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Verlorene Heimat oder warum die Loreley weinen muss
Eingestellt am 31. 12. 2004 10:52


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LuMen
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Verlorene Heimat oder warum die Loreley weinen muss

Eine Rezension zum Fernhseh-Mehrteiler „Heimat 3“


Es ist immer dasselbe: Die in Vorab-Kritiken gepriesenen Fernseh-„Events“ halten zumeist ihre vollmundigen Versprechen nicht und dienen nur dazu, sich ungerechtfertigte Vorteile in der Publikumsgunst zu sichern. Woher kommen diese „Kritiken“ denn auch außer von den Filmemachern selbst? So auch hier. Der dicke Bund eilfertig verteilter Vorschusslorbeeren entpuppte sich überwiegend als Trockenblumen. Am Ende der Serie bleiben viele der Protagonisten ratlos zurück. Ratlosigkeit auch beim Zuschauer: Was hat er nun mit soviel Zeitaufwand an sechs Abenden gesehen, ein skurriles Märchen, die Familiensaga einer ausgeflippten Sippschaft, eine künstlerisch aufgemotzte Kolportage oder gar ein schräges Musical? Es war wohl von allem etwas, aber in keinem Fall das, was es zu sein vorgibt: Eine Zeitchronik der ersten zehn Jahre nach der „Wende“.
Die wenigen Ansätze dazu reichen wahrlich nicht aus, wie etwa die eher beiläufig angerissene Geschichte vom Riesengeschäft mit den Berliner Mauersteinen, der ausgedehnte Blick auf die Sonnenfinsternis des Jahrhunderts oder ein paar kurzatmige Dialoge am Ende über den unheilvollen Einfluss von Media-Märkten auf die Existenzgrundlage Schabbacher Gewerbetreibender, die deshalb ihr Heil und Geld in der kostspieligen Ausrichtung einer bombastischen Wiedersehens- und Abschlussfeier aller eingangs beteiligten Personen (sofern sie nicht gestorben sind) im „lichtblauen“ Haus auf den Schabbacher Höhen suchen!

Mag Edgar Reitz zweifelsfrei handwerkliches Können als Regisseur und Drehbuchautor besitzen und sich auch Verdienste um die Aufarbeitung deutscher Zeitgeschichte in „Heimat 1“erworben haben, so hat doch schon „Heimat 2“ seine Grenzen aufgezeigt und zu Recht nicht den vorherigen Publikumszuspruch erhalten wie der erste Teil. Mit Teil 3 scheint sich Reitz nunmehr endgültig von ernst zu nehmender gesellschaftskritischer Bestandsaufnahme verabschieden zu wollen. Seine unkonventionelle Erzählweise geht durch extrem überzogene Extravaganz an der Realität vorbei und wird zum Selbstzweck.

Auf der einen Seite versammelt er in der Generation nach der „Wende“ ein so seltsam ausgefallenes buntes Völkchen, dass diesem Personenkreis von vornherein und zwangsläufig kaum zeittypische Bezogenheit zukommt. Da erlebt man u. a. ein Pärchen elitären westdeutschen Zuschnitts aus Sängerin und Dirigent/Komponist – einem der Simon-Brüder -, gereift, aber unverdrossen vor sich hinturtelnd, im Verein mit wandernden, aber gleichwohl auf Klavier, Klarinette und Saxophon musizierenden Handwerkerburschen aus dem Osten, deren einer seine Ehefrau in einer dem Wiedervereinigungsprozess entsprechenden, beängstigenden Schnelle an einen Oberwessi abgeben muss. Dazu kommt, von noch weiter östlich, eine russlanddeutsche Ehefrau, die sich ausgerechnet in Schabbach von den vom Tisch des reichen Simon-Bruders fallenden Abfällen, auch sexuell, nährt und auf der grandiosen Schlussparty sinnigerweise noch einmal einen Auftritt als Garderobe-Frau hat. Ähnlich absonderliche Typen sind auch der reiche Simon-Bruder und Fabrikant weltweit gerühmter optischer Geräte, der Schabbach tyrannisiert, und nicht zuletzt der eigenbrötlerische dritte Bruder, der als ehemaliger Kampfflieger seine einsamen Kreise mit dem Fugzeug über einem Sesam-Berg zieht und darin versteckte ominöse Bilderschätze bewacht, bis er in einem Feuerwerk an einem Felsen über dem Rhein zerschellt.

Auf der anderen Seite lässt Reitz kaum ein Klischee aus: Die Reichen in Schabbach sind fast noch reicher als die westdeutschen Großindustriellen in dem Luxusvillen-Ort Königstein im benachbarten Taunus, man beutet die armen Ost- und Russlanddeutschen aus und nimmt ihnen auch noch die Frauen weg – schon damit auch genügend Spielraum für die unvermeidlichen Sexszenen geschaffen wird. Es folgt auch, wie meist nach solch fiesem Verhalten jedenfalls im Drehbuch, die strafende Schicksalswende auf dem Fuße. Der Ehebrecher und ungeratene Sohn des reichen Fabrikanten verursacht mit seinem brandneuen Porsche Carrera, die schöne Deutschstämmige aus Kasachstan an der Schulter, im Geschwindigkeits- und Liebesrausch nächtens einen Unfall, bei dem der Lieblingsfreund der Dirigententochter, den sie mit einem weiteren Ersatz-Freund ihrem Vater in den Semesterferien präsentiert hat, ums Leben kommt. Sie muss sich fürderhin mit ihrem kurz darauf geborenen Sohn, der aber alsbald die gewohnten musikalischen Qualitäten der Simon-Familie erkennen lässt, allein durchs Leben schlagen.

Es würde Seiten füllen, bei der Einzelkritik nun die vielen Ungereimtheiten in den jeweiligen Folgen aufzuführen. Nach dem vierten Teil hegte der Rezensent sogar noch Hoffnung auf Besserung, weil die Beerdigungsszene am Schluss eindrucksvoll und nachvollziehbar die Reaktionen auf den Tod des ungeliebten Dorfkönigs zeigte. Leider trog diese Hoffnung, aber eine Schwalbe macht ja auch noch keinen Sommer!

Nicht unkommentiert bleiben können allerdings einige der „Höhepunkte“, insbesondere in den beiden letzten Folgen:

An den Haaren herbeigezogen erscheint die Geschichte des „Jungen vom Balkan“, der urplötzlich wie der berüchtigte „deus ex machina“ auftaucht und das Herz des einsamen Kampffliegers Ernst Simon gewinnt. Dieser weiht ihn sogar in das „Nibelungen“-Geheimnis des im Berge versteckten Schatzes ein, bestehend aus einer Sammlung wertvoller Bilder, derer wir aber nie ansichtig werden. Als der Simon-Bruder sein Flugzeug eigenhändig gegen den Berg setzt, kommt der Junge plötzlich als unehelicher Sohn und Alleinerbe ins Schabbacher Gerede. Auch die Polizei wird als Erben-Fahnder eingesetzt, ein mir trotz juristischer Vorbildung bis dato unbekanntes, völlig neues Aufgabengebiet, das sie aber mit filmgerechtem Aktionismus in Angriff nimmt, indem sie in ein Schulgebäude stürmt, als ob sich dort Terroristen festgesetzt hätten. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich! Der arme Schein-Erbe, der letztlich doch nicht ein weiterer Simon-Nachfahre war, wird von missgünstigen Schülern, die im Alter von 14, 15 Jahren normalerweise an derartigen juristischen Zusammenhängen vollkommen uninteressiert sind, sogar in der Schule drangsaliert und sucht letztlich trotz pathetischer Rettungsversuche den Tod im freien Fall vom (Loreley-)Felsen in den sonnenbeglänzten Rhein. Der von ihm verwahrte Schlüssel nebst Zauberspruch zum Öffnen des Sesam-Berges fällt nun trotzdem wieder an die missliebigen Simons. Nur Reitz hat leider vergessen, seinen Zuschauern gleiche Hilfsmittel zwecks näherer Erschließung seines Werkes zur Verfügung zu stellen.

Ein ebenfalls vom Schicksal geschlagener, aber echter Vater, nämlich der klavierspielende Zimmermannsgeselle aus dem Osten und spätere „Mauerspecht“, besichtigt überraschend seine Ex-Frau und seine Kinder nebst „neuem“ Ehemann in München und erregt wild gemischte Gefühle. Seine mitleidige Tochter weist ihm entgegen dem Willen der übrigen Familie das Gästezimmer zur Übernachtung zu, was er zumindest zu ausgiebigen Entkleidungsszenen nutzt. Es ist nicht bekannt, ob Reitz dem Nudistenkult anhängt, jedenfalls hat er uns die volle Blöße des Uwe Steimel – an dem ansonsten nichts auszusetzen ist – erspart. Dieser darf allerdings im knappen roten Unterhöschen halbstündige Dialoge mit seiner Ex-Frau pflegen und bei dieser unpassenden Gelegenheit seinen sportlich-schlanken Körper als Fast-Nackedei in verschiedenen Positionen vorführen.

Und gar nichts Positives? Aber ja doch! Wer Straßenbäume als Kleiderständer zum Aufhängen und Auslüften des schwarzen Anzugs benutzt, den er nach der langen Anreise im Auto jetzt an der frischen Luft zur letzten der vielen Beerdigungen in Schabbach anlegen will, muss einer wahrhaft blühenden Autoren-Phantasie entsprungen sein.

Und vielleicht war der Film mit seiner manchmal nervtötend lauten, atonalen Hintergrundmusik, den zahlreichen klassischen direkten Musikeinlagen und vor allem dem jazzigen Abgesang doch ein verkapptes Musical? Salome Kammer hatte eindeutig ihren stärksten Auftritt, als sie, leider erst ganz am Ende, zur Jazz-Sängerin mutierte!

Vielleicht findet mancher Zuschauer Spaß an einzelnen gut gespielten skurrilen Szenen, aber insgesamt fallen bei diesem Reitz-Werk Anspruch und Wirklichkeit doch weit auseinander. Der Zuschauer hätte insbesondere angesichts der reichlich geflossenen öffentlichen Fördermittel Besseres verdient gehabt.
Und wenn ich mehr oder minder zufällig unmittelbar nach der Abfassung dieser Rezension in einer großen westdeutschen Wochenzeitung auf einen lobhudelnden Bericht über Reitz´ Dreharbeiten zu „Heimat 3“, seine einfühlsame Filmkunst und seine besondere Verbundenheit mit den Menschen im Hunsrück stoße und darin lese, dass einige der erzählten Begebenheiten sich tatsächlich so oder ähnlich im „Schabbacher Raum“ abgespielt haben sollen, Reitz allerdings in künstlerischer Freiheit den Loreley-Felsen von verklärender Romantik entzaubert und zum „Todesfelsen“ gemacht habe, so ist dennoch oder gerade festzuhalten: Es bleibt Etikettenschwindel, von der „Chronik einer Zeitenwende“ zu sprechen. Reitz erzählt allenfalls Dorfgeschichten!

LuMen

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