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Leselupe.de > Kurzprosa
Verlorenes
Eingestellt am 03. 05. 2008 18:16


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Penelopeia
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Registriert: Nov 2002

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Am Anfang verlor ich zumeist irgendwelche SchlĂŒssel. Den vom Auto, den von der GaragentĂŒr oder auch den vom SchlĂŒsselkasten. Das fiel nicht weiter auf, die meisten Leute verlieren ja immer wieder SchlĂŒssel.

Eines Tages verlor ich meine Arbeit als Kraftfahrer. Gut, das ist heutzutage nichts Ungewöhnliches, tĂ€glich verlieren Millionen Kraftfahrer, viele auch die Arbeit. Ich schrieb ein paar Dutzend Bewerbungen, rief bei Hunderten Speditionen an, suchte Rat bei guten Bekannten. Keiner konnte mir einen wirklich brauchbaren Tipp geben. Weder Taxi-Ede, der sich sonst bei jeder Gelegenheit mit seiner Lebenserfahrung, seinen Frauen und seinen vier Mercedes-Fahrzeugen brĂŒstete, noch der schöne Frank mit dem getunten Körper. Sein Fitnessstudio sei momentan geschlossen, erzĂ€hlte er mir. Und alles nur wegen ein paar lĂ€ppischer Vitamincocktails, die auf der GetrĂ€nkekarte seiner Muckibude standen. Aber ich solle die Hoffnung nicht verlieren, er arbeite bereits intensiv an den PlĂ€nen fĂŒr eine NeugrĂŒndung, er werde dann sicher auch einen unauffĂ€lligen Kurier fĂŒr exotische VitamingetrĂ€nke brauchen, so in zwei oder drei Jahren solle ich unbedingt nachfragen. Ich verlor das Vertrauen in meine Freunde.

Als ich eines Morgens aufwachte und meine Frau nicht mehr neben mir lag, wurde ich nachdenklich. Ich sagte mir jedoch: Bleibe ruhig, Kamerad, suche ein wenig. Und so durchsuchte ich das ganze Haus. Einmal rief ich sogar leise nach Else. Doch weder in der Speisekammer noch im Weinkeller war mir Erfolg beschieden. Dabei war sie doch immer dort zu finden gewesen, wenn sie ihre Fress- oder SaufanfĂ€lle bekam! Nachdem ich mich bei Taxi-Ede, Mucki-Frank und verschiedenen anderen Bekannten ĂŒber den möglichen Verbleib meiner Frau erkundigt hatte, ohne auch nur den kleinsten Hinweis zu erhalten, gab ich auf und betrachtete sie als verloren.

Ein paar Wochen darauf verlor ich die Erinnerung an den Nachhauseweg. Ich fand den Weg einfach nicht mehr!

So stolperte ich tagsĂŒber ratlos durch die Stadt. Traf ich einzelne Kinder, kam mir der Gedanke, sie könnten ihre Eltern oder ihren Lehrer verloren haben. Oder die Schule. Oder Ziele im Leben. Auf jeden Fall kamen sie mir sehr verloren vor, was sie mir irgendwie sympathisch machte. Ich schenkte den Verlorenen Bonbons.

Begegneten mir des Abends streunende Hunde, grĂŒbelte ich lange, wer hier wen vermisse: Herrchen das Hundchen, oder doch eher umgekehrt? Wahrscheinlich waren beide arm dran. Ich klaubte fĂŒr die armen Geschöpfe AbfĂ€lle aus den Biotonnen und wĂŒnschte den mir unbekannten Herrchen alles Gute im Leben.

Nachts konnte ich meist schlecht schlafen. Es lag weniger an den harten ParkbĂ€nken oder den Polizisten, die mich aus den U-Bahnhöfen scheuchten. Mich beschĂ€ftigte vor allem die schwierige Frage, wie es einem Tag, wenn er denn weiche und der Nacht Platz mache, so erginge. Ob er Licht verliere, wie er sich so rudimentĂ€r fĂŒhle und ob seine Situation meiner vergleichbar sei.

An einem regnerischen Nachmittag im Monat April kam es ganz schlimm fĂŒr mich. Ich stand vor einer GaststĂ€tte, suchte in meiner Manteltasche nach dem Portemonnaie. Fand es nicht, wollte bereits in lautes Schimpfen ausbrechen, als mir bewusst wurde: Mein Durst war weg. Verloren. Ich verspĂŒrte nicht die geringste Lust, mir einige Biere und Körner hinter die Binde zu gießen. Ich zog meine suchende Hand aus der Manteltasche, ließ sie am Körper baumeln. Entsetzt konstatierte ich einen weiteren Verlust: Ich hatte die Hoffnung verloren. Ich hatte nur noch mich.

Das Dumme an einer solchen Situation ist: Wo soll man nach Hoffnung fragen? Nach SchlĂŒsseln, ArbeitsverhĂ€ltnissen, Frauen, Kindern oder Hunden kann man immer fragen. Es gibt dafĂŒr Stellen, wo man durchaus ernst genommen wird, auch wenn man keine Antwort erhĂ€lt. Aber eine Frage nach dem Verbleib der Hoffnung – das ist doch einfach nur lĂ€cherlich, denke ich.

Nun warte ich jeden Tag, dass ich mir selbst abhanden komme. Denn mit einer Frage, die man keinem stellen kann, hÀlt man es auf Dauer nicht aus.


Version vom 03. 05. 2008 18:16
Version vom 04. 05. 2008 21:24

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maerchenhexe
???
Registriert: Nov 2006

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hallo Penelopeia,

verloren sind wir wohl tatÀchlich erst, wenn wir die Hoffnung verloren haben. Das Gedankenspiel gut in Bilder verpackt. Vielleicht noch ein bisschen Feintuning am Text? Hier einfach mal ein paar VorschlÀge. Wenn es nicht gefÀllt, Ablage P.

lieber Gruß
maerchenhexe



Am Anfang(Anfangs?, das doppelte AA mag ich nicht so sehr) verlor ich zumeist irgendwelche SchlĂŒssel. Den vom Auto, den von der GaragentĂŒr oder auch den vom SchlĂŒsselkasten. Das fiel nicht weiter auf, die meisten Leute verlieren ja immer wieder SchlĂŒssel.

Eines Tages verlor ich meine Arbeit als Kraftfahrer. Gut, das ist heutzutage nichts Ungewöhnliches, tĂ€glich verlieren Millionen Kraftfahrer, viele auch die Arbeit.(wĂŒrde ich streichen.) Ich schrieb ein paar Dutzend Bewerbungen, rief bei Hunderten Speditionen an, suchte Rat bei guten Bekannten. Keiner konnte mir einen wirklich brauchbaren Tipp geben. Weder Taxi-Ede, der sich sonst bei jeder Gelegenheit mit seiner Lebenserfahrung, seinen Frauen und seinen vier Mercedes-Fahrzeugen brĂŒstete, noch der schöne Frank mit dem getunten Körper. Sein Fitnessstudio sei momentan geschlossen, erzĂ€hlte er mir. Und alles nur wegen ein paar lĂ€ppischer Vitamincocktails, die auf der GetrĂ€nkekarte seiner Muckibude standen. Aber ich solle die Hoffnung nicht verlieren, er arbeite bereits intensiv an den PlĂ€nen fĂŒr eine NeugrĂŒndung, er werde dann sicher auch einen unauffĂ€lligen Kurier fĂŒr exotische VitamingetrĂ€nke brauchen, so in zwei oder drei Jahren solle ich unbedingt nachfragen. Ich verlor das Vertrauen in meine Freunde.

Als ich eines Morgens aufwachte und meine Frau nicht mehr neben mir lag, wurde ich nachdenklich. Ich sagte mir jedoch: Bleibe ruhig, Kamerad, suche ein wenig (schau nach?, dann hast du das doppelte 'suchen' entsorgt.. Und so durchsuchte ich das ganze Haus. Einmal rief ich sogar leise nach Else. Doch weder in der Speisekammer noch im Weinkeller war mir Erfolg beschieden. Dabei war sie doch(wĂŒrde ich streichen, es ist hier ein FĂŒllsel und du hast die Wdh. entsorgt, siehe ein Satz zuvor.) immer dort zu finden gewesen, wenn sie ihre Fress- oder SaufanfĂ€lle (vielleicht 'Fress- und Saufattacken'? bekam! Nachdem ich mich bei Taxi-Ede, Mucki-Frank und verschiedenen anderen Bekannten (vergeblich) ĂŒber den möglichen Verbleib meiner Frau erkundigt hatte, ohne auch nur den kleinsten Hinweis zu erhalten,(wĂŒrde ich weglassen) gab ich auf und betrachtete sie als verloren.

Ein paar Wochen darauf verlor ich die Erinnerung an den Nachhauseweg. Ich fand den Weg einfach nicht mehr!(wĂŒrde ich ebenfalls weglassen, der Satz zuvor braucht diese VerstĂ€rkung nicht.)
So stolperte ich tagsĂŒber ratlos durch die Stadt. Traf ich einzelne Kinder, kam mir der Gedanke, sie könnten ihre Eltern oder ihren Lehrer verloren haben. Oder die Schule. Oder Ziele im Leben. Auf jeden Fall kamen sie mehr (mir) sehr verloren vor, was sie mir irgendwie sympathisch machte. Ich schenkte den Verlorenen Bonbons.

Begegneten mir des Abends streunende Hunde, grĂŒbelte ich lange, wer hier wen vermisse: Herrchen das Hundchen, oder doch eher umgekehrt? Wahrscheinlich waren beide arm dran. Ich klaubte fĂŒr die armen Geschöpfe AbfĂ€lle aus den Biotonnen und wĂŒnschte den mir unbekannten Herrchen alles Gute im Leben.

Nachts konnte ich meist schlecht schlafen. Es lag weniger an den harten ParkbĂ€nken oder den Polizisten, die mich aus den U-Bahnhöfen scheuchten. Mich beschĂ€ftigte vor allem die schwierige Frage, wie es einem Tag (so erginge), wenn er denn weiche und der Nacht Platz mache, so erginge( wĂŒrde ich umstellen, wirkt hier so angehĂ€ngt.). Ob er Licht verliere (verlöre?), wie er sich so rudimentĂ€r fĂŒhle und ob seine Situation meiner vergleichbar sei.

An einem regnerischen Nachmittag im Monat April kam es ganz schlimm fĂŒr mich. Ich stand vor einer GaststĂ€tte, suchte in meiner Manteltasche nach dem Portemonnaie. Fand es nicht, wollte bereits in lautes Schimpfen ausbrechen, als mir bewusst wurde: Mein Durst war weg. Verloren. Ich verspĂŒrte nicht die geringste Lust, mir einige Biere und Körner hinter die Binde zu gießen. Ich zog meine suchende Hand aus der Manteltasche, ließ sie am Körper baumeln. Entsetzt konstatierte ich einen weiteren Verlust: Ich hatte die Hoffnung verloren. Ich hatte nur noch mich.

Das Dumme an einer solchen Situation ist: Wo soll man nach Hoffnung fragen? Nach SchlĂŒsseln, ArbeitsverhĂ€ltnissen, Frauen, Kindern oder Hunden kann man immer fragen. Es gibt dafĂŒr Stellen, wo man durchaus ernst genommen wird,(die einen durchaus ernst nehmen?, mir gefĂ€llt das 'wo' nicht besonders. auch wenn man keine Antwort erhĂ€lt. Aber eine Frage nach dem Verbleib der Hoffnung – das ist doch einfach nur lĂ€cherlich, denke ich.

Nun warte ich nun (streichen, zwei 'nun' hintereinander sind schlicht zuviel. jeden Tag, dass ich mir selbst abhanden komme. Denn mit einer Frage, die man keinem stellen kann, hÀlt man es auf Dauer nicht aus.



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Roni
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hallo penelopeia,

feine idee, feiner text.

gegen wortwiederholungen hab ich nichts, aber ich glaube, du könntest eine ganze menge 'sonst, jedoch, irgendwann, anderen, meist, vor allem, bereits, usw., usw.' streichen - es funktioniert auch ohne und das ganze wird knackiger.

in:
"Gut, das ist heutzutage nichts Ungewöhnliches, tÀglich verlieren Millionen Kraftfahrer, viele auch die Arbeit." - darfst du höchstens das 'gut' streichen ... das ist mit einer der stÀrksten sÀtze des textes.

lg
roni

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bluefin
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Registriert: Not Yet

das einzige, was wirklich stört an dieser geschichte, ist die behauptung, die frage nach der verlorenen hoffnung sei weder sich selbst noch dritten zu stellen.

das ist natĂŒrlich schmarren. in einer zeit, in der jeder sein gefĂŒhlsleben auszubreiten bemĂŒht ist, bis hin ins allerkleinste fĂ€ltchen seines verknittertern seelenkostĂŒmchens, kann man sich vor solchen fragestellungen ja kaum mehr retten.

das abhandenkommen der hoffnungen wird mit allerlei analytischen sĂ©ancen, psychopharmaka oder rehabilitationen bekĂ€mpft; in einigen fĂ€llen werden sie damit tatsĂ€chlich wiedergefunden. restitutiones ad integrum sind mir persönlich jedoch kaum bekannt - in jĂŒngster zeit nur ein fall, induziert durch eine schilddrĂŒsen-unterfunktion, und jener meiner nachbarin, deren klimakteriell bedingte hoffnungslosigkeit, wie sie mir sagte, ebenfalls erfolgreich mit hormonen bekĂ€mpft wurde.

dein text ist nicht unwitzig, @penelopeia, auch wenn er die ihm zugrunde liegende idee ein wenig zu tode reitet.

nur der schluss ist, wie gesagt, missraten. ich hÀtt den prot das bewusstsein verlieren lassen: nach dem kann man wirklich nicht (mehr) fragen, und ausserdem ist einem dann alles wurscht. gott segne die pflegeversicherung!

lg

bluefin

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