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Leselupe.de > Erzählungen
Verschwunden (Teil III)
Eingestellt am 17. 02. 2018 16:52


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SilberneDelfine
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Verschwunden (III. Teil)


September 1990

Vom Fenster aus sah man direkt auf den Fluss. Der junge Mann öffnete es und sah hinab auf das Wasser, das im Sonnenlicht silbern glitzerte. Eine vage Erinnerung huschte an ihm vorbei, aber viel zu schnell, als dass er danach hätte greifen können.
„Das ist die Vechte“, hatte sein Vater ihm erklärt. Er konnte sich nicht erinnern, diesen Flussnamen je gehört zu haben. Aber er konnte sich sowieso an nichts erinnern, egal, wie sehr er sich anstrengte. Auch an seinen Vater hatte er sich nicht erinnern können. Da dieser ihn aber jeden Tag im Krankenhaus besuchte und ihm unermüdlich aus ihrer beider Leben erzählte, war es ihm gelungen, schließlich sein Vertrauen zu wecken.
„Du hattest eine schwere Gehirnerschütterung“, hatte sein Vater ihm mitgeteilt. „Wahrscheinlich hattest du einen Unfall, du hattest auch einige Prellungen und Blutergüsse. Zum Glück war nichts gebrochen. Ein paar Tage hast du fast nur geschlafen. Die Ärzte sagen, du hast retrograde Amnesie. Deswegen kannst du dich an nichts erinnern. Und was vorher passiert ist, also ehe man dich aus dem Wasser gefischt hat, weiß hier auch keiner.“
Eine Krankenschwester war ins Zimmer gekommen und hatte einige Worte in einer Sprache an ihn gerichtet, die er nicht verstand. Der junge Mann hatte sie verwirrt angeblickt. Sein Vater hatte ihm beruhigend zugenickt und sich dann an die Krankenschwester gewandt. Er hatte ebenfalls ein paar Worte in der fremden Sprache gesagt Die Krankenschwester hatte etwas vor sich hingemurmelt und war dann hinausgegangen.
„Ich glaube, an Holländisch kannst du dich noch nicht erinnern. Solange wohnten wir vor deinem Unfall auch noch nicht hier. Da ist das nicht verwunderlich, dass diese Erinnerung weg ist. Ich habe die Krankenschwester jetzt gefragt, ob sie eine Kollegin hat, die Deutsch spricht.“ Sein Vater hatte ihn aufmunternd angelächelt.
Ab da hatten einige Schwestern und Ă„rzte im Krankenhaus in einer Sprache mit ihm geredet, die er kannte.

Er sah sein Spiegelbild im Fenster. Er war schlank, groß, hatte braune Augen und schwarze Haare, einen schön geschwungenen Mund und einen ernsten Gesichtsausdruck „Wenigstens sehe ich gut aus“, dachte er in einem Anflug von Selbstironie. Denn es wäre ihm lieber gewesen, statt des guten Aussehens ein gutes Gedächtnis zu haben.
„Wie lange dauert eine solche Amnesie?“ hatte er die Ärzte kurz vor seiner Entlassung gefragt.
„Es kann ein paar Monate dauern. So genau kann man das nicht sagen“, war die ausweichende Antwort gewesen. Kurz darauf hatte er das Krankenhaus verlassen dürfen. Sein Vater hatte ihn abgeholt und ihm stolz sein Zuhause gezeigt, an das er nicht die geringste Erinnerung hatte. Und irgendwann hatte er dann doch nach seiner Mutter gefragt.
„Sie ist von uns gegangen“, lautete die leise Antwort seines Vaters. Und er wollte danach gar nichts Näheres mehr darüber wissen. Es war auch so genug, womit er zu kämpfen hatte.

Er sah auf den Kalender an der Wand in seinem Zimmer. Jeden Abend strich er das Datum durch, immer in der Angst, am nächsten Tag aufzuwachen und sich nicht mehr dran erinnern zu können, welcher Tag war. Das Durchstreichen sollte ein Schutz davor sein. Als sein Vater ihn abgeholt hatte, war es Mitte Juni gewesen. Nun war September. Und er wusste immer nur noch das über sich, was sein Vater ihm erzählt hatte.
„Olaf!“ rief sein Vater von unten. „Komm essen!“
Er schloss das Fenster und ging hinunter.



Bettina stellte die Getränke vor den drei jungen Männern – die prompt zu reden aufgehört hatten, als sie ihre Getränke abstellte - auf den Tisch und sah sie alle nacheinander an. Koste es, was es wolle, sie würde herausfinden, was sie wussten.
„Ich wollte Sie nicht in Ihrem Gespräch unterbrechen“, flötete sie so charmant, wie sie konnte. „Sie sind sicher zu Besuch in unserer schönen Stadt?“
Der Blonde mit dem kräftigen Körperbau nickte.
„Richtig, Wir sind nur zu Besuch. Wir sind zum ersten Mal hier in der Stadt.“
„Ach, halt doch die Klappe“, maulte Angelo ihn an. „Interessiert doch keinen.“
„Doch, mich schon.“ Bettina lächelte ihn an. „Hier gibt es eine Disco. Falls Sie später noch ausgehen wollen.“
„Haben wir schon gesehen.“ Angelo schien uninteressiert zu sein. Der dritte junge Mann, der sich bis jetzt nicht geäußert hatte, wollte offensichtlich nun auch etwas zur Unterhaltung beitragen, räusperte sich und sagte dann: „Da ist doch nichts los.“
„Das stimmt aber nicht! Ich war früher oft da. Samstagabends ist da die Hölle los.“
„Warum bist du dann nicht da, Baby?“ Jetzt schien Angelo Interesse zu zeigen.
„Weil ich arbeiten muss.“
„Wie lange denn noch? Irgendwann ist ja auch Feierabend? Wir könnten ja zusammen hingehen.“ Nun schien er Feuer und Flamme zu sein und musterte sie wieder von oben bis unten. Diesmal hielt Bettina dem Blick stand und machte keine Anstalten, ihm in irgendeiner Form eine Absage zu erteilen. Sie bemühte sich sogar, so zu tun, als mache ihr sein unverhohlenes Taxieren Vergnügen. Auch die anderen beiden schienen nicht abgeneigt zu sein. Aber Bettina hatte nicht die Absicht, mit allen drei gleichzeitig loszuziehen. Sie wandte sich direkt an Angelo.
„Ich habe um halb zwölf Schluss. Ich könnte danach noch in die Disco kommen, Sie können ja nach dem Essen vorgehen, dann treffen wir uns da. Die haben bis fünf Uhr früh auf.“
„Na, du gehst ja ran, Baby!“ Angelo schien geschmeichelt zu sein. „Aber sag Du zu mir!“
„Klar“. Bettina schüttelte ihm die Hand. „Bettina.“
„Angelo“. Er drückte ihre Hand, zu ihrer Überraschung war ihr der Händedruck angenehm.
Der Blonde stellte sich mit „Torsten“ und der andere Dunkelhaarige mit „Stefan“ vor.
„Hallo, wir möchten endlich bestellen!“ rief eine ungeduldige Stimme von einem anderen Tisch.
„Ich muss weitermachen, bis später in der Disco!“ Bettina beeilte sich, zu den anderen Gästen zu kommen.

Während einer kleinen Pause rief sie Harald an. „Ich glaube, ich habe was rausgefunden. Hier sind drei Typen, die könnten was mit Tims Verschwinden zu tun haben.“
Harald klang skeptisch. „Was sollen die wissen?“
„Ich hab gehört – von weitem – wie sie „Kallmann“ und „hat sich erledigt“ gesagt haben. Ich hab so getan, als wäre ich an einem interessiert und mich für später mit ihnen in der Disco verabredet.“
„Bist du sicher, dass sie deinen Namen gesagt haben?“
„Sie wissen ja nicht, dass das auch mein Name ist.“ Bettina wartete eine Minute, ehe sie wieder sprach. „Kannst du auch kommen?“
„Du bist ja wohl nicht wirklich an dem einen interessiert?“
„Jetzt spinn nicht rum! Hier geht es doch wohl wirklich um etwas anderes. Ich dachte, du verstehst mich.“
Harald schwieg, dann hörte Bettina ihn seufzen. „Okay, ich kann dich unmöglich da alleine hingehen lassen. Ich komm in die Disco.“
„Aber tu so, als würdest du mich nicht kennen! Sonst krieg ich aus denen nichts raus.“ Sie hängte ein, um Harald keine Chance zu lassen, ihr zu widersprechen.

- Fortsetzung folgt -



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