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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vernünftig
Eingestellt am 09. 06. 2002 22:38


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sevenstar
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Vernünftig

Dieter starrt mit leerem Blick ins leere Bierglas. Es ist ein recht angenehmer Abend gewesen, am Stammtisch mit den Skat- und Kegelfreunden. Angenehm für einen 53jährigen, der fest verankert ist in Verpflichtungen und Beruf, der fest auf beiden Beinen im Leben steht.
Von den Skat- und Kegelfreunden ist jetzt nur noch einer übrig, die andern sind längst gegangen, auf dem Weg nach Hause zu Frau und Kind.
Der, der übrig ist, heißt Herbert.
Dieter, sagt Herbert, in seiner Stimme klingt der Alkoholgenuß der letzten Stunden, Dieter, manchmal bin ich ziemlich froh, daß in letzter Zeit alles so gut läuft.
Der Angesprochene wendet seinen ebenfalls schweren Kopf von der mühseligen Betrachtung des Glases und nickt dann langsam. Hast ja auch allen Grund dazu, sagt er seufzend, du bist erfolgreich, dir macht die Arbeit Spaß... Ich hätte damals auch durchziehen sollen.
Dieter kennt Herbert schon seit ihrer beider Einschulung. Sie sind beste Freunde gewesen die ganze Schulzeit hindurch, haben zusammen studiert, beide Medizin. Dieter hatte nach zwei Semestern das Handtuch geworfen und ist groß ins Baugeschäft eingestiegen – Herbert ist schließlich Arzt geworden, hat eine eigene Praxis seit mehr als zwanzig Jahren. Doch Freunde sind sie immer geblieben, wenn auch ihre Treffen mittlerweile so selten sind, daß Dieter noch nicht einmal seiner Frau von Herbert erzählt hat. Wo er doch sonst offen ist. Manchmal gibt er sich selbst sogar stolz den Titel „ehrlichster Mensch der Welt“.
Ach, aber manchmal hab ich es auch satt, sagt Herbert wieder.
Fällt mir schwer, zu glauben, entgegnet Dieter gähnend, du bist doch so ein Kämpfertyp.
Vielleicht, sagt Herbert, ich weiß nicht. Aber jedenfalls finde ich diese ganzen Diskussionen widerwärtig.
Welche Diskussionen? Will Dieter ohne Interesse zu bekunden, wissen.
Dieser ganze Unsinn um die Lebenserhaltung, den Wert des Lebens undsoweiter. Hast du schon mal einen Menschen mit Krebs im Endstadium gesehen? Dann weißt du, was ich meine.
Du meinst Sterbehilfe?
Ja, sagt Herbert, ich hab’s mir in letzter Zeit angewöhnt, da selber zu entscheiden, was besser ist.
Leben oder Sterben, raunt Dieter scherzhaft melancholisch.
Meistens sterben, legt Herbert fest. Viele sind einfach unheilbar. Ihr Leiden ist riesig, und das, was sie an Kosten verursachen, ist auch riesig. Ich finde, ein wenig mehr gesunder Menschenverstand...
So warst du schon immer, sagt Dieter ohne jede Gefühlsregung. Er starrt wieder ins Bierglas.
Herbert gähnt jetzt und wirft einen Blick auf seine Uhr, Rolex. Jedenfalls, erzählt er etwas abwesend weiter, jedenfalls haben dann beide was davon: der Patient und der Steuerzahler. Das nenne ich vernünftig.
Er bekommt noch einen Schnaps, den letzten.
Er dreht den Kopf und sagt: Vor allem hat das Leiden ein Ende. Wir leben in einer praktischen Zeit, und wenn du mich fragst, was besser ist: der Wohlstand der Menschheit oder die Leiden eines Einzelnen, dann entscheide ich mich für das Vernünftigere.
Ein Spiel mit dem Feuer, sagt Dieter fast mit Pathos.
Herbert hebt die Schultern. Wir sind nur so verweichlicht heute, entgegnet er unschuldig. Weißt du – die gebrechlichen Alten und Kranken, wer braucht die schon. Ich geh’ vernünftig vor.
Sterbehilfe? Fragt Dieter.
Herbert gießt sich den Schnaps mit einem Zug in den Rachen. Sicher, sagt er, und auch gleich prophylaktisch. Wenn so einer, so ein Geldverschwender, so ein Kassenschmarotzer, zu mir kommt, so an die achtzig und mit Symptomen, gibt’s bei mir nicht lange Fackeln. Kurzer Prozeß. Plötzlicher Eintritt des Todes aufgrund Alterserscheinungen.
Dieter schluckt und wendet sich langsam vom Bierglas ab. Ganz schön heftig, du, bringt er hervor.
Vernünftig, korrigiert ihn Herbert, nur vernünftig.
So warst du schon immer, sagt Dieter.

Die Uhr im Wohnzimmer schlägt drei, draußen Nachmittagssonne, Frühlingsluft. In den Sonnenstrahlen, die schräg durch die großen Fenster fallen, glitzert ruhig der Staub. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ dezent aus allen Ecken.
Dieter sitzt auf der weißen Ledercouch, blättert in der Wochenzeitung. Jetzt, am Samstag, hat er genug Zeit. Er überlegt – denn der Artikel, den er zu lesen versucht, interessiert ihn kaum – überlegt, ob er sich vielleicht wiedereinmal über seine Münzensammlung hermachen sollte.
Das Telefon. Mitten im Wochenende, das Telefon. Dieter springt von der Couch auf, bringt den Staub in Bewegung, hastet zum Telefon. Ja, sagt er. Ach Katrin, du bist’s. Katrin ist seine Frau. Sie arbeitet als Kellnerin in einem angesehenen Restaurant, auch am Wochenende. Was ist? fragt Dieter.
Gestern, als du beim Stammtisch warst, hat Opa angerufen, sagt Katrin bebend und schwach.
Doch nichts schlimmes? Fragt Dieter sofort besorgt.
Er hätte die ganze Nacht Blut gespuckt und schlimmen Husten gehabt.
Klingt nicht gut, sagt Dieter.
Den Husten hat er ja schon lange, nur eben das Blutspucken. Dieter, ich hab Angst.
Soll ich zu dir kommen, brauchst du mich? Katrin?
Ich werd’ das Abendgeschäft heut nicht mitmachen, sagt Katrin, ich bin fertig mit den Nerven. Du – wenn das Lungenkrebs ist... Mit dreiundachtzig... Du weißt, Vater ist hartnäckig... Gott – er wird sich jahrelang quälen... Ich... Ich...
Nun beruhige dich doch, bettelt Dieter, nun auch den Tränen nahe. Es ist ja noch gar nichts festgestellt. Hast du ihm gesagt, daß er zum Arzt gehen soll?
Ja, natürlich. Er wollte ja sonst nichts von Ärzten wissen, aber diesmal hat er’s endlich eingesehen. Gleich drei Häuser weiter sei ein Arzt, da will er am Montag gleich früh hin. Ein Dr. Kupitsky.
Dieter schluckt. Ihm wird heiß im Gesicht und um die Schläfen.
Dieter?
Jaja, sagt er, was ist?
Ich sagte, ein Dr. Herbert Kupitsky. Kennst du den?
Dieter spürt seinen Herzschlag unregelmäßig werden. Krieg hinter seiner Stirn. Sein Schwiegervater: ein bescheidener, rechtschaffener Mensch. Das ganze Leben gearbeitet, eine Firma aufgebaut. Trotzdem immer sparsam gewesen. Spareinlagen im Wert von mindestens zwei Millionen. Mindestens. Und die Villa am Stadtrand extra noch. Riesengrundstück. Und dann die Firma. Nie wieder Geldsorgen. Die arme Katrin. Aber die Firma: Seit der Gründung schwarze Zahlen, jedes Jahr Gewinnsteigerung. Boombranche. Und seine, Dieters eigene Firma, der Sauhaufen? Verschuldet bis ans Messer, immer kurz vor der Pleite, Steuerfahndung auf dem Hals... Lange wird’s nicht mehr dauern bis zum Zusammenbruch... Und dann? Gerichtsvollzieher? Womöglich Knast?
Dieter wollte schon immer den Neuanfang. Reinen Tisch machen. Ordentliches Leben beginnen. Wenn die Schulden abbezahlt sind, die Ersparnisse sicher anlegen. Träume erfüllen. Endlich mal entspannen auf Hawaii. Und ein Porsche wäre auch drin.
Dieter?
Das ist kaum zu fassen, sagt er erstickt, Opa war sein Leben lang nicht krank.
Kennst du den Kupitsky? Weißt du, ob er gut ist?
Nein, würgt Dieter. Ist mir kein Begriff.
Na ja, auch nicht so wichtig – Hauptsache, Opa vertraut sich mal einem Arzt an. Die Medizin ist ja so weit fortgeschritten heute, die werden schon wissen, was zu machen ist. Vielleicht ist es auch gar nichts Schlimmes.
Ja, Hauptsache Arzt, sagt Dieter, das ist vernünftig von ihm. Die werden ihn schon wieder hinkriegen. Wir müssen einfach nur ganz fest dran glauben.

© by Sebastian Flad 2001

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Zefira
???
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Feine Geschichte! Gefällt mir sehr!
Vielleicht was für die Sterbehilfe-Antho von Maskenball?
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Ein paar Kleinigkeiten:
Mir leuchtet nicht recht ein, wieso die Ehefrau Dieter erst nachmittags um drei "bebend und schwach" anruft, wenn ihr Vater ihr seine Symptome schon am Abend vorher erzählt hat. Wenn sie den Anruf zu Hause entgegengenommen hat und sich deshalb so aufregt, dann sollte man doch meinen, sie ruft ihn entweder gleich am Stammtisch an - oder bleibt auf, bis er heimkommt - oder legt ihm einen Zettel hin. Oder sagt ihm wenigstens gleich am Morgen Bescheid.
Dann: warum nennt Katrin ihren Vater und Dieter seinen Schwiegervater "Opa"?
Und merkwürdig auch der Satz "Mitten am Wochenende, das Telefon" - wird Dieter sonst wirklich nie am Wochenende angerufen? Es ist schließlich nicht Mitternacht.
Nur Kleinigkeiten, sonst eine schöne Geschichte, mir gefällt die trockene Erzählweise, auch die stille Atmosphäre, die das Fehlen der Anführungszeichen hervorruft. Schön!

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Frank Zimmermann
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Behäbigkeit

Die Grundidee des Textes finde ich interessant. Die Umsetzung erscheint mir aber sehr konstruiert, sehr behäbig. Diese beiden Textblöcke sind einfallslos aneinander gehängt. Dazu kommt noch, dass viele Formulierungen deutlich gestrafft und damit fluffiger gemacht werden könnten, dem Text mehr Fluß geben würden. Ein Beispiel: "Von den ganzen Skat- und Kegelfreunden ist jetzt nur noch einer übrig, die anderen sind längst gegangen, auf dem Weg nach Hause zu Frau und Kind. Der, der übrig ist, heißt Herbert." Dieser zweite, erklärende Satz ist doch ein Verbalklotz! Warum nicht: "Von den ganzen Skat- und Kegelfreunden ist jetzt nur noch Herbert übrig, die anderen..."

Auf diese Weise könnte man viele Stellen im Text überarbeiten. Damit hat man zwar noch keine inhaltlichen Verbesserungen, aber es wäre ein Anfang...
__________________
fz

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sevenstar
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Was, wenn ich diese "vielen Formulierungen" gar nicht "straffer und fluffiger" machen will? Das ist doch ein Problem des Stils und nicht der Technik. Mit bewußt schwerfälliger Ausdrucksweise will ich doch etwas erreichen - schade, daß Sie nicht dahinter gekommen sind, was das wohl sein könnte.

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Zefira
???
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Ich habe jetzt nicht noch einmal den ganzen Text gelesen, aber zumindest in bezug auf die beanstandete Formulierung "Der, der übrig ist, heißt Herbert" sehe ich es auch so. Gerade der Absatz, der mit diesem Satz eingeleitet wird, vermittelt eine wunderbare Biertischdumpfheit.

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Frank Zimmermann
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Erzähler vs Protagonisten

Das Problem sehe ich darin, dass nicht die Protagonisten "biertischstumpf" reden, sondern der Erzähler...

Davon abgesehen kann man sich natürlich auf die Position zurückziehen, dass der Leser nicht erkennt, was ich schreiben wollte. Man kann aber auch darüber nachdenken, dass das Geschriebene eine andere Wirkung hat als beabsichtigt war.
Beide Positionen sind natürlich gleich legitim.
__________________
fz

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