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Leselupe.de > Humor und Satire
Vernissage interaktiv und besoffen
Eingestellt am 11. 08. 2003 17:01


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Emilie
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2003

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Die Betreiberin einer kleinen Galerie hatte zur Vernissage geladen. Weil ich aus SolidaritĂ€t mit ihrem nĂŒtzlichen Tun und Treiben zu frĂŒh ankam, erhielt ich das erste Glas Wein kostenlos. Das war gĂŒnstig, aber auch wieder kontraproduktiv, denn ich hatte einen meiner weniger trinkfesten Tage. Es war erholsam, in einem Stuhl vor dem Eingang zu sitzen und sich durch den ersten Schoppen Roten furchtbefreit mit dem Riesenhund des benachbarten WeinhĂ€ndlers anzufreunden. Der war darauf abgerichtet, Weintrinker mit hĂŒndischer Unterwerfung zu amĂŒsieren, wenn nicht zu animieren. Das gelang ihm bei mir ganz ausgezeichnet. Ich bestellte, noch bevor ĂŒberhaupt etwas angefangen hatte, gleich noch ein Glas.
Der KĂŒnstler – wieder mal ein Multitalent – stellte Objekte des Alltags in neuem Licht und neuer Bedeutung aus. Die Sternzeichen hatte er aus KĂŒchen- und ReinigungsgerĂ€ten zusammengehandwerkelt und dann auf eine Unterlage genagelt. Die Jungfrau bestand aus einer kleinen HandwaschbĂŒrste und einem spitzen roten Korken. Ich habe leider keinen Blick fĂŒr die Feinheiten, die sich aus AlltagsgegenstĂ€nden lesen lassen. Ich bin eine unkĂŒnstlerische Trivialnatur. FĂŒr mich bleibt ein KartoffelschĂ€ler immer ein solcher. Ich kann seinen Anblick höchstens durch Alkoholkonsum verdoppeln. Mehr bringe ich nicht zustande.
Gegen die Objekte des Alltages, die der KĂŒnstler so rĂŒhrig in Bedeutungsvolleres verwandete, hatte ich auch nicht so viel einzuwenden, wohl aber gegen das Multitalentierte an ihm. Er rĂŒckte nĂ€mlich auch Worte des Alltages in ein neues Licht. Das gelang ihm hin und wieder ganz gut zum Beispiel mit „Sag rot an“, hin und wieder aber auch ganz schlecht „Sybille nahm nie die Pille“. Als ich das hörte, war ich schon durch zwei weitere GlĂ€ser Wein enthemmt und zischte in den Vortrag hinein „lĂ€cherlich“. Das aber focht den KĂŒnstler nicht an, denn es gehörte zu seinem Konzept. Nicht ohne Grund hatte er eine Art Rednerpult aufs Trottoir gestellt, gestaltete seine Lesung als Freiluft-Event. Passanten, welche sich missmutig ihren Weg durch die Ansammlung auf dem Fußweg bahnten, fragte er „Haben Sie ihn nicht gesehen, den Japaner mit den GummirĂ€dern?“ Das war seine Joker-Phrase, sein verbales VersatzstĂŒck. Ein Radfahrer, den er mit dieser Frage konfrontierte, antwortete spontan und unwillig, „Halt die Klappe, Du Arschloch“. Er wusste ja nicht, dass er plötzlich Bestandteil eines Gesamtkunstwerkes wurde, sondern hatte nur seinen Ärger ausgedrĂŒckt, weil er absteigen musste. Ein anderer Passant grunzte verdrossen„Gib mir lieber’n Bier“. Zu dieser Zeit war ich noch mal zwei GlĂ€ser weiter und fing an, meine Umwelt mit jener unbestechlichen Klarheit zu beobachten, die nur Besoffenen gegeben ist.
So spĂŒrte ich schon bald, dass ein junger ziemlich glatzköpfiger Mensch ĂŒberhaupt nur bei der Vernissage dabei war, weil er das hĂŒbsche MĂ€dchen, das er begleitet hatte, hinterher in sein Bett kriegen wollte. Auf sie blickte er andauernd mit Ă€ußerstem Wohlgefallen und einer gewissen Gier. Alle anderen, auch den KĂŒnstler, musterte er mit kaum verhohlener Feindseligkeit. Ich musste zudem konstatieren, dass mit dem meckernden Lachen eines anderen Besuchers etwas nicht in Ordnung war. Er stieß es nĂ€mlich nicht aus, wenn irgendeine Pointe zu wĂŒrdigen war, sondern nach einem, nur ihm vertrauten RhythmusgefĂŒhl. Sehr wortmusikalische Menschen hĂ€tten darin wahrscheinlich einen Sinn gesehen. In Zeiten, da auf KunstausĂŒbung nicht mit Ehrfurcht, sondern mit eigener Kunst geantwortet wird, ist das bestimmt ein trendgemĂ€ĂŸes Verhalten. Das Problem bestand darin, dass auch dieser Mensch mit zwei bildhĂŒbschen Frauen erschienen war, die ihm offensichtlich hörig waren, und deshalb seine Lacher durch eigene silberhelle Mit- oder auch Nachlacher ergĂ€nzten. Das aber ergab nun ĂŒberhaupt keinen Sinn mehr, sondern legte sich wie eine Art grobes Klanggestrick ĂŒber den Gesamtvortrag des Objekt- und WortkĂŒnstlers. Ich beobachtete, wie nun auch der Vortragende immer nervöser wurde, und anfing in seiner Hosentasche zu wĂŒhlen „Entweder ballt er dort die FĂ€uste oder er sucht seine Pistole, um die Verursacher dieser Kakophonie abzuknallen“, vermutete ich gegenĂŒber einem Zuhörer. Der blickte mich seinerseits unwillig an, denn ich hatte – der Alkohol war schuld – mit meiner Bemerkung ebenfalls unmotivierten konzeptlosen LĂ€rm gemacht“. WĂ€hrend ich noch gebannt darauf wartete, dass der KĂŒnstler zum Schuss oder wenigstens zum Schluss kam, war mein Mann erschienen, um mich außer Reichweite zu bringen. Er hatte es nicht leicht mit mir, denn ich Ă€ußerte meine Meinung ĂŒber den Grad meiner Besoffenheit, ĂŒber die Kunst, ĂŒber multitalentierte KunstausĂŒbende, ĂŒber das Lachen nach Rhythmus und ĂŒber Frauen, die immer alles nachmachen nun in einer Art von Endlosschleife, in der festen Überzeugung, dass ich der Welt so etwas schuldig sei. Ich fĂŒhlte mich als fester Bestandteil eines Kunstwerkes bis ich ins Bett ging. Dort zerfiel das Ganze in gewöhnliche Übelkeit und den Hang andauernd wieder aufzustehen und aufs Klo zu gehen.
Das KunststĂŒck, einen Kater wirksam zu bekĂ€mpfen, musste ich am nĂ€chsten Morgen allein vollbringen.




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flammarion
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. nette kleine besaufgeschichte.
hieß der kĂŒnstler linientreu? dann habe ich seine ausstellung auch gesehen.
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Galimathias
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2003

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Du hast sehr viel aus den Themen Kunst, Alkohol und der Tatasache, daß das eine das andere nicht ausschließt, herausgeholt. Ausserdem sind mir ein paar sehr schöne Formulierungen zu Augen gekommen. Ein gelungener Einstand.
Gruß Galimathias
__________________
Das Leben so kurz, so lange zu lernen die Kunst. Die MĂŒhe so hart, so ĂŒbermĂ€chtig der Sieg! (Chaucer)

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Emilie
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2003

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@ flammarion- hallo und vielen Dank. Ja, der KĂŒnstler hieß linientreu. Herrlich, die Welt ist klein.

@ Galimathias - Auch Dir vielen Dank.
Gruß
Emilie

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pleistoneun
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Registriert: Apr 2002

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Kenne keinen "linientreu", aber verstÀndlich geschrieben. Mir kommt es irgendwie so vor, als wÀre in deiner Trunkenheit alles nur eine einzige Situation, in der alles gleichzeitig passiert. Obwohl du schreibst "2 GlÀser spÀter" vermittelst du doch die der Trunkenheit innewohnende zeitliche Stagnation, also Zeitlosigkeit. So verschwommen auch dein Blick war, so klar hast du sie uns hier kommentiert. Alles Gute!
__________________
http://www.1yl.at/pleistoneun

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