b├╝rgerlichen Glanz verleihen, dir ein St├╝ck von dem geben, was du tags├╝ber wehm├╝tig in den Stra├čen und Parks sahst. Zweisamkeit. Diese Bilder spazierender P├Ąrchen, eng umschlungener Leiber, gemeinsamer Eink├Ąufe oder einfach nur einen ruhigen Schlaf, ohne sich ein w├Ąrmendes Komplement schwitzend zu ertr├Ąumen, ja, diese Bilder lie├čen dich einen kleinen Moment dem hinterher eifern, was mir selbstverst├Ąndlich erschien. Doch dir war es schon zu viel, wenn man dich ansprach. Hinter jedem Wort vermutetest du eine Finte, eine Frage oder eine Unterstellung. Stundenlang konnten wir ├╝ber andere reden, uns mit Belanglosigkeiten die langweiligen N├Ąchte in deiner gottverdammten Tankstelle um die Ohren schlagen, doch nur ein Wort, eine Geste oder ein Blick in deine innere Richtung lie├č dich verstummen, beinahe trotzig werden. Schon warst du wieder zugekn├Âpft und straftest mich mit tagelangem Schweigen ab. St├Ąndig ging das so, kaum waren wir an einem Punkt, an dem ich so etwas wie deine Hand auf meinen Bauch sp├╝rte, verkrochst du dich in dein Schneckenhaus, um ein paar Tage sp├Ąter wieder von vorne anzufangen. Immer wieder nahm ich mir vor, dich zu verw├╝nschen, dich nicht anzurufen, dich zu vergessen und dich in deinem Schwarz ertrinken zu lassen. Doch du kanntest meine Schmerzgrenzen und kurz bevor ich von dir abzuspringen drohte, klingelte wieder das Telefon oder hielt einen Brief von dir in H├Ąnden.

Und dein Wei├č. Wie sich die Menschen mit deinem aufgesetzten Wohlwollen schm├╝ckten, wie sie versuchten sich in dein Licht zu stellen, wie unaufdringlich charmant und freundlich du warst, wie unverbindlich liebreizend. Wie du in deiner Musik aufgingst. Blues. Das war deine Ausdrucksform. Wie oft sah ich dich auf der B├╝hne und dachte in der Stille "Er ist bunt, er kann nur bunt sein." Doch du schm├╝cktest dich nur mit Farben, damit keiner anfing Fragen zu stellen; in Scharen liefen dir die Frauen hinterher, doch keine bekam dein Schwarz, nur dieses Wei├č, deinen R├╝cken. Wieso ausgerechnet ich. Wieso hast du mich nicht einfach in Ruhe gelassen. Du wolltest ein St├╝ckchen Farbe jenseits der B├╝hne und des Rampenlichts, aber zu deinem Preis, egal, was es mich kosten sollte. Du hattest nicht mal eine Ahnung, wie ich mich verfl├╝ssigte, um wenigstens dein Schwarz zu bekommen. Du warst Viper und Natter, das Gift, die Falle, und ich die Maus. Die Pyramide, wei├čt du noch? Wie sollte ich zu deiner Grabkammer gelangen und wieso schicktest du mich immer wieder auf den Weg, du mumifiziertes Etwas. Wirklich nur ├╝ber meine Leiche? Wie lange musste ich dir noch widerstehen, bis zu meiner Endzeit?

Als eine Frau nicht widerstand und Schwarz sah...

Und wieder ein Auftritt von dir. Der Wirt ein Alkoholiker. Schon nachmittags bauten wir die B├╝hne auf und st├Ąndig wurde uns Tequila gereicht. Der Ablauf des Abends war uns lange bekannt; Auftritt, anschlie├čende Party und dein Bett. Unausgesprochen. Angeduselt f├╝llte sich gegen 20 Uhr das Lokal und du standest hinter der K├╝chent├╝r, um einen neugierigen Blick auf das weibliche Publikum zu werfen. Wei├čt du eigentlich, wie eitel du warst und wei├čt du, was mich bis heute noch zornig werden l├Ąsst? Ich stand mit den selben gierigen Blicken vor der B├╝hne. Ja, anfassen wollte ich dich, nicht mehr nur nicht reden oder unverbindlich schreiben. Ich bildete mir ein, dass da mehr war. War es auch, aber du warst Skorpion und ich musste mir dieses Alibi zur Selbstverst├Ąndlichkeit hochstilisieren, auch wenn ich es als das sah, was es war - eine simple Umschreibung f├╝r deinen fortw├Ąhrenden R├╝ckzug, ein Halt, ein Stop, ein "Du bist mir gerade zu viel". Viel schlimmer noch, du hast alles daran gesetzt, dass ich mich in die selben Tore fl├╝chtete; hast mir Esoteriker und Astrologen auf den Hals gehetzt, wolltest st├Ąndig meine Geburtsstunde wissen, um heimlich Nachforschungen anzustellen. Ich sollte begreifen, wie aussichtslos unser Unternehmen war, eines dieser spazierenden Paare zu werden, die den n├Ąchsten Morgen zusammen aufwachen, um gemeinsam einen weiteren Tag zu planen. War es nicht eine Genugtuung, als du erfuhrst, dass mich ein L├Âwe gl├╝cklich machen sollte? Heute wei├čt du, dass der L├Âwe ein schlimmerer Skorpion war, als du je sein k├Ânntest.

Nach dem Konzert feierten wir noch eine Weile und du bestandst darauf, dass ich bei dir n├Ąchtige. Die B├╝hne sollte erst am n├Ąchsten Mittag abgebaut werden und so hatten wir noch Mu├če zwei Bier in vertrauter (?) Zweisamkeit zu trinken. Wie an einer Schnur gezogen, bestimmtest du meinen Kurs. Wir landeten programmiert im Bett, nachdem du den Kohleofen f├╝r unsere Nacktheit angeheizt hattest. Eine weitere Episode, eine weitere Nacht, nach der du dich wieder Tage nicht melden w├╝rdest. Vorsorglich stand da noch eine volle Kanne Briketts f├╝r den ern├╝chternden Morgen und so gab ich mich ein weiteres Mal erst deinem R├╝cken, dann in deine H├Ąnden, ├╝ber deinen Hintern und schlie├člich dem Schwarz hin. In diesen Augenblicken dachtest du "Ich bin fast ├╝berzeugt, sie ist es. Sie muss einfach die Frau sein, die durch Wort und K├Ârper meine Erektionen ausl├Âst" Erst im klaren Zustand der D├Ąmmerung ├╝berkam dich die Farbe. D├Ąmmerung, die stets ein Rausch von kurzer Dauer war, ob Musik oder Alkohol, ob eine traumlose Nachtstunde oder ein kurzer Blick aus deinem Loch. Ich sp├╝rte dich mit deinem ganzen K├Ârper in mich eindringen, wir fingen an uns hin und her zu wiegen, wir sprachen durch unsere Haut, und ich bedauerte mit einem leisen Gedanken schon fast deine morgigen Schranken. Wie hieltst du ihn nur aus, diesen permanenten Druck? Doch etwas war anders als sonst. Wir liebten uns, und wie wir uns liebten. Durch deine ganze Wohnung liebten wir uns; mir schien als w├╝rdest du jede Pore ├Âffnen, so, als wenn nicht ich mich in dich ergoss, sondern du dich in mir aufl├Âstest.

Als ich aufwachte, sah ich Rot in deinem Gesicht. Du warst voller Blut und eine Platzwunde zierte deine Nase. Ich ging ins Bad und auf dem Weg dorthin stolperte ich ├╝ber Schwarz. Die Kohlen lagen verstreut durch die ganze Wohnung, an den T├╝rrahmen klebte Blut. Auch im Bad schien sich ein Drama abgespielt zu haben. Dein Lebenssaft, wo man hinschaute.

Du warst also doch sterblich.

"Hast du mich heute nacht absichtlich verletzt?" , war deine Frage, als du deine H├╝lle in kleinen Spritzern auf jedem M├Âbelst├╝ck vorfandst.
Der Ofen war aus, die Nacht vorbei und es war warm?!

Und die Frau begann L├Âcher zu lieben...

Nun standest du also vor mir, neu eingekleidet, du zogst die Vorh├Ąnge in deiner Wohnung auf, fingst an die Kohlen durch die Zimmer zu kegeln, als wenn du deinem Schwarz den langersehnten Laufpass geben wolltest. Wir fr├╝hst├╝ckten zusammen, das erste Mal, w├Ąhrend wir vorher aus unseren Wohnungen fl├╝chteten, um nicht auf das zur├╝ckzublicken, was uns an die Nacht erinnerte. Du in deine Wohnung, ich in meine, bevor der andere aufwachte. Nach anf├Ąnglich versch├Ąmten Schweigen ├╝ber das, was uns widerfuhr, begannen wir zu plappern. Plappern ist gar kein Ausdruck, wir ├╝bersch├╝tteten uns mit Worten, w├Ąhrend wir eine Tasse Kaffee nach der anderen tranken, deinen gesamten Brotvorrat verzehrten und die Margarine im sich st├Ąndig erhitzendem Redeschwall langsam dahin schmolz. Erst nachdem auch die letzte Scheibe K├Ąse verzehrt war, die Zigaretten sich dem Ende neigten, beschlossen wir einzukaufen. Einkaufen! Um zum nahegelegenen Einkaufscenter zu gelangen, mussten wir durch den Park...spazieren. Spazieren! Und als wir so durch den Park gingen, nahmst du mich an die Hand. Hand! Sie war warm und rosig. Zweisamkeit!

Die ganzen Monate arbeiteten wir auf diesen einen Augenblick hin, so schien es mir. Schon l├Ąngst waren wir ein Paar, ohne es bis zu diesem Augenblick zu begreifen; was taten wir uns alles an, wie viel Leid und Freude hatten wir uns schon zugemutet, wie ausdauernd unser stetiges Umschw├Ąrmen und Verfluchen. Unz├Ąhlige Tr├Ąnen flossen in beide Richtungen, so viele, dass sie f├╝r Trennungen eines ganzen Leben reichten. Mein Leben. Wie hielt ich das nur aus und wie konntest du es, wo du nur im Stillen weintest. Ich wischte die Vergangenheit weg, so wie dein Gesicht an Farbe zunahm. Selbst deine Muttermale schienen im Tageslicht zu leuchten; st├Ąndig glitten meine Finger ├╝ber deine Haut, um mich zu vergewissern, dass du da warst, nicht am Telefon, nicht in der Tankstelle, nicht in Briefen und nicht nachts. Ab und zu schautest du mich ungl├Ąubig an, nahmst meine Hand und legtest sie auf deine Brust, ohne ein Wort. Gespenstig sch├Ân.
So vergingen Wochen im Fluge, in denen wir das waren, was du mir monatelang auszureden versuchtest; ich brauchte deine Konzerte nicht mehr fortw├Ąhrend besuchen, um dich in Farben zu erleben; ich sah nicht mehr die Frauen, die vor der B├╝hne standen und du schautest nicht mehr durch die K├╝chent├╝ren, um dich begehrt zu f├╝hlen. Doch eines Tages kam ich in deine Wohnung und die Vorh├Ąnge waren zugezogen.

Als eine Frau Angst vor Schwarz bekam...

Ich ging durch die Wohnung und mir war, als wenn jemand mein Herz in der Hand hielt und zudr├╝ckte. Das Telefon. Und ich sagte mir nein, nehme blo├č nicht den H├Ârer ab und w├Ąhle die Nummer dieser Tankstelle. Ich sah das Papier auf deinem Schreibtisch und sagte mir nein, nehme blo├č keinen Stift in die Hand und schreibe. Ich sah meinen Autoschl├╝ssel und...fuhr zu dir. Als ich an den Zapfs├Ąulen vorbei direkt vor deinem Fenster parkte, hattest du wieder diesen Ausdruck im Gesicht. Eine Weile, wahrscheinlich nur Sekunden, blieb ich unbeweglich sitzen und starrte dich an. Du sagtest nichts. Ich startete mein Auto und fuhr so weit weg, wie ich konnte. Wieder sollten Monate folgen, in denen wir uns aufrieben, in denen du mir dein Schwarz nach Belieben anbotst und ich die Wohnung vor deinem Erwachen verlie├č. Oder umgekehrt. Und ich sagte Nein. Nein, dass du mein Leben ├╝bernimmst und dich von meinem Blut ern├Ąhrst, Nein, dass du meinen Liebes- und LebensRhythmus bestimmst, Nein, zu deinem Wohlwollen auf Zeit, Nein zu dir und dem Schwarz und...Ja zu mir, Ja zu meinem K├Ârper, der nur einem Leben standhielt und verg├Ąnglich war, Ja zu dem Rest Herz, dessen Genesung von einer sofortigen Entscheidung abhing, Ja zu Farben, die nie deine waren.

Wir gingen auseinander, f├╝r eine Weile, ohne uns zu verlieren. Jeder seines Weges in die Arme anderer Partner; wei├čt du noch als wir vier uns spazieren gehend im Park trafen? Wir schmunzelten. Und wir schmunzeln heute immer noch. Was wir hatten oder nicht ist unwiederbringlich und unvergessen; wir zehren aus dieser Zeit und n├Ąhren die Hand in unserer Hand. Wir saugen nicht mehr aus. Verstehst du?

Wie lange kann eine Frau widerstehen, wie lange?

Und sie widerstand nie mehr...

den L├Âchern.

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