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Leselupe.de > Horror und Psycho
Verhängnis
Eingestellt am 19. 10. 2011 06:04


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rainleser
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Registriert: Oct 2011

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Die Spitzen der Tannen wiegten sich im Wind. Am nachtschwarzen Himmel strahlte der Mond in fahlem Licht. Zwischen den Bäumen huschten dunkle Schatten durch die Nacht. Sie bewegten sich im gleichmäßigen Rhythmus. Wenn das Mondlicht auf einen der Schatten fiel, blitzte graues, struppiges Fell auf und war im nächsten Moment wieder im Dunkel verschwunden.
Wölfe!
Hecheln war zu hören, ab und zu ein befehlendes Knurren. Der Leitwolf gab die Richtung an. Zielstrebig durchquerte die Meute den Wald.
Nach einiger Zeit wurde der Baumwuchs lichter, der Wald öffnete sich. Unterhalb eines kleinen Hügels lag im Mondlicht ein kleines Gehöft. Die Meute machte halt. Das Leittier, ein großer Wolf mit einem hellen Streifen im grauen Fell, gab einen bellenden Ton von sich, die Meute schwärmte aus und lief in breiter Front auf das Gehöft zu.

Magnus blies die Kerze aus und schlüpfte unter die Decke. Das grob gezimmerte Bett stand in der hintersten Ecke des niedrigen Raumes. Seine Frau seufzte, drehte sich und wendete ihm den Rücken zu.
Marie ging immer früher zu Bett als ihr Mann. Er blieb noch einige Zeit am Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, sitzen und flocht im trüben Licht zweier Unschlittkerzen Körbe aus Weidenzweigen. Ein Zubrot, denn seine Arbeit als Schafbauer brachte nicht genug zum Lebensunterhalt ein. Doch auch mit dem Korbverkauf konnten sich seine Frau und er gerade so am Leben halten.
Bevor er begonnen hatte an dem angefangenen Weidenkorb zu arbeiten, hatte er die Schafe in der Schutzhütte, die aus rohen Brettern gearbeitet war, untergebracht. Die Tiere des Nachts im Pferch zu lassen, war zu gefährlich. Dazu gab es zu viele Raubtiere im angrenzenden Wald.
Er schloss die Augen, versuchte an nichts zu denken und wartete auf den Schlaf. Doch der wollte nicht kommen. Die Unruhe, die er in sich spürte, hatte ihn schon den ganzen Tag begleitet. Er wusste aber nicht zu sagen, woher sie kam.
Er schreckte auf. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Er war also doch eingeschlafen. Doch was war das für ein Geräusch gewesen? Ein Kratzen und Jaulen. Die Hütte! Die Schafe!
Magnus stürzte aus dem Bett. Seine Frau erwachte. „Was ist los? Schlaftrunken rieb sie sich die Augen.
„Die Schafe! Ich glaube, es sind Wölfe draußen!“ Magnus schrie es fast.
Er packte die an der Tür lehnende Axt und stürmte hinaus.
Tatsächlich! Drei, fünf … nein sechs Wölfe umstanden die Schutzhütte, einer, der größte, kratzte mit seinen Krallen an der Tür. Die Schafe blökten ängstlich.
Links … rechts, zwei Schläge mit der Axt. Zwei Wölfe flogen zur Seite. Dem nächsten Wolf, der auf ihn zustürzte, einem räudigen Tier mit nur einem Auge, hieb er die Axt mit aller Wucht in den Schädel.
Als er versuchte die Axt aus dem Kopf des tödlich getroffenen Tieres herauszuziehen, spürte er einen stechenden Schmerz in seiner linken Wade und ein Reißen. Etwas Warmes rann ihm das Bein herunter. Der Wolf, der sich eben noch an der Tür befunden hatte, hatte ihn gebissen. Er sah einen weißen Streifen im Fell der Bestie.
Er achtete nicht darauf, die Waffe wurde frei und er schlug mit ihr auf den nächsten Wolf ein. Er traf ihn nur mit der flachen Seite der Axt, doch es genügte, um das Tier zum Flüchten zu bringen. Auch die übrigen Wölfe suchten das Weite.
Magnus stöhnte und ließ sich zu Boden sinken. Jetzt spürte er den Schmerz in seiner Wade.
„Was ist? Ich komme!“ Marie kam auf Magnus zugelaufen.
Er krempelte sich das Hosenbein hoch und betrachtete sich seine Verletzung. Eine tiefe Wunde. Der Knochen schien jedoch nicht verletzt. Blut lief ihm das Bein hinunter.
Marie schaute entsetzt auf die Verletzung. „Warte, ich hole etwas zum Verbinden.“
Sie verschwand.
Magnus zog sich an dem breiten Türriegel aus Holz hoch und humpelte Marie entgegen.
Sie hatte aus einer Schranklade ein Tuch gerissen, wollte gerade zur Tür hinaus als Magnus in den Wohnraum trat. Er trat an das Regal, das rechts von der Eingangstür stand, nahm die Flasche selbstgebrannten Korn herunter. Er kippte etwas von der klaren Flüssigkeit auf den tiefen Riss in seinem Bein.
„So“, sagte er, „jetzt kannst du mich verbinden.“
Marie band das Tuch fest um Magnus Unterschenkel. Der Blutstrom ließ sich stoppen.
„Nochmal Glück gehabt. Den Schafen ist nichts passiert. Meine Verletzung ist nicht wirklich schlimm. Was sind das doch für feige Bestien!“ Magnus nahm einen tiefen Schluck aus der Schnapsflasche und seufzte erleichtert.

Am nächsten Tag war die Wunde erstaunlicherweise schon recht gut verheilt. Magnus konnte seiner gewohnten Arbeit nachgehen. Er hatte ein großes Verlangen nach Flüssigkeit und trank sehr viel. Ab und zu spürte er ein merkwürdiges Ziehen in seinem Körper, das aber schnell wieder verging.
Nachts wachte er auf. Das Ziehen in seinen Muskeln hatte sich verstärkt. Ein brennender Durst quälte ihn. Er erhob sich leise von seiner Lagerstatt. Marie sollte ihren wohlverdienten Schlaf genießen können. Er verließ die Hütte, nahm den Krug Wasser mit nach draußen. Er leerte ihn auf einen Zug. Der Durst wollte nicht weichen.
Es war auch eigentlich nicht der Durst der ihn quälte … da war etwas anderes. Es war … er wollte Blut. Er gierte nach Blut. Er war nicht erstaunt darüber. Es kam ihm ganz natürlich vor.
Da … wieder dieses Ziehen. Sehr stark sogar. So stark, dass es schmerzte. Sein Körper zog sich zusammen. Er wurde regelrecht auf die Knie gezwungen. So hockte er dann auf Händen und Füßen. Vor sich sah er seine Hände. Haare wuchsen darauf. Seine Finger klumpten sich zu hundeartigen Pfoten zusammen, schwarze Klauen wuchsen daraus hervor. Er spürte wie seine Nase schrumpfte, die Kiefer sich verlängerten und sich eine wolfsähnliche Schnauze bildete. Die Gier nach Blut wurde unsagbar quälend. Sie musste gestillt werden.
Er hob seinen Kopf gegen den Nachthimmel und stieß einen heulenden Ton aus. Wie ein Wolf. Er war ein Wolf!
Mit langen Sätzen stürmte er den Hügel hoch in den Wald hinein. Er war auf Jagd! Wie selbstverständlich lief zwischen den dicht stehenden Bäumen des Waldes dahin. Als hätte er nie etwas anderes getan. Das geringe Mondlicht reichte aus, um seine Umgebung gut erkennen zu können. Plötzlich zog im ein Geruch in die Nase. Er blieb ruckartig stehen. Wild!
Langsam und vorsichtig schlich er in die Richtung aus der er die Witterung aufgenommen hatte. Da waren sie: Drei Rehe auf einer kleinen Waldlichtung.
Vier schnelle Sprünge … er hatte das zu ihm zuerst stehende Reh fest am Nacken gepackt. Die anderen Rehe flohen in weiten Sprüngen davon. Er biss zu. Ein Knacken war zu hören. Blut lief ihm ins Maul. Die warme, metallisch schmeckende Flüssigkeit lief ihm die Kehle hinunter. Dann fraß er das warme, noch zuckende Muskelfleisch, bis seine Blut- und Fleischesgier gestillt war.
In gemächlichen Trab machte er sich auf den Rückweg.

Als Magnus am nächsten Morgen erwachte, wusste er im ersten Moment nicht wo er sich befand. Es fiel ihm schwer sich zu orientieren.
Doch plötzlich kam die Erinnerung an die letzte Nacht.
„Um Gottes Willen“, dachte er. Er war zum Wolf geworden. Zum Werwolf. Sicher hatte er von diesem Mythos schon gehört. Schon seine Großmutter hatte ihm als Kind davon erzählt. So recht daran geglaubt hatte er bisher nicht. Jetzt hatte er die Gewissheit, dass nicht alles was die Alten erzählten, nur Aberglaube war.
Was sollte er nur tun? Den Erzählungen nach würde er sich nun jede Nacht in einen Wolf verwandeln, der mit einer unsäglichen Blutgier behaftet war. Er würde seine Opfer auch unter Menschen suchen.
Wer würde sein erstes Opfer sein? Marie? Sie lebte mit ihm unter einem Dach.
Er musste Marie warnen. Sie musste ihn verlassen. Oder er konnte sich in die Wälder zurückziehen und ein einsames Leben führen. Doch musste er tagsüber ein Leben als Mensch und nachts als Tier führen. Eine grausige Vorstellung.
Er konnte aber auch seinem Leben ein Ende setzen. Was blieb ihm denn noch anderes? Alles andere war doch unmenschlich und grausam.
Er erhob sich aus dem Bett und weckte Marie.
Er klärte seine Frau über seinen Zustand auf.
Sie glaubte ihm nicht. „Was erzählst du denn da? Warum willst du mich denn mit so einer Geschichte zum schaudern bringen? Das ist eine Geschichte für alte Frauen und kleine Kinder. Mir kannst du so etwas nicht erzählen.
„Ich wollte es wäre nur eine Horrorgeschichte. Aber es ist die Wahrheit. Glaube mir. Es gibt keinen Grund für mich, dir Angst zu machen.“
Die Furcht, die in seinen Augen stand, überzeugte sie. Sie war entsetzt.
Doch sie versuchte die Ruhe zu bewahren. „Wir müssen einen kühlen Kopf behalten und in Ruhe überlegen was zu tun ist.“
„Was können wir schon tun? Mir bleibt nichts anderes als mir das Leben zu nehmen.“ „Du hast wohl den Verstand verloren! Nein, nein. Es wird nicht aufgegeben! Du bist jetzt noch wegen deines Zustandes verwirrt und voller Angst. Am besten suchen wir Silvanus, den Magier auf. Er wird uns vielleicht einen Rat geben können. Er kennt sich doch in alten Mythen aus. Vielleicht gibt es ja doch Hilfe. Gib bitte nicht auf.“
„Gut, du hast Recht. Lass uns gleich losgehen. Der Weg ist weit.“
Silvanus, der Magier, wohnte etliche Meilen entfernt. Er lebte in einer Hütte am Rand eines undurchdringlichen Urwalds, dessen Inneres noch kein Mensch betreten hatte.

Kurz nach Mittag, als die Sonne hoch am Himmel stand, erreichte das Ehepaar die Wohnstatt des Magiers. Er saß auf einer Bank und ließ sich von den Sonnenstrahlen bescheinen. Er trug, trotz der Hitze, seinen langen Mantel. Ohne diesen hatte man ihn noch nie gesehen hatte. Ein spitzer Hut krönte seinen Kopf, darunter lugte weißes Haar hervor. Er richtete seine braunen Augen auf die beiden Ankömmlinge.
„Holla, der Schäfer mit seiner Frau! Was führt euch zu mir?“ Er rieb sich mit der Hand über seine große, fleischige Nase.
„Wir brauchen eure Hilfe, großer Meister.“ Magnus hatte den Zauberer erreicht und verbeugte sich vor ihm. Er gab Marie einen Wink, dasselbe zu tun.
Die kniete sich nieder.
„Nein, nein! Nicht doch!“ Silvanus war aufgesprungen und zog Marie auf ihre Füße.
„Was machst du denn da? Man kniet nur vor Gott nieder. Nie vor einem Menschen.“ Der Zauberer schaute überrascht.
„Aber Ihr seid unsere einzige Hoffnung. Ihr beherrscht die Magie, kennt Euch in der Schwarzen Kunst aus. Ihr seid ein Mann mit Macht. Dem darf man ruhig huldigen.“ Marie schaute Silvanus ins Gesicht.
„Ihr sollt mir nicht huldigen. Doch lassen wir das. Setzt euch zu mir auf die Bank und nennt mir euer Begehren.“
Magnus und seine Frau nahmen auf der rauen Holzbank Platz. Der Mann ließ seine Frau reden. Sie konnte besser mit Worten umgehen als er.
Marie erzählte Silvanus von dem Überfall der Wölfe, der Verletzung ihres Mannes, dessen Angst und Todeswunsch und dem Entschluss ihn, Silvanus, aufzusuchen. Als Marie geendet hatte, schaute sie den Zauberer flehend an.
„Nun denn“, erhob dieser seine Stimme. „Ein wirklich schlimmes Ereignis. Doch bist du nicht ganz verloren.“ Er schaute Magnus in die Augen.
„Gibt es tatsächlich noch Hilfe?“ Magnus rang die Hände.
„Ja, du musst den Wolf töten, der dir diese Verletzung zugefügt hat und der Fluch, der auf dir lastet, wird verschwinden. Deine Frau erzählte gerade, dass dich ein Wolf mit einem hellen Streifen im Fell verletzt hat. Du kannst ihn also erkennen. Ein Glück für dich. Gib Acht: Ich habe die Waffe für dich mit der du den Wolf töten kannst.“
Der Magier erhob sich von der Bank, verschwand in seiner Hütte und kam in wenigen Augenblicken wieder heraus. Er hielt einen mannshohen Spieß in seiner Hand, dessen Spitze hell im Licht blitzte.
„Die Klinge des Spießes besteht aus reinem Silber. Du musst sie dem Wolf direkt ins Herz stoßen. Er muss mit dem ersten Stich sterben. Gelingt dir dies nicht, so bleibt der Fluch an dir haften. Wahrscheinlich ist allerdings, dass die anderen Wölfe über dich herfallen und dies würdest du schwerlich überleben. Tötest du ihren Anführer mit dem ersten Stich, werden sie fliehen. Und warte nicht zu lange, den Wolf zu töten. Mir jeder Verwandlung von dir in einen Werwolf, wird die Kraft der Wölfe in dir stärker und du wirst immer weniger den Wunsch verspüren, erlöst zu sein. Suche den Kampf noch heute. Morgen ist es vielleicht schon zu spät für dich.“
„Ich danke Euch, edler Magier. Ich will alles tun was Ihr gesagt habt. Was bin ich euch schuldig?“ Magnus hatte die Worte des Magiers förmlich in sich aufgesogen.
„Schuldig? Nichts. Du bist mir nichts schuldig. Ich wäre ein übler Geselle, wenn ich deine Not für mich ausnutzen würde. Nur um eines bitte ich dich. Bring mir das Herz des Wolfes. Schneide es ihm nach seinem Tod heraus und bringe es mir unverzüglich. Ich kann es für meine magischen Medizinen verwenden.“
„Das werde ich tun. Ich hoffe, ich kann Euch das Herz des Wolfes noch heute Nacht bringen.“
„Ich werde auf dich warten. Doch nun geht. Euer Weg ist weit.“
Magnus und Marie verabschiedeten sich und machten sich eilig auf den Weg nach Hause.

Die Schafe befanden sich alle im Pferch. Sie würden heute Nacht draußen bleiben. Sie waren die Köder. Zusätzlich hatte er ein Schaf getötet und den blutigen Kadaver in die Mitte des Geheges gelegt. Dieser Einladung nach Beute würden die Raubtiere wohl nicht widerstehen können.
Die Schafe hatten sich in einer Ecke des Pferchs zusammengedrängt und blökten ängstlich. „Umso besser“, dachte Magnus. Auch das Blöken würde dazu dienen die Wölfe anzulocken.
Die Dunkelheit war schon hereingebrochen. Der auf dem Hügel liegende Wald war nur noch als schwarze Silhouette zu erkennen. Der Mond spendete glücklicherweise genug Licht. Magnus würde die Wölfe gut unterscheiden können. Hätte er Fackeln aufstellen müssen um genug sehen zu können, hätten sich die Wölfe womöglich fern gehalten. Kein Tier liebte Feuer.
Magnus sah den wolkenlosen Himmel und das Mondlicht als gutes Zeichen an.
Er hatte sich hinter der Tür des Schafstalles versteckt, er hatte sie offen gelassen, um schneller ins Freie zu gelangen. Den Spieß hatte er griffbereit neben sich liegen.
Er brauchte seine Geduld nicht lange zu strapazieren. In der Ferne war Heulen und Knurren zu hören. Sie kamen!
Magnus richtete sein Augenmerk auf den vor ihm liegenden Hügel. Graue Schatten huschten lautlos den Hang hinunter. Die Schafe blökten laut, liefen auseinander, um sich schnell wieder zusammenzudrängen.
Die Wölfe sprangen über die Gatter. Der Leitwolf mit dem hellen Streifen im Fell war der erste der sich auf den Schafkadaver stürzte.
Mit einem Satz sprang Magnus aus seiner Deckung, stürzte sich mit vorgerichtetem Spieß auf den Leitwolf und stieß ihm die Waffe zielgenau seitlich in die Brust. Ein kurzes Aufheulen des Tieres, dann brach es wie ein gefällter Baum zu Boden. Magnus hatte genau ins Herz und damit ins Leben getroffen.
Die anderen Wölfe standen für einen Moment wie erstarrt, dann flüchteten sie den Hügel hinauf, in das schützende Dunkel des Waldes.
Magnus stand vor dem getöteten Wolf, atmete schwer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Anspannung und Angst hatten ihm den Schweiß aus allen Poren getrieben. Er zog den Spieß aus dem Körper des Tieres, zog ein Messer aus seinem Gürtel und begann das Tier aus seiner Decke zu schlagen.
Marie kam aus der Hütte und trat zu ihm.
„Lass das“, sagte sie. „Schneid dem Wolf lieber das Herz heraus und mach Dich auf den Weg zu Silvanus. Er erwartet dich. Dem Tier das Fell abzuziehen kann ich übernehmen. Es wird mir eine Freude sein.“
Sie nahm ihren Mann in ihre Arme und drückte ihn inniglich.
Er erwiderte ihre Liebesbezeigung und machte sich dann daran, dem Raubtier das Herz herauszuschneiden. Er schlug das blutverschmierte Herz in ein Tuch ein, das Marie ihm mitgebracht hatte und machte sich auf den Weg zur Hütte des Zauberers.

Es war noch weit vor Mitternacht als Magnus die Hütte des Magiers erreichte. Silvanus saß an einem Tisch an der hinteren Wand seiner Wohnstatt. In der Mitte des Raumes war eine offene Feuerstelle. Ein kleines Feuer erhellte den Raum. Der sich bildende Rauch zog durch eine Öffnung in der Decke des Raumes ab.
Magnus ließ das Tuch mit dem sich darin befindenden Herz schwer auf den Tisch fallen.
Silvanus erhob sich ruckartig. „Du hast es geschafft? Du hast den Wolf erlegt? Ist es auch der Richtige?“ Der Magier erschien sehr erregt.
„Ja, natürlich. Es ist der Richtige. Ich konnte ihn an seinem hellen Streifen im Fell gut erkennen.“
„Du Gesegneter! Ist dir eigentlich klar wie viel Glück du bei der ganzen Sache gehabt hast? Nun, es ist egal. Gib mir das Herz und schau was geschieht.“
Er nahm das Bündel, wickelte das Herz heraus, legte es in die Flammen der Feuerstelle und streute ein Pulver, das er aus einem Beutel aus seinem Gürtel nahm, darüber. Der Magier hob beide Arme über das Feuer und sprach einen Zauberspruch. Das Feuer schlug urplötzlich hohe Flammen, dunkler Rauch stieg auf und hüllte das Innere der Hütte ein.
Doch der Rauch verschwand schnell wieder. Magnus traute seinen Augen nicht: In der Mitte des Raumes stand ein mittelgroßer, kräftiger Mann. Er war Silvanus wie aus dem Gesicht geschnitten.
Silvanus ging auf den Mann zu und umarmte ihn.
„Mein Bruder“, sprach er mit stockender Stimme. „Du bist erlöst. Dem Himmel sei Dank! Endlich kannst du wieder unter uns Menschen weilen, dein Leben als Wolf ist beendet.“
Zu Magnus gewandt, sagte er: „Ich danke dir! Wie du siehst hast du nicht nur dich selbst von einem elenden Leben als viehische Kreatur gerettet, sondern hast auch meinen Bruder erlöst, der schon über Jahre in der Gestalt dieses Werwolfs sein Dasein fristen musste. Er hatte nicht das Glück wie du und kannte den Wolf nicht, der ihn eines Nachts gebissen hatte. Ich konnte ihn in seiner Gestalt als Wolf nicht erlegen. Auch sonst kein Mensch. Nur ein Werwolf kann einen anderen Werwolf erlegen. Es ist geglückt! Sei bedankt! Nun geh zu deiner Frau und freut euch eures Glückes.“
Der Schafbauer bedankte sich, verließ die beiden glücklichen Brüder und machte sich auf den Weg nach Hause. Kurz vor Mitternacht erreichte er sein Gehöft. Die Schafe blökten.

Mit schwerem Kopf wachte Magnus am nächsten Morgen auf. Seine Muskeln waren verspannt. Er hatte einen Albtraum gehabt. Er war wieder zum Werwolf geworden und hatte seine Frau getötet. Eine schreckliche Fantasie.
Er richtete sich auf. Auf seiner nackten Brust klebte getrocknetes Blut. Er schaute um sich. Neben ihm lag Marie. Ihre Augen starrten starr und leblos an die Decke, ihre Kehle war zerrissen, was von ihrem Körper noch übrig war, war voller Blut.



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Weniger ist mehr.

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