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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verliererskizzen 1
Eingestellt am 26. 09. 2003 19:46


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Thorsten Sylla
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2003

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Auf der Suche nach der Senftube

Es ist Freitag. Und Freitag ist der Lieblingstag von Heinz Werner, denn am Freitag geht er immer einkaufen im Supermarkt, der nur zwei Straßen von seiner Wohnung entfernt liegt. Es ist ein großer, gerĂ€umiger Supermarkt, in dem man annĂ€hernd alles bekommen kann. Hygieneartikel, frisches Obst und GemĂŒse, SĂŒĂŸigkeiten, Wurst und KĂ€se. Ja, sogar eine kleine Musikabteilung gibt es dort. Doch die sucht Heinz Werner nur selten auf. An diesem Wochenende möchte sich Heinz Werner griechisch bekochen. Er wirft ein PĂ€ckchen tiefgefrorenes Gyros in seinen Einkaufswagen und sucht aufgeregt nach dem dazu passenden Reis. Parboiled soll er sein, darf also nicht kleben. Ah, da ist er ja. Rein damit in den Einkaufswagen. Heinz Werner besorgt eine Flasche guten griechischen Weines, Peperoni und SchafskĂ€se. Dazu gesellen sich die ĂŒblichen VerdĂ€chtigen: KĂ€se, Wurst, Brot und Bier und –heute mal ausnahmsweise- eine kleine Flasche Ouzo. FĂŒr Samstag. Als Begleitung zum Essen. Der eigentliche Höhepunkt des freitĂ€glichen Einkaufsausfluges ist fĂŒr Heinz Werner aber immer erst dann erreicht, wenn er feierlich eine Senftube aus dem Regal zieht und sie ganz behutsam, damit sie nur nicht verbeult, auf dem Boden des Einkaufswagens platziert. SorgfĂ€ltig abgetrennt von all den anderen Waren, denen eine solche Ehre nicht zuteil wird, wird sie vorsichtig zur Kasse gefahren und langsam auf das Band gelegt. Doch heute kann dieses Ritual nicht vollzogen werden. Als Heinz Werner das Regal erreicht, in dem gewöhnlich eine große Menge unterschiedlichster Senftuben vorrĂ€tig ist, tritt er entsetzt einen Schritt zurĂŒck. Das Regal ist leer! Heinz Werner wird es schwindelig. Seine HĂ€nde beginnen zu zittern und ihre InnenflĂ€chen werden feucht. Er gerĂ€t in Panik, stĂŒtzt sich kurz auf dem Einkaufswagen ab, um sich zu beruhigen, schaut zu Boden und atmet schwer. Es dauert eine Weile, bis Heinz Werner den Boden unter seinen FĂŒĂŸen wieder als stabil und Halt gebend wahrnehmen kann. Er kommt zu KrĂ€ften und setzt den Einkaufswagen in Bewegung. Als eine Bedienstete des Supermarktes seinen Weg kreuzt, macht Heinz Werner Halt und fasst den Mut, sie anzusprechen: »Entschuldigen Sie bitte, gute Frau. Ich habe eben Senf kaufen wollen. Aber das ganze Regal ist leer. Haben Sie keinen Senf da?«
»Nun, wissen Sie. Wir haben gerade eine Lieferung erhalten, die auch SenfglÀser enthÀlt. Ich könnte schnell ins Lager gehen und ihnen eins holen. Was bevorzugen Sie denn? Scharfen oder mittelscharfen Senf?«
»Entschuldigen Sie«, rÀuspert sich Heinz Werner, »aber sagten Sie gerade eben SenfglÀser? Ich suche eigentlich Senf aus der Tube. Haben Sie den auch da?«
Die Supermarktangestellte schaut Heinz Werner unglÀubig an.
»Nein, Senf aus der Tube ist vollkommen aus, den kriegen wir auch erst morgen wieder rein. Es ist so heiß da draußen und die Leute wollen alle grillen, da verkaufen wir immer eine Menge Senf.«
»Also kein Senf aus der Tube?«, vergewissert sich Heinz Werner.
»Nein. Aber was ist jetzt? Wollen Sie Senf oder nicht?«
»Nein, dann lieber nicht. Nein, dann komme ich lieber morgen noch einmal hierher. Vielen Dank fĂŒr die BemĂŒhungen.«
Die kopfschĂŒttelnde VerkĂ€uferin eilt davon, als der völlig verwirrte Heinz Werner seinen Kopf in die HĂ€nde nimmt und der Verzweiflung nahe ist. In dieser traurigen Verfassung bezahlt er all die anderen Waren, packt sie in den Kofferraum seines Pkw und fĂ€hrt nach Hause. In der KĂŒche stapelt er zunĂ€chst sĂ€mtliche EinkĂ€ufe auf dem Tisch, ehe sie in die dafĂŒr vorgesehenen RĂ€umlichkeiten wandern. Heinz Werner geht es nicht gut. Was ist das fĂŒr ein Freitagabend ohne neue Senftube, denkt er. Ihm ist zum Heulen zumute. In der Hoffnung, Musik könne ihn zu einer heiteren GemĂŒtslage bewegen, legt Heinz Werner eine Schallplatte auf. Doch die Schallwellen erreichen nicht die tiefen Kammern seiner deprimierten Seele und Heinz Werner macht sich ein Brot. Lustlos kaut er an der Kruste herum und bemerkt, dass ihm plötzlich sehr heiß wird und die HĂ€nde ihm erneut zu zittern beginnen. Der Kreislauf, kommt es Heinz Werner in den Sinn. Der gute Mann denkt, es wĂ€re besser, sich fĂŒr einen Moment hinzulegen. Doch kommt diese Annahme einer TĂ€uschung gleich. Heinz Werner wird deutlich, dass er etwas tun muss, will er dieser unangenehmen Verfassung entkommen. Er konzentriert sich, rafft alle körperlichen Ressourcen zusammen, steht auf, streift sich die Jacke ĂŒber und geht zu seinem Wagen. Heinz Werner fĂ€hrt zu der Edeka- Filiale im Zentrum der Stadt. Das Zittern lĂ€sst schon wieder etwas nach. Er parkt den Wagen, hetzt in den Laden, arbeitet sich von Gang zu Gang, von Regal zu Regal und stellt erleichtert fest: »Ah, Senftuben! Viele schöne Senftuben!« Sofort streckt er die HĂ€nde in Richtung Regal, greift nach einer Tube und lĂ€sst sich erregen von dem GefĂŒhl, welches das kalte Aluminium in seinen warmen HĂ€nden erzeugt. Euphorie macht sich breit, Adrenalin stĂ¶ĂŸt ihm durch die Venen. Heinz Werner ist wieder Mensch. Er ist zurĂŒckgekehrt in die Riege der Lebenden und genießt das momentane GefĂŒhl der Vollkommenheit. Er prĂŒft, ob beide Tuben auch ĂŒber die ungemein wichtige Aluminiumversiegelung am Kopf verfĂŒgen, stellt zufrieden fest, dass dies der Fall ist, geht zur Kasse und bezahlt, abweichend von seinen sonstigen Gewohnheiten, gleich zwei Senftuben. Heinz Werner hat entschieden, von nun an immer eine Tube als Reserve im Haus zu haben. Denn, wie er heute gelernt hat, kann man ja nie wissen. Zu Hause angekommen, legt Heinz Werner eine Tube auf dem KĂŒchentisch ab, wĂ€hrend die zweite in den KĂŒhlschrank wandert. Er lĂ€sst sich Badewasser ein, steigt in die Wanne und genießt das GefĂŒhl totaler Entspannung. Heinz Werner trocknet sich ab, hĂŒllt sich in einen Bademantel und holt eine der Senftuben aus der KĂŒche. Mit ihr geht er ins Wohnzimmer und starrt sie, die nun unbeweglich vor ihm auf dem Tisch liegt, lange an. Daraufhin nimmt er sie in seine Hand. Sie fĂŒhlt sich unglaublich gut an. Heinz Werner schraubt den gelben Plastikdeckel langsam ab und dreht ihn immer wieder zwischen seinen Fingern hin und her. Er nimmt den Deckel, der in seiner Mitte eine kleine Spitze zum Zwecke der Entjungferung der Aluminiumversiegelung bereithĂ€lt, und lĂ€sst ihn langsam der Senftube nĂ€her kommen, bis die kleine Spitze die Versiegelung erreicht. Heinz Werner hĂ€lt kurz inne, ehe er, von einem leisen Knacken begleitet, die dĂŒnne Aluminiumschicht durchtrennt. Heinz Werner, dessen Augen geschlossen sind, stellen sich die Nackenhaare auf, seine Haut ist empfindlich gereizt und ein tiefer Seufzer der Befriedigung entfĂ€hrt seinen Lippen, als er sich tief ins Sofa zurĂŒck fallen lĂ€sst.


__________________
Thorsten Sylla

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Nicky_H
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Registriert: Sep 2003

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Hallo Thorsten,

sehr nett, hab mich still befeixt darĂŒber.

Vielleicht ist es nicht so gut, so skurrile Typen auch noch mit skurrilen Namen zu belegen. Bei "Heinz Werner" denke ich komischerweise sofort, dass der merkwĂŒrdig sein muss. Weiß gar nicht warum, eigentlich glaube ich nicht, dass alle Heinz Werners merkwĂŒrdig sind.

Ein paar Kleinigkeiten:

quote:
Dazu gesellen sich die ĂŒblichen VerdĂ€chtigen: KĂ€se, Wurst, Brot und Bier und –heute mal ausnahmsweise- eine kleine Flasche Ouzo.
"Dazu gesellen sich die ĂŒblichen VerdĂ€chtigen" finde ich schon etwas ĂŒberzogen. "Dazu kommt das Übliche" wĂŒrde m.E. reichen.
Und Leerstellen vor und nach "heute mal ausnahmsweise".
quote:
In der KĂŒche stapelt er zunĂ€chst sĂ€mtliche EinkĂ€ufe auf dem Tisch, ehe sie in die dafĂŒr vorgesehenen RĂ€umlichkeiten wandern.
Lieber "FĂ€cher" oder so etwas, statt "RĂ€umlichkeiten"?
quote:
Der Kreislauf, kommt es Heinz Werner in den Sinn. Der gute Mann denkt, es wĂ€re besser, sich fĂŒr einen Moment hinzulegen.
Hier finde ich es nicht so gut, den zweiten Satz mit "Der gute Mann denkt" beginnen zu lassen. Das schafft unnötig Abstand zu ihm.
quote:
Doch kommt diese Annahme einer TĂ€uschung gleich.
Es IST eine TÀuschung. So wie es da steht, bleibt es immer noch im Möglichkeitsbereich. Aber die Redewendung mit dem "irgendwas kommt etwas anderem gleich" ist leider auch sehr abgegriffen.
quote:
Adrenalin stĂ¶ĂŸt ihm durch die Venen
Hieße das nicht, er mĂŒsste jetzt noch angespannter sein? Er fĂ€ngt aber gerade an, sich zu beruhigen.
quote:
Heinz Werner, dessen Augen geschlossen sind, stellen sich die Nackenhaare auf, seine Haut ist empfindlich gereizt und ein tiefer Seufzer der Befriedigung entfĂ€hrt seinen Lippen, als er sich tief ins Sofa zurĂŒck fallen lĂ€sst.
Hm, "seine Haut ist empfindlich gereizt", - passt das zum Bild der Entspannung, das da gezeichnet wird? Beim ersten Mal hatte ich es ĂŒberlesen, da war mir das nicht aufgefallen und hat mich nicht gestört.

Soweit erst mal. "Verliererskizzen" ist ein nettes Thema fĂŒr einen Zyklus. Bin schon neugierig auf weiteres.

Viele GrĂŒĂŸe
Nicky

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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hallo thorsten sylla,

herzlich willkommen in lupianien.

schließe mich nicky-h in allen punkten an. vor allem möchte ich nochmals betonen, dass die skurrilitĂ€t des typen durch die schon angekreideten flapsigen formulierungen leidet, ja dass die gesamte stimmung, jedenfalls in meinen augen, darunter leidet.

eine grobe gliederung wĂŒrde dem text meines erachtens nach gut tun; die suche ist zwar ein atemloses hasten, aber der text hat ja auch ruhige momente.

da ich dich ja noch nicht kennen kann, bin ich mir etwas unsicher, was werner mit dem senf macht. aber einige formulierungen in den letzten drei sĂ€tzen lassen die interpretation zu, dass hier abstrusitĂ€ten (jedenfalls nach streng bĂŒrgerlich-spießiger moral) vonstatten gehen.
auf jeden fall bin ich sehr gespannt auf weiteres von dir - der text ist ein guter einstand.

viele grĂŒĂŸe

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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