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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verloren
Eingestellt am 01. 02. 2014 21:08


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wildnessisanecessity
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Verloren

Mit gelben Birnen h├Ąnget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schw├Ąne,
Und trunken von K├╝ssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilign├╝chterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

H├Ąlfte des Lebens - Friedrich H├Âlderlin

Erneut sitze ich vor dem Fenster und werde hinunter gezogen in tiefe, klebrige Schw├Ąrze. Meine Gedanken fliegen zu einer einzigen Szene zur├╝ck, bleiben daran haften. Eine Szene f├╝r die Handlung so unbedeutend, f├╝r mich doch allumfassend. Inmitten dieser gro├čen Katastrophe, welche der Film beschreibt, inmitten zwischen unz├Ąhligen, schrecklichen Schicksalen kniet diese ├Ąltere Frau - es ist ihr erster Auftritt, eine Statistin, namenlos, g├Ąnzlich unbekannt, nur ein Beispiel unter vielen, ein Sandkorn in der gro├čen leidgetr├Ąnkten W├╝ste ÔÇô und wiegt ihren toten Ehemann in ihren Armen. Tr├Ąnen st├╝rzen aus meinen Augen. Die Erinnerungen ├╝berschwemmen mich, schlagen ├╝ber meinem Kopf zusammen, rei├čen mich mit sich. Ich kann mich nicht wehren und gebe schlie├člich nach.

Es ist Herbst. Im Herbst bereiten sich die B├Ąume auf das Sterben vor. Irgendwie zumindest. Jeder wei├č das. Aber wir erfreuen uns nur an den blutrot gef├Ąrbten Bl├Ąttern, die sie uns zur├╝ck lassen, als letzten Gru├č. Es war Herbst. Ich kam von der Schule nach Hause. Meine letzte Stunde war Deutsch, Friedrich H├Âlderlins ÔÇ×H├Ąlfte des LebensÔÇť wurde analysiert. Auf dem alten Holztisch, der uns ewig begleitet hatte, thronte jene schwarze Mappe mit ledernem Einband, ein in sich verschlungenes, silbernes Kreuz zierte die Vorderseite. In diesem Moment wusste ich, dass er tot war.
Einige Wochen zuvor war mein Gro├čvater pl├Âtzlich erkrankt. Kurz nach ihrer Goldenen Hochzeit. 50 Jahre verheiratet, mindestens 53 zusammen. Seine Agilit├Ąt, seine Freude wurde von seinem eigenen K├Ârper verzehrt. Manchmal kam er mir nur noch vor wie ein Schatten seiner selbst. Sein L├Ącheln, das liebevollste L├Ącheln das ich kenne, schien gequ├Ąlt. Er war sehr schwach. Meine Eltern und meine Gro├čmutter machten sich sorgen, zogen sein Ende in Erw├Ągung. Ich winkte lediglich ab. Warum sollte ausgerechnet mein Opa sterben? Nat├╝rlich nahm auch ich seinen ver├Ąnderten Zustand wahr.
Er hatte sich so einen Wagen gekauft, nach seinem ersten Krankenhausaufenthalt. So einer mit dem man alte Leute manchmal in der Stadt herum fahren sieht. Mit Motor. Einen ÔÇ×ScooterÔÇť sagte er immer. Um mobil zu bleiben. Er wolle schlie├člich noch so viel erleben und sehen mit Anna, meiner Oma. ÔÇ×So vielÔÇť ging nicht mehr ├╝ber unser Haus und das Krankenhaus hinaus. Mehr sah er nicht mehr.
Ihm ging es besser. Wunderbar. Die ├ärzte waren zuversichtlich. Wir waren zuversichtlich. Wenn ich dar├╝ber nachdenke f├Ąllt mir auf, dass ich nie wirklich damit gerechnet hatte, dass er sterben k├Ânnte. Ich denke ich wollte es nicht wahr haben, konnte mir nicht vorstellen ohne ihn zu leben.
ÔÇ×Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde?ÔÇť
Das erste was er zu Hause tat war all seine H├╝hner zu schlachten. Warum? Eine Art Liebesbeweis an meine Oma. Sie war ebenfalls erkrankt und der Grund f├╝r ihre st├Ąndige Atemnot, so die ├ärzte, war Staub der durch H├╝hner entsteht. So ging er am Tag seiner Krankenhausentlassung in den Garten und schlachtete jedes einzelne Huhn. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Welsumer ├╝ber 20 Jahre lang gez├╝chtet. Wenn das keine Liebe ist.
An eine Szene erinnere ich mich als w├Ąre es gestern gewesen. Von meinem Zimmer aus gab es einen direkten Zugang zu der Wohnung meiner Gro├čeltern. Eines Nachts h├Ârte ich wie er im Flur hinfiel. Binnen weniger Sekunden hatte ich die T├╝r aufgerissen und sah ihn dort liegen. Er sah mich an, sagte kein Wort. Ich wollte ihm helfen wieder aufzustehen, aber ich konnte nicht. Ich stand nur da und sah ihn unverwandt an. Nach mehreren Minuten oder auch einigen regnerischen Tagen war es meine Oma die ihm halt gab.
Wei├č man, dass man sterben muss? Er brach zusammen, ich war in der Schule. Das einzige was er zu meiner Mutter sagte war: ÔÇ×Ruf nicht den Krankenwagen. Wenn ich jetzt ins Krankenhaus komme, komme ich nie wieder nach Hause.ÔÇť Und er hatte recht.
ÔÇ×Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen.ÔÇť
Besucht habe ich ihn nie. Wollte ihn nicht so sehen. Ich bereue es oft. Aber ich frage mich jedes mal ob er es gewollt h├Ątte, dass ich ihn so sehe. Er war gerade 70. Das ist kein Alter.
Menschen im Koma sollen Besucher bemerken, sollen Stimmen h├Âren und sich nachher daran erinnern k├Ânnen wer an ihrem Bett gewacht hat. Ihn konnten wir nicht mehr danach fragen.
Seit dem war ich nicht mehr in der Kirche. Nicht einmal Weihnachten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir in den Kopf gesetzt hatte Theologie zu studieren. Das war vorher. Ewig her. Wie k├Ânnte ich an jemanden glauben, der den Liebsten Menschen dieser Welt nimmt? Der Tod meiner Oma nur drei Monate sp├Ąter best├Ąrkte mich noch darin. Sie durfte den Fr├╝hling, die Sonne, ihren Garten, nach dem sie sich so sehr sehnte, nicht mehr erleben. Der Verlust sa├č zu tief. Wenn das keine Liebe ist.
Ich f├╝hle mich oft schuldig. Es hat mich genervt. Das sollte man nicht sagen. Wir waren nicht im Urlaub weil wir, vor allem meine Mama, sich um Oma k├╝mmern mussten. Sie bekam keine Luft, war st├Ąndig an so eine Maschine angeschlossen, die doch nichts brachte. Es hat mich fertig gemacht. Nach der Schule, jeden Tag, habe ich ihr Essen gekocht. Seit Beginn meines Lebens hatte sie das f├╝r mich getan. Ich half ihr vom Bett zu ihrem Sessel zu kommen und vom Sessel ins Bett.
Mein Vater hatte die Wohnung umgebaut. Geschlafen wurde nun nicht mehr in der ersten Etage sondern im Erdgeschoss. Sie konnte keine Treppen mehr steigen, aber vor allem wollte sie nicht mehr in ihrem Schlafzimmer sein. Das konnte sie nicht. Manchmal sa├č ich in eben diesem vor dem gro├čen Bett, wenn niemand im Haus war und Oma schlief, und habe einfach nur geweint. Das habe ich sogar sp├Ąter noch gemacht, nach ihrem Tod, als die Wohnung schon zu meiner umgebaut war.
Ich half ihr bei allem. Es hat mich fertig gemacht, und dann war sie tot. Sie war tot als ich in der Schule war, sie war tot als ich im Bus stand, sie war tot als ich mir Sorgen um die Klausuren machte, sie war tot als ich in unsere Stra├če einbog. Und genau in diesem Moment war mir bewusst, dass sie tot war. Schon wieder. Ich wusste, dass es zu Ende war. F├╝r sie und f├╝r uns. Wir w├╝rden wieder in den Urlaub fahren k├Ânnen. Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf und ich habe mich daf├╝r selbst so sehr gehasst. Und wieder sah ich die selbe schwarze Mappe mit ledernem Einband auf dem K├╝chentisch liegen, in dem Haus was meine Eltern und meine Gro├čeltern zusammen eigenh├Ąndig gebaut hatten, in dem Haus, dass uns allen seit jeher ein zu Hause war. Doch pl├Âtzlich waren wir allein, war ich allein.
An diesem Tag hatte ich ├╝berraschend schon nach der 5. aus. Meine Eltern waren nicht da. In mir keimte noch einmal die Hoffnung, dass meine Gef├╝hle mich get├Ąuscht hatten und ich wollte hinunter gehen um ihr etwas zu essen zu machen. Sie w├╝rde dort sitzen in ihrem Sessel am Fenster und hinaus in den Garten schauen. Doch als ich die T├╝r ├Âffnete rief mich meine Mutter zur├╝ck. Meine Hoffnung zerbrach. Wir waren allein.
Sie hatte im Schlaf einfach aufgeh├Ârt zu atmen. Ein Tod den sich viele w├╝nschen. Im hohen Alter, nach einem erf├╝llten Leben im Schlaf einfach aufh├Âren zu atmen. Friedlich sterben. F├╝r mich war das ein schwacher Trost. Und auch die Tatsache, dass ich wusste, dass sie meinen Gro├čvater ├╝ber alle Ma├čen vermisst hatte linderte meinen Schmerz. Sie wollte das Ende, zumindest ein Teil von ihr. Irgendwie. Doch sie sah nicht zufrieden aus. Kein friedliches L├Ącheln auf ihren Lippen. Sollte man das nicht haben nach dem Tod? Sie hat sich gequ├Ąlt. Man konnte es ihr ansehen. Ich konnte es. Und trotz alledem war ihr Tod f├╝r mich nicht so schlimm wie der meines Opas. Sie waren wieder zusammen. Wenn das keine Liebe ist.
ÔÇ×Mit gelben Birnen h├Ąnget und voll mit wilden Rosen das Land in den See. Ihr holden Schw├Ąne, und trunken von K├╝ssen tunkt ihr das Haupt ins heilign├╝chterne Wasser.ÔÇť

Mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich nie wieder mit ihnen reden, nie wieder ihre und seine Stimme h├Âren w├╝rde. Besonders dieser Gedanke l├Ąsst mich heute noch zerbrechen, aber ich habe gelernt mich wieder zusammenzusetzen, wenn es geschieht. Kein Meckern mehr ├╝ber das doch immer leckere, t├Ągliche Mittagessen, was ich seit 15 Jahren genie├čen durfte. Keine Treckertreffen, keine H├╝hnerausstellungen, kein Pl├Ątzchen backen. Opa sitzt rechts am Tisch, ich ihm gegen├╝ber. Neben ihm mein Cousin, neben mir Oma. Sie reicht uns das Essen, sagt mir, dass sie die Suppe mit Maggiew├╝rfeln gemacht hat, weil sie denkt ich mag das besonders gerne. Bis heute wei├č ich nicht wie sie darauf kam. Opa macht schlechte Witze, Dominik regt sich dar├╝ber auf. Ich lache. Ich lachte. So stelle ich mir das Paradies vor.
Ich sa├č einfach nur da. Sah nach rechts, nach links. Niemand sa├č dort. Dort, an jenem Tisch, an dem wir so oft gesessen hatten. gesessen, gelacht, geweint, gestritten, geschwiegen. Niemand. Ich wusste, dass ich allein war. Sie waren fort. Fort f├╝r immer. Nie wieder w├╝rde ich dort sitzen wie fr├╝her. Nie wieder mit ihnen sitzen, lachen, weinen, streiten, schweigen. Es war alles so leer, so still, so unbarmherzig still. Es f├╝hlte sich alles so taub an, so echt, nicht wie ein Traum. Ich sa├č einfach nur da. Es war der schlimmste Traum meines Lebens.
Kurz vor dem Feiertag des Jahres war ich am Tiefpunkt angelangt. Ich konnte weder vor noch zur├╝ck, steckte fest inmitten dieser Weihnachtsstimmung, inmitten der Weihnachtskugeln, dem Weihnachtsglitter, der Weihnachtspl├Ątzchen und Geschenken, der Engel, der von Kindern neu interpretierten Weihnachtslieder und dem Schneegest├Âber vor den T├╝ren. Ich war von der gesamten Situation vollkommen ├╝berfordert. Meine Gedanken schwirrten. Mir ging so viel durch den Kopf. Ich h├Ątte auf der Stelle losschreien k├Ânnen, aber dann h├Ątte irgendjemand bemerkt was in mir vorging, oder auch nicht, und das, obwohl es mich wahrscheinlich erleichtern w├╝rde, kam nicht in Frage.
Bei all diesen Erinnerungen und Tr├Ąumen bleibt nichts mehr ├╝brig. Kein Platz f├╝r neues, f├╝r die Schule, f├╝r mich, und das ist das Schlimmste. Das Einzige was zur├╝ck bleibt, sind die sch├Ânen Zeiten, in denen wir zusammen mit unseren Eltern vor dem Fernseher sa├čen und uns Disney-Filme ansahen. Diese Momente waren noch so etwas wie vollkommene Gl├╝ckseligkeit. Heute ist das leider nur noch sehr selten. Doch dies sind auch nur Erinnerungen in den tiefen wabernden Schwaden meines vollends ├╝berforderten Gehirns.

ÔÇ×Ach, die ist stark, die schafft das schon.ÔÇť, ÔÇ×Ach ihr geht das nicht so nah, die kriegt das schon hin. Sie kommt dar├╝ber weg.ÔÇť. Nach Au├čen hin bin ich das auch. Doch bei jedem Gedanken an sie, bei jeder Erinnerung, bei jeder Szene im Fernsehen mit ├Ąlteren Menschen k├Ânnte ich sofort anfangen zu weinen. Selbst jetzt kann ich mich nicht zur├╝ck halten. Ich habe gelernt mich zu kontrollieren oder es zu verbergen, aber nicht damit umzugehen. Das habe ich noch nie jemandem erz├Ąhlt. Nicht einmal mir selbst. W├╝rde ich mir das eingestehen w├╝sste ich, dass ich schwach bin. Und ich muss stark sein.
Mir fehlte ein Abschied, eine Verabschiedung, so etwas gab es weder bei meinem Opa noch meiner Oma. Ich kann mich nicht an die jeweils letzten Gespr├Ąche erinnern. Ich hoffe nur immer, dass sie nicht b├Âse auf mich waren weil ich irgendetwas schlimmes gesagt habe. Und selbst wenn hoffe ich, dass sie wissen wir sehr ich sie geliebt habe und dass ich es selbst wusste. Besonders an Weihnachten und anderen Feiertagen sp├╝re ich diese Einsamkeit. Wir sind nur noch zu Dritt.
Irgendwann wird vielleicht alles einen Sinn ergeben. Irgendwann kann ich vielleicht ein ├Ąlteres Ehepaar sehen ohne, dass alles zerspringt. Ich werde warten.
ÔÇ×Es gibt f├╝nf Phasen der Trauer: Verweigerung, Wut, Verhandlung, Depression, Akzeptanz. Das Gemeinste daran ist, dass es in dem Moment, in dem man glaubt man h├Ątte es ├╝berstanden, wieder von vorne losgeht. Und immer, jedes mal, verschl├Ągt es einem den Atem. Es gibt f├╝nf Phasen der Trauer. Jeder erlebt sie anders. Aber es sind immer f├╝nf.ÔÇť

F├╝r G├╝nther und Anna F., In Liebe, Nadine
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"Wildness is a necessity."
- John Muir

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