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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Verpasst
Eingestellt am 08. 06. 2009 01:54


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steyrer
Autorenanwärter
Registriert: Jun 2009

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Verdammt, wo bin ich? Ich erinnere mich nicht. „Der Scheißaufzug steckt!“, ruft ein Unbekannter und trommelt gegen die Tür. Nach ein paar Minuten beruhigt er sich und zündet eine Zigarette an. Ich bring kein Wort heraus, nein, und was sind diese schwarzen Krümel? Am Boden, im Leuchtenschirm? Tote Fliegen? Muss sein. An der Rückwand pappen ein roter Kreis mit durchgestrichener Zigarette und ein Papierfetzen: „Gesundheit – empfindlich wie ein rohes Ei“. Der Alte wendet sich zu mir: „Was glotzt du? Das hängt seit zwanzig Jahren hier.“

Es ist ein Aufzug, schön, aber wer ist dieser Mensch?

„Und das an Großvaters Neunzigsten. Das wird eine Predigt geben: Was er an mir versäumt hat und dass er abkratzt bevor wir kommen. Und wie siehst du überhaupt aus? Jeans und Pullover? Pfui Teufel! Das nächste Mal Anzug und Krawatte und geh endlich zum Friseur“. Er beugt sich zum Nottelefon unter den Liftknöpfen: „Mausetot. Hast du deines dabei? Ach, natürlich nicht. Ahnen hätt’ ich’s können, mit dir muss ja alles schiefgehen und mit deinem Lümmel auch. Angehängt habt ihr uns den eine Woche: nach Venedig mit deiner besoffenen Schachtel. ‚Aber Vati, der Bub ist wie ein Engel’, meinst du. Deine Mutter hat mir dann was erzählt: Das Engelchen schmeißt Kleiderständer um, beleidigt wildfremde Leute und kotzt in die Kabinen. Aus dem Geschäft schleichen haben sie sich dürfen, nun ja, das wäre ja nicht schlimm, aber erst hier drinnen: trainiert Kung-Fu – voll in meine Eier. Ich verpass ihm eine und schmeiß ihn raus. Wer sonst? Du belohnst ihn auch noch.“

Ja genau, ein Zwanziger. Ich wollt’ ihm einen Zwanziger geben, wenn er mitkäme, aber „Vati“? Ob ich wirklich Vati gesagt habe? Vater fixiert mich: „Was ist los? Ist dir schlecht? Ja, sauf doch deine Dose aus!“

Red Bull. Ex!

„Na also, geht doch. Aber sonst nichts. Am Weg hierher eine halbe Stunde hinter diesem Leichenwagen, verflucht knapp war’s schon und jetzt das. Wie dieser Bau schon heißt: ‚Seniorenheim Goldener Herbst’, quatsch, Mausoleum wäre besser. Wie spät ist es überhaupt?“ Er reißt meinen linken Arm hoch: „Im Arsch!“ Tatsächlich: sechs blinkende Nullen. Danach drückt er am Rauchen-verboten-Schild seinen Zigarettenstummel aus: „Verbrannt will er werden, weil wir uns nicht um sein Grab kümmern. Frechheit!“. Er angelt ein leeres Streichholzbriefchen aus der Sakkotasche: „Feuer hast du nicht?“ Nein, aber was ist das? Justus’ Zwanziger. Jetzt klappt der Leuchtenschirm herunter und Dreck und Fliegen rieseln heraus.

„Wir verschimmeln! Jetzt steh nicht dämlich herum, hilf mir.“ Nach endlosem Zerren und Schieben rutscht die Tür beiseite, aber die Kabine hängt zwischen zwei Etagen. Dumpfe Schritte nahen: Zwei bullige Gestalten schleppen eine Kiste hinunter.

„Gesindel! Das sind die Typen, die uns aufgehalten haben.“ Vater wird ohne Zigaretten noch gereizter, aber durch die offene Tür strömt Luft, sonst läge ich längst am Boden. Bald kehren die zwei Träger mit einer Leiter zurück. Der stiernackige Ältere wendet sich an den blonden Jüngling: „Bingo!“ Der Jüngling schiebt mit finsterem Blick die zusammengeklappte Leiter hinunter und während Vater hinaufkeucht, plaudert der Stiernacken: „Wissen's, immer wenn so was passiert, wetten wir um eine Kiste Bier wer drinnen steckt. Zu wem wollen sie denn? Wie? Warten Sie...“

„Keine Zeit!“, ruft Vater und stürzt die Stiege hinauf. Drei Stock höher, in Großvaters Zimmer, fällt er dunkelviolett angelaufen in einen Stuhl, aber keine Spur von Großvater. Dann hebt er ein Gasfeuerzeug von der Tischplatte auf und liest mechanisch: „Verein Die Fackel – hygienisch und modern“. Am Weg hinunter zündet er sich mit Opas Feuerzeug eine neue Zigarette an. Das Treppenhaus schwankt, ich könnte noch eine Dose brauchen. Durch eines der verschmierten Fenster fällt mein Blick auf den Vorplatz, wo der Leichenwagen eben abfährt. Eine kleine Gestalt läuft hinterher und wirft aus vollem Hals brüllend Äpfel auf die Heckscheibe. Während Vater im Foyer neue Zigaretten zieht, trete ich vor das Portal und streife den Schmutz und die Fliegen ab. Ich erinnere mich: Eine Amnesie hatte mich schon mal, auch bei so einem Besuch und sprechen geht noch immer nicht. Die kleine Gestalt von vorhin kommt auf mich zu: Ein recht verbummelter, ungefähr Zwölfjähriger, mit wirrem braunen Haarschopf. Justus? Jawohl. „Ich krieg aber jetzt den Zwanziger, der ist versprochen“. Er steckt ihn ein und zeigt zum Leichenwagen der eben um eine Ecke biegt: „Aber die spinnen total! Wen haben wir verpasst? Unseren Alten?“


Version vom 08. 06. 2009 01:54
Version vom 19. 06. 2009 15:32

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Retep
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2008

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Morgen steyrer,

habe mich gewundert, dass dein Textnoch keine RĂĽckmeldungen erhalten hat und habe ihn mir mal angesehen.

Dir ist eine "echte" Kurzgeschichte gelungen. Ohne Einleitung kommst du zur Sache. Die Geschichte hat einen geringen Umfang, wenig Handlung und eine gute Pointe am Schluss. Du bedienst dich einer "einfachen" Sprache, die den beiden Protagonisten angepasst ist.
Die Geschichte hat mich angesprochen, sie erscheint mir im Wesentlichen glaubhaft und ist nachvollziehbar.
Zusammenhänge sind mir erst beim zweiten Lesen klar geworden. (Das kann auch an mir liegen)
Die Amnesie des Ich-Erzählers erscheint mir ein bisschen übertrieben. Er erkennt zunächst seinen Vater nicht, weiß auch nicht gleich, dass er sich in einem Aufzug befindet, auch bei seinem Sohn hat er Schwierigkeiten. Alles ein bisschen kompliziert, aber hier passt es.
Die Monologe wirken authentisch, werden immer wieder durch Handlung unterbrochen.
Ich sehe keine Längen, die gekürzt werden müssten. Die Pointe am Schluss hat mich zwar nicht überrascht, finde sie aber dennoch gelungen.
Ich habe den Text gerne gelesen, musste an etlichen Stellen in mich hineingrinsen.

Ein paar kleine Anmerkungen:

- Im ersten Satz wĂĽrde ich einen Punkt nach
"und trommelt gegen die TĂĽr" setzen.

-

quote:
Was er an mir versäumt hat und dass er abkratzt , bevor wir kommen.
-
quote:
Anzug und Krawatte und geh mal zum Friseur
nach Kravatte könnte ein Verb kommen
-
quote:
Wer sonst?
???
- Vater dämpft am Rauchen-verboten-Schild seinen Zigarettenstummel aus:
-
quote:
Wie spät ist es überhaupt? "
-
quote:
„Das sind die Typen , die uns aufgehalten
haben.“
-
quote:
fällt er dunkelviolett angelaufen in einem Stuhl,

Wenn dir die Fehlersucherei auf den Keks geht, lass es mich wissen.

Mach weiter so, bin gespannt auf weiter Texte von dir.

GruĂź

Retep
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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Heidrun D.
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Steyrer,

du verzichtest in deiner Kurzgeschichte auf jede übliche Gefälligkeit, wie sie mir in diesem Genre oft so sauer aufstößt. - Dein Aufbau ist interessant, die Einschübe bringen Spannung und der Schluss ist zwar vorhersehbar, doch gut gelungen.

Besonders gefällt mir die angedeutete "Familienidylle", die ich als sehr authentisch empfinde (nur nicht die vielen noch zu erwartenden Zwanziger in Aktien anlegen! ).

Freundliche GrĂĽĂźe
Heidrun

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steyrer
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Registriert: Jun 2009

Werke: 12
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@Heidrun D.: Danke fĂĽr das dicke Lob, so etwas freut mich immer.

@nachts & @ suzah: Wie oben. Übrigens: Perfekt ist die Story natürlich noch nicht, das ist klar. Vielleicht sollte ich die Zustände des Lyrichs nicht Amnesie nennen?

Sorry für die späte Antwort

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