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Vergesst die Bibel! - Die andere Geschichte des Menschen
Eingestellt am 27. 03. 2008 17:28


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
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Vergesst die Bibel! – Die andere Geschichte des Menschen

Aber klar doch: die Bibel ist eines der großen literarischen Werke der Menschheit. Und sie erzählt eine bewegende Geschichte: Wie ein Stamm von Bauern und Hirten um sein Überleben und um den Bund mit seinem Gott ringt. Eine imposante Kulturleistung eines kleinen Volkes – jenseits von militärischen Erfolgen und politischer Macht.
Die Bibel ist ein Schatz der Menschheit.

Die Bibel als große Erzählung
Aber die Bibel hat für uns weit mehr Bedeutung, sie ist viel mehr als nur ein literarisches oder geschichtliches Werk. Sie und die gesamte christliche Überlieferung haben uns seit zweitausend Jahren auch die Welt erklärt. Sie hat uns mitgeteilt, wie die Welt einmal entstanden ist und wie sie einmal enden wird, woher wir Menschen kommen, wohin wir gehen und wie wir leben sollten.
Damit hat sie die Existenzfragen der frĂĽhen Menschen, die auch fĂĽr uns die groĂźen Fragen geblieben sind, beantwortet. Sie hat unseren Vorfahren einen festen Rahmen fĂĽr ihr Dasein auf dieser Welt, fĂĽr ihr Denken und Handeln gegeben.
„Große Erzählungen“ nennen manche Geschichtsphilosophen solche erzählerischen Überlieferungen, die dem Leben in einer Kultur eine übergeordnete, oft auch mythische Bedeutung geben. So spricht man beispielsweise auch von einer „großen Erzählung“ der deutschen Nation, in der etwa die Nibelungen-Sage, Armin der Cherusker, Kaiser Barbarossa und Martin Luther eine Rolle spielen.
„Groß“ ist eine große Erzählung, weil sie wirkmächtig ist. Sie hält die Überzeugungen, Rituale, Träume und Lebensentwürfe einer Gesellschaft zusammen; sie bildet den Rahmen, innerhalb dessen die Menschen sich zusammengehörig fühlen.
Die größten aller großen Erzählungen sind freilich die religiösen Überlieferungen der verschiedenen Kulturen, die verbindender und verbindlicher sind als die nationalen Mythen. Alle Kulturen haben eine religiöse große Erzählung hervorgebracht. Daraus erschließt sich, dass zumindest der frühe Mensch ohne eine solche nicht leben konnte.
Die religiösen Erzählungen sind durchaus verschieden, da sie ja in verschiedenen Umwelten „ausgedacht“ wurden. Aber wohl alle erzählen von Anfang und Ende der Welt, von übergeordneten Mächten und davon, wie sich der einzelne Mensch verhalten sollte. So können die Menschen ihr Leben in einen höheren Sinn einordnen.
Unsere abendländische Kultur hat sich um die große Erzählung der christlichen Religion herum formiert. Die bildende Kunst und die Musik ganzer Jahrhunderte standen in ihrem Dienst. Unsere Feste und Feiern, unsere Bräuche und Rituale sind in sie eingepasst. Bis in die jüngste Vergangenheit orientierten die Menschen sich in ihrer Welt mit Hilfe der christlichen Überlieferung.

Verfall der Orientierungsfunktion
Heute leben wir immer noch in den Kulissen des christlichen Lebensentwurfes. Wir feiern immer noch Ostern und Pfingsten. Aber immer weniger Menschen wissen, was diese Feste einmal bedeutet haben – etwa so, wie wir für Flüsse und Berge keltische Namen benutzen, ohne ihre Bedeutung zu kennen.
Die Verbindlichkeit des christlichen Weltbildes zerfällt.
Die geordnete Erklärung des menschlichen Lebens – dass wir von Gott erschaffen wurden, nach seinen Regeln leben sollten und uns nach unserem Tod dem Jüngsten Gericht stellen müssen – wird weithin nicht mehr anerkannt, fast möchte ich sagen, nicht mehr ernst genommen.
Woran das liegt, kann man sich leicht erklären.
Die religiösen Erzählungen sind ja im Kern viel älter als die Bibel. Sie gehen auf Zeiten zurück, in denen der Mensch sich seiner Lebenssituation bewusst wurde und sich hilflos fühlte wie ein Kind. Er war umstellt von Gefahren, von Krankheiten und Seuchen, Blitz und Donner, Hunger und Kälte, auch von wilden Tieren, die ihm nach dem Leben trachteten. Er musste auch mit sich selbst ins Reine kommen, mit seinen Trieben und Ängsten, die er nun bewusst wahrnahm.
In dieser Situation, die ihn erschreckte und verunsicherte, erklärte er sich die Welt nach den Erfahrungen seiner Kindheit, in der er Schutz und Sicherheit bei seinen Eltern gefunden hatte. Er konnte sich die Natur nicht anders vorstellen als mit Göttern und Geistern, welche die Macht über alle Lebewesen ausübten, die ihn bestraften und belohnten, denen man gehorchen musste wie einst den Eltern, wenn man ihren Schutz gewinnen wollte.


Diese Mächte entschieden darüber, wie sich die Natur gegenüber den Menschen verhielt. Krankheiten und Unwetter waren eben Strafen, eine glückhafte Jagd eine Belohnung. Man konnte versuchen, sich mit den Mächten gut zu stellen – beispielsweise durch Opfer, die wohl in allen religiösen Traditionen eine zentrale Rolle spielten. Damit konnte man etwas tun, man war nicht mehr hilflos ausgeliefert.
Über diese archaischen Ursprünge ist die christliche Lehre zwar in den vergangenen Jahrtausenden hinausgewachsen. Aber die Idee des Allmächtigen, die Engel und Teufel, das Jüngste Gericht, Paradies und Hölle sowie die unzähligen Wunder sind nach wie vor Kern der christlichen Lehre. (Noch heute muss nachgewiesen werden, dass der Wojtyla-Papst ein Wunder vollbracht hat, damit er seliggesprochen werden kann.)
Genau diese Elemente können viele Menschen heute nicht mehr nachvollziehen. Sie fühlen sich nicht mehr in der hilflosen Situation des frühen Menschen, die dieser nur durch magisches Denken überwinden konnte. Sie glauben nicht mehr an Wunder und auch nicht an die Hölle. Der Teufel ist nur noch eine literarische Figur. Erbsünde, Wiederauferstehung, Ausgießung des Heiligen Geistes – damit können viele Heutige einfach nichts mehr anfangen. All das passt nicht mehr in das moderne Weltbild.
Eine große Erzählung kann nur funktionieren, solange sie dem Weltbild der Menschen nicht offen widerspricht. Das war auch nicht der Fall, als die großen Erzählungen der Religionen entstanden. Wunder und Geister hatten damals einen festen Platz im Weltbild der Menschen. Heute sind das Wissen und die Erfahrung der Menschen über das Weltbild der Bibel hinausgewachsen.
Die religiöse Überlieferung kann nicht mehr die Funktion einer großen Erzählung ausüben.
Eine andere große Erzählung, eine, die von der Wissenschaft geschrieben wird, hat sie verdrängt. Wie sieht diese neue Erzählung im Vergleich zur Bibel aus?

Erde und Weltall
Der den Menschen erschaffen hat, der hat auch die Welt gemacht – und zwar für niemanden anders als eben für uns Menschen. Ein Garten Eden, ein Paradies, bestückt mit Pflanzen und Tieren, umkränzt von Sonne, Mond und Sternen. Im Mittelpunkt der Mensch, um den sich buchstäblich alles dreht. So stellen es wohl alle religiösen großen Erzählungen dar.
Wie sollten sie auch anders? So war die Sichtweise des frühen Menschen auf seine Umwelt – so wie auch Kinder alles auf sich beziehen, was rundherum vor sich geht.
Erst in den letzten Jahrhunderten nach mindestens 40 000 Jahren Religionsgeschichte sank dieses Bild der Welt in sich zusammen. Der erste Schock war die Erkenntnis, dass die Sonne sich gar nicht um die Erde dreht, sondern umgekehrt. In der Folge war die Erde nicht mehr der Mittelpunkt des Weltgeschehens, sie war nur noch ein Trabant eines Sternes von den Milliarden Sternen, die wir am Himmel sehen.
Heute weiß man, dass es nicht nur jede Menge anderer Sonnensysteme gibt, sondern auch andere Galaxien, nicht etwa Hunderte oder Tausende, sondern einige hundert Milliarden, soweit man sie mit modernen Teleskopen ausmachen kann. Die Erde liegt in diesem Universum gleichsam unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Sie ist ein Krümel im Weltall, ein Sandkorn in der Wüste. Es würde das Universum nicht im Geringsten stören, wenn es sie nicht gäbe.
Aber nicht nur, dass die Erde ein unbedeutender Trabant, verloren in den unermesslichen Weiten des Universums ist, sie hätte damals, als sie angeblich für ihn erschaffen wurde, auch gar nicht vom Menschen bewohnt werden können. Im Gegenteil: Sie war ein wüster unwirtlicher Ort. Keine Spur von einem Garten, kein Grün, kein Vogelgezwitscher, tatsächlich überhaupt kein Leben. Die Menschen hätten dort weder atmen noch essen können. Es gab kaum Sauerstoff und überhaupt kein Gemüse.
Es sah wirklich nicht so aus, als sei die Erde fĂĽr die Menschen geschaffen worden.
Und die Erde blieb so wüst – für Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrmillionen. Erst nach etwa einer Milliarde Jahren begann das Leben zu keimen und durch die nächsten Milliarden Jahre entstand langsam eine Umwelt, in der der Mensch leben konnte.
Nun also kam er, als die „Krone der Schöpfung“, der jetzt sein Reich beziehen konnte. War es also eine Schöpfung mit eingebauter Verzögerung?
Wohl kaum. Es sind keinerlei Anzeichen erkennbar, dass der Auftritt des Menschen etwas Geplantes, Zwangsläufiges war. Wir können die Entwicklung des Lebens nicht als eine Geschichte erkennen, die auf das Endziel Mensch angelegt war. Die Evolution ist viele Wege gegangen, und dass dabei der Weg zu unserer Art erfolgreich war, das mutet eher wie Zufall oder meinetwegen Glück an.
Die Erde war ja immer noch kein Garten, als unsere frühesten Primaten-Vorfahren mit der Entwicklung begannen, die zum Menschen führte. Gewaltige Eruptionen aus ihrem Innern sowie Einschläge aus dem Kosmos brachten oft genug das gesamte Leben auf der Erde ins Wanken. In arktischen Bohrkernen hat man beispielsweise Hinweise auf einen sechsjährigen Winter gefunden. Da war es hart zu überleben. Entsprechend haben so um die 99% aller Arten im Laufe der Zeit ihren Überlebenskampf verloren. Sie starben aus.
Ein Meteorit zur unrechten Zeit am unrechten Ort, eine langjährige Klimakatastrophe durch Vulkanausbrüche und nachfolgende Verdunklung oder auch nur ein kräftiger Virus in der Frühgeschichte unserer Art – und die Geschichte des Menschen wäre zu Ende gewesen, bevor sie begonnen hatte. Unseren nächsten Verwandten, u.a. dem Neandertaler, ist es genauso ergangen.
Wir haben überlebt, vielleicht auch nur, weil die letzten 4 Millionen Jahre ein günstiges Zeitfenster waren. Jedenfalls sieht das alles nicht sehr nach Planung oder Vorsehung aus. Viel eher drängt sich der Eindruck auf, wir hätten eben Glück gehabt. Und warum eigentlich auch nicht?
Dass wir nun gerade auf der Erde und nicht auf einem anderen Himmelskörper sind, auch das sieht eher nach Zufall aus. Seriöse Wissenschaftler haben hochgerechnet, auf wie vielen Planeten im Weltall Leben hätte entstehen können. Auf wie viele sind sie wohl gekommen? Zwei, drei oder ein Dutzend? Nein, allen Ernstes meinen sie, dass wir auf 1 Million anderen Planeten hätten heimisch werden können (wo es vielleicht auch tatsächlich Formen von Leben gibt).
Hier sieht man noch einmal, wie wahrhaft unermesslich das Weltall ist.

Der Bibel war es wichtig, dass die Welt einen Anfang und ein Ende hat (wiederum wohl, weil das unseren menschlichen Erfahrungen entspricht). Ein irischer Erzbischof machte sich um 1650 sogar die Mühe, alle Angaben der Bibel bezüglich der zeitlichen Abläufe auszuwerten, um den Anfang der Welt möglichst genau zu berechnen. Er kam auf den 23. Oktober 4004 vor Christi. An diesem Tag zu Mittag wurde die Erde geschaffen.
Zweifellos ist das eine Angabe von groĂźer Genauigkeit!
Die Wissenschaft geht heute von einem Alter der Erde von etwa 5 Milliarden Jahren aus, während das Universum schon etwa 15 Milliarden Jahre bestehen soll. Das wäre der Zeitpunkt des sogenannten Urknalls.
Ob das aber wirklich ein Anfang war, ist fraglich. Einige Wissenschaftler nehmen an, dass es vor dem letzten Big Bang schon einen und noch einen und noch einen gegeben hat. Ein ewiges Ausdehnen und Zusammenschnurren, Ausdehnen und Zusammenschnurren. Ein atmendes Universum – irgendwie eine schöne Vorstellung! Allerdings dauert jeder Atemzug Jahrmilliarden. Und mittendrin in einem winzigen Bruchteil des Atemzuges sitzen wir und machen uns Gedanken über Anfang und Ende!
Würde das Universum so funktionieren, dann hätte es keinen Anfang und kein Ende. Es ist einfach da, war immer da und wird immer da sein, es endet nirgends – weder im Raum noch in der Zeit. Es gäbe keinen Anfang und kein Ziel.
Die Fragen nach Anfang und Ende entsprechen dem Lebens- und Gedankenhorizont des Menschen, und deswegen mussten die religiösen Erzählungen auch Antworten darauf geben. Aber es ist wohl nicht klug, das Universum mit menschlichen Vorstellungen erfassen zu wollen.
Ist das Universum das Ergebnis eines Planes? Gibt es einen Schöpfer von außerhalb, wie er für die Bibel so wichtig ist? Das wissen wir nicht. Aber dass es keine Schöpfung nach den Vorstellungen der Bibel gab, das wissen wir. Der gemütliche Garten der Bibel, dessen Tiere man in einer Arche unterbringen konnte – das war nicht die Welt, auf der wir lebten und leben.
Wir sind vielmehr in einen unermesslichen Raum geworfen worden, in dem sich niemand um uns kümmert. Wohl jeder spürt ein Gefühl von Kälte und Verlorenheit angesichts dieser Wirklichkeit des Menschen. Man kann unsere Ahnen gut verstehen, die sich ein Bild der Welt entwarfen, das soviel wärmer, gemütlicher und überschaubarer war – und in dem man sich zuhause fühlen konnte.

Der Mensch – Krone der Schöpfung?
Da der frühe Mensch alles auf sich bezog und sich folglich als etwas Besonderes empfand, ist es eigentlich kein Wunder, dass die Bibel den Menschen zur Krone der Schöpfung erklärte – als einen abschließenden Geniestreich des Schöpfers, für den er nur einen einzigen Tag brauchte. Demnach sind wir „fertig“ auf die Welt gekommen – ein Werk aus einem Guss.
Heute wissen wir zwar, dass es immerhin etwa 3,5 Milliarden Jahre dauerte, bis aus den Anfängen des Lebens über Millionen von Zwischenstufen der Mensch entstand. Aber immer noch sehen wir es gern so, dass die ganze Evolution keinen anderen Zweck hatte, als eben uns hervorzubringen. Die Evolution wäre dann ein Geschehen, das folgerichtig und zwangsläufig nur im Menschen sein Ziel erreichen konnte.
Nach allem, was wir wissen, war das nicht so. Die Evolution hat keine Ziele. Sie geht viele Wege, probiert vieles aus. Millionen von unterschiedlichen Arten hat sie geschaffen, und viele Arten haben Fähigkeiten, welche die des Menschen weit übertreffen. Fast alle großen Säugetiere sind stärker und schneller als wir. Albatrosse können besser fliegen und Delfine besser schwimmen. Die Augen eines Adlers und der Geruchssinn eines Hundes sind unseren Sinnen haushoch überlegen. Viele Tiere können Töne hören und Farben sehen, die wir gar nicht wahrnehmen. Fledermäuse können sogar Radar einsetzen, und Zugvögel können weit besser navigieren, als Menschen es mit ihren natürlichen Sinnen könnten.
Warum haben wir Menschen nicht diese fantastischen Eigenschaften, die schärfsten Augen und Ohren? Warum haben wir nicht von allem das Beste, wenn wir die Krone der Schöpfung sind? Im Gegenteil ist der Mensch äußerst mangelhaft an seine Umwelt angepasst. Die Anthropologen bezeichnen ihn als „Mängelwesen“. Ein Mängelwesen als Krone der Schöpfung!
Überhaupt sind wir nicht das Design-Produkt aus einem Guss, als das die Bibel uns sehen will. Wir schleppen immer noch eine Menge von Ballast aus früheren Entwicklungsstufen mit uns herum, denn die Evolution tauscht nichts aus, sie baut immer nur um. Es ist bekannt, dass Embryos zeitweise „Kiemen“ wie Fische und seitlich gestellte Augen wie Reptilien haben.
Auch unser Rücken hat sich immer noch nicht ganz daran gewöhnt, dass er jetzt zu einem Zweibeiner gehört. Wer hat noch nie Rückenschmerzen gehabt? Immer noch wenden wir bei der Partnerwahl Kriterien an, die vor Tausenden von Jahren einmal sinnvoll waren. Immer noch stecken wir voll Aggression, die einmal für einen brutalen Existenzkampf entwickelt wurde. Immer noch reagieren unsere Streßhormone auf eine Weise, die für das Leben inmitten von Raubtieren geschaffen war und jetzt eher schädlich ist.
Dem Gehirn – das ist nun tatsächlich unser bestes Stück, welches wir mit keinem anderen Lebewesen tauschen wollen – merkt man immer noch an, dass es eine einzige Baustelle war. Wie beim Frankfurter Flughafen wurde immer wieder angebaut, um den neueren Anforderungen gerecht zu werden. Wie dort wurden die neuen Teile notdürftig mit den alten verbunden. So pfuscht immer wieder unser Zwischenhirn dem Großhirn dazwischen und wir müssen uns immer noch mit archaischen Antrieben in uns auseinandersetzen.
Wiederum herrscht der Eindruck: All dies sieht nicht nach Planung und Vorsehung aus. Es ist halt so gekommen.

Der Mensch – ein Gehirnwesen
Wenn er auch nicht der Zielpunkt der Schöpfung und nicht einmal der Evolution war, die Geschichte des Menschen ist abenteuerlich und wunderbar genug.
Und die Geschichte des Menschen ist eigentlich die Geschichte seines Gehirns und seiner wachsenden geistigen Fähigkeiten. Dies ist letztlich das Einzige und Entscheidende, das den Menschen aus der Welt der Lebewesen heraushebt. Nur dadurch konnten unsere Vorfahren ihre vielfältigen körperlichen Schwächen ausgleichen. Nur dadurch konnten sie im Kampf der Arten überleben.
Denn als sie ihr Leben in den Bäumen und Wäldern aufgeben mussten und in der freien Savanne lebten, da waren sie ihren Feinden und Nahrungsrivalen hoffnungslos unterlegen. Sie waren nicht so stark wie diese und sie waren, nun als Zweibeiner, auch nicht annähernd so schnell wie diese. Sie konnten weder vor Löwen flüchten noch konnten sie eine Gazelle einholen.
Außerdem waren sie an die Umweltbedingungen der Savanne, an Hitze, Kälte und Trockenheit überhaupt nicht angepasst. Sie hatten eigentlich keine Chance zu überleben. Nur ihre geistigen Fähigkeiten haben sie gerettet. Mit ihrer Hilfe konnten sie Feinde und Beutetiere austricksen, sich auch gegen die Unbilden der Natur behaupten.
Das Gehirn war ihr Ăśberlebensorgan.
Obgleich ihr Gehirn schon damals größer war als bei vergleichbaren Tieren, setzte ein enormes Wachstum der Hirnmasse ein, wie wir aus Schädelfunden wissen. Nach den Gesetzen der Evolution ging das selbstverständlich so vor sich, dass die Individuen mit den größeren Gehirnen die besseren Überlebenschancen und die meisten Nachkommen hatten. Längere Beine und stärkere Muskeln waren zwar auch gut, aber welchen Vorteil brachten sie schon gegenüber einem Löwen?
Das Gehirn zählte mehr.
Es wuchs allerdings in den Zeitmaßen der Evolution. Es dauerte so etwa zwei Millionen Jahre, bis es auf die gut dreifache Masse angewachsen war. Das ist trotzdem gewaltig, wenn man die notwendigen Veränderungen im Knochenbau, im Gefäß- und Nervensystem bedenkt.
Und warum wuchsen die Gehirne? Weil sie benutzt, weil sie dringend gebraucht wurden! Hier beginnt, was wir als die eigene Saga des Menschen bezeichnen können – erstaunlicher und aufregender als die Geschichte von Adam und Eva.
Mit dem Einsatz ihrer Intelligenz gelang es unseren Vorfahren nach und nach, ihre körperlichen Nachteile auszugleichen. Sie erfanden und fabrizierten Waffen, für die es in der Geschichte der Erde keine Beispiele gab. Sie bändigten das Feuer, mit dem sie Tiere verscheuchen, sich wärmen und später auch höherwertige Nahrungsmittel erzeugen konnten. Sie wurden erfolgreiche Jäger durch gemeinsame Planung und Zusammenarbeit bei der Jagd.
Sie waren so erfolgreich, dass sie sich weit über ihr Ursprungsgebiet verbreiteten. Über Hunderttausende von Jahren zogen unsere Primaten-Vorfahren mit Steinäxten bewehrt durch weite Teile Afrikas, Asiens und Europas.
Der unaufhaltsame Aufstieg zum modernen Menschen begann.
Aber es dauerte noch Hunderttausende von Jahren, bevor so etwas wie eine menschliche Kultur entstand. Kunst und Religion gibt es wohl erst seit etwa 50 000 Jahren. Vor etwa 10 000 Jahren zähmten die Menschen Tiere und erfanden die Landwirtschaft. Erst damit war die Voraussetzung für Dörfer, Städte und Zivilisationen geschaffen.
Die Menschen kamen nicht „fertig“ auf die Welt, und sie setzten sich nicht ins „gemachte Nest“, wie es die Bibel darstellt. Sie brauchten Hunderttausende, ja Millionen von Jahren, in denen sie sich durchkämpfen mussten, um das zu entwickeln, was wir heute als kennzeichnend für den Menschen ansehen.
Die Gene unserer Vorfahren leben in uns weiter; in den letzten 100 000 Jahren haben sie sich kaum verändert. Wir können unser Menschsein nicht verstehen, wenn wir dieses Erbe nicht erkennen und anerkennen.

Der Mensch erkennt sich selbst
Irgendwo in dieser langen Vergangenheit der Entwicklung zum Menschen vollzog sich der fundamentale Schritt in dieser Entwicklung: Als der Mensch ein Bewusstsein seiner eigenen Person erlangte, als er sich selber ansehen konnte wie seine AuĂźenwelt, als er bemerkte, dass er eigene Entscheidungen treffen konnte, nicht nur den angeborenen Instinkten folgen musste.
Es ist das Geschehen, das in der Bibel in einen einzigen Moment verdichtet wird, als Adam und Eva verbotenerweise eine Frucht vom Baum der Erkenntnis aĂźen. Dies wird in der Bibel als kapitales Verbrechen dargestellt, das die Vertreibung aus dem Paradies zur Folge hat und die ErbsĂĽnde der Menschen begrĂĽndet.
Tatsächlich muss man die Bewusstwerdung als den eigentlichen Schritt zum Menschen ansehen, (der wohl Tausende von Jahren gedauert hat). Denn genau das ist der kennzeichnende Unterschied zu den Tieren, dass die Menschen eigene Entscheidungen treffen können. Damit kommt „Gut und Böse“ in die Welt, denn wer Entscheidungen fällt, der wählt zwangsläufig auch zwischen gut und böse. Tiere, die ihren Instinkten folgen, handeln weder gut noch böse. Erstmals gibt es damit auf der Erde auch Lebewesen, die Verantwortung tragen, und das heißt auch, die schuldig werden können.
Dieser Zusammenhang ist in der biblischen Geschichte vom Baum der Erkenntnis treffend eingefangen. Allerdings hatte der Mensch im Gegensatz zu Adam keine Wahl. Das Wachstum seines Gehirns und seiner Verstandeskräfte hatte die Bewusstwerdung zwangsläufig zur Folge.
Das GefĂĽhl der Schuld, das zur ErbsĂĽnde stilisiert wurde, dĂĽrfte aus den widerstreitenden Impulsen der verschiedenen Ebenen seines Gehirns entstanden sein. Mit Hilfe seines ihm neu zuwachsenden Verstandes konnte der Mensch seine triebhaften Handlungen bewerten und als inneren Widerspruch zu seinen bewussten Entscheidungen erleben.
Dazu kam, dass der frühe Mensch in seiner magischen Weltsicht ohnehin alle Widrigkeiten des Lebens als Bestrafung durch jenseitige Mächte empfand.
Wir modernen Menschen erleben in der Kindheit, in der es ja ebenfalls eine magische Phase gibt, auch diesen Widerspruch in uns selbst und entwickeln SchuldgefĂĽhle, die auch in uns fortleben, wenn wir schon erwachsen sind.
Eigentlich ist dies der Preis der Bewusstwerdung und Folge unserer Gehirn-Entwicklung – und freilich auch wieder ein Hinweis, dass wir nicht „aus einem Guss“ sind. Die Überhöhung als Erbsünde führt deshalb in die Irre, weil der Widerspruch ein evolutionäres Erbstück ist, für das der Mensch nicht verantwortlich ist.

Der Geist entspringt der Evolution
Das Erwachen des Geistes im Menschen ist auch in anderer Hinsicht ein epochales Ereignis: Der Geist hebelt die Evolution aus!
Solange die Erde besteht, seit fast 5 Milliarden Jahren, bestimmten ausschlieĂźlich die Gesetze der Physik und der Evolution, was auf der Erde geschah. Es gab keinen Willen neben diesen Gesetzen. Seit sein Verstand erwachte, bestimmt auch der Mensch.
Natürlich ist das menschliche Gehirn gemäß den Gesetzen der Evolution entstanden. Dies war ausschließlich so „gemeint“, dass die Überlebenschancen des Menschen verbessert werden sollten – was ja auch geschah. Aber damit war gleichsam der „Geist aus der Flasche“. Damit war etwas entstanden, was dann für Zwecke verwendet werden konnte, die mit dem Überleben nichts mehr zu tun haben – wie beispielsweise Lottospiele, Achterbahnen und Autos. Heute wird der Geist sogar auch gegen die Gesetze der Evolution verwendet. Gerade die großen Ideale der Menschen wie Nächstenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit sind, genau betrachtet, gegen die natürliche Selektion gerichtet.
Im Grunde begann die Emanzipation von der Evolution schon mit den Steinäxten. Nach den Gesetzen der Evolution hätten unsere Primaten-Vorfahren durch natürliche Auslese stärkere Muskeln und Gebisse entwickeln müssen, um sich in ihrem neuen Lebensfeld durchzusetzen. Stattdessen überlebten sie, weil sie sich „künstlich“ stark machten.
Dies hatte auch den Vorteil, dass diese Art Anpassung viel schneller ging. Bis die Evolution starke Muskeln gebracht hätte, wären unsere Vorfahren in ihrer neuen Nische wahrscheinlich schon ausgerottet gewesen.
Und mit dem Tempo des Geistes ist es weitergegangen bis zu Flugzeugen, Raketen und Computern – in einem Zeitraum, in dem die Evolution kaum etwas Neues zustande gebracht hat. Der Geist verabschiedete sich von der Evolution und schuf eine eigene Evolution der Gedanken. Neben die Weitergabe der genetischen Information ist die Weitergabe von Information durch Tradition, Medien und Lernen getreten.
Die kulturell erschaffene Welt ist inzwischen so vielfältig und bunt wie die Natur, die von der Evolution erschaffen wurde. Wir Menschen leben heute mehr in dieser durch den Geist erschaffenen Welt als in der Natur. Wir leben in Städten statt in Bäumen oder Savannen, wir arbeiten mit Maschinen und Computern statt mit Muskeln. Nur in unserer biologischen Existenz sind wir noch den Gesetzen der Evolution unterworfen.
Einen spektakulären Höhepunkt erreicht das Überschreiten der Evolution in diesen Jahrzehnten, da der Mensch sich anschickt, selbst im Werkzeugkasten der Evolution zu hantieren, in der genetischen Information. Der Mensch hat sich nicht nur von der Evolution befreit, er macht sich daran, die Weiterentwicklung des Lebens selbst in die Hand zu nehmen.
Hier scheint sich die biblische Rede von der Krone der Schöpfung dann doch noch zu bestätigen. Und trotzdem stimmt dieses Bild nicht. Der Mensch befindet sich nicht mehr im Rahmen der Schöpfung, er überschreitet sie mit Hilfe seines Geistes.
Auch dies haben die hellsichtigen Schöpfer der Bibel in ihre Geschichte vom Baum der Erkenntnis schon einbezogen. Bestraft werden Adam und Eva, nachdem sie die Frucht von dem Baum gegessen haben, weil sie dadurch Gott ähnlich, also selbst Schöpfer werden wollten. Genau das werden die Menschen spätestens jetzt. Aber das ist kein Sündenfall, sondern ihr Schicksal.

Leben, um zu sterben
Es war der sichere eigene Tod, womit die Menschen am wenigsten klarkamen, nachdem sie ein Bewusstsein ihrer Existenz erlangt hatten. Ăśber Tausende von Generationen ihrer Vorfahren hinweg war das nie ein Problem gewesen. Sie starben einfach, aber nachdenken konnten und mussten sie darĂĽber nicht. Jetzt aber war der Tod ein schreiender Widerspruch zu dem neu entdeckten Ich-GefĂĽhl.
Kein Wunder, dass wohl alle religiösen großen Erzählungen den Tod „überwinden“, indem sie ein irgendwie geartetes Weiterleben nach dem Tod versprechen. Man kann sogar sagen: Den Tod wegzudiskutieren, ist eine Haupt-Aufgabe aller Religionen.
Auch heute noch, und auch für nicht-religiöse Menschen, ist der sichere Tod eine offene Wunde in ihrem Selbstgefühl. „Warum werden wir geboren, um zu sterben?“ fragen sie, und sie empfinden dies als einen grausamen Widerspruch.
Tatsächlich handelt es sich nicht um einen Widerspruch. Wenn wir um uns sehen, erkennen wir: Alles, was geboren wird, muss sterben. Und so auch wir, weil wir nämlich Teilnehmer an einem kosmischen Experiment sind, dass vor einigen Milliarden Jahren auf der Erde begonnen hat, das Experiment Leben.
Ob das Leben aus Zufall oder aufgrund einer Gesetzmäßigkeit oder gar Planung auf den Planeten kam, das wissen wir nicht. Sehr wohl wissen wir aber, nach welchen Gesetzen es abläuft. Für dieses Experiment ist das einzelne Lebewesen, ob eine Mücke, ein Elefant oder du und ich, nur eine Durchgangsstation. Worum es geht, ist etwas ganz anderes als unsere individuelle Existenz. Es geht um die Weiterentwicklung des Lebens, die gewissermaßen durch uns hindurch geht wie seit Milliarden von Jahren schon durch die einzelnen Lebewesen. Nur die Veränderung und Weitergabe der Gene spielt eine Rolle.
Überall im Universum gilt das Gesetz des Wandels. Nichts ist beständig, alles ändert und verwandelt sich, wenn auch teilweise sehr langsam. Das Experiment Leben startete, nachdem Milliarden von Jahren auf der Erde nur tote Materie dem Wandel unterworfen war. Wenn aus Wasserstoff Helium wurde, wenn ein Fels zerbröselte oder Eisenerz rostete – es war einfach nur eine Folge physikalischer Gesetze.
Mit dem Leben kam etwas auf die Welt, das eine eigene Logik hatte und anderen als physikalischen Gesetzen folgte. Diese Gesetze, die Gesetze der Evolution waren nun noch mehr auf den Wandel ausgerichtet, ja der Wandel ist der eigentliche Motor der Evolution.
Nur durch die Folge der Generationen kann sich Leben weiterentwickeln. Hätten die Einzeller sich nicht fortgepflanzt, wären sie unsterblich gewesen, gäbe es heute keine Pflanzen und Tiere. Und es gäbe keine Menschen, die eben durch die Evolution, durch die Folge von Entstehen und Vergehen, zu einem Gehirn gekommen sind, das uns überhaupt erst ermöglicht, über Leben und Tod nachzudenken.
Die Logik des Experimentes Leben verlangt also geradezu, dass wir „geboren werden, um zu sterben“. Das Leben ist eine Folge von Entstehen und Vergehen, und wir Menschen sind diesem Gesetz unterworfen wie alle Lebewesen.
Wenn die großen Erzählungen der Religionen dieses Gesetz nicht erkennen und anerkennen, stattdessen ein Weiterleben in einem besseren Jenseits versprechen, so tun sie das unter einem psychischen Druck, weil unser Bewusstsein die Endgültigkeit des Todes nicht ertragen kann.

Schluss
Auch wenn der Mensch das „Paradies“ verlassen musste, das für das unschuldige und selbstverständliche Leben vor dem Erwachen des Bewusstseins steht, es ist eine imposante Geschichte, auf die wir zurückblicken. Dass die Menschen durchgekommen sind durch alle Fährnisse aus dem Kosmos und durch die gnadenlose Auslese der Evolution, ist ein Wunder. Die Chancen waren minimal.
Wenn wir in den Dimensionen des Universums auch nicht einmal Staubkörner sind, so hat uns die Evolution doch ein Gehirn beschert, mit dem wir eine zweite, eine menschliche Wirklichkeit schaffen konnten. Dies geschah um einen hohen Preis. Wir müssen mit inneren Widersprüchen leben, die uns seit Jahrtausenden umtreiben.
Die Versprechungen der Religionen sind eine Reaktion aus der Kindheit der Menschheit auf diese Widersprüche. Die Vorstellungen von einer allumfassenden väterlichen Güte und einer ewigen Heimstatt hoben die Widersprüche scheinbar auf.
Vielleicht sind wir Menschen jetzt erwachsen genug, um - wie Jugendliche ohne den Schutz ihrer Eltern - das Leben aufzunehmen, wie es wirklich ist. Wir können vielleicht damit leben, dass wir nur zeitweilig Teilnehmer an dem Experiment Leben und auch an dem Experiment Geist sind und dann wieder von der Bildfläche verschwinden.



Version vom 27. 03. 2008 17:28

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jon
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Jetzt der mehr oder weniger krümelige Kram vor allem in Sachen Sprach-/Stilfeinheiten. Inhaltlich kann man sicher noch vieles mehr diskutieren …

quote:
Aber klar doch: die Bibel ist eines der großen literarischen Werke der Menschheit. Und sie erzählt eine bewegende Geschichte: Wie ein Stamm von Bauern und Hirten um sein Überleben und um den Bund mit seinem Gott ringt. Eine imposante Kulturleistung eines kleinen Volkes – jenseits von militärischen Erfolgen und politischer Macht.
Die Bibel ist ein Schatz der Menschheit.

„Aber klar doch“ assoziere ich mit „Ja, klar, stimmt! – Nein im Ernst: hast du noch alle Tassen im Schrank?“ Ich bin nicht sicher, ob du diesen Effekt erzeugen willst. Wenn ja, wäre interessant zu erfahren, wen (bzw. was für eine Meinung), du da so vehement angreifst.
Sie ist nicht Literatur und erzählt diese Story, sondern sie ist es (u.a.) weil sie diese Story erzählt.
Was ist die Kulturleistung? Rein grammatisch/semantisch: „Sie (die Bibel) erzählt“ = „die Kulturleistung“. Welches Volk ist dabei gemeint? Das die Bibel schrieb wahrscheinlich – war das zu dieser Zeit noch klein? (Ein bisschen mehr sprachlich-logische Präzision würde diese Passage weniger schwammig, also „stärker“, prägnanter sein lassen, vermute ich.)


quote:
Aber die Bibel hat fĂĽr uns weit mehr Bedeutung, sie ist viel mehr als nur ein literarisches oder geschichtliches Werk.
Etwas hat „mehr Bedeutungen“ (Bach = kleiner Wasserlauf; eine Musikerfamilie) oder eine „größere Bedeutung“. Oder?

quote:
Damit hat sie die Existenzfragen der frĂĽhen Menschen, die auch fĂĽr uns die groĂźen Fragen geblieben sind, beantwortet. Sie hat unseren Vorfahren einen festen Rahmen fĂĽr ihr Dasein auf dieser Welt, fĂĽr ihr Denken und Handeln gegeben.
Der Begriff „frühe Menschen“ ist inzwischen eigentlich für den Homo sapiens sapiens der Entwicklungsstufe „Jäger & Sammler“ belegt. Sicher hatte der auch diese Fragen, die in der Bibel beantwortet werden, aber dennoch passt es zeitlich irgendwie nicht. Vor allem hat die Bibel nicht diesen Vorfahren den Rahmen gegeben, denn obwohl sie ihre Fragen (die der frühen Menschen) beantwortete, beantwortet sie sie ihnen (den frühen Menschen) nicht – sie kam dazu schlichtweg zu spät.

quote:
So spricht man beispielsweise auch von einer „großen Erzählung“ der deutschen Nation, in der etwa die Nibelungen-Sage, Armin der Cherusker, Kaiser Barbarossa und Martin Luther eine Rolle spielen.
Klingt, als sprächen sie davon, dass es 1 große Erzählung der Deutschen gäbe, in denen all diese „Figuren“ vorkommen. Ist das so gemeint?

quote:
Alle Kulturen haben eine religiöse große Erzählung hervorgebracht.
(Inhalt) Da würde ich streiten, denn die zwar am Ende nicht erfolgreiche aber dennoch eine zeitlang vorhandene „Kultur des Sozialismus“ (ein besseres Kurzwort fällt mir jetzt nicht ein), hatte sowas nicht. Möglicherweise etwas Analoges – müsste man bei Bedarf mal kramen.

quote:
Heute leben wir immer noch in den Kulissen des christlichen Lebensentwurfes.
Das finde ich extrem treffend formuliert …

quote:
Die religiösen Erzählungen sind ja im Kern viel älter als die Bibel. Sie gehen auf Zeiten zurück, in denen der Mensch sich seiner Lebenssituation bewusst wurde und sich hilflos fühlte wie ein Kind. Er war umstellt von Gefahren, von Krankheiten und Seuchen, Blitz und Donner, Hunger und Kälte, auch von wilden Tieren, die ihm nach dem Leben trachteten. Er musste auch mit sich selbst ins Reine kommen, mit seinen Trieben und Ängsten, die er nun bewusst wahrnahm.
In dieser Situation, die ihn erschreckte und verunsicherte, erklärte er sich die Welt nach den Erfahrungen seiner Kindheit, in der er Schutz und Sicherheit bei seinen Eltern gefunden hatte. Er konnte sich die Natur nicht anders vorstellen als mit Göttern und Geistern, welche die Macht über alle Lebewesen ausübten, die ihn bestraften und belohnten, denen man gehorchen musste wie einst den Eltern, wenn man ihren Schutz gewinnen wollte.

Hier dachte ich „Ok, das wissen wir zwar alles, es müsste also nicht so ausführlich/lang geschrieben werden, aber nun ja.“ Dann geht es aber mit nahezu denselben „Infos“ weiter:

quote:
Diese Mächte entschieden darüber, wie sich die Natur gegenüber den Menschen verhielt. Krankheiten und Unwetter waren eben Strafen, eine glückhafte Jagd eine Belohnung. Man konnte versuchen, sich mit den Mächten gut zu stellen – beispielsweise durch Opfer, die wohl in allen religiösen Traditionen eine zentrale Rolle spielten. Damit konnte man etwas tun, man war nicht mehr hilflos ausgeliefert.
… und das ist mir dann doch einen Tick zu viel gewesen. Diese beiden Absätze könnte man vermutlich straffend zusammenfassen. (Blöder Satz: Klar könnte man, ich meine natürlich, ich fände es besser …)


quote:
Genau diese Elemente können viele Menschen heute nicht mehr nachvollziehen. Sie fühlen sich nicht mehr in der hilflosen Situation des frühen Menschen, die dieser nur durch magisches Denken überwinden konnte. Sie glauben nicht mehr an Wunder und auch nicht an die Hölle. Der Teufel ist nur noch eine literarische Figur. Erbsünde, Wiederauferstehung, Ausgießung des Heiligen Geistes – damit können viele Heutige einfach nichts mehr anfangen. All das passt nicht mehr in das moderne Weltbild.
Am Thema interessierte Leser können wohl hier leicht „Unzulässige Vereinfachung!“ rufen. Ich bin nicht ganz sicher, aber meines Wissens war in der Antike der „Wunderglaube“, wie er im Zusammenhang mit dem Christentum gemeint ist, schon mal nur für die „nicht so Gebildeten“ typisch. („Wunder“ und „Zauberei der Götter“ sind nicht identisch.) Das heißt, zwischen „den frühen, archaischen Menschen“ kann man nicht so einfach – vor allem nicht unter „ach das Christentum ist da irgendwie mit drin“ – springen. Auch die Hölle ist eine verhältnismäßig neue Erfindung – selbst im Rahmen des Christentums. Die Zahl der Menschen, die je an die Hölle glaubten, ist so gering, dass die Tatsache, dass jetzt wieder viele nicht mehr dran glauben, keine soooo große Zäsur darstellt.
Ich weiß, das ist Krümelkram, aber mir scheint es wichtig, dass man bei einem so komplexen Thema entweder radikal vereinfacht (, dafür ist der Text aber zu „breit“) oder noch sorgfältiger wichtet, was wirklich „der Punkt“ ist. In diesem Fall ist der Punkt (hier!) weniger „die Hölle“ als vielmehr das „Fremdbestimmtsein“. Darin besteht der große Unterschied – „vorher glaubten 99,99999 % aller Menschen daran, dass es Gott/Götter/mächtige Geister gibt, heute nur noch 99 % (Tendenz allerdings wieder steigend). Der Aspekt „Nachleben“ (Hölle, Himmel oder was es sonst noch gibt), ist erst der nächste Schritt, ein anderer „Grund für Religion“ (, den du auch erst später als solchen noch mal aufnimmst – du kannst ihn dir hier also sparen).


quote:
Eine große Erzählung kann nur funktionieren, solange sie dem Weltbild der Menschen nicht offen widerspricht. …
Die religiöse Überlieferung kann nicht mehr die Funktion einer großen Erzählung ausüben.
(Inhalt) … theroretisch kann sie’s nicht. Tut es aber wieder öfter, weil „das Weltbild“ ja im Einzelfall nicht zwangsläufig mit dem von der Naturwissenschaft gezeichneten konform gehen muss. Aber das ist ein anderes Thema …


quote:
Der den Menschen erschaffen hat, der hat auch die Welt gemacht – und zwar für niemanden anders als eben für uns Menschen. Ein Garten Eden, ein Paradies, bestückt mit Pflanzen und Tieren, umkränzt von Sonne, Mond und Sternen. Im Mittelpunkt der Mensch, um den sich buchstäblich alles dreht. So stellen es wohl alle religiösen großen Erzählungen dar.
Wie sollten sie auch anders? So war die Sichtweise des frühen Menschen auf seine Umwelt – so wie auch Kinder alles auf sich beziehen, was rundherum vor sich geht.
Erst in den letzten Jahrhunderten nach mindestens 40 000 Jahren Religionsgeschichte sank dieses Bild der Welt in sich zusammen. Der erste Schock war die Erkenntnis, dass die Sonne sich gar nicht um die Erde dreht, sondern umgekehrt. In der Folge war die Erde nicht mehr der Mittelpunkt des Weltgeschehens, sie war nur noch ein Trabant eines Sternes von den Milliarden Sternen, die wir am Himmel sehen.
Kleine Anmerkung: Ich bin nicht sicher, ob vor 40000 die „Religion“ schon den Menschen als „Krone der Schöpfung“ betrachtete. Das kann sich doch erst mit zunehmender Macht des Menschen herauskristallisiert haben, denn der „alte Homo sapiens“ hatte sicher noch nicht den Eindruck, dass sie Welt sich um ihn dreht, so ausgeliefert, wie er der Natur war …


quote:
Es gab kaum Sauerstoff und ĂĽberhaupt kein GemĂĽse.


quote:
Wir können die Entwicklung des Lebens nicht als eine Geschichte erkennen, die auf das Endziel Mensch angelegt war.
Vorsicht! Es gibt Millionen von Menschen, die das sehr wohl können! Dazu noch all die, die die von dir eben geschilderte Geschichte gar nicht sehen (und also auch nicht „als eine so und so Geschichte“ sehen könnten). Du meinst „Die moderne Naturwissenschaft kann die Entwicklung des Lebens nicht so sehen“, weil … (was du im folgenden auseinanderklamüserst).

quote:
Ist das Universum das Ergebnis eines Planes? Gibt es einen Schöpfer von außerhalb, wie er für die Bibel so wichtig ist? Das wissen wir nicht. Aber dass es keine Schöpfung nach den Vorstellungen der Bibel gab, das wissen wir.
Das hier find ich prägnant. Es braucht ein bisschen von der Erklärung vorab, aber tatsächlich ist das eine Formulierung, die „klingt“. Eine funktionierende „Formel“, die man „mitnehmen kann“. (Vorsicht vor dem „wir“, es gibt genügend Menschen, die es eben nicht wissen (oder besser: als gesichert akzeptieren))

quote:
Wir sind vielmehr in einen unermesslichen Raum geworfen worden, in dem sich niemand um uns kümmert. Wohl jeder spürt ein Gefühl von Kälte und Verlorenheit angesichts dieser Wirklichkeit des Menschen. Man kann unsere Ahnen gut verstehen, die sich ein Bild der Welt entwarfen, das soviel wärmer, gemütlicher und überschaubarer war – und in dem man sich zuhause fühlen konnte.
Und auch das hier erklärt kurz und nachfühlbar, wie „es kam, dass …“ Klar, man kann nicht einen ganzen Text so machen, aber ein bisschen mehr so, fände ich besser.

quote:
Da der frühe Mensch alles auf sich bezog und sich folglich als etwas Besonderes empfand, ist es eigentlich kein Wunder, dass die Bibel den Menschen zur Krone der Schöpfung erklärte – als einen abschließenden Geniestreich des Schöpfers, für den er nur einen einzigen Tag brauchte. Demnach sind wir „fertig“ auf die Welt gekommen – ein Werk aus einem Guss.
Heute wissen wir zwar, dass es immerhin etwa 3,5 Milliarden Jahre dauerte, bis aus den Anfängen des Lebens über Millionen von Zwischenstufen der Mensch entstand. Aber immer noch sehen wir es gern so, dass die ganze Evolution keinen anderen Zweck hatte, als eben uns hervorzubringen. Die Evolution wäre dann ein Geschehen, das folgerichtig und zwangsläufig nur im Menschen sein Ziel erreichen konnte.
… das hast du alles schon mal gesagt, oder?

An dieser Stelle fragte ich mich übrigens, warum es so wichtig für die „Botschaft des Textes“ sein soll, so detailiert nachzuweisen, dass der Mensch nicht designt wurde. Es ist „nachgewiesen“, dass die Erde nicht designt wurde, dass der Mensch erst entstehen musste und dabei Umwege nahm – das reicht doch eigentlich, oder? Ich stelle die Frage mit dem Hintergedanken, dass man auch mit gekonnten „Breittreten“ bekannter Argumente langweilen kann, weil Spannung nicht nur durch gekonnte Formulierung entsteht, sondern auch durch Überraschungsmomente. Versteh mich bitte nicht falsch: Die Fakten sind gut gewählt, die Wortwahl kann ich nicht beanstanden. Ich bin trotzdem beim Lesen „abgerutscht“ und fragte mich wieso …


quote:
Es ist halt so gekommen.
Das ist die beste Formel für unsere Evolution, die ich je las …

quote:
Der Mensch – ein Gehirnwesen
Wenn er auch nicht … anerkennen.
Diesen Abschnitt fand ich sehr griffig geschrieben, hat mir gefallen.
Hier erst kam mir übrigens die Idee, dass dies die in der Überschrift versprochene „andere Geschichte“ sein/werden soll. Im selben Moment dachte ich, dass das ja nur die „Alternative“ zu einem kleinen Bruchteil der Bibel-Story ist. Deshalb die ganze Bibel „verwerfen“ zu sollen, ist eine recht radikale Forderung. Wenn ich nicht ganz auf dem Holzweg bin, akzeptiert das moderne Christentum diese nachgewiesenen Menschheitsentstehungsstory auch, nur als „Triebfeder“ wird halt etwas anderes angenommen.

In den folgenden Passagen wechselte meine Aufmerksamkeit und zwar von Leserunde zu Leserunde (deshalb hab ich die dabei entstanden Anmerkungen mal nicht aufgehoben). Ich muss wohl die Einschätzung revidieren, dass mein „Abrutschen“ vor allem durch den Klang des Textes entstand. Es ist wohl eher so, dass mir der Stoff zu sehr vertraut ist, um beim Überfliegen noch an „spannenden Stellen“ hängen bleiben zu können. Der saubere, glatte und durchaus griffige, aber nicht „aufregend neue“/„überraschende“ Stil leistete da sicher auch ein bisschen Vorschub, ist aber wohl doch nicht die Ursache, denn wenn ich mich mühte, intensiver zu lesen, „klang“ es durchaus gut und „stilistisch richtig“.


__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Heiden Steffen
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Bei allen Antwortern möchte ich mich bedanken, vor allem bei jon für die detaillierte Kritik.Ich lerne aus allen Rückmeldungen.
Hier nur zwei Punkte:
Bei dem Titel bin ich wohl an dem üblichen Balance-Akt zwischen Provokation und Irreführung gescheitert.Ich bin jetzt auf eine, glaub ich, bessere Lösung gekommen. "Vergesst Adam und Eva!..."
Der zweite Punkt betrifft die Gefahr der Weitschweifigkeit, mit der ich mich offensichtlich besonders auseinandersetzen muĂź. Dazu greife ich die von jon beanstandete Passage "Da der frĂĽhe Mensch...Ziel erreichen konnte" heraus. Das hat nun eine inhaltliche und eine stilistische Seite.
Inhaltlich schien und scheint es mir wichtig, darüber nachzudenken, daß wir ein zufälliges, eher verkorkstes Produkt der Evolution sind, und nicht ihr Endziel und Meisterstück.
Vom Text her sehe ich auch, daß ein großer Teil dieser zwei Absätze fehlen könnte.Aber um das "Abrutschen" zu verhindern, erscheint mir noch wichtiger ein Wechsel im Ton.Das könnte etwa so aussehen:
"Aber kann es denn wirklich sein, daß wir Menschen so einfach ein Produkt des Zufalls sind, nicht anders als eine Kröte oder ein Virus? Das finden wir tief im Innern dann doch nicht so gut! Und einige listige Theologen haben auch schon einen Ausweg gefunden: O.k., mit der Schöpfung, das war wohl nichts, es gab eine Evolution. Und doch ist der Mensch Produkt eines 'intelligent design'. Denn der Schöpfer hat die Evolution geplant eingesetzt, damit wir am Ende herauskommen -eben als die Krone des Ganzen." Dann weiter mit "Nach allem, was wir wissen..."
Zugegeben, viel kĂĽrzer ist das nicht...

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Thys
Guest
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Hallo Heiden Steffen,

mit diesem Text hatte ich schon größtenteils meinen Frieden
gemacht. Meint: Weitgehend wĂĽrde ich dem, was Du da
schreibst prinzipiell zustimmen. Bei den Kapiteln
Der Geist entspringt der Evolution und
Leben, um zu sterben provozierst Du aber wieder
gewaltig meinen Widerspruch.

Zuerst mal eine generelle Anmerkung. Diese Unterscheidung
zwischen natĂĽrlich und kĂĽnstlich ist extrem
abstrakt und meiner Meinung nach genau so viel wert wie die
Begriffe gut und böse. Es gibt kein gut und
böse an sich. Das sind Kreationen menschlichen Denkens.
Es gibt ein sinnvolles und unsinnvolles Handeln. Sinnvoll
wäre auf die Menschheit bezogen ein Handeln, dass ihr ein
artgerechtes möglichst angenehmens Leben auf der Erde
bereitet mit der Option, sich nicht vorzeitig aus diesem
"Spiel" hinauszukatapultieren. Davon ist die Menschheit
meiner Meinung nach allgings weit entfernt. Derzeit ĂĽbt
sich Mensch ständig in unsinnvollem Handeln.

Jetzt zu natĂĽrlich und kĂĽnstlich. Da der Mensch nun mal
ein natĂĽrliches "Produkt" ist, sind logischerweise auch alle
Dinge und Handlungsweisen, die aus dem Menschen heraus
entstehen, natĂĽrlich. Diese kĂĽnstliche Abtrennung des
"KĂĽnstlichen" kann man nur argumentativ halten, wenn man
den Menschen aus der Natur herauslöst, als nicht dazugehörig
erklärt, ihm eine nicht natürliche Sonderstellung einräumt.
Dann und nur dann wären auch die Folgeerscheinungen
menschlicher Existenz als kĂĽnstlich zu betrachten. Aber da
nun mal so ziemlich wie nichts auf eine Sonderstellung des
Homo hinweist, ist auch die KĂĽnstlichkeit seines Handelns
nicht haltbar.

Jetzt zu den Beispielen in Deinem Text, die ich nicht
unkommentiert lassen kann:


Tatsächlich muss man die Bewusstwerdung als den eigentlichen
Schritt zum Menschen ansehen, (der wohl Tausende von Jahren
gedauert hat). Denn genau das ist der kennzeichnende
Unterschied zu den Tieren, dass die Menschen eigene
Entscheidungen treffen können.


Das ist eine nicht auszurottende Mär. Primaten, z.B.
Schimpansen, haben auch ein Bewusstsein ihrer selbst.
Sie erkennen sich in Spiegeln, sie bezeichnen sich selber
in der Zeichensprache mit ihren eigenen Namen, sie leisten
Trauerarbeit, wenn z.B. ein Affenkind stirbt. Das alles
sind eindeutige Beweise fĂĽr Bewusstsein. Sich Seiner bewusst
sein und somit sich auch der Anderen bewusst sein.
Es gibt keine aber auch wirklich keine Bastion mehr, die der
Mensch exklusiv für sich reklamieren könnte, die nicht auch
bei anderen Tieren, und der Mensch ist nun auch mal ein Tier,
vorhanden wäre. Zudem kann kein Mensch sagen, was in einem
anderen Tierhirn wirklich vorgeht. Man kann nur anhand der
Handlungen, soweit Mensch ĂĽberhaupt in der Lage ist, die
Handlungen und Ă„uĂźerungen der anderen Tiere richtig zu
interpretieren, eben aus diesen Handlungen RĂĽckschlĂĽsse
darĂĽber ziehen, was denn nun in so einem anderen Tierhirn
vor sich geht. Nicht einmal Mensch kann 100% sagen, was in
einem anderen Menschenhirn vor sich geht. Diese ganze
Beurteilung von Intelligenz oder nicht Intelligenz bei
"Tieren" entspringt nur allzuoft einfach der menschlichen
Arroganz und des simplen Unverständnisses über eben die
anderen Tiere "Tier". Auch "Tiere" können eigene
Entscheidungen treffen im Rahmen ihrer gegebenen
Möglichkeiten. Auch hier gibt es keinen Unterschied zum Tier
Mensch. Auch so eine Illusion, Mensch könnte frei nach
GutdĂĽnken entscheiden. Kann er nicht! Er ist seinen
Instinkten, Programmen, seiner Biochemie genauso
augeliefert wie anderer Tiere auch.


Das Erwachen des Geistes im Menschen ist auch in anderer
Hinsicht ein epochales Ereignis: Der Geist hebelt die
Evolution aus!


Menschlicher Geist ist nicht plötzlich epochal aufgetreten.
Er hat sich entwickelt. StĂĽck fĂĽr StĂĽck. Das
Entwicklungsstadium, das heute festzustellen ist, wird nur
von Homo idealisiert und als geniales Alleinstellungsmerkmal
bejubelt. Auch kann der Geist keine Evolution aushebeln.
Sowas ist leider menschlich ĂĽbersteigertes Jubelgeschrei.
Mensch kann keine Geetzmäßigkeiten aushebeln. Was wir mit
unserem Geist herstellen, ist nichts anderes als Evolution
mit anderen Mitteln und keineswegs kĂĽnstlich (siehe oben).
Auf menschlichen Körpern wirkt nach wie vor biologische
Evolution und mit den Hirnen wird geistige, kulturelle Evolution
betrieben. Vielleicht Evolution auf einer Meta-Ebene, wenn
man so will. Aber auch Evolution kann in eine Sackgasse
fĂĽhren. Sowohl geistige als auch biologische!


Heute wird der Geist sogar auch gegen die Gesetze der
Evolution verwendet.

Ja, traurig aber wahr und sehr sehr dumm.


Gerade die groĂźen Ideale der Menschen
wie Nächstenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit sind, genau
betrachtet, gegen die natĂĽrliche Selektion gerichtet.

Das ist eine Betrachtung der Selektion, die im
darwinistischen Denken zu Hause ist. Man beachte: Die
Erkenntnisse von Darwin haben nichts mit dem daraus ab- und
fehlgeleiteten Darwinismus zu tun. Die Endung -mus sagt
eigentlich schon, was damit anzufagen ist. Schnellstens in
den MĂĽlleimer entsorgen. Gerade die Evolution mit Mutation
und Selektion hat z.B. soziales Verhalten hervorgebracht.
Nächstenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit sind alles
Erscheinungsformen sozialen Verhaltens, die einer Gruppe
sehr zum Vorteil gereichen können. Wie soll etwas, dass
eben durch Mutation und Selektion entstanden ist, eben
seinem Enstehungsursprung widersprechen???
Versteh ich nicht.


Im Grunde begann die Emanzipation von der Evolution schon mit
den Steinäxten.

Noch einmal! Mensch kann sich nicht von der Evolution
emanzipieren, genausowenig wie Mensch sich von der
Gravitation emanzipieren kann.


Nach den Gesetzen der Evolution hätten
unsere Primaten-Vorfahren durch natürliche Auslese stärkere
Muskeln und Gebisse entwickeln mĂĽssen, um sich in ihrem
neuen Lebensfeld durchzusetzen. Stattdessen ĂĽberlebten sie,
weil sie sich „kĂĽnstlich“ stark machten.


Falsch: Evolution heiĂźt nicht, dass zwingend Muskeln etc. pp.
leistungsfähiger werden müssen. Evolution bewirkt nichts
anderes, als dass ein Organismus seinem Biotop besser
angepasst sein kann oder nicht. Genau das ist hier geschehen
durch die Evolution des Hirns.


Einen spektakulären Höhepunkt erreicht das Überschreiten der
Evolution in diesen Jahrzehnten, da der Mensch sich anschickt,
selbst im Werkzeugkasten der Evolution zu hantieren,

Hantieren ist der perfekte Begriff. Er kann aber nicht mehr
und nicht weniger als die Gesetze der Evolution fĂĽr sich
zum Vor- oder Nachteil anwenden. Er kann Evolution nicht
verändern. Er kann Gravitation nicht verändern!!!!!
Er kann keine Gestzmäßigkeiten verändern.


Der Mensch hat sich nicht nur von der Evolution befreit

Unmöglich. Tschuldigung.


Mit dem Leben kam etwas auf die Welt, das eine eigene Logik
hatte und anderen als physikalischen Gesetzen folgte.

Die Ausage ist nichts Besonderes. Physikalische
Gesetzmäßigkeiten haben ihre "eigene physikalische Logik",
chemische Gesetzmäßigkeiten haben ihre
"eigene chemikalische Logik" und Leben hat seine eigene
"ledendige Logik", wenn man denn so sprechen will.

GruĂź

Thys

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Heiden Steffen
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Hallo Thys,
danke zunächst einmal für die Beschäftigung mit meinem Text (und auch mit "Mutmaßungen…" - Kommentar habe ich auch gelesen).
In drei zentralen Punkten möchte ich eine Erwiderung versuchen:
1. Du findest es offenbar unangemessen, wenn ich von einer Sonderstellung des Menschen im Tierreich ausgehe. Wenn Du mir ein anderes Tier nennen kannst, dass Sprache, Schrift und Wissenschaft entwickelt hat , oder eines, das über eine Technik verfügt, mit der es die Erde zerstören kann – o.k., dann nehme ich Abstand von meiner Meinung. Solange glaube ich, dass es zwar chic, aber auch weltfremd ist, die Sonderstellung des Menschen zu bezweifeln. (Die Sonderstellung ist klarerweise nicht mein Verdienst, deshalb habe ich keinen Grund zu“Überheblichkeit“)
2. Die Möglichkeit, dass der Mensch aus der Evolution aussteigt, trifft auf
Deinen vehementen Widerspruch. Wie aber soll die Evolution, die auf der gemeinsamen Arbeit von Mutation und Selektion beruht, denn nur funktionieren, da es unter Menschen kaum noch eine Selektion gibt (was ich im Sinne von Gleichheit und Brüderlichkeit sehr gut finde!) Natürlich gibt es immer noch zahlreiche Mutationen, übrigens die meisten, wie schon immer, unvorteilhaft, aber Evolution ohne Selektion geht nicht. Selektion funktioniert nur, wenn in jeder Generation ein beträchtlicher Anteil draufgeht, damit die angepaßteren Individuen sich „durchsetzen“ können. Gegen das Draufgehen arbeiten die Menschen unaufhörlich, dadurch setzen sie die Evolution Schritt für Schritt außer Kraft.
3. Du möchtest die kulturelle Entwicklung auch als Teil der Evolution sehen. Das tun ja einige. Aber ist es nicht ein riesenhafter Unterschied, ob die Natur lernt und die Ergebnisse biologisch speichert oder ob menschliches Bewusstsein und menschliche Kommunikation eine Entwicklung vorantreiben, die eben nicht biologisch gespeichert wird und bei der die unwandelbaren Gesetze der Evolution nicht gelten? Ist es nicht sinnvoll, die kulturelle Entwicklung als aufbauend auf der evolutionären anzusehen so wie die organische als aufbauend auf der anorganischen?
GruĂź, Heiden Steffen

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Thys
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Hallo Heiden Steffen,

nichts zu danken. Hat mir SpaĂź gemacht. Sowohl das Lesen
als auch das Kommentieren.

Ich finde es nicht unangemessen, dem Menschen seine eigene,
nenne es meinetwegen Sonderstellung, im Tierreich zu geben.
Ich finde es unangemessen und nicht haltbar, den Menschen
außerhalb der Tierwelt zu stellen, als nicht zugehörig zur
Tierwelt. Darum gehts. Aber Sonderstellung ist auch nichts
besonders erwähnenswertes. Jedes Tier, jede Spezies hat
sozusagen irgendwelche Eigenschaften, die sie eben zu dem
besonderen Tier macht, als das es uns eben erscheint.

1) Zum Thema Sprache: Ich hatte es oben in meinem ersten
Kommentar schon geschrieben. Schimpansen sind in der Lage
z.B. Blindensprache in hinreichend groĂźem Umfang zu
erlernen, so dass sie damit kommunizieren können. Ok, jetzt
kannst darfst Du zu Recht erwiedern, dass dies keine
propietäre Schimpansensprache ist, sondern eine vom
Menschen entwickelte und ĂĽbernommene Sprache. Das stimmt,
tut aber der Sprachbefähigung an sich keinen Abbruch.
Aber auch bei selbstentwickelten Sprachen gibt es Beispiele.
Wale sprechen in ihrer eigenen Sprachen. Das ist allgemein
in der Wissenschaft anerkannt. Delphine, auch eine Walart,
geben sich sogar selber Namen. Man hat vor kurzem
festgestellt, dass jedem Delphin ein sogenanntes
Pfeif-Pattern zugeordnet ist. Die netten Tierchen nennen
sich also, selbst fĂĽr den Menschen erkennbar, beim Namen.
Damit aber noch nicht genug. Man hat auch festgestellt, dass
diese Tierchen sich höchstpersönlich selber den Namen geben.
Der einzelne Delphin vergibt und sucht sich selber einen
Namen, indem er sein eigens Namens-Pfeif-Pattern erfindet,
das von seinen Artgenossen anerkannt, ĂĽbernommen und
angewendet wird.

Weiter geht's. Du findest also, dass die Fähigkeit der
geschriebenen Sprache uns zu Menschen macht. Gegenfrage:
Sind Kulturen, die keine Schriftsprache entwickelt haben,
und die gibt es nachweislich, keine Menschen? Ist ein Mensch,
der aus geistig behinderten GrĂĽnden keine Schriftsprache
beherrscht kein Mensch?
Das Gleiche bei Wissenschaft. Homo nennt sich und erkennt
sich seit nunmehr 130.000 Jahren als Mensch! Aber erst in
der jĂĽngeren Vergangenheit hat er Wissenschaft betrieben.
Dann dĂĽrfte nach der Definition Homo sich erst mit der
EinfĂĽhrung der Wissenschaft als Homo Sapiens (Mensch)
bezeichnen. Tut er aber nicht. Er erkennt sich schon eben
seit diesen 130.000 Jahren als Mensch, obwohl er lange lange
Zeit und auch heute noch teilweise in einer Welt des
Hoskus Spokus, der Märchen und der verschiedensten Götter
lebt. Auch besaĂź der gute Homo im Mittelalter noch keine
Technik, um sich selber schleunigst von diesem Planeten zu
entfernen; sprich eliminieren. Waren die alten Ritter noch
keine Menschen?

Zur Evolution habe ich in dem Kommentar an jon Stellung
genommen.

Zu 3) Lernen und Wissen abspeichern ist unabhängig vom
Medium. Lernen ist, wenn ich eine Menge an Informationen
sinnvoll und zielgerichtet so verarbeite, dass sie fĂĽr mich
zum Vorteil gereichen, ich daraus irgendeinen Nutzen ziehen
kann und mein Verhalten ändern kann. Dabei ist es für den
Lernvorgang vollkommen unerheblich, ob er mit einer
Lernmaschine erzielt wurde, die auf organischer,
anorganischer oder sonst welcher Basis beruht. Genau das
gilt auch für Wissensabspeicherung und ähnliches gilt auch
fĂĽr Kommunikation.
Inwiefern spielen beim menschlichen Handeln die Gesetze
der Evolution keine Rolle? Das ist doch nur eine Behauptung,
die jetzt hier einfach mal so im Raum rumsteht.
Nehmen wir einfach einmal das menschlich technisch
wissenschaftliche Handeln. Das funktioniert ganz klar
evolutionär. Das lässt sich a) ganz klar optisch erkennen
und b) auch sehen, wenn man sich mit menschlich technischer
Entwicklung selber beschäftigt.

Der optische Faktor ist sowas von deutlich an der
Entwicklung des Autos zu erkennen. Die ersten Autos waren
sprichwörtliche Kutschen - Benz-Kutschen. Ganz klar
abgeleitet und durch Modifikationen an einer Kutsche in ein
Auto umevolutioniert. Und jedes weitere Auto baut immer zum
großen Teil auf das Vorgängerauto auf. Das ist nicht nur
beim Auto so, sondern bei jeglicher Technik, die Mensch
fabriziert. Es wird etwas Bestehendes auf eine neue "Umwelt"
umgearbeitet und angepasst. Und selbst der
Produktentwicklungsvorgang funktioniert nach der
Art und Weise. Zu einem neuen Produkt steht zuerst eine Idee.
Dazu wird ein erstes Modell entwickelt. Das vorläufige Modell
wird verifiziert und bei Bedarf wieder verändert, bis es
den AnsprĂĽchen genĂĽgt. AnschlieĂźend wird die Geschichte
verfeinert und wieder verifiziert. Entwicklung ist ein
rekursiver rĂĽckgekoppelter Vorgang, der nach x Iterationen
schlieĂźlich zum Ziel fĂĽhrt. Keine Enwticklung wird ausgedacht
und fällt danach fertig vom Himmel oder der Maschine.
Mensch unterliegt der Evolution und Mensch verhält sich
bei seiner eigenen Produktentwicklung quasi evolutionär.

GruĂź

Thys

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