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Leselupe.de > Humor und Satire
Verkehrte Welt
Eingestellt am 10. 03. 2006 19:26


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Raniero
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Verkehrte Welt

Unendlich langsamen Schrittes bewegten sich die beiden älteren Herren dem Gipfelrestaurant zu.
Den Weg vom Tal herauf hatten sie mit der Seilbahn hinter sich gebracht, nun trennte sie nur noch wenige Meter vom Ziel.
Das Wetter spielte mit, bei diesem Ausflug, ein strahlender Herbsttag mit blauem Himmel versprach eine Rundumsicht vom Feinsten.
Schlurfend betraten die Männer die gut besuchte Panoramaterrasse, durchwanderten diese gemächlich, bevor sie sich schließlich schwer atmend an einem freien Tisch niederließen.
„Habe ich dir zuviel versprochen“, fragte der Jüngere der Beiden in euphorischem Tonfall, „eine derartige Aussicht hättest du wohl nicht für möglich gehalten? Bei diesem Wetter kann man von hier bis nach Italien sehen!“
„Südtirol, Paul-Peter, meinst du wohl“, antwortete der Andere „wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es Südtirol heißt!“
„Aber das liegt doch auch in Italien, so glaube mir doch, Südtirol liegt in Italien!“
„Für mich nicht“, entgegnete der Ältere knapp, „gib mir mal die Speisekarte!“
Im gleichen Augenblick trat die Kellnerin, eine junge Frau in den Zwanzigern mit groĂźzĂĽgiger Oberweite an den Tisch.
„Haben die Herren schon einen Getränkewunsch?“
„Zwei Krüge Weißbier, schöne Frau“, riefen die Herren unisono.
Während der Jüngere den Blick nicht von dem überwältigenden Gebirgspanorama wenden konnte, schaute der Alte zuerst der Gebirgswelt der Kellnerin hinterher, bis sie im Innern des Restaurants verschwand, sodann vertiefte er sich in die Speisekarte.
„Was willst du denn essen, Junge?“ knurrte er schließlich, „Es wird Zeit, dass du dich entscheidest. Gleich kommt die Kellnerin zurück, und du guckst immer noch in die Berge“.
„Entschuldige bitte, aber der Ausblick ist einfach phantastisch, man kann sich kaum davon losreißen“.
„Mein Ausblick ist auch nicht gerade schlecht“, antwortete der Ältere und starrte mit großen Augen in Richtung der weiblichen Bedienung, die, eine stattliche Anzahl von Bierkrügen auf ihrer üppigen Brust balancierend, auf die Terrasse trat. Nachdem die Krüge vor ihnen standen, genehmigten sich die zwei erst einmal einen tiefen Schluck, auf die schöne Bergwelt, wie sie meinten, worunter beide wohl etwas anderes verstanden.
„Kann ich schon mal etwas zu essen bestellen?“ fragte der Ältere die Bedienung, „er braucht wahrscheinlich noch eine Weile“.
„Aber natürlich, mein Herr“.
Während Paul-Peter noch mit der Karte beschäftigt war, bestellte der Alte ein Schnitzel mit Pommes frites und Salat.
„Aber den Seniorenteller bitte, nicht die normale Portion“.
Die Kellnerin runzelte die Stirn.
Nun hatte auch Paul-Peter seine Wahl getroffen.
„Das gleich für mich auch, bitte, schöne Frau!“
„Sie wollen beide den Seniorenteller, meine Herren“ ,hakte die Kellnerin nach, ein wenig konsterniert, „muss das sein?“
„Wie bitte, was ist das denn für eine Frage?“ empörten sich die beiden Gäste.
„Ja, es tut mir Leid“, druckste die Kellnerin, die sich offenkundig immer weniger wohl zu fühlen begann, „aber kann ich bitte mal Ihre Ausweise sehen?“
„Was wollen Sie sehen? Unsere Ausweise? Da hört sich ja alles auf! Was soll denn dieser Unsinn, gute Frau?“
Die Kellnerin, die auf diese Weise von einer schönen zu einer guten Frau mutiert war, bekam einen knallroten Kopf.
„Es tut mir Leid“, wiederholte sie, „aber ich muss Sie darum bitten. Wir haben verschärfte Bestimmungen, seit einiger Zeit“.
„Verschärfte Bestimmungen, für einen Seniorenteller? Das ist wohl ein Witz“, ereiferten sich die Alten.
„Wir sind angehalten“, fuhr die Bedienung fort, mit leiser Stimme, „bei all unseren Sondergerichten den amtlichen Altersnachweis zu verlangen. Das gilt für den Kinder- wie auch für den Seniorenteller, und, wenn Sie die Karte einmal umdrehen, auch für den Clou unseres Hauses, den Greisiorenteller“.
Die beiden Alten waren sprachlos; in der Tat gab es als Sonderangebot das gleiche Schnitzel als so genannten Greisiorenteller.
„Der ist sogar noch drei Euro billiger“, staunten sie, „was ist denn das für ein Teller, wird da ein Gebiss gleich mitgeliefert?“
Die Gesichtsfarbe der Kellnerin wechselte von Knallrot ins Tiefrote.
„Ich kann doch auch nichts dafür, für diese Bestimmungen“ murmelte sie „das sind Auflagen unserer Geschäftsleitung“.
„Dann holen Sie mal den Geschäftsführer, liebe Frau“, hatten die beiden Gäste Mitleid mit ihr.

Mit eiligen Schritten entfernte sich die wieder als lieb angesehene Frau vom Tisch, um gleich darauf in Begleitung eines dynamischen jungen Mannes in den DreiĂźigern zurĂĽckzukehren.
„Womit kann ich dienen, meine Herren“, erkundigte sich der Chef des Hauses in jovialem Tonfall, „gibt’s einen Grund zur Klage?“
„Das möchten wir wohl meinen, junger Mann“, fuhr ihn der Ältere barsch an, „was sind denn das für Methoden? Wir beide, mein Sohn und ich, wollten jeweils einen Seniorenteller bestellen, und man will vorher unsere Pässe sehen! Ja, wo leben wir denn? Damit Sie es genau wissen, mein Sohn ist einundsechzig Jahre alt, Frührentner, und ich selbst gehe auf die neunundachtzig zu, sieht man uns das nicht an?“
„Ich zweifle keine Minute daran“ beeilte sich der Geschäftsführer zu versichern und versuchte ein Kompliment, um die Stimmung, wie er glaubte, zu verbessern, „dass heißt natürlich, man sieht Ihnen beiden eigentlich gar nicht Ihre Jahresringe an; Sie haben sich, mit Verlaub gesagt, erstaunlich jung gehalten. Gleichwohl, so leid es mir tut, damit liegen Sie, mein Herr, knapp unter der Altersgrenze“.
„Mit neunundachtzig Jahren knapp unter der Altersgrenze, für einen Seniorenteller“, polterte der Vater los, während der Sohn sich die Ohren zuhielt, „wie alt muss man denn in diesem Laden sein, um so einen Scheißteller zu kriegen?“
„Aber beruhigen Sie sich doch, mein Herr“, entgegnete der Geschäftsführer „es ist uns auch nicht leicht gefallen, diesen Schritt zu gehen, aber aus demographischen Gründen mussten wir ihn tun“.
„Aus demographischen Gründen?“
„Leider, ja meine Herren. Wie Ihnen gewiss nicht verborgen geblieben ist, werden die Menschen in diesem Land immer älter, und entsprechend aller seriösen Prognosen wird schon in allernächster Zeit das Verhältnis zwischen jung und alt radikal kippen. Auf diese Weise rutscht natürlich auch die allgemeine Lebenserwartung enorm nach oben, und Ihr Sohn ist, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, heute mit seinen einundsechzig Jahren praktisch ein Jüngling. Kurz und gut, aus diesem Grund sahen wir uns gezwungen, die Maßstäbe anzugleichen und die Altersgrenze für unsere Seniorenteller heraufzusetzen; sie liegt jetzt bei neunzig Jahren“.
„Bei neunzig Jahren“, schrie der Alte, „soll das heißen, ich muss noch ein Jahr auf den verdammten Teller warten, und mein Sohn kriegt ihn vorläufig gar nicht?“
„Das ist leider so“, zuckte der Geschäftsführer bedauernd die Achseln, „wir können es nicht ändern. Was Ihren Sohn jedoch betrifft“, knipste er dem Alten ein Auge zu, da könnten wir Ihnen entgegenkommen, ausnahmsweise. Aufgrund der allgemeinen Entwicklung, die ich Ihnen soeben geschildert habe, sahen wir uns natürlich auch veranlasst, die Altersgrenze für den Kinderteller anzuheben; die liegt nun bei Sechzig, aber da er ja nur ein Jahr drüber ist, will ich mal ein Auge zudrücken“.


Als den beiden Alten das Essen serviert wurde, Paul-Peter der Kinderteller und seinem Vater die normale Portion, hatte der Alte noch eine Frage offen.
„Sagen Sie mal, schöne Frau, ab welcher Altersstufe beginnt eigentlich der Greisiorenteller?“
„Bei genau einhundertzehn Jahren“.
Bevor er sich auf das Schnitzel stĂĽrzte, zog der Alte sein Handy aus der Tasche.
„Was tust du, Vater?“ wollte Paul-Peter wissen.
„Ich rufe deinen Opa an, Junge“.

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flammarion
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schade.

in gewisser weise relativierst du den witz deiner geschichte mit dem letzten satz. denn wenn der vater des 89jährigen noch lebt, ebenso wie viele andere über hundertjährige, ist es ja durchaus möglich, dass sich die preise so entwickeln. kurios ist dann nur noch, dass lediglich leute zwischen 60 und 90 den normalen preis zahlen. ja, haben die denn auch noch arbeit? fragend guckt
__________________
Old Icke

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Raniero
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Hallo flammarion,

tja, vielleicht verhält es sich künftig so.
Bis sechzig verbleiben die Leute in Ausbildung, um von sechzig bis neunzig zu arbeiten, damit sie von neunzig bis einhundertzehn in den Genuss des Seniorentellers und danach in den Genuss des absoluten Betthupferls zu kommen.

Nicht so eng sehen, ist doch nur Satire.

GruĂź Raniero

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flammarion
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du,

ich hab mich durchaus innerlich gekringelt beim lesen. es ist nur so - ich schreib gerade an einer sifi-story, wo die leut so lange zur schule gehen mĂĽssen, bis sie den stoff endlich begriffen haben. das ergibt ne parallele zu obigem, finde ich. daher meine frage, ob die denn im hohen alter noch arbeit haben. in meiner geschichte bekommen sie welche.
kichernd grĂĽĂźt
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Old Icke

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Raniero
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höchstwahrscheinlich haben sie alle Arbeit; im Bereich Jugend forscht.
Eine Branche wird jedoch herbe EinbuĂźen zu verzeichnen haben:
Das Bestattungsgewerbe!

GruĂź Raniero

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