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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Verlust
Eingestellt am 24. 08. 2006 18:20


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sylvanamaria
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2005

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Verlust

Ich kannte meine Gro√üeltern m√ľtterlicherseits kaum. Meine Gro√ümutter starb lange vor meiner Geburt, mein Gro√üvater, als ich 15 war. Mein Grovater erschien mir immer als ein stolzer, unbeugsamer, verbitterter alter Mann, starrsinnig und stur wie ein Maulesel. Ihrer beider Geschichte habe ich erst vor kurzem erfahren. Es hat kaum jemand dar√ľber gesprochen. Meine Gro√üeltern haben Schlimmes erlebt, sie mussten ihre Heimat verlassen in dem Wissen, sie nie wieder zu sehen.
Ernst und Anna stammten beide aus dem heutigen Tschechien; Deutsche, aber seit Generationen in diesem Land ans√§ssig. Sie verlebten ihre Kindheit wie Landkinder damals aufwuch-sen. Fr√ľh mit dem Wechsel der Jahreszeiten vertraut und den Gepflogenheiten von Land, Leu-ten und Tieren. Die Kindheit war schnell zu Ende, jede Kraft wurde bei der Arbeit gebraucht. Ernst wurde Knecht, Anna Magd. Sie lernten sich auf dem Hof kennen, auf dem beide in Anstellung waren. Beide mussten ihr Zuhause verlassen, um Lohn und Brot zu finden; Arbeit war knapp, aber sie hatten ihre Heimat.
Der Hof nahe Teplice, gelegen am Rand des B√∂hmischen Gebirges, war gro√ü; es gab viel zu tun. Der Bauer ‚Äď streng, aber gerecht. Arbeit war zu jeder Jahreszeit vorhanden. Die Jahre vergingen und √§hnelten sich. Getreide wurde ges√§t, es wuchs und wurde geerntet, K√ľhe warfen K√§lber, diese wuchsen heran. Ein Kreislauf der Natur. Der Hof gedieh. Ernst liebte das Land, er liebte den Geruch der Erde, wenn der Pflug durch die Scholle brach, er liebte den Duft des frisch gem√§hten Grases, das langsam in der Sonne trocknete, er liebte den Wind, der durch die reifen √Ąhren strich, er liebte den Hahn, der das Gesinde weckte, er liebte das Leben und er liebte Anna. Er liebte seine Heimat.
Ein Unfall tat seiner Liebe keinen Abbruch. Ein Pferd trat ihn und das angebrochene Bein verheilte schlecht. F√ľr den Arzt war keine Zeit. Das Bein blieb verk√ľrzt und er hinkte zeitlebends. Er heiratet Anna 1929. Sie kauften ein kleines H√§uschen. Von der weltweiten Wirtschaftskrise war kaum etwas zu sp√ľren. Der Hof ern√§hrte seinen Herren und sein Gesinde. Ernst wurde gesch√§tzt aufgrund seiner gewissenhaften Art und seiner Treue. F√ľr ihn war es Treue zu seiner Heimat.
Im fernen Deutschland kam Hitler an die Macht. Es wurde kaum registriert auf dem Land. Die Bauern hatten andere Sorgen. Deutschland war weit weg. Das Jahr 1938 brach an. Plötzlich gehörten sie zu Deutschland. Welche Folgen sollte dies haben? Sie waren Deutsche von Geburt her, aber seit Generationen in diesem Land zuhause. Es war ihre Heimat.
Der Krieg brach aus. Ernst musste aufgrund seiner Verletzung keinen Kriegsdienst leisten, aber die Arbeit auf dem Hof wurde nicht weniger, da alle waffenf√§higen M√§nner eingezogen waren. Ernst und Anna klagten nicht, im Gegensatz zu anderen mussten sie nicht hungern. Sie hatten mit ihrem Bauern Gl√ľck, der nicht wie viele seiner Landsleute den Deutschen Hass ent-gegenbrachte. Anna gebar zwei Kinder - einen Jungen und ein M√§dchen. Das Leben nahm seinen Lauf . Der Krieg brachte Entbehrungen, man musste sich einschr√§nken. Viele √ľberlebten es nicht, auch nicht Ernst und Annas Sohn. Trost war die Heimat.
Der Krieg war zu Ende, die Russen kamen. Die Heimat war plötzlich nicht mehr sicher. Deutsche Männer mussten sich verstecken. Die Zeit stand still, aber die Russen gingen auch wieder und die Heimat lieferte Trost und Geborgenheit. Alles andere ließ sich ertragen.
1945 ‚Äď pl√∂tzlich war alles anders. Ohne Vorank√ľndigung, √ľber Nacht kam der Befehl von der tschechischen Regierung , dass alle Deutsche das Land zu verlassen h√§tten ‚Äď in vierundzwanzig Stunden mit vorgeschriebenen Handgep√§ck. Heim, Hof, Freunde und das geliebte Land verlassen? Undenkbar, unm√∂glich! Das Undenkbare wurde wahr, die Menschen mit Eskorten zum Bahnhof geleitet: alte Leute, die ihr Leben hier gelebt hatten, kranke Leute in Handwagen transportiert, weinende Kinder, Entsetzen in den Augen, Tr√§nen, verbitterte Mienen, Hass offen zeigend, Angst, Panik, Chaos. Deutsche hatten nach Deutschland zur√ľckzukehren. Wer aber war deutsch? Generationen von Familien hatten das Land bewohnt; hier gelebt, geliebt, geheiratet, gearbeitet, Kinder geboren und waren gestorben, hatten Traditionen aufgebaut. Was sollten sie in Deutschland, einem fremden Land?
Pardon gab es nicht. Sie betraten ein vom Krieg gezeichnetes zerst√∂rtes Land, trafen auf verbitterte, misstrauische Menschen. Die sogenannten Heimkehrer waren nicht willkommen. Es gab zu wenig zu essen, zuviel Rationierung. Die Menschen hungerten. Ernst wusste, dass dieses Land nie seine Heimat werden w√ľrde.
Ernst verlor Anna. Sie konnte den Weggang nicht verwinden und starb an Heimweh. Ernst f√ľhlte sich wurzellos. Er hatte alles verloren, geblieben war ihm seine Tochter, die das Schneckenhaus nie aufbrechen konnte. Was blieb war Bitterkeit und Entt√§uschung. Er arrangierte sich mit dem Leben und klammerte sich trotzdem an eine leise Hoffnung.

Schönstes Fleckchen Erde
Schicksal gib, dass mein es wieder werde.

Die Hoffnung starb mit ihm.


__________________
syl

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