Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
358 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Versteckt.
Eingestellt am 04. 10. 2006 18:09


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
nisavi
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2006

Werke: 105
Kommentare: 238
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um nisavi eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wenn die Nachmittage trĂŒb waren, so wie heute, und er nicht Gefahr lief, Leuten aus dem Dorf zu begegnen, verließ er seine Wohnung. Er stieg dann den HĂŒgel hinter dem Haus hinauf und folgte dem Pfad in den nahegelegenen Wald. Dort hatte er einen kleinen See entdeckt.
MĂŒckenschwĂ€rme flogen auf, wenn er das Schilf vorsichtig zur Seite bog, um in unmittelbare UfernĂ€he zu gelangen. Er liebte es, dort zu sitzen und zu beobachten, wie azurblaue Insekten die OberflĂ€che des GewĂ€ssers in schnellem Flug streiften. WasserlĂ€ufer glitten ruckartig aus dem Röhricht. GroĂŸĂ€ugige Libellen verharrten, sich gelangweilt paarend, auf schwankenden Halmen.
Manchmal hielt er seine nackten FĂŒĂŸe ins Wasser. Dann dauerte es nicht lange, bis lakritzfarbene Blutegel sich den Weg zu ihm bahnten. In eleganten Wellenbewegungen kamen sie nĂ€her. Es tat nicht weh, wenn sie sich festsetzten. Beim ersten Mal hatte es ihn Überwindung gekostet, den Ekel zu unterdrĂŒcken und ruhig abzuwarten, bis die Tiere, von seinem Blut gesĂ€ttigt, abfielen.
Inzwischen aber genoss er das GefĂŒhl. Es war, als wĂŒrde er sich selbst unter einem Lupenglas betrachten: geduldig, ruhig und beherrscht. Er gab etwas ab. Seine Zeit. Sein Blut.
Die Minuten, die die Egel brauchten, um sich vollzusaugen, waren im Laufe der Zeit eine wichtige Maßeinheit fĂŒr ihn geworden.
Wenn auch der letzte Wurm ins brackige Wasser zurĂŒckgefallen war, stand er auf und lief schnellen Schrittes den HĂŒgel hinab.
Er wollte nicht zu spĂ€t kommen. Um 18.00 Uhr war er mit Lilja verabredet, einer langhaarigen Gymnasiastin. Sie hatte große graue Augen und trug schulterfreie Oberteile. Der Anblick ihrer jugendlichen Figur erregte ihn. Zugleich aber wurde ihm der Verfall des eigenen Körpers schmerzlich bewusst. Das Haar wurde schĂŒtter, morgens, vor dem Spiegel ließ sich der Bauchansatz nicht mehr verbergen. Alle verbliebenen ZĂ€hne waren inzwischen ĂŒberkront worden.
Er half Lilja bei den Hausaufgaben. Es machte ihm Spaß, fĂŒr sie komplizierte Gleichungssysteme zu lösen und er recherchierte im Internet, wenn sie Referate zu schreiben hatte. Er freute sich ĂŒber ihre gute Noten. Er mochte ihre unbekĂŒmmerte, manchmal unbeholfen-direkte, Art, sich mitzuteilen und liebte AusdrĂŒcke wie „krass“, „geil“ und „fett“, die ohne sie nie zu ihm gefunden hĂ€tten. Er saugte diese Wendungen förmlich auf und baute sie nach und nach Ă€ußerst vorsichtig in die eigene Rede ein. Er fĂŒhlte sich dann jung. So, als hĂ€tte er noch alles vor sich.
Die Nachrichten wollte er nicht verpassen. Er verabschiedete sich mit einem Kuss von Lilja.
Sie sagte: „Vergiss mich nicht.“ Jedes Mal.
Der Papst strich Kindern ĂŒbers Haar, Politiker redeten mit monotonen Stimmen ĂŒber Koalitionsvereinbarungen, ein Zug war entgleist. Er stand auf und holte sich ein Glas Wasser aus der KĂŒche. Jugendliche verschwanden und Ausstellungen wurden eröffnet. Er schloss die BalkontĂŒr. Fußballmannschaften gewannen Pokale. Er schlug die Beine ĂŒbereinander. Ein Tief bestimmte die Großwetterlage in Europa. Er sah die Bilder und er sah sie doch nicht. Er hörte die Stimmen der Sprecher, aber der Gehalt der Worte drang nicht wirklich zu ihm. In Gedanken war er bereits bei Anne.
Anne war Krankenschwester und Mitte dreißig. Er kannte sie bereits lĂ€nger. Sie waren ganz vertraut miteinander. Meist trafen sie sich gegen elf, dann hatte sie ihre Kinder im Bett und den Haushalt erledigt. Schon in den ersten Minuten wusste er, ob es ihr gut ging, oder schlecht. Sie berichtete von ihrer Arbeit, von zermĂŒrbenden Streitigkeiten mit Kollegen und der Arroganz des Chefarztes. Er hörte geduldig zu und bemĂŒhte sich, ihr Hinweise zu geben, wie sie solchen Querelen aus dem Weg gehen könne. Anne tat ihm leid, wenn sie beschrieb, wie sehr das langsame Sterben von Patienten ihrer Psyche zusetzte. Er war dann oft ratlos und wusste nicht, was er sagen sollte. Er saß schweigend da. Manchmal weinten sie zusammen.
Er bekam Hunger, ging in die KĂŒche und schmierte sich ein Leberwurstbrot. Als er zurĂŒckkam, war Anne verschwunden. Ohne Verabschiedung. Das tat sie oft. Er hasste das, aber er hatte sich daran gewöhnt. Morgen wĂŒrde sie wieder da sein.
Er wurde mĂŒde. Die Augen schmerzten und er kniff sie zusammen.
Christiane war Malerin. Wie heute erschien sie unangemeldet und unregelmĂ€ĂŸig, aber oft redeten sie dann bis zum Morgengrauen. Sie war eine kluge Frau, kannte sich in der Kunstszene aus, las viel und mochte klassische Musik, so wie er. Leider war sie aber auch eigensinnig und starrköpfig. Mehrmals waren sie sich ernsthaft in die Haare geraten.
Sie hatten sich beschimpft, beide die Beherrschung verloren.
Zitternd war er aufgestanden und davongegangen. Er konnte vor Aufregung nicht schlafen und stritt in seinen TrÀumen weiter mit ihr. Am Morgen tat es ihm leid und er schÀmte sich.
Beim nÀchsten Treffen entschuldigte Christiane sich wortreich, dann war alles wieder gut. Bis zum nÀchsten Mal.
Er war erschöpft. Erschöpft von seinem Spaziergang an den See, erschöpft von der Erregung, die ihn angesichts von Lilja’s nackten Schultern ergriffen hatte, erschöpft von Anne’s Krankenhausberichten und vom Streit mit Christiane.
MĂŒde von diesem Leben.
Er loggte sich aus dem Chatroom aus, fuhr den Rechner herunter, duschte kalt und ging zu Bett.
Er deckte sich zu mit einer blauen Decke, gewoben aus den Leben anderer Menschen. Sie barg ihn vor der Nacht, aber sie wÀrmte ihn nicht.

__________________
On a poet's lips I slept.
(P.B.Shelley)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rumpelsstilzchen
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Sep 2003

Werke: 30
Kommentare: 962
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rumpelsstilzchen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

HĂŒbsch dichte AtmosphĂ€re, suppig und gehaltvoll, das schlĂŒrft sich mit Genuss.
Aber eine SchĂŒssel hĂ€tte genĂŒgt.
Und dann mit einem Satz am Schluss den nimmerleeren Topf gezeigt: Guck, alle Tage Eintopf!
Ich jedenfalls mochte von den NachschlĂ€gen je grad’ zweieinhalbe Löffel kosten, wusste ja schon, wie es schmeckt.

Noch ein wenig in den ZĂ€hnen gepult:

quote:
..., und er nicht keine Gefahr lief, ...
quote:
GroĂŸĂ€ugige Libellen verharrten, sich gelangweilt paarend, auf schwankenden Halmen.

Also, ick weess nich. Gelangweilt? Das traue ich alten Ehepaaren zu, aber nicht den Libellen.
Die machen auf mich eher einen verbissenen Eindruck .

quote:
...,stand er auf und lief schnellen Schrittes den HĂŒgel hinab.
Er eilte, rannte, raste, hetzte, wetzte... meinetwegen beschleunigte er seine Schritte, weil er hastete und so eilig lief... mal so aus dem Stand geschossen, gibt noch mehr.
Seufz. Tschuldigung, aber ich habe eine Allergie gegen Beine, die „schnellen Schrittes“ stelzen.
Nix fĂŒr ungut ;-)

Machte die MĂŒcke und schwĂ€rmte aus

__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!