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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Versetzung
Eingestellt am 07. 11. 2001 23:27


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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 21
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Um der Stille meines Schreibtisches zu entfliehen, beschloss ich mit einer Freundin einen gemeinsamen Ausflug ins Strandlokal. Meine Intention bestand darin, ein bisschen zu plaudern und nebenher ein schmackhaftes Essen zu genießen. Außerdem dĂŒrstete ich nach Belebung und neuen Energien, die meine Fantasie ein wenig belĂŒften sollten. Meine Freundin versprach sich ebenfalls neue Energien in Form einer erregenden Bekanntschaft. Dabei liebĂ€ugelte sie mit einem mĂ€nnlichen Hausvorstand, nicht mit mir. Mich kannte sie ja bereits und ich bin weder mĂ€nnlich, noch an ihrem Hausvorsitz sonderlich interessiert.

Nachdem wir unsere Motive erörtert und mehrere Varianten einer auf unsere Absichten ausgerichtete Garderobe durchgespielt hatten - mit dem Ergebnis ĂŒbrigens, dass ich in einem jutesackĂ€hnlichen, graumelierten HĂ€ngerkleid Vorlieb nehmen und meine Freundin sich in kurzen Shorts und klatschengem Mieder bekennen wĂŒrde – nachdem die Aufzugsordnung also feststand, verabredeten wir uns fĂŒr den nĂ€chsten Tag um sechs Uhr am Abend im Restaurant „Strandidyll“.

„Wenn’s ein bisschen spĂ€ter wird, verzweifele nicht“, sagte meine Freundin noch ins Telefon. Sie wĂŒrde sich wirklich beeilen wollen, aber man wĂŒsste ja nie, der Verkehr oder so. Dann beratschlagten wir noch, einen einzelnen Tisch zu besetzen, weil wir uns lange nicht ausgetauscht hĂ€tten und sicherlich allerlei Pikantes den Mitwisser wechseln wĂŒrde.

Ich ĂŒberlegte kurz, mit welch scharfen Zoten ich wĂŒrde aufwarten können, erkannte schnell die Mangelware und die Arbeit, die ich bis morgen Abend zu bewĂ€ltigen hatte, in dem ich nach UnanstĂ€ndigkeiten und Anekdoten suchen mĂŒsste. Ich konnte ja schließlich nicht mit leeren HĂ€nden kommen und meine Freundin den ganzen Abend allein bestreiten lassen.
Wir sagten uns „Adù“ und legten auf.

Nach einer halben Stunde klingelte das Telefon und meine Freundin fragte mich, ob ich etwas dagegen hĂ€tte, wenn sie ihren langjĂ€hrigen Bekannten – der sie partout nicht ehelichen wollte, aber gelegentlich mit ihr schlief oder sie mit ihm, ganz drauf ankommend, von welchem Standpunkt aus man es betrachtete – ob sie jenen beischlafenden DrĂŒckeberger wohl auch zu unserem gemeinsamen Ausflug wĂŒrde einladen können. Ich hatte nichts dagegen, gab aber zu bedenken, dass FrauengesprĂ€che nicht unbedingt etwas zur StĂ€rkung der mĂ€nnlichen Potenz beitrĂŒgen. Außerdem wollte ich bei dieser Konstellation meinen eigenen Mann dabei haben.

Erstens war es mir unangenehm, das dritte Rad am Wagen zu sein und zweitens verfĂŒge ich nicht ĂŒber mĂ€nnliche Schlafbekanntschaften. Es musste also mein Ehemann sein.
Nach zwanzigminĂŒtigem Hin und Her stand fest, dass wir uns die erste Stunde unseres Treffens allein und somit vertraulich unterhalten und unsere mĂ€nnlichen Pendants spĂ€ter zustoßen wĂŒrden.
Gesagt getan.

Heute, nun, ist also morgen Abend, sechs Uhr, „Strandidyll“ und somit unsere Verabredung in vollem Gange. Mit dem kleinen Makel versehen, dass ich jetzt, und zwar zehn Minuten nach sechs Uhr, immer noch allein unter einem knallbunten Sonnenschirm herumsitze, der das weiße Tischtuch vor mir gelbstichig fĂ€rbt. Um die Warterei zu ĂŒberbrĂŒcken, bestelle ich mir ein großes Glas Wasser. Ich wĂŒrde viel lieber ein großes Bier trinken, denn es ist heiß und windstill und ich sehe die Segler auf dem glatten See ausharren und die Schweißtropfen in den Stirnfurchen der Kellnerin sich sammeln.

Aber ich geniere mich, so in aller Öffentlichkeit und auch noch ungesellschaftet, ein mĂ€nnliches GetrĂ€nk zu bestellen und verlange zĂŒchtig nach einem Wasser. Die Kellnerin lĂ€sst ihren transpiranten Geruch stehen und zieht mĂŒrrisch von dannen.

Ich ĂŒberlege gerade – schon sechs Uhr zwölf! – dass dieser knallbunte Sonnenschirm ĂŒber mir seine belebende Farbgestaltung wohl auch und soeben an meinem Gesicht vornimmt und dieses wahrscheinlich genauso gelbstichig aussehen lĂ€sst, wie das von Grund auf weiße, aber nun gelbstichige Tischtuch vor mir, als ich von einer schwacher Stimme aus meiner Warteschleife gerissen werde.

„Entschuldigung, ist hier wohl noch ein Platz frei?“
Die Frau vor mir steht mit dem RĂŒcken zur untergehenden Sonne. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, registriere nur die Umrisse einer schlanken Gestalt, die hĂ€ngenden Schultern und einen ziemlich ausladenden Hut.

„Wo haben Sie denn diesen Hut her?“ frage ich sie.
Das war, genau genommen, keine Antwort auf ihre Frage. Aber ich versuche, Zeit zu schinden und um nicht unhöflich zu wirken, vermeide ich ein schweigsames Nachdenken, in dem ich gegenfrage.

Die Zeit, die ich schinden will, brauche ich dazu, mir eine passende Rechtfertigung auszudenken, warum an meinem leeren Tisch kein Platz mehr frei ist.

Wenn ich nĂ€mlich nun einfach sagen wĂŒrde: „Nein, tut mir leid!“ dann wĂŒrde sie es mit Sicherheit als eine ungezogene Abfuhr bewerten und sich entweder beleidigt, aber still zurĂŒck ziehen oder ein Fass aufmachen. Beides wĂ€re mir unangenehm. Letzteres mehr.

Wie aber kann ich diese behĂŒtete Gestalt vor mir glaubhaft davon ĂŒberzeugen, dass die drei StĂŒhle an meinem Tisch nicht mehr frei, dass heißt, nur noch fĂŒr wenige Minuten, also gut, zwei von drei StĂŒhlen zwar noch fĂŒr eine Stunde – fĂŒnfzehn Minuten nach sechs! – also nur noch eine knappe Stunde zwar nicht besetzt, aber auch nicht ganz frei sind?

„Ich habe ihn in Ravenna gesehen!“ sagt die schattenhafte Unbekannte jetzt.
„Wen?“
„Sie fragten doch nach meinem Hut!“ kommt es mich ein wenig ungeduldig an und schon vernehme ich das gĂ€nsehĂ€utende Kratzen von Stuhlbeinen auf sandigem Terrazzo.

Ich mache eine Bewegung, als wolle ich eine lÀstige Biene verscheuchen.
„Und“, frage ich schnell, um sie in ihrem Sitzenwollen-Eifer aufzuhalten, „haben Sie ihn gekauft?“
„Bitte?“

Die Kellnerin platzt ungerĂŒhrt in unser informatives GesprĂ€ch und knallt ein Wasserglas auf den Tisch. „Noch eins?“ fragt sie und belauert meine halbversenkte GesprĂ€chspartnerin. Die ist nĂ€mlich gerade im Begriff, sich auf den zurecht gerĂŒckten Stuhl nieder zu lassen und verharrt nun, so drakonisch angesprochen, in einer devoten BĂŒckstellung.

Das ist mein Stichwort. Ich klĂ€re ausfĂŒhrlich auf, und zwar beide, dass ein Wasser mir genĂŒge und ich auf die Ankunft meiner Bekanntschaft warten, bevor ich weitere Bestellungen vornehmen wĂŒrde und dass sich damit auch die Fragen nach frei oder nicht frei und noch eins oder keins und ĂŒberhaupt erledigt hĂ€tten.

Zu meiner Überraschung schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe.
Die Damen eilen schlagartig auseinander und ich habe drei Minuten Wartezeit ĂŒberbrĂŒckt. Ein Blick zur Uhr sagt mir, es ist achtzehn Minuten nach sechs.

Ich beuge mich ĂŒber mein Wasserglas, nicht, ohne meine Peiniger aus den Augen zu lassen, bis ich restlos ĂŒberzeugt bin, dass sie mich so schnell nicht mehr behelligen werden. Mit dem bekannten Augenwinkelblick kann ich ausmachen, dass sich die unbekannte Dame an einem weit weniger attraktiven, dafĂŒr aber weit genug von mir entfernt stehenden Tisch niederlĂ€sst. Zu meinem Bedauern entscheidet sie sich ihrerseits, mich im Auge zu behalten.

Ich nippe an meinem Wasserglas. Neunzehn Minuten nach sechs.
Ich studiere die Eiskarte.
Immer noch.
Zwanzig Minuten nach sechs.

Die abgewiesene Dame sieht zu mir herĂŒber. Ich deute einen Gruß an. Sie deutet zurĂŒck.
Zwanzig und eine halbe Minute!

Schöne alte BĂ€ume haben die hier. Und schöne Tische. Schöne StĂŒhle auch. Sogar mit Armlehnen. Da kann ich mich ganz locker zurĂŒck lehnen und das Geschehen beobachten. Das Wasser schmeckt. Lauwarm. Aber eiskalt ist nicht gut fĂŒr den Magen.

Warum wollte sie auch unbedingt an meinen Tisch? Rund herum ist jede Menge Platz. Da muss man auf eine Abfuhr vorbereitet sein, wenn man sich einfach bei jemand Unbekanntes an den Tisch setzen will!

Bestimmt denkt sie, ich hĂ€tte eine Verabredung vorgeschoben, um sie abzuwimmeln. Sicher hĂ€lt sie mich fĂŒr arrogant oder, schlimmer noch, fĂŒr ĂŒberspannt. Dabei bin ich grundsĂ€tzlich ein geselliger Typ. Meine Freunde charakterisieren mich als aufgeschlossen und kontaktfreudig. Ich bin fĂŒr Neues immer zu haben, fĂŒr neue Bekanntschaften erst recht. Mit mir kann man Pferde stehlen! Ich teile noch das letzte Hemd, sowieso jeden Gartentisch, wenn’s drauf ankommt. Was kann ich dafĂŒr, dass diese PlĂ€tze reserviert sind?

Einundzwanzig Minuten nach sechs, neun Minuten vor halb sieben, neununddreißig vor um.
Achtunddreißigeinhalb.
Ich bin ganz ruhig.

Eigentlich könnte ich rĂŒber gehen und ihr sagen, dass sie sich so lange an meinen Tisch setzen dĂŒrfe, bis meine Verabredung endlich da sei. Und selbst wenn wir dann zu dritt wĂ€ren, könne sie ja so lange sitzen bleiben, bis auch unsere MĂ€nner eintrĂ€fen. Wenn die dann kĂ€men, wĂŒrde sie sicher niemand des Platzes verweisen. Man wĂŒrde einen Stuhl herbei ziehen, um gemĂŒtlich und zu fĂŒnft den lauen Abend zu genießen.
Ich könnte jetzt aufstehen und zu ihr rĂŒber gehen.
Oder ich winke einfach. Ich winke sie einfach kameradschaftlich herbei. Wir Frauen mĂŒssen schließlich zusammen halten. Und der WaschbĂ€rtyp von gegenĂŒber wirft schon lĂŒsterne Blicke auf sie.
Das muss sie doch merken!
Aber sie kann sich ja nicht schĂŒtzen. Völlig schutzlos, die Ärmste. Dem wĂ€ssrigen Blick des Dickens ausgeliefert. Sie kann sich nicht in ein GesprĂ€ch verwickeln, kann sich nicht hinter ihrem TischgefĂ€hrten verstecken, nur hinter der Speisekarte.
Macht sie aber nicht.
Wieso tut sie das?
Wieso sitzt sie einfach nur so da und guckt in den Abendhimmel? Will sie provozieren? Warum schiebt sie nicht kurzerhand eine grenzbedeutende Speisekarte zwischen sich und diesem Lustmolch?
Also, ich stehe jetzt auf und gehe zu ihr rĂŒber. Ich kann mich ja so lange an ihren Tisch setzen, bis meine Freundin kommt. Der Kellnerin sage ich, sie soll ein Reserviert-Schild aufstellen. Oder besser: wir setzen uns alle zu der einsamen, umlĂŒsterten Dame an den Tisch. Wem sollte das schon etwas ausmachen?
Also, mir nicht. Ganz bestimmt nicht.
Da, jetzt guckt sie rĂŒber! Soll ich winken? Nun winke schon! Ist doch ganz einfach. Hand heben und wedeln, winke, winke.
Statt dessen beuge mich ĂŒber den Tisch und verrenke meinen Hals in Richtung Strandpromenade. Von dort muss sie kommen, meine Freundin. Ist bestimmt schon auf dem Weg. Vielleicht ist ihr etwas passiert! Etwas Unfassbares, Unerhörtes, Unmögliches. Dann könnte ich ihr verzeihen. Wenn sie mich jetzt, in diesem Augenblick anriefe und aufklĂ€rte, wĂŒrde ich ihr verzeihen. Dann könnte ich ganz gönnerhaft zu der Dame rĂŒber gehen und ihr sagen, dass nun doch ein Platz an meinem Tisch frei sei. FĂŒr den Rest des Abends. FĂŒr immer, wenn sie will.
Ich schaue schnell zu der einsamen Dame zurĂŒck. Sie starrt mich an. Ich gebe ihr handzeichnend zu verstehen, dass ich nach meiner Verabredung Ausschau halte. Die Dame rĂŒckt sich ein wenig zurecht und blinzelt wieder in die Wolken.
An meinen ErklĂ€rungen scheint sie nicht interessiert zu sein. Mit keiner noch so kleinen Andeutung gibt sie mir zu verstehen, dass sie mein Verhalten sehr wohl einzuordnen weiß. Sie könnte ja wenigstens lĂ€cheln oder zwinkern oder huldvoll, bitte, meinetwegen, die Hand heben.

Aber nichts da! LĂ€sst mich einfach abblitzen, mit diesem vorgerecktem Kinn und dem albernen Ravenna-Hut!
Sieh mal einer an!
Was denkt sie sich denn, wer sie wohl ist?
Dieses abweisende Profil! Dieser ignorierende Wegblick! Typisches Lehrerverhalten. Wahrscheinlich ist sie Unterstufenlehrerin, verknöchert sieht sie ja aus. So was in der Art FrÀulein Pingelschnitz.

Ein passender Name: Pingelschnitz. Klingt nach Staub und wilhelminischer Drillzeit. Unter ihrem Ravenna-Hut trĂ€gt sie mit Sicherheit einen strengen Haarknoten, einen kĂŒnstlich aufgepeppten, versteht sich. Und die SchlĂ€fenlocken kĂ€mmt sie sich jeden Abend sorgfĂ€ltig, ölt sie und klemmt sie mit Haarnadeln fest, bevor sie zu Bett geht. Zuvor muss sie sich natĂŒrlich ihrer brusthohen SchlĂŒpfer entledigen. Und dem Leibchen und dem HĂŒfthalter, das FrĂ€ulein Pingelschnitz, ...

„Was ist nun, wollen Sie noch was bestellen oder nicht?“
Die Kellnerin heißt Drahtbein. Ganz bestimmt. Oder HĂŒhnermörder oder Giftschnalle, vielleicht auch Steinbeißer.
„Ich warte noch!“
„Worauf? Auf Kneipenschluss?“ Kellnerin Drahtbein stemmt ihre FĂ€uste in die HĂŒften und funkelt mich mit schmalen Augen an.
Ich hab’s! Sie heißt Babajaguschka.
Ich bestelle nun doch ein Bier.
Es ist siebenunddreißig Minuten nach achtzehn Uhr. Ich bin erledigt. Meine Freundin ist auch erledigt. In Gedanken spiele ich mein erstes Tötungsdelikt durch.

Und dann ist sie plötzlich da. Aus dem Nichts fĂ€llt sie mir um den Hals, entkorkt ihr Stimmwunder, sprudelt mich voll und schnippst mit lockerem Handgelenk die Kellnerin herbei. Ihre Leibhaftigkeit erwischt mich mit voller Wucht. Ich falle zusammen wie ein entstöpseltes Schlauchboot. Schweiß trocknet auf meiner Stirn, Erleichterung breitet sich aus, die HĂ€nde entkrampfen. Nun ist sie ja da.

Die uns verbleibenden zwanzig Minuten nutzen wir atemlos uns auszutauschen. Das heißt, meine Freundin erzĂ€hlt und ich höre ihr dankbar zu.
Sie hat wirklich eine Menge zu berichten, nur nicht darĂŒber, warum sie mich so lange warten ließ. Ich bin geduldig, Hauptsache, sie ist da.
Ihre Schilderungen sind blumig bis unverblĂŒmt, dazu gestenreich veranschaulicht.
Zum Beispiel, wie sie erst neulich ihrer SchwÀgerin beibrachte, die Brust abzupumpen.

„Stell dir vor“, empört sie sich, „dieses dumme Ding ist schon zweimal Mutter und weiß bis heute nicht, wie man das Letzte aus sich heraus holt.“ Und dann zeigt sie mir, wie sie es ihrer SchwĂ€gerin aber gezeigt hat und quetscht und rĂŒttelt an ihrem Busen herum, dass die umstehenden StĂŒhle schon zu knarzen beginnen.
„So was aber auch“, bekrĂ€ftige ich sie und schule ĂŒber ihre Schulter hinweg auf FrĂ€ulein Pingelschnitz.
Die nippt an einem Weinglas.
Jetzt schaut sie auf und zu uns herĂŒber.

Ich lege mich leicht zur Seite und winke an meiner Freundin vorbei einen Gruß.
FrĂ€ulein Pingelschnitz lĂ€chelt! Sie weiß Bescheid. FrĂ€ulein Pingelschnitz lĂ€chelt!!

Ich bin geneigt, ihr herzlich zuzurufen „Das ist meine Freundin!“, beherrsche mich aber rechtzeitig und flĂŒstere es ihr mit großartiger Lippenbewegung entgegen und zeige mit dem Finger auf Besagte.
FrÀulein Pingelschnitz nickt!
Sie hat mich verstanden. FrÀulein Pingelschnitz hat genickt!
Ich lache befreit.
„Was ist los?“ fragt meine Freundin, die gerade beim Kamasutra war.
„Ach, nur eine alte Bekannte. FrĂ€ulein Pingelschnitz. Ein bisschen altmodisch. Unterstufenlehrerin. Hat ihren letzten Urlaub in Ravenna verbracht.“ Ich beuge mich leutselig ĂŒber den Tisch. „Stell dir vor: Sie trĂ€gt noch Leibchen und Strumpfhalter.“
„TatsĂ€chlich? So was gibt es noch?“

Ruckartig wendet sie sich in die von mir bewunkene Richtung und sucht mit Blicken den Biergarten nach Leibchen und StrĂŒmpfen ab.
„Wer ist es denn?“ fragt sie ungeduldig.

Eben setze ich an, sie einzuweihen, da ĂŒberschlagen sich die Ereignisse.
Von links durch die Gartenpforte geschlendert, kommen unsere MĂ€nner herbei. Ich erfasse sie aus den Augenwinkeln, gerade, als meine Freundin mit einem spitzen Schrei in die Höhe schnellt und – sieh nur! - in Richtung FrĂ€ulein Pingelschnitz davon stĂŒrzt. Durch dieses auffĂ€llige Verhalten alarmiert, stemmt sich das Angriffsopfer entschlossen in die Höhe. Der verwegene Hut signalisiert Kampfbereitschaft.

Nur eine winzige Schrecksekunde hÀlt es mich auf dem Stuhl.
„Ich muss sie aufhalten!“ saust es mir durch den Kopf. Gleich fahre ich auf und will zum Sprung ansetzen, da kommen mir zwei SalatschĂŒsseln und ein Hefeweizen in die Quere. Ich rempele die Kellnerin beiseite und schlage ihr das volle Tablett aus der Hand. Mit zielstrebiger Genauigkeit schießen Oliven und HĂŒttenkĂ€se auf umsitzende GĂ€ste zu, verteilen sich ĂŒber Haar und Glatzen und stĂŒrzen sich geöffnete Hemdkragen hinab. Das Bierglas fĂ€llt scheppernd zu Boden. Der Inhalt platscht mir an die Beine.

Egal. Ich hetze vorwĂ€rts und fuchtele mit den Armen einen Rettungsversuch. Mit einem hastigen Seitenblick sehe ich die MĂ€nner mir zu Hilfe eilen. Jetzt heißt es handeln, und zwar rasch. Wer weiß, welches HĂŒhnchen meine Freundin mit FrĂ€ulein Pingelschnitz zu rupfen hat. Und wenn die erst aus dem HĂ€uschen ist, dann lĂ€sst sie sich so schnell nicht wieder einkriegen.

Schon ist sie FrĂ€ulein Pingelschnitz’ Kehle gefĂ€hrlich nahe, schon sehe ich sie ihre Arme drohend öffnen. Jetzt, in diesem Augenblick, befĂ€llt sie ihren Hals!
Ich komme zu spĂ€t, mein Gott, was fĂŒr ein Drama!
Und das alles wegen einer einzigen schlechten Note!
In Deutsch.

Keuchend erreiche ich die Ringenden. Was bleibt mir, als mich dazwischen werfen? Da höre ich meine Freundin jauchzen: „Ich bin Ihnen so dankbar fĂŒr die Eintrittskarten, Sie können gar nicht ermessen, wie sehr.“
Sie knutscht und herzt an FrÀulein Pingelschnitz herum und lÀsst die Dame gar nicht mehr los. Der Hut fÀllt zu Boden, ein Haargummi löst sich, glÀnzendes Blond im Abendlicht.

Ich glotze fassungslos, mit angewinkelten Armen, die HĂ€nde noch zu errettenden FĂ€usten geballt, im Laufschritt erstarrt. Mein Brustkorb pumpt. Die Augen brennen. Die Ohren gleich mit. Hinter mir bellt die Kellnerin ein Stakkato.

Nun sind auch die MĂ€nner da. Sie lachen und dienern, grĂŒĂŸen wortgewandt, heben auf und sĂ€ubern und reichen FrĂ€ulein Pingelschnitz ihren gefallenen Hut.
Ich stehe da und glotze. Immer noch.

Bis meine Freundin sich mir zuwendet und mit einem Watte gefĂŒllten Mund spricht: „Das ist Frau Schubert vom Veranstaltungszentrum! Mensch“, sie haut mir mĂ€chtig auf die Schulter und versucht so meinem GedĂ€chtnis auf die SprĂŒnge zu helfen. „Die Karten fĂŒr die Philharmonie!“
Die Dame nimmt meine Hand.
„Setzen Sie sich doch alle zu mir. An meinem Tisch ist jede Menge Platz.“
Meine Freundin findet das toll und sitzt schon und fragt mich, was denn mit meiner alten Bekannten sei. Vielleicht wolle das Leibchen - sie betont es zu sehr, wie ich finde - ja auch an unserer kleinen Gesellschaft teilnehmen, gibt sie mir zu bedenken.

„Ja, bitte. Fragen Sie sie ruhig! Ich wĂŒrde so jemanden auch gerne kennen lernen.“ FrĂ€ulein Pingelschnitz alias Frau Schubert lĂ€chelt. Umd unter ihrem treuen Blick windet sich ein Regenwurm und sucht in einem Erdloch zu verschwinden.



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flammarion
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köstlich! mehr kann ich dazu nicht sagen. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Ralph Ronneberger
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Hallo Katrin,

da eilt man nun von Text zu Text - von Geschichte zu Geschichte und versucht hin und wieder, einen mehr oder minder geistreichen Kommentar los zu werden. Auch diesmal legte ich voller Begeisterung die Finger auf die Tasten, wollte gerade loslegen und... da schoß es mir durch den Kopf: "Laß es sein! Was du hier an die Frau zu bringen versuchst, ist durchaus entbehrlich."
Ja, es gibt Texte, die kann man nur genießen und sagen: "Kommentar ĂŒberflĂŒssig."
Könnte es sein, daß all die anderen (ausgenommen die kurz und knapp den Nagel auf den Kopf treffende flammarion), die diese Geschichte gelesen haben, genauso dachten und sich unbemerkt und vielleicht ein wenig ehrfurchtsvoll davon schlichen, ohne Laut zu geben? Muß wohl so gewesen sein. Anders kann ich mir die magere Reaktion auf deine quirlige Geschichte wahrlich nicht vorstellen.

Gruß Ralph
__________________
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