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Leselupe.de > Kurzprosa
Verschworene Gemeinschaft
Eingestellt am 22. 08. 2019 08:58


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blackout
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Die Frauen saßen auf der Treppe vorm Haus. Ich versuchte ihr Geschwätz zu überhören und schloss meinen Briefkasten auf. Nichts, der Briefkasten war leer. Keiner dachte an mich, noch nicht mal die Behörden.

„Sie, junge Frau, Sie!“ Die Frau meinte mich. „Sie sind doch gerade eingezogen. Wie gefällt es Ihnen denn hier? Wie heißen Sie denn? Schon eingelebt?“

Ich muss sie etwas befremdet angeblickt haben. „Nu setzen Sie sich doch mal her zu uns“, die Frau im rosa Kleid winkte mich heran. „Ick mach Ihnen Platz, denn könnse sitzen“, meinte sie und rückte fürsorglich ein Stückchen ans Eisengeländer heran. „Is jemütlicher.“

Ich saß. Eingeklemmt zwischen der Frau im rosa Kleid und einer jungen Afrikanerin, die nach Vanille duftete.

„Eingelebt? Ach was, erst mal eingearbeitet“, sagte ich, „die schweren Kartons ...“

„Det is immer so beim Umzug“, sagte die junge Frau mit dem Kinderwagen, die vor den Sitzenden stand. „Erst kommt die Plackerei, denn det Vagnüjen. Wir sind ja auch erst vorm halben Jahr hier einjezogen.“ Sie zupfte an der Kinderwagendecke herum. „Und denn kam der Junge.“

„Aha“, die Frau im rosa Kleid, nickte, als ich meinen Namen nannte. „Merke ick mir.“ Sie wiederholte meinen Namen.

„Na, denn erzählen Sie mal.“ Die rosa Frau blickte mir neugierig ins Gesicht. „Ooch aus Berlin? Oder aus de Provinz? Etwa aus'm Westen?“

„Nee, nich aus'm Westen, ooch aus Berlin.“ Ich fiel ins Berlinern, obwohl ich sonst Unbekannten gegenüber erst mal das Hochdeutsche probierte, um mir einen seriösen Anstrich zu geben. Ich ärgerte mich.

Eine Weile sagte keiner was. Ich schwieg auch.

Die Afrikanerin wandte sich mir zu. „Ich bin aus Nigeria. Drei Jahre hier. Deutschland ist schön.“
Ihre weißen Zähne blitzten mich an. Ich dachte sogleich an meine.

„Deutschland ist schön - naja“, sagte ich.

„Die Deutschen sind nett“, sagte die Afrikanerin. „Aber nicht alle. Sie sind nett, Sie sitzen, und ich auch. Zusammen. In der S-Bahn die Leute nicht so freundlich. Ich heiße Malenga.“

„Ja, das gibt es, Malenga.“ Die Frau im rosa Kleid langte hinter mir und streichelte ihr den Rücken.

Die Frau links neben ihr mit ausgemergeltem Gesicht beugte sich vor. Sie hatte schwarz gefärbtes Haar, sah ich. „Haben Sie lange gesucht nach der Wohnung?“

Ich nickte. „Ja, ein Vierteljahr“, sagte ich nach einer Weile. „Oder ein bisschen länger“, fügte ich hinzu.

„Mein Mann und ich“, sagte die Frau mit dem schwarzen Haar, „wir wohnen ja schon seit anno Vierundneunzig hier.“ Sie sah mich an, ich musste etwas sagen, wusste aber nicht, was. „Die Kinder sind schon lange aus dem Haus. Der Große ist in Mannheim. Mit Familie! Der Zweite hat bloß eine Freundin“, half sie mir aus der Verlegenheit.

Eine Frau, die ich bisher noch nicht bemerkt hatte, kicherte im Hintergrund. „Eine nach der anderen!“ sagte sie. Es klang ein bisschen hämisch. Die Schwarzhaarige erwiderte nichts.

Wieder schwieg alles.

„Na, dann will ich mal“, sagte ich und erhob mich. „Die Arbeit wartet.“

An der Haustür drehte ich mich um. „War schön, Sie kennenzulernen.“ Plötzlich fiel mir ein, dass ich von niemandem den Namen wusste. „Und ich weiß gar nicht, mit wem ich hier auf der Treppe saß.“ Alle sahen mich an, keiner sagte was.

„Wir treffen uns immer uff'm Hof, uff'de Bank. Nachmittags, nach Viere!“, rief mir die Frau im rosa Kleid nach, als ich schon halb im Haus war. „Denn lernse uns kennen! Wir sind hier eene verschworne Jemeinschaft! Ick wohne im Achten. Meier mit ei, zweemal klingeln, ick hör manchmal schwer, mein Alter is sowieso taub. Kommse hoch, wennse sich alleene graulen! Aber bringse wat für't Herze mit! Fahrstuhl, Achter drücken, schon sindse da!“

In der Wohnung angekommen, glaubte ich noch immer Malengas Vanilleduft zu spüren.


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