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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verloren
Eingestellt am 10. 04. 2006 15:48


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nisavi
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2006

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Beim Essen war sie schweigsam gewesen.
Als er das leere Geschirr in die K├╝che trug, stand sie gedankenverloren am Fenster und schaute hinunter auf die Stra├če.
Blass sah sie heute aus. Blass und ersch├Âpft.
Die Furcht war augenblicklich zu ihm zur├╝ckgekehrt wie eine alte schwarze Katze. Lauernd verfolgte sie jeden seiner Schritte aus sicherer Entfernung.
ÔÇ×Geh allein, ich f├╝hle mich heute nicht so gutÔÇť, hatte seine Frau leise gesagt.
Er versprach, bald zur├╝ck zu sein, leinte den Hund an und ging nach drau├čen. Tief atmete er die klare Winterluft.
Der Hund lief voraus und verschwand im Geb├╝sch. Mit gro├čen Schritten folgte der Mann ihm, als m├╝sse er einen Verfolger absch├╝tteln.
Eine Katze sa├č vor dem Haus, als er zur├╝ckkam. Sie schien keine Angst zu haben und blickte ihn unverwandt aus gro├čen gr├╝nen Augen an.
Er eilte die Treppen hinauf, mehrere Stufen mit einem Schritt nehmend, und ├Âffnete die Wohnungst├╝r.
Seine Frau lag in der Mitte des Wohnzimmers auf dem Boden, Arme und Beine unnat├╝rlich abgewinkelt. Ihr Atem war flach. Auf seine Fragen antwortete sie nicht.
Der Krankenwagen kam innerhalb von Minuten. Die M├Ąnner hoben den leblos und fremd wirkenden K├Ârper auf die Trage. Sie w├╝rden in die Universit├Ątsklinik fahren, er k├Ânne dort anrufen.
Er wusste nicht, wie lange er auf dem Stuhl gesessen hatte. Einfach dagesessen hatte er. Er fror.
Irgendwann musste er zum Telefonh├Ârer gegriffen und die Nummer gew├Ąhlt haben, die man ihm hinterlassen hatte. Es stehe sehr schlecht, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.
Man w├╝rde die Patientin gerade operieren.
Auf dem Weg zum Parkplatz fauchte ihn die Katze an.
Ein junger Arzt sa├č ihm gegen├╝ber. Seine H├Ąnde spielten mit einem grauen Bleistift.
Es fiel ihm schwer zu sprechen. Mit heiserer Stimme formulierte er seine Fragen: ob die Frau wieder bei Bewusstsein sei. Ob es bereits eine Diagnose g├Ąbe.
Der Stift wurde auf den Tisch gelegt.
Ob er denn nicht Bescheid wisse?
Bescheid?
Bereits seit September habe die Patientin um die Tatsache gewusst, dass ihr noch wenige Monate blieben.
Er dachte an die langen Spazierg├Ąnge.
Von einem Tumor war die Rede, von Metastasen und davon, dass jede Art der Behandlung ausgeschlagen worden war.
Zu Weihnachten hatte sie einen roten Pullover getragen, der wunderbar zu ihrem blonden Haar passte.
Der graue Stift lag auf dem Tisch. Er teilte das Schweigen.
Die Katze hatte gefaucht.
ÔÇ×Geh alleinÔÇť, hatte sie gesagt.
Er wusste nicht, wohin.
__________________
On a poet's lips I slept.
(P.B.Shelley)

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HFleiss
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Manchmal gelesener Autor

Registriert: Jan 2006

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Verloren

Au ja, der Text gef├Ąllt mir sehr. Lakonisch, ohne Menkenke,
ohne philosophisches Tiefengeschw├Ątz, einfach nur der Ablauf, und die Gedanken ├╝berl├Ąsst du dem Leser. Und immer wieder die Katze. Hat mich sehr, sehr angesprochen.

Lieben Gru├č
Hanna

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Ralph Ronneberger
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Hallo nisavi,

es ist mir schon ein wenigt peinlich, dass ich zu diesem Text eigentlich nur das wiederholen k├Ânnte, was Hanna bereits schrieb. Mir gef├Ąllt der Text (der durchaus auch bei Kurzgeschichten stehen k├Ânnte) wirklich gut - und das, obwohl ich bei solch ausgesprochen knapp gehaltenen Storys eher skeptisch bin.
Um nicht ganz so bl├Âd dazustehen, habe ich noch ein paar winzige Anmerkungen aus meiner Sicht.


Die Furcht war augenblicklich zu ihm zur├╝ckgekehrt wie eine alte schwarze Katze.
(Das k├Ânnte vielleicht ein wenig dramischer sein. "augenblicklich zu ihm zur├╝ckgekehrt" klingt ein bisschen zu lahm. Wie w├Ąre es, wenn die Furcht ihn erneut anspringt oder ihre Krallen nach ihm ausstreckt oder sich in sein Denken krallt oder...)

Auf seine Fragen antwortete sie nicht.
(Sind es wirklich nur "Fragen", die er stellt? Wo bleibt die Artikulation der Angst, die er doch nun nicht mehr nur hintergr├╝ndig sp├╝rt?)

Seine H├Ąnde spielten mit einem grauen Bleistift. Es fiel ihm schwer zu sprechen.
(jetzt wird es schwierig. Laut Satzstellung bezieht sich das "Er" auf den Arzt. Der ist aber nicht gemeint. Mir f├Ąllt im Moment auch keine Formulierung ein, wie man das "Er" umgehen kann)

Mit heiserer Stimme formulierte er seine Fragen: ob die (seine oder einfach ÔÇ×sieÔÇť) Frau wieder bei Bewusstsein sei. Ob es bereits eine Diagnose g├Ąbe.

Der graue Stift lag auf dem Tisch. Er teilte das Schweigen.(Klasse!)


Das sind nur ein paar Gedanken. Sie ├Ąndern nichts an meiner Meinung, einen au├čergew├Âhnlich gut geschriebenen Text gelesen zu haben.

Gru├č Ralph

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nisavi
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dank euch f├╝r`s lesen.
ich komme eigentlich aus der lyrikecke und bei prosa bin ich ein bisschen unsicher.
von daher sind vor allem ralph`s hinweise f├╝r mich sehr wertvoll.ich werde mir das alles durch den kopf gehen lassen.
nur zwei gedanken auf die schnelle.


"Seine H├Ąnde spielten mit einem grauen Bleistift. Es fiel ihm schwer zu sprechen."---> Es ist nicht klar, wer ER ist. Muss das klar sein? Ich habe diese Variante bewusst gew├Ąhlt. Dem Mann f├Ąllt es schwer, Worte zu finden. Dem Arzt doch aber sich auch?


"Mit heiserer Stimme formulierte er seine Fragen: ob die Frau wieder bei Bewusstsein sei. Ob es bereits eine Diagnose g├Ąbe."---> Hier werde ich ├Ąndern. Urspr├╝nglich hatte ich beabsichtigt, mit "die Frau" eine gewisse Distanz zu zeichnen. Jetzt glaube ich, dass dies unrealistisch ist. Keiner w├╝rde das so sagen.

LG

n.

PS: Und eigentlich wollte ich den Text gern bei "Kurzgeschichten" stehen haben, fand nur keinen entsprechenden Ordner. Bin inzwischen schlauer. Vielleicht sollte ein Verantwortlicher verschieben?

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Ralph Ronneberger
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Hallo nisavi,

freut mich, dass Du das Mit der Kurzgeschichte genauso siehst. Verschieben? Kein Problem.
Na, da wollen wir mal - ich w├╝nsch dem Text auch in der neuen Rubrik viele Leser.

Gru├č Ralph.

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