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Leselupe.de > Humor und Satire
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Eingestellt am 19. 09. 2003 21:24


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piro
AutorenanwÀrter
Registriert: Aug 2002

Werke: 27
Kommentare: 29
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Anna war der zauberhafteste Mensch, den er kannte. Nicht, dass er einen großen Bekanntenkreis hatte, aber er war ĂŒberzeugt, dass es keinen fabelhafteren Menschen gebe als sie. Ihr Lachen ließ sein Innerstes vor Freude zerspringen, Ärger in Ihren Augen brachte ihn zum Zittern, Trauer oder MĂŒdigkeit in ihrem Blick sorgten dafĂŒr, dass in ihm der Wunsch wuchs, sie tröstend in die Arme zu schließen, doch das ging nicht.
Sie war zweifellos hochintelligent, das merkte man schon daran, wie sie mit ihrer Umgebung – ihn eingeschlossen – umging. Sie hatte Humor und Charme, konnte gut reden und wirkte selbstbewusst.
Wenn sie ihn berĂŒhrte, beilĂ€ufig nur und ohne ihm echte Beachtung zu schenken, dann durchliefen Schauer seinen gesamten Körper. Wie schön musste es sein, wenn diese HĂ€nde ihn voll ZĂ€rtlichkeit streicheln wĂŒrden, voller WĂ€rme liebkosen. Wie unendlich beglĂŒckend wĂ€re es, wenn ihr Mund die berĂŒhmten drei Worte zu ihm sprechen wĂŒrde und sie fĂŒr immer zusammen sein könnten. Mit ihr das Leben zu teilen, musste das Paradies sein. Was sie sich alles gegenseitig geben konnten. Wie oft hatte er des Nachts, wenn er alleine in seinem Zimmer war, getrĂ€umt, dass sie seine GefĂŒhle erwidern wĂŒrde. Doch beim Licht des anbrechenden Tages hatte er an der RealitĂ€t nicht mehr vorbei sehen können: Sie passten nicht zusammen, waren einfach zu verschieden. Jeder hĂ€tte das gesagt. Und doch: Sie las gern und Lesen war auch eine seiner LieblingsbeschĂ€ftigungen. Sie hörte unheimlich gerne Andrea Bocelli und auch er hatte das GefĂŒhl, dass alles in ihm rotiere, wenn sie ihre Lieblings-CD einlegte und die sanfte und doch zugleich kraftvolle Stimme des blinden Tenors zu hören war. Wie oft half er ihr mit seinem Wissen weiter und andererseits wĂ€re sein Leben leer und ohne Energie gewesen, wenn es sie nicht gegeben hĂ€tte. Vielleicht waren sie doch fĂŒreinander geschaffen?
Besonders beunruhigend war fĂŒr ihn, dass Anna seit kurzem sehr viel Post mit einem Andreas austauschte. Er hatte die Briefe, die er ĂŒberbracht hatte, heimlich gelesen. Der SĂŒĂŸholzsaft troff geradezu aus den Zeilen heraus. Er hatte diesen Kerl, der sich an seine Anna heranmachte, noch nie gesehen, aber er hasste ihn schon jetzt. Dieser Typ konnte doch niemals so ehrliche GefĂŒhle fĂŒr die wunderbarste Frau der Welt hegen wie er. Er fĂŒhlte sich hilflos. Warum war er nur so furchtbar schĂŒchtern, hatte Anna nicht seine GefĂŒhle gestehen können? Nun war es vielleicht schon zu spĂ€t und dieser schleimige BetrĂŒger wĂŒrde ihm die zauberhafteste Frau des Universums rauben.
Doch er hatte bereits Gegenmaßnahmen ergriffen. Den letzten Brief dieses ruchlosen Aufreißers hatte er gestern abgefangen und verschwinden lassen. DafĂŒr hatte er Annas Brief an Andreas durch ein fingiertes Antwortschreiben ersetzt, das seinem Nebenbuhler unmissverstĂ€ndlich klar machte, dass seine Angebetete nichts mehr von ihm wissen wollte. Vielleicht war damit die Episode „Andreas“ fĂŒr immer Geschichte.
Möglicherweise wĂŒrde dann seine eigene Chance kommen. Wenn er nur nicht so schĂŒchtern wĂ€re. Immerhin war er hĂ€ufig mit Anna zusammen, doch sie schenkte ihm so wenig Aufmerksamkeit als sei er nur irgendein seelenloses Ding.


MĂŒde betrat Anna ihr Arbeitszimmer. Der Tag war anstrengend gewesen. Sie drĂŒckte die Einschalttaste ihres alten Computers, den sie vor zwei Jahren gebraucht gekauft hatte und mit dem Schnurren eines liebeshungrigen Katers beschleunigte die Festplatte.
Die junge Frau ließ sich mĂŒde auf den Schreibtischstuhl fallen. Sie wollte schnell noch nachsehen, ob eine neue Mail von Andreas da war. Seit sie sich vor vier Wochen im Zeichenkurs der Volkshochschule kennen gelernt hatten, tauschten sie fast tĂ€glich Mails aus und sie musste zugeben, dass manchmal ihr Herz schneller schlug, wenn sie seine Worte las, genauso wie da dieses gewisse Kribbeln war, wenn er sie im Klassenraum mit seinem Hundeblick ansah. Er war wirklich sĂŒĂŸ.
Das Betriebssystem brauchte ewig, bis es seinen Boot-Vorgang abgeschlossen hatte. Ungeduldig klickte sie auf das Symbol des Mailprogramms und die WĂ€hltonfolge des Modems signalisierte ihr, dass der Computer gerade Kontakt mit dem weltweiten Datennetz aufnahm.
Zwei Minuten spĂ€ter trennte der Computer nach dem Herunterladen der Mails die Verbindung wieder und sie stellte fest, dass sie zwar endlos viele Werbemails bekommen hatte, aber keine Nachricht des Mannes, fĂŒr den sie mehr empfand als fĂŒr einen Bekannten. Es war schon der zweite Tag, den er nicht geschrieben hatte. Sie spĂŒrte eine heftige EnttĂ€uschung in sich. Hatte er schon sein Interesse an ihr verloren?
Das Telefon klingelte. Mit einem Stirnrunzeln nahm sie ab. Es war Andreas.
„Sag mal, was soll denn deine Mail von gestern heißen?“, tönte es Ă€rgerlich aus der Leitung.
„Wieso“, fragte sie ahnungslos. „Habe ich irgendetwas falsches geschrieben?“
„Irgendetwas falsches?“ Andreas brĂŒllte fast in den Hörer. „Soll ich dir einmal vorlesen, wenn dich dein Erinnerungsvermögen verlassen hat? ‚Hallo Andreas! Deine blöden Mails nerven mich wie eine stĂ€ndig wiederkehrende Überspannung. In deinem Gehirn herrscht ja wohl totaler Stromausfall. Dein Auftreten ist ein Interrupt meines Lebens, den ich lieber ausschalten möchte. Du bist so langweilig, als befĂ€ndest du dich permanent im Sleep Mode. Ich stehe nicht auf MĂ€nner ohne Hertz. Bitte fall mir zukĂŒnftig nicht mehr auf den Stack, sondern lass uns offline bleiben. Sieh doch ein, dass wir nicht kompatibel sind und lösche die Erinnerung an mich aus deinem Ram. Viele Pings sendet dir zum letzten Mal Anna.’ Sag mal, soll das witzig sein oder so?“
„Das habe ich nie geschrieben“, rief Anna voll Entsetzen.
„Ach, und wer dann? Hier steht dein Absender in der Mail.“
„Ich habe dafĂŒr keine ErklĂ€rung. Bitte glaub mir. Warum sollte ich denn so etwas tun?“ versuchte Anna sich verzweifelt zu verteidigen.
Andreas beruhigte sich: „Schande, vielleicht hast du einen Virus in deinem System. Oder irgendein Hacker hat sich bei dir aufgeschaltet. Ich könnte mir deinen Rechner mal nĂ€her ansehen. Ich kenne mich ein bisschen damit aus.“
„Oh, das wĂ€re wunderbar“, sagte Anna viel zu schnell. Erst als sie es ausgesprochen hatte, fiel ihr auf, dass sie gerade jemanden zu sich nachhause eingeladen hatte, den sie erst vier Wochen kannte. Doch gesagt war gesagt.

Das also war Andreas. Der Typ war ja noch viel furchtbarer, als er gedacht hatte. Dieser ekelhafte sanfte Tonfall, dieses vorgetĂ€uschte VerstĂ€ndnis, dieses kĂŒnstliche Lachen. Und Anna lachte auch noch mit, fiel auf diesen Liebesschwindler herein. Es war furchtbar und er selbst konnte nichts tun, um das Unheil aufzuhalten.
Jetzt kam diese Unperson auch noch auf ihn zu und – igitt – der Kerl fasste ihn an. Er ekelte sich. Ihm wurde schlecht. Er musste sich ĂŒbergeben.

„Hoppla, wieso purzelt denn da plötzlich die CD aus dem Laufwerk?“, fragte Andreas verwundert.
„Ich habe das GefĂŒhl, das Ding hat tĂ€glich mehr Macken“, meinte Anna Ă€rgerlich. „Vielleicht sollte ich es einfach verschrotten und mir einen neuen Rechner kaufen. Ich fĂŒrchte du verschwendest deine Zeit, wenn du versucht, da etwas zu reparieren.“
„Lass mich einfach mal probieren. Ich brauche nur ein wenig Zeit. Du musst nicht hier sitzen, wenn es fĂŒr dich langweilig ist.“
Anna zog ĂŒberrascht die Augenbrauen in die Höhe. Sie wĂ€re sehr gerne bei ihm geblieben, aber bitte, wenn er nicht wollte.
„Dann gehe ich fernsehen“, sagte sie in einem Tonfall, bei dem selbst ein tauber Ochse gemerkt hĂ€tte, dass sie beleidigt war, aber sie musste feststellen, dass MĂ€nner unsensibler waren als taube Ochsen.
Ihn verschrotten, so weit war es nun schon gekommen. Kaum tauchte irgendein Schönling auf, der sich zwar auf zwei Beinen bewegen konnte, aber nicht einmal 37 hoch 54 im Kopf ausrechnen konnte, dachte sie daran, ihren treuen Freund zu verschrotten. ZÀhlten denn innere Werte gar nichts?
Und nun ließ sie ihn auch noch mit diesem ekeligen Wichtigtuer allein im Zimmer zurĂŒck. Er wollte nicht von diesem Typ befingert werden. Der Kerl wĂŒrde sich die ZĂ€hne an ihm ausbeißen!


Nach einer Stunde lehnte sich Andreas erschöpft im Schreibtischstuhl zurĂŒck. Nichts hatte er bewirkt, außer dass sich der Rechner ungefĂ€hr alle drei Minuten aufgehĂ€ngt hatte und dabei hatte er Anna doch mit seinem Computerwissen imponieren wollen. Nun wĂŒrde sie ihn fĂŒr einen Aufschneider halten.
„Mistkiste“, fluchte er, „sie sollte dich wirklich verschrotten!“
Ein gefÀhrlich aggressive Schnarren ertönte von der Festplatte. Schnell fuhr er den Rechner herunter. Wenn nun auch noch die Hardware ihren Geist aufgab, wollte er nicht daran Schuld sein.
Als er den Netzschalter betĂ€tigte und dabei das MetallgehĂ€use des Computers berĂŒhrte, bekam er einen schmerzhaften Schlag. „Schande, da ist doch irgendetwas nicht vernĂŒnftig geerdet oder isoliert“, schimpfte er.
Er stand auf und ging zur ArbeitszimmertĂŒr. Noch in der TĂŒr sagte er zu Anna, die im Nebenzimmer vor dem Fernseher saß: „Ich geb’s auf. Die Kiste ist wirklich Schrott. Wenn du möchtest, berate ich dich beim Kauf deines neuen Computers.“

Da kam sie. Er spĂŒrte eine Riesenangst in sich, doch er wusste, dass er jetzt handeln musste, wenn er seine letzte Chance nicht verpassen wollte. Er hatte eine Nacht voller GrĂŒbeln hinter sich, nachdem „der andere“, wie er seinen Nebenbuhler inzwischen nannte, gestern seine Verschrottung empfohlen hatte. Und in dieser Nacht war ein Entschluss in ihm gereift: der Entschluss, um Anna zu kĂ€mpfen. Vielleicht hatte „der andere“ gedacht, durch seine Empfehlung eines Computer-Neukaufs die Konkurrenz aus dem Weg gerĂ€umt zu haben, aber wer zuletzt lachte, lachte bekanntlich am besten.
Und doch war ihm im Moment nicht im geringsten zum Lachen zumute, denn nun musste er seine innersten GefĂŒhle fĂŒr Anna offenbaren, das, was „der andere“ noch nicht gewagt zu haben schien. Er musste ihr direkt klar machen, was sie ihm bedeutete, Angesicht in Angesicht, wie hĂ€ufig hatte er das schon vorgehabt, sich die schönsten Worte zurechtgelegt und es doch nicht fertiggebracht. Warum war es so furchtbar schwer, einer Frau seine Liebe zu gestehen? Weil man befĂŒrchtete, nur als weiterer Kerl in der Liste billiger Aufreißer betrachtet zu werden? Weil kein Satz der Welt wirklich das ausdrĂŒcken konnte, was man fĂŒhlte? Weil man sich in die AbhĂ€ngigkeit der Angebeteten begab, die einen aufnehmen oder fallen lassen konnte? Ja, war es die Angst vor einer ZurĂŒckweisung, die nicht nur die ZurĂŒckweisung eines Ansinnens, sondern die ZurĂŒckweisung der ganzen Person sein wĂŒrde?
Er zitterte vor Angst.

Anna schlug genervt gegen das GehÀuse des Computers, das schon wieder vibrierte und dabei hÀsslich schnarrte. Es war wirklich ein neues GerÀt fÀllig.
Der Boot-Vorgang war abgeschlossen. Jetzt oder nie! Er war wie gelĂ€hmt. Nein, er konnte es nicht. Aber dann wĂŒrde „der andere“ triumphieren und er wĂŒrde den Rest seines Lebens als Geschenk in einer Grundschule fristen, wo ihn unerzogene BĂ€lger fĂŒr ihre stressigen Action-Spiele verschwenden wĂŒrden. Nein, es musste sein. Er unternahm einen zweiten Anlauf und dann war es heraus.
Anna starrte fassungslos auf den Bildschirm, der plötzlich schwarz geworden war und zwei SĂ€tze in großer leuchtend roter Schrift enthielt: „Ich liebe Dich! Bitte heirate mich!“
Sie schluckte, spĂŒrte, dass ihre GefĂŒhle in wilden PurzelbĂ€umen aus Angst, Freude, Zweifel und Liebe, immer wieder Liebe taumelten.
Wie ihre Augen glĂ€nzten. Sie hatte verstanden. Seine GefĂŒhle hatten sie endlich erreicht. Gleich wĂŒrde sie ihn kĂŒssen und alles wĂŒrde gut werden.
Anna griff zum Telefon und wĂ€hlte. Sie wartete nicht ab, bis die Person am anderen Ende der Leitung ihren Namen ausgesprochen hatte: „Andreas, jetzt verstehe ich, wieso du gestern alleine am Computer sitzen wolltest. Ich liebe dich auch. Lass uns fĂŒr immer zusammen bleiben.“
Es machte „Fump“, gab einen Blitz, dann war der Monitor schwarz.
„Ich glaube, mein Computer ist jetzt endgĂŒltig hinĂŒber“, sagte Anna kopfschĂŒttelnd in den Hörer. „Aber welche Bedeutung hat schon der Verlust einer Maschine, wenn es um Liebe geht?“

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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n

klein wenig zu lang, aber herrlich!
ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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clumsy
???
Registriert: Aug 2003

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Nett!

Einfach richtig nett! Habe mich beim Lesen herrlich amĂŒsiert! GlĂŒckwunsch! Mag sein, daß es ein ganz klein wenig zu lang ist ... aber das tut der Sache wie ich finde keinen großen Abbruch ... Außerdem wĂŒĂŸte ich auch nicht, wie man das KĂŒrzen kann. Die Sache mit dem Liebeshungrigen Kater als Beginn der trotzdem noch ĂŒberaschenden Auflösung ... die technisch verfĂ€lschte Mail .... Geil!

Da machts Spaß zu lesen!

Liebe Gruß

Clumsy

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