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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verkehrsspitzen
Eingestellt am 14. 05. 2007 19:57


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HerbertH
???
Registriert: May 2007

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Verkehrsspitzen

quote:
... ein Geisterfahrer entgegen. Bitte fahren Sie mit größter Vorsicht und äußerst rechts ...


"Mach' doch mal Musik an, den Quatsch können wir uns schenken." Vater beugt sich zum Radio. "Okay" Clara seufzt auf. Na endlich, wird auch Zeit. Ganz schön nervig, die Fahrt. "Aber was Fetziges, wenn's geht." Warum ist sie nur mitgefahren?

"Kind, das ist vielleicht das letzte Mal, dass wir zu Tante Lene fahren k√∂nnen, die √ľberlebt den Winter nicht, hat Onkel Heinz gesagt. Und die w√ľrden sich so freuen, Dich mal wieder zu sehen." Da hatten sie am Fr√ľhst√ľckstisch gesessen. Vater wie immer hinter seiner Zeitung, er hatte nur gebrummt. "Na sch√∂n, dann fahr ich eben mit." Mutter hatte richtig erleichtert ausgesehen. "Fein." Eigentlich hatte Clara sich ja mit Sven am Wochenende treffen wollen. Der w√ľrde bestimmt ganz sch√∂n feixen. Aber schlie√ülich, was mu√üte er ja auch immer bei dieser bl√∂den Feuerwehr antanzen. Nie ...

"Schei√üe, was macht denn der Idiot?" Mutter schreit. "Pass auf." Vater in Panik. "Der rast genau auf uns zu." Er tritt auf die Bremse, voll. Alle fliegen nach vorne, in die Gurte. Er rei√üt den Wagen nach rechts. Das kann doch nicht gut gehen. Jetzt nach links. Die R√§der rechts, r√ľber, √ľber den Randstein. Da ist nichts, nur Luft.

"... und wenn an einem Körper zwei verschiedene Kräfte angreifen, deren Angriffspunkte einen Abstand ..." Drehmoment, Drehimpuls, gerade vor einer Woche in Physik. "... ich diesen Quader hier werfe, was passiert ..." Lemkes Demo. Trägheitsmomente, glaub ich, wollt' er zumindest hören. " ... dreht er sich um die Längsachse ..."

Wie in der Achterbahn, die Mageninhalte machen sich selbständig. Vor dem Fenster läuft der falsche Film, in Zeitlupe, die Bäume wachsen jetzt von rechts nach links, nein, schräg nach unten, ...

... wie letztes Jahr, als sie bei Onkel Rolf im Flugzeug mit durfte, das war echt cool gewesen, bevor er an ihr herumt√§tschelte, der geile Sack. Hatte wohl gedacht, dass der Looping und die Rolle und das bisschen Auf-dem-Kopf-Fliegen bei ihr die Hormone an- und den Verstand abgedreht h√§tten. Mann, hatte der den Mund aufgerissen, als sie ihm eine geklatscht hatte. Hihi, den Gesichtsausdruck w√ľrde sie nie vergessen. Und erst, als sie ihm gedroht hatte. "Wenn Du das noch mal versuchst, sag' ich das bestimmt meinen Eltern, darauf kannst Du Gift nehmen. Und Deine Frau wird sich bestimmt auch freuen. Ich stehe nicht auf Bierb√§uche und H√§ngebacken, merk' Dir das." Im ersten Moment hatte sie gedacht, er w√ľrde sich auf sie st√ľrzen. Angst hatte sie schon gehabt, aber diesem Arsch, dem hatte sie ihr trotzigstes Gesicht gezeigt, und da hatte er den Schwanz eingezogen. Na ja, irgendwo hatte das auch was, hatte sie sich nachher gedacht, wenn man die alten Knacker so richtig in Glut bringen kann. Kein Kind mehr und so. Und wenn es nicht gerade Onkel Rolf gewesen w√§re, wer wei√ü ...

... immer rund, "Mach ...", immer rund, "doch was", Mutter, la√ü das Schreien, es n√ľtzt ja doch nichts, ... Mutters Handtasche wirbelt auf das Vorderfenster zu, zerschl√§gt es.

"Jetzt schau Dir an, was Du wieder angestellt hast!" Entgeistert schaute Clara auf. Sie schluchzte. "Das habe ich nicht gewollt!" Fast kreischend klang die helle Kinderstimme. Der K√ľchenboden war √ľbers√§t mit Gew√ľrzgurken und Scherben. "Was ist hier wieder f√ľr ein Geschrei, ich muss doch mal in Ruhe arbeiten k√∂nnen". W√ľtend st√ľrzte Vater herein. "Ernst, nicht!" Und schon hatte sie eine Ohrfeige bekommen, dass ihr Kopf nur so brummte. Erst links, dann rechts. "Schleudertrauma", hatte der Arzt nachher gesagt. Und "Eigentlich sollte ich Sie anzeigen, Ihr Kind so zuzurichten". Bleich war Vater da geworden. J√§hzorn, wenn der ihn packt, ist er nicht wieder zuerkennen. Sonst ist er doch ... doch, lieb ist er, und irgendwo hat es ihm wohl auch leid getan. Und als er ihr Ben, den riesigen Kuschelb√§ren geschenkt hat, da hat sie ihm gleich ...

Weich m√ľ√üte es doch sein, das Kissen, das ihr in den Nacken fliegt, aber nichts da, als w√§re es ein Sandsack. Und diese kratzende, heulende Musik, die pa√üt gar nicht zum Drehrhythmus, als ob dem Wagen nie einer das Tanzen ...

... Wiener Walzer, endlich, ihr Lieblingstanz. Wenn nur der Michael nicht so ein T√∂lpel w√§re. Linksherum, mit dem? Nie im Leben. Jedenfalls nicht bis zum Abschlu√üball, soviel war klar. Und eigentlich br√§uchte sie Schuhe mit Stahlkappen, so oft, wie der ihr drauflatscht. Gabi allerdings war vor Neid geplatzt, als der Michael ... "Clara, magst Du mit mir zur Tanzstunde gehen?" Knallrot angelaufen war er da, der Michael, wie ein zu gro√ü geratener Teddib√§r hatte er ausgeschaut, richtig s√ľ√ü ... Aber vielleicht h√§tte sie doch warten sollen, bis Sven sie gefragt h√§tte. Eigentlich wollte sie ihm ja nur eins auswischen, weil der sich bei der letzten Fete so wenig um sie gek√ľmmert hatte. Als ob er eine andere h√§tte. Aber als Sven erfuhr, dass sie mit Michael den Kurs machen w√ľrde, da hatte er ganz verschleierte Augen gekriegt. Na ja, es gab ja auch noch den F-Kurs. ... Schwitzen tat der Michael, furchtbar, und wie er immer glotzte ...

Vaters Augen, im R√ľckspiegel, er hat sie riesig weit aufgerissen, fast so sehr wie seinen Mund, er br√ľllt ein langgezogenes "Nein", dr√ľckt sich mit beiden H√§nden vom Lenkrad weg. Mir ist so schlecht ...

... wie damals, als sie so lange auf ihre Regel warten musste, richtig nerv√∂s war sie schon gewesen, vier Tage √ľber der Zeit. Das war, nachdem sie und Sven das erste Mal miteinander geschlafen hatten, im Bootshaus, wo es ein wenig muffig roch. Aber Sven hatte sie so lange gek√ľsst und gestreichelt, bis sie einfach die Kontrolle verlor. Er ja auch. Und die Pille hatte sie sich erst hinterher verschreiben lassen. Es war so sch√∂n gewesen, Sven war so lieb, so z√§rtlich gewesen, und auch am Anfang hatte es nur ein bisschen weh getan, als er in sie eindrang ...

Warum tut es nur so furchtbar weh, diesmal. "Aaahhh"

quote:
... wegen eines schweren Verkehrsunfalles musste die Bundesstraße ...


"Was hat er denn nur, ist doch nicht das erste Mal, eigentlich m√ľsste er das besser abk√∂nnen. Zugegeben, ist ja kein sch√∂ner Anblick, so wie die zugerichtet sind." Der Einsatzleiter sieht sich um. Die Rettungsarbeiten sind so gut wie abgeschlossen. Als er den Wagen da auf der abgebrochenen Kiefernspitze liegen sah, wie ein St√ľck Schaschlik auf dem Spie√ü, da hatte er gleich gewusst, die sind hin. Aber trotzdem mu√üte man versuchen, mit dem Rettungsspreizer die Opfer aus dem Wrack zu bergen. Ein Wunder, dass kein Feuer ausgebrochen ist, bei all dem Treibstoff, der ausgeflossen ist. Der Feuerwehrmann sch√ľttelt den Kopf. "Er wird sich schon wieder fangen, der Junge."

... "Versuchs mal mit dem Spreizer. Hey, ruhig, was ist denn los?" Das Kennzeichen kannte er doch. Nein, bitte nicht. Lass sie noch leben, bitte. Hastig setzte er das schwere Werkzeug an. Verflucht, jetzt rutschte es ab. Nochmal. Geschafft. "Oh nein!" ... Den Anblick der blutverschmierten Astspitze, die durch Claras Schlund gedrungen war und zwischen ihren zerfetzten Kiefern herausragte, wurde Sven auch nicht los, als er so lange gekotzt hatte, bis er meinte, seine Magenw√§nde w√ľrden mit hochkommen.


quote:
... An diesem Wochenende starben leider wieder zwölf Menschen auf bundesdeutschen Straßen. Das Wetter ...



Version vom 14. 05. 2007 19:57
Version vom 02. 06. 2008 18:11

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Pete
Guest
Registriert: Not Yet

Einfach klasse, habe nichts auszusetzen!

Die alternierenden Ebenen sind Dir gut gelungen, vor allem, weil sie auf einen gemeinsamen Höhepunkt zielen. Gerade so wie ein Liebespaar, von dem die Geschichte ja auch handelt.

Ich liebe solche Experimente, vor allem wenn sie so gelungen sind, wie bei Dir!

Klar hast Du eine gewisse Splatterfantasie verwirklicht. Aber wenn es passt, so wie hier, ist nichts auszusetzen. Er begr√ľndet sogar das tiefe Entsetzen Svens.

Bitte f√ľhle Dich ermutigt, mit Deinen literarischen Bem√ľhungen hier im Forum fortzufahren.

Gr√ľ√üe

Pete

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HerbertH
???
Registriert: May 2007

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Klasse, danke f√ľrs Lesen und Kommentieren

Lieber Pete, liebe Maerchenhexe,

zunaechst einmal tausend Dank f√ľrs Lesen und Eure lobenden Reaktionen.

Was die Frage angeht, ob das eine Kurzgeschichte ist: F√ľr mich ist sie das und eigentlich gar nicht so experimentell. Zwar gibt es verschiedene Ebenen, etwas, was ich in LL in den Kurzgeschichten selten fand, jedenfalls in meiner noch kurzen Zeit hier. Aber es gibt einen Handlungstrang, der sich durchzieht, und die Assoziationen w√§hrenddessen, die den Strang verdeutlichen und mit Leben f√ľllen sowie die Personen n√§her bringen sollen und m√ľssen. Denn das habe ich gewollt, dass die Geschichte unter die Haut geht, wenn auch eigentlich nicht unbedingt als Liebesgeschichte, sondern eher als Klage √ľber den t√§glichen Tod auf unseren Strassen. Deshalb auch die aufr√ľttelnden, eher grausigen Details.

Herzliche Gr√ľsse

Herbert

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HerbertH
???
Registriert: May 2007

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schock intendiert - danke f√ľr's lob

Liebe Haremsdame,

vielen Dank f√ľr dein Lob. Deine R√ľckmeldung zeigt mir, dass die Geschichte Wirkung zeigt, die gew√ľnschte...

Danke daf√ľr und liebe Gr√ľ√üe

Herbert

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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Kommentare: 516
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Hallo HerbertH,

eine Geschichte, die unter die Haut geht! Der Spannungsbogen ist dir gut gelungen ... und auch die Gliederung in die verschiedenen Ebenen finde ich klasse ‚Äď so kann der Leser prima verfolgen wer was wann erlebt hat.

Ein paar Anmerkungen hätte ich zu der von dir gewählten Vergangenheitsform in den beiden vorletzten kursiven Absätzen:


... Wiener Walzer, endlich, ihr Lieblingstanz. Wenn nur der Michael nicht so ein T√∂lpel w√§re. Linksherum, mit dem? Nie im Leben. Jedenfalls nicht bis zum Abschlu√üball, soviel war klar. Und eigentlich br√§uchte sie Schuhe mit Stahlkappen, so oft, wie der ihr drauflatschte. Gabi allerdings war vor Neid geplatzt, als der Michael ... "Clara, magst Du mit mir zur Tanzstunde gehen?" Knallrot angelaufen war er da, der Michael, wie ein zu gro√ü geratener Teddib√§r hatte er ausgeschaut, richtig s√ľ√ü ... Aber vielleicht h√§tte sie doch warten sollen, bis Sven sie gefragt h√§tte. Eigentlich wollte sie ihm ja nur eins auswischen, weil der sich bei der letzten Fete so wenig um sie gek√ľmmert hatte. Als ob er eine andere h√§tte. Aber als Sven erfuhr, dass sie mit Michael den Kurs machen w√ľrde, da hatte er ganz verschleierte Augen gekriegt. Na ja, es gab ja auch noch den F-Kurs. ... Schwitzen tat der Michael, furchtbar, und wie er immer glotzte ...

[...]

Das war, nachdem sie und Sven das erste Mal miteinander geschlafen hatten, im Bootshaus, wo es ein wenig muffig gerochen hatte. Aber Sven hatte sie so lange gek√ľ√üt und gestreichelt, bis sie einfach die Kontrolle verloren hatte. Er ja auch. Und die Pille hatte sie sich erst hinterher verschreiben lassen. Es war so sch√∂n gewesen, Sven war so z√§rtlich gewesen, und auch am Anfang hatte es nur ein bi√üchen weh getan, als er in sie eingedrungen war ...


Viele Gr√ľ√üe,
Eve

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HerbertH
???
Registriert: May 2007

Werke: 880
Kommentare: 6601
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Zeiten

Liebe Eve,

vielen Dank f√ľr die guten Worte zu meinem Beitrag.

Mir ist nicht so ganz klar, was Du mit den Kommentaren zu den Zeiten meintest.

"drauflatschte" ist zugegebenermassen umgangssprachlich, aber bewusst und gewollt so gewählt. Denn es ging mir darum, das möglichst als Gedankenfluss darzustellen, als Bilder, die durch den Kopf sausen.

Bei den Plusquamperfekten scheint mir das grammatikalisch ok. Stilistisch kann man sich sicher streiten, ob man das heute so schreiben soll. Ich denke nochmal dar√ľber nach.

Liebe Gr√ľ√üe

Herbert
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