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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Versöhnung
Eingestellt am 04. 12. 2004 13:08


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chriss
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2004

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Erbarmungslos brannte die heiße Mittagssonne auf seinen entblößten Oberkörper. Sein Arbeitshemd hatte er schon vor Stunden an einen Ast des Apfelbaumes gehängt und so zeugte die leichte Rötung seines Rückens zuverlässig von seinem anhaltenden Arbeitseifer. Es war ein wunderschöner Tag, perfekt um sich den Urlaubsfreuden hinzugeben. Doch als sich frühmorgens die anderen Bewohner der kleinen Reihenhaussiedlung per Auto oder Fahrrad zum nahegelegenen Baggersee begaben, stand er schon voller Tatendrang in seinem kleinen, von säuberlich fassonierten Hecken umgebenen Garten. Fröhlich winkte er ihnen nach und erfreute sich seines freien Wochenendes.

Früher, als er und seine Frau noch jung verheiratet waren, standen an den Wochenenden ebenfalls stets Ausflüge auf dem Programm – doch nach langen Jahren der Zweisamkeit begnügten sie sich zunehmend mit entspannenden Tagen zu Hause. Erbarmungslos hatte auch bei ihnen der Alltag Einzug gehalten. Waren sie als frisch verliebtes Paar immerzu darauf besessenen gewesen jede freie Minute gemeinsam zu verbringen, gewannen die Phasen des Rückzugs voneinander mit der Zeit immer größere Bedeutung. So führten sie nun schon seit beinahe drei Jahrzehnten eine Ehe ohne große Streitereien und Skandale, das stete Auf und Ab hatte aber auch an ihrer Beziehung unverkennbare Spuren hinterlassen.

Gerade Tags zuvor hatte es wieder einen ihrer lautstarken Konflikte gegeben, welche speziell in den letzten Wochen den häuslichen Frieden störten. Abermals waren sie beim Abendessen bei den üblichen Streitpunkten angelangt. Mit vorwurfsvoller Stimme hielt ihm seine Ehefrau ihre schlechte finanzielle Lage vor; nicht ohne deutlich zu machen, dass sie wohl ihn alleine dafür verantwortlich zeichnete. Sicherlich war sich auch er darüber im Klaren, dass gerade in den letzten Jahren größere Ausgaben das angesparte Vermögen hatten schmelzen lassen und die Abbezahlung des aufgenommenen Kredits nicht ganz so reibungslos funktionierte wie vorgesehen. Jedoch war es auch ihr Wunsch gewesen aus der kleinen Wohnung in der Innenstadt in diese friedliche Reihenhaussiedlung zu ziehen, denn einen eigenen Garten zu besitzen war schon immer ihr Traum gewesen. Ein Traum, der nun nach langen Jahren der Entbehrungen in Erfüllung gegangen war, denn vor ihrem modernen Reihenhaus befand sich eben jener Garten – nicht all zu groß, jedoch perfekt um ein kleines Blumenbeet anzulegen, einen Baum zu pflanzen und Gemüse aus dem eigenen Garten zu ernten. Als Sichtschutz hatten die Voreigentümer eine kleine Hecke gepflanzt, gerade hoch genug um sich im Sommer unentdeckt in der Sonne bräunen lassen zu können und trotzdem noch das gesellige Treiben in den Nachbargärten beobachten zu können. Vom ersten Tag an genossen die beiden ihre neu gewonnene Freiheit, der zuerst beinahe trostlos anmutende Garten verwandelte sich in Windeseile in eine wahre Augenweide. Der frisch gesäte englische Rasen verlieh ihm eine gewisse Anmut, der junge Apfelbaum streckte seine Äste so optimistisch gen Himmel und die sorgfältig ausgewählten Blumen spiegelten mit all ihren Farben jene neu gewonnene Lebensfreude wider, die wohl beide damals empfanden. Ihre oft schon verloren geglaubte Beziehung erlebte einen zweiten Frühling, die Freude an Haus und Garten ließ für einige Zeit vieles in den Hintergrund treten.
Als es in seiner Firma dann aber zu finanziellen Ungereimtheiten kam und die Zahlungen an Banken und Versicherung gezwungenermaßen ins Stocken gerieten, wurden beide jäh und unsanft auf den Boden der Realität zurück geholt. Zwar waren ihnen ihre exquisite Einrichtung und ein angemessener Lebensstil die Aufnahme eines Kredites wert, ihn ordnungsgemäß zurückzuzahlen hatte aber besonders bei seiner Frau oberste Priorität. Er selbst war immer schon ein rechtschaffender Mann, dem geordnete Verhältnisse über alles gingen, aber die korrekte Einstellung seiner Frau trieb selbst ihn beizeiten zur Weißglut. So waren ihr seine Versäumnisse der Bank gegenüber natürlich von Anfang an ein Dorn im Auge und das Thema demnach Bestandteil jeder Diskussion. Egal ob nun die häusliche Arbeitsteilung oder die missglückte Urlaubsplanung zur Debatte stand, jede Auseinandersetzung mündete mit der Sicherheit des Todes in stundenlange Abhandlungen über ihre finanzielle Situation. Und eben eine dieser endlosen Streitigkeiten hatte ihn gestern eines ruhigen Abends beraubt. Wie immer kam es zwar zu späterer Stunde wieder zu einer Versöhnung, aber der Ärger seiner Frau schien auch heute Morgen noch nicht ganz verflogen zu sein.

Stolz hatte er beim Frühstück verkündet ihr nun nach langer Zeit den Wunsch eines kleinen Gartenteiches zu erfüllen, irgendwie fühlte er sich verpflichtet sie mit dieser kleinen Geste wohlwollend zu stimmen. So meinte er in ihren Augen auch schon die Vorfreude auf den kleinen Teich zu erkennen, wenn sie auch – um ihre Verärgerung kunstvoll zu unterstreichen – sein Vorhaben nur mit einem gelassenen Nicken quittierte.
So stand er nun inmitten seines Gartens, in der rechten Hand eine große Schaufel, und blickte nachdenklich auf das bereits einen halben Meter tiefe Loch, das er seit den Morgenstunden ausgehoben hatte. Seine Frau lag schon seit längerem nur einige Meter von ihm entfernt im Halbschatten, einen ihrer geliebten Frauenromane neben sich auf der Liege, und schien ihn durch die halbgeschlossenen Augen zu beobachten. Eine große Freude würde er ihr bereiten, dessen war er sich bewusst – er konnte sich das fertige Biotop bereits lebhaft vorstellen. Große Steine würden die klare Wasseroberfläche säumen, auf der zwei strahlend weiße Seerosen trieben. Die bunt blühenden Wasserpflanzen würden sich perfekt in den farbenprächtigen Garten eingliedern und das leise Plätschern des geplanten Miniatur-Springbrunnens würde für himmlische Urlaubsstimmung sorgen. Vielleicht würde er noch kleine Lampen montierten, um das neue Kunstwerk auch zu nächtlicher Stunde perfekt in Szene zu setzen.
Bevor er sich allerdings ernsthafte Gedanken über die Gestaltung des Teiches machen durfte, lag noch ein gutes Stück Arbeit vor ihm. So trieb er die Spitzhacke erbarmungslos immer tiefer in das lehmige Erdreich, während seine Gedanken wieder in die Ferne schweiften. Die harte Arbeit war perfekt um all die angestauten Aggressionen aus sich heraus zu lassen; all jene beruflichen und privaten Probleme, die er tagein tagaus in sich hineinfraß. Er hatte ihnen noch nie einen fixen Platz in seinem Leben zugestanden, stets hüllte er den Mantel des Schweigens über all das, was ihn bewegte. Über Gefühle zu reden war wohl nicht seine Stärke, nicht mit seiner Ehefrau und schon gar nicht mit den wenigen Freunden, die er hatte. Er sah sich immer als den furchtlosen Einzelkämpfer, der mit seinen Sorgen und Nöten nicht hausieren ging. Doch plötzlich schienen mit jedem Hieb seiner Spitzhacke all die verdrängten Emotionen immer stärker in ihm hervorzuquellen. Langsam ergriffen sie von seinem gesamten Körper und seinem Geist Gewalt, ein Gefühl unerträglicher Wärme machte sich in ihm breit. Tränen liefen von seinen Augen als er mit eiserner Verbissenheit immer tiefer in die Erde eindrang. Alles drehte sich und wie im Traum durchlebte er die endlosen ehelichen Diskussionen der letzten Wochen immer und immer wieder, die Anschuldigungen seiner Frau dröhnten ihm in den Ohren. Ihre schrille Stimme schien immer lauter zu werden, wandelte sich in ein beinahe unerträgliches Kreischen.
Erschöpft sackte er in der ausgehobenen Grube zusammen, die Hacke fiel dumpf neben ihm auf den Boden. Die körperliche Arbeit hatte ihm wohl mehr Kraft gekostet als angenommen. Deutlich waren die Zeichen der Erschöpfung sichtbar. Die Adern auf seiner Stirn waren hervorgetreten, das Herz pochte in seinem Kopf als wollte es ihn zum Zerspringen bringen. Schwer atmend griff er nach seinem Arbeitshemd, entriss es dem Apfelbaum und wischte sich damit notdürftig den Schweiß aus dem Gesicht. Langsam und behände richtete er sich wieder auf um sein Werk zu betrachten. Zufrieden nickend stieg er aus dem Erdloch, umrundete es und ließ anschließend seinen kritischen Blick über den gesamten Garten schweifen. Das Biotop würde sich gut machen, dessen war er sich sicher.
Nun war es an der Zeit, auch seine Frau die Grube begutachten zu lassen. Noch immer lag sie friedlich auf ihrem Liegestuhl, scheinbar unbeeindruckt von all der harten Arbeit, die hinter ihm lag. Und doch war er sich bewusst, welch großen Wunsch er ihr erfüllt hatte. Beinahe zögerlich ging er auf sie zu, beugte sich vorsichtig zu ihr hinab und hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange. Vorsichtig hob er sie auf, trug sie liebevoll zu ihrem Gartenteich und bettete sie weich auf das feuchte Erdreich. Einen großen Wunsch hatte er ihr erfüllt - dachte er noch, als er die Schaufel zur Hand nahm um sein Werk mit Erde zu bedecken – und letzte Wünsche soll man doch erfüllen.

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