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Leselupe.de > Kurzprosa
Versager muss man verprügeln
Eingestellt am 25. 02. 2005 21:27


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nachtsicht
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2005

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Bert zieht sich seine alte Lederjacke über und schließt die Wohnungstür. Ganz leise, damit seine 2 Hunde nicht wach werden. Die Tiere sind seine Familie, sein Grund jeden Monat zum Sozialamt zu gehen und das Geld abzuholen, anstatt einfach abzuwarten bis der Gestank seines Körpers die Nachbarn anwidert. Im Treppenhaus: getrocknete Kotze, Zigarettenstummel, der Geruch der Faulheit. Zehn nach fünf am Morgen erst, aber Bert kann nicht schlafen, und um diese Zeit trifft man wenigstens keine Menschen bei einer Runde durchs Viertel. Keine Menschen, die ihn verstoßen mit ihren Blicken. Ihn, den ekligen, abscheulichen Wichser, dessen verfickte Hunde immer bellen
und überall hinscheißen.

Bert läuft langsam den Weg entlang, den er früher jeden Morgen zur Schule gegangen ist. Er hat das Leben nicht verdient, das weiß er, und seine Mitschüler wussten es auch. Damals, als er vor zwölf Jahren genauso viele Schläge in die Fresse bekommen hat, wie Einträge ins Muttiheft. Bei ihm war es ein Muttibuch, so dick wie die Beulen auf seinem Schädel, so wertlos wie er selbst, denn es hat sowieso niemand gelesen. Je mehr sich das Bildungsinstitut nun nähert, desto mehr steigt Bert das eigene Abwasser in die Augen. Vor dem Gebäude mit den eingeschlagenen Fenstern bleibt er stehen. Am Zaun festgekrallt überrennen Ameisen seine Schuhe und Erinnerungen seinen Kopf.
Im Unterricht von Lehrern und von Schülern ausgelacht, diente die Toilette alle 45 Minuten als Versteck, bis die Kameraden den hässlichen Außenseiter mit den täglich selben Klamotten fanden, und kurz darauf stinkend und nass auf dem Boden zusammengerollt zurückließen. Denn Pausen waren zum Pissen da.

Warum war der Spast auch so dumm und ging dann noch in die Schule? Zu Hause war es schlimmer, heute noch hört Bert seine eigenen Schreie und spürt den abartigen warmen Keuschatem an seinem Hals. Stellen wir uns vor, welche Schmerzen ein Junge hat, dem ein perverses Stück Fleisch hinten reingebohrt wird. Stellen wir uns vor, wie Bert sich fühlt.

Ihr habt diesen Menschen vernichtet.

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Gandl

Autorenanwärter

Registriert: Jul 2003

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Hi nachtsicht,
hoppla!
Du fällst auf. Du bist originell. Du bist nicht langweilig. Nein, wirklich, das nun wirklich nicht.
Du fällst nicht auf, weil du auffallen willst. Deine Geschichten sind es. Sie sind hart. Schonungslos. Gott – wir schonen uns hier andauernd, wir sind nett zueinander, wir nehmen Rücksicht. Nein, du nicht. Nicht in deinen Geschichten. Gut so. Das bringt einen weiter. Mich ...
Lieben Gruß
Gandl

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MDSpinoza
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Registriert: Jul 2004

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Glatte "10"!
__________________
Lieber ein verführter Verbraucher als ein verbrauchter Verführer...

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nachtsicht
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Registriert: Jan 2005

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Danke.

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Stern
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Registriert: Jul 2002

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Hallo nachtsicht,

ein Text, der sich meinen literarischen Bewertungsmaßstäben entzieht.
Er macht mich betroffen, wütend, beschämt, traurig... und unfähig über Literatur nachzudenken.
Kann also nicht so schlecht sein, aber ich sage es nur widerstrebend. Nicht widerstrebend, weil ich lieber sagen würde, dass ich ihn schlecht finde - widerstrebend, weil ich es total daneben finde, mich in solchen inhaltlichen Bereichen über die Qualität der Darstellung zu unterhalten. Aber ich finde ihn "gut". Brutal. Ja, schonungslos, wie Gandl schreibt.

Er entzieht sich offensichtlich auch meiner Fähigkeit, einen vernünftigen Kommentar zu schreiben. Trotzdem wollte ich was schreiben.

Gruß von Stern *

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Susanne Henke
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2004

Werke: 9
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Hallo Nachtsicht

"Denn Pausen waren zum Pissen da" - das macht echt sprachlos. Grandioser Text!!

Viele Grüße
Susanne

PS Keuchatem statt Keuschatem?

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