Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
367 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Versatzstücke
Eingestellt am 01. 03. 2008 10:51


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 56
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hedwig Storch eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

In seinem Roman "Im Land der letzten Dinge" aus dem Jahr 1987 wählt Paul Auster eine nicht benamste große untergehende Stadt als Ort der Handlung. Es gibt mindestens einen Leser, der vermutet, der Autor könnte beim Schreiben an New York gedacht haben - z.B. der Verfasser des Artikels "In_the_Country_of_Last_Things".
Hier ein paar Schnappschüsse, exklusiv für Sie, eingefangen aus der unübersehbaren Untergangsstimmung: Da werden Langstreckenläufe durch die Straßen der Stadt veranstaltet, bei denen sich die Teilnehmer zu Tode rennen. Warum? Ganz einfach, weil Sterben innerhalb von ein paar Stunden das Ziel der Übung ist. Und da wird der "Letzte Sprung" zelebriert. Das ist eine weitere Art, sein Leben - diesmal allerdings in ein paar Sekunden - zu beenden. Der Springer stürzt sich vom Dach eines Wolkenkratzers hinab und endet auf dem Asphalt. Die städtische Energieversorgung greift auf absonderliche Rohstoffe zurück. Aus Fäkalien wird Methan gewonnen und Leichname werden grundsätzlich verheizt. Also muß der Bürger Kot einsammeln und darf seine verstorbenen Angehörigen nicht beerdigen. Der Ofen in der Behausung eines buchproduzierenden Schriftstellers wird winters vornehmlich mit allerfeinster Weltliteratur beschickt. Klassiker haben in strengerer Winterszeit kaum eine Überdauerns-Chance. Ein Rabbi konnte sich mit ein paar Mitstreitern in die Nationalbibliothek zurückziehen. Er wird dort geduldet, aber dann sitzt ein Ethnograph auf seinem Stuhl und untersucht die Knochen anonymer Leichen. „Die Juden sind entfernt worden“ (Quelle, S. 122, 6. Z.v.u.). Selbiger Ethnograph will Anna Blume, die Heldin des Buches, in einem "Menschen-Schlachthaus" unters Hackebeil zerren (Quelle S. 135, 15. Z.v.u.). Genug des Aberwitzes und der Greuel. Das richtig Unappetitliche habe ich Ihnen sogar noch verheimlicht: Ein gewisser Ferdinand fängt Mäuse lebendig und… äks.

Paul Auster spiele "mit Science-fiction-Versatzstücken" (Aus: "Süddeutsche Zeitung", zitiert auf dem hinteren Klappentext der Quelle). Jene Sicht ist eigentlich doch o.k. Gleichzeitig führt diese Einschätzung ganz zwanglos auf unsere eigene praktische Arbeit. Die Dichter-und-Denker-Frage lautet: Sollten wir in unser selbst verzapftes Prosawerk gehörig Kitt zwischen die Versatzstücke schmieren?

Die Antwort ist ein kategorisches Nein. Die Begründung des Nein fällt knapp aus: Wenn uns jemand hineinredet und wir fügen uns, dann kann unser Produkt nur noch schlechter werden. Bloß nicht auf einen Kritiker hören! Besser in den Ofen damit wie bei Paul Auster.

Der U.S.-amerikanische Schriftsteller Paul Auster wurde am 3. Februar 1947 in Newark (Bundesstaat New Jersey) geboren.

Quelle:
Paul Auster: Im Land der letzten Dinge. Roman.
Rowohlt, Reinbek 1989 (12. Aufl. Oktober 2005, 199 Seiten), ISBN 3-499-13043-2
Original:
In the Country of Last Things. Viking Penguin. New York 1987

Hedwig Storch 3/2008

__________________
Hedwig

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!