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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vernetzt
Eingestellt am 30. 06. 2001 15:21


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doktordigitalis
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Vernetzt


Er war verkabelt und vernetzt. Die Vernetzung der H├Ąute, die dann zu Markte getragen wurden. Er wollte nicht zu den Warnern geh├Âren. Er wollte dabei sein, mitten drin, oder am Rand, das war ihm gleichg├╝ltig. Der Spinne war es ja auch einerlei, ob die Fliege am Rand oder in der Mitte des Netzes gefangen war. Ne, stimmt nicht, in der Mitte sa├č ja die Spinne selber. Und wer sitzt in der Mitte des Internets? Angeklickte Links f├╝hrten zu Servern, die unentwirrbar verbrouwst waren.

Umgarnt sind wir alle. Je heftiger man sich aus dem Netz befreien will, desto wilder verstrickt man sich. Die Idee der Netzwerke hatte Konjunktur bei der 68-er Bewegung. Effektiv umgesetzt aber bekamen sie eher Industrie und Politik. Seilschaften schafften, was sonst nur Einzelhaften rafften.

Die Netzstr├╝mpfe der Frauen sind Ausdruck des Fischenwollens. Die Spinne ist jedes Mal verwundert, wie praktisch ihre Kunst ist. Ich gehe ins Netz bedeutet heutzutage etwas anderes als fr├╝her. Die Angst, jemand ins Netz zu gehen, ist verloren gegangen. Wodurch ist dieser mutante Sprung entstanden? Das Klebrige aber hat selbst das Internet noch, man kann darin h├Ąngen bleiben. Erstmals tauchen Ph├Ąnomene auf, die man nie mit Netzen verbunden h├Ątte: Abh├Ąngigkeit. Welcher Fisch schw├Ąmme schon gern zweimal in das selbe Netz, und w├╝rde auch noch seinen Freunden erz├Ąhlen, wie geil es im Netz ist.

Eine grindige Meute von Nachrichten st├╝rmte in den elektronischen Briefkasten. Das eingeschleuste Virus seufzte auf, als es sich auf den Grund der Mail-Box sinken lie├č. Endlich konnte es den schweren Anhang mit dem Etikett: I love You abstellen. Noch ahnte niemand, dass es sich um die virtuelle B├╝chse der Pandora handelte.

Das Internet ist Ausdruck eines geistigen Prinzips: Alles ist miteinander verbunden. Also gibt es kein geistiges Eigentum. Die Umsetzung dieses Postulats in eine Soft-Ware, die CD-Tausch-B├Ârse von Napster, wurde von der Plattenindustrie abgeschmettert. Satelliten dr├Ąngelten sich nicht umsonst im Orbit, die wollten ihr Geld einspielen. Das Netz wurde immer dichter, und jedes Jahr kam ein neues auf den Markt.

Wohin verschwanden die kollabierenden Dateien? Gab es einen kosmischen M├╝lleimer, in dem diese gesammelt wurden, und war dieser virtuell oder aus Gedankenformen? Waren Gedanken nicht auch virtuelle Formen von Materie?

Die Aborigines haben die telepathische F├Ąhigkeit, sich ohne Handy in den Weiten der australischen Wildnis an einem verabredeten Ort zu treffen. Das Netz, das sie dabei anzapfen, ist die Traum-Zeit, ein seit Jahrtausenden installiertes mentales Netz, das sich um den Globus zieht.

Er schaltete den PC ein. Die Infos st├╝rmten auf den Bildschirm, als h├Ątten sie Jahrtausende darauf gewartet. Sie f├╝tterten zeitkonsumierend seine fetter werdenden Dateien. ├ťbertragungsraten ├Ąnderten sich wie der Luftdruck, obwohl letzterer selten mal auf Null f├Ąllt. Virtuelle Welten stapelten sich in unentwirrbaren Dimensionen, deren spiralarmige Richtung oft nur in Abst├╝rzen beendet werden konnte. Jeder Tag ein neuer Surf-Ausfluss am Gestade der verf├╝gbar gemachten Gedanken: Ein am Ende der Milchstra├če aufgefangener Witz, und eine durch zw├Âlf Orbite gemangelte Weltanschauung billig abzugeben. Wer m├Âchte die astrale Ansicht einer r├Âhrig verlaufenden Gasspirale abscannen, die sich in vierzehn, nicht auf der Erde bekannten Farben drehte? Oder Nacktaufnahmen einer Galaktika mit extrapneumatischen M├Âpsen auf die Festplatte bannen? Verschl├╝sselte Botschaften vom Sirius - die Schl├╝ssel dazu gab es auf einer beiliegenden CD, die man herunterladen konnte, oder herauf, je nach dem man selber drauf war als paranoider Humanoide.

Die modernen Errungenschaften haben aber eine ganz andere Schwingung als das tastende, traumhafte Visionieren. Ein neues mentales Netz mit h├Âherer Schwingung hat sich ├╝ber dem alten etabliert. Das Internet ist die irdische Variante davon, ein Bewusstsein zu entwickeln, dass Alles mit Allem verbunden ist. Wie h├Ątte es anders kommen k├Ânnen, als da├č der Kommerz sich wie ein Pilz ├╝ber das Netz verbreitete. Die letzte Angst ist geblieben: dass dir jemand in den PC kucken kann, hinter die Stirn.
Umgarnt und enttarnt per Flat-Rate. Sie spinnen wohl? Ja, aber Seide!


Die Lizenzen f├╝r die UMTS-Frequenzen kosteten 80 Milliarden DM. (Dagegen war der Vietnameinsatz der USA vergleichsweise preisg├╝nstig: Nur 35 Milliarden Dollar) Die Gelder flossen in den Ausbau kommunaler Stra├čennetze, um so den Autoabsatz zu erh├Âhen, denn, wie hie├č es im vierten Wirtschaftsgesetz : Wer Stra├čen s├Ąt, wird Autos ernten. (Matter Beifall, von Buh-Rufen unterf├╝ttert) Die durch Power-Shopping angeheizte Konsumwelle wird ├╝ber die Autobahnen schwappen: vollgestopfte LKWs auf vollgestopften Stra├čen. Eine Verdoppelung des E-Shoppingumsatzes wird eine Vervierfachung des LKW-Aufkommens nach sich ziehen. (Finden Sie heraus wieso, und schreiben Sie uns nicht)

Netzkarten waren ja stets die Belohnung f├╝r treue Abnahme von Dienstleistung. Die Flatrate ist die moderne Netzkarte. Die Netze von Hochseefischern sind inzwischen gr├Â├čer als deren Fangfl├Ąchen. Die durch Fangquoten geregelten Abl├Ąufe lassen sich jedoch auf See besser unterlaufen als an Land. Hier drau├čen kann man schon mal die Grenzen verschieben. Aber ein Halunke auf See ist nicht so schlimm, wie der Kollege an Land.

In der BRD werden in einem Jahr in der Werbung 460 Milliarden Mark umgesetzt. Und nur um einmal pingelig zu werden: Eine Million in Tausend-Mark-Scheinen stapelt sich gut einen halben Meter hoch; eine Milliarde klettert dreimal so hoch wie der K├Âlner Dom! Wohlgemerkt: in Tausendern! Dem Papst blieb nicht erspart, sich Vorw├╝rfe anzuh├Âren, Geld in die R├╝stungsindustrie gesteckt zu haben; ein Verteidigungsminister hat ganz andere Probleme mit den Milliarden, die ihm jedes Jahr in die Amtsstube gekarrt werden, dass schon die T├╝r bald nicht mehr zugeht.

Er schaltete den PC aus und griff sich das Einkaufsnetz.


doktordigitalis - 4/2001


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