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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Versuch einer Geschichte gegen Winterdepressionen
Eingestellt am 26. 02. 2002 11:20


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knychen
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Versuch einer Geschichte gegen Winterdepression

Als wir letzten Sommer den ersten Tag am Strand hinter uns hatten und die Frage nach einem Lagerplatz fĂŒr die kommende Nacht langsam akut wurde, nahmen wir uns den großen Frankreich-Atlas zur Hand und studierten die Gegend landeinwĂ€rts mit einem Radius von ungefĂ€hr fĂŒnfzig Kilometern. Wenn man sich mit dem Lesen von Karten auskennt und von der PicknickwĂŒtigkeit der Franzosen weiß, reicht es eigentlich, eine als SehenswĂŒrdigkeit gekennzeichnete Stelle( Burgruine, Abtei, alte BrĂŒcke oder Ähnliches) zu entdecken und mit 99%-ger Sicherheit findet man dort einen schönen Parkplatz fĂŒr den Bus, eine Grillstelle, oftmals Gleichgesinnte, in jedem Fall aber, nach Abzug der Tagestouristen, einen ruhigen Platz fĂŒr die Nacht.
Wir hatten uns fĂŒr die Montagne de la Gardiole zwischen Montpellier und Sete entschieden.
Von der N113 fuhren wir in der Ortschaft Gigean links ab, unter der Autobahn hindurch und auf einen HĂŒgel mit dem schönen Namen Roc d’Anduze hinauf. Dort oben sollten laut Karte
die Überreste der Abtei St.Felix de Montceau stehen.
Es war ein traumhafter Platz.
Von der Abtei selbst standen eigentlich nur noch die Hauptmauern und die Portaltreppe, aber der Ort strahlte eine Ruhe aus, die uns sofort gefangen nahm.
Ein massiver Holztisch war vorhanden, große BĂ€ume spendeten Schatten und Lotte konnte rumrennen, ohne daß wir uns Gedanken machen mußten. Melanie entdeckte die riesige Zi-
kade(heißen die so?), und mit Beginn der DĂ€mmerung genossen wir nach dem Tag am Strand
absolute Stille.
Ich baute den Grill auf, wir hatten unterwegs im Supermarkt ein paar Merguezen gekauft, Melli schnitt sonnenpralle Tomaten und Gurken auf und wir tranken einen leichten Sandwein aus der Nachbarschaft der Salines du Midi. Altmeister Bob Marley sang mit heiserer Raucherstimme aus dem Autoradio einen Reggae nach dem anderen.
Wir hatten Charlotte versprochen, daß sie gaaanz lange aufbleiben darf und, als SahnehĂ€ubchen auf den schönen Tag, daß wir einen Spaziergang machen wĂŒrden, aber erst wenn es ganz dunkel ist. Wir wollten noch die Sterne und den Mond ansehen.
Schließlich war es soweit. Nur im Nordwesten lag noch ein rotvioletter schmaler Lichtstreifen am Horizont. Eigentlich kein Lichtstreifen, eher die Ahnung davon.
Melanie links, ich rechts und das Kind in der Mitte gingen wir, ohne es vorher abgesprochen zu haben, die hundertfĂŒnfzig Meter zur Ruine rĂŒber. Als wir vor dem ehemaligen Hauptportal standen, war ich ĂŒberwĂ€ltigt. Hier, auf den sommerwarmen Granitstufen, wollte ich mich setzen, einen kleinen Joint rauchen, die Arme hinter dem Kopf verschrĂ€nken und ĂŒberlegen auf die im Tal unablĂ€ssig von links nach rechts und von rechts nach links wandernden roten und gelben Licht punkte schauen. Luftlinie vielleicht einen Kilometer , schien mir die Autobahn A9“ La Languedocienne“ doch Lichtjahre entfernt. Mit etwas Phantasie und geschlossenen Augen konnte man das gleichmĂ€ĂŸige Rauschen, das von dieser ameisenstraßengleich bevölkerten Betonpiste emporstieg, als das GerĂ€usch einer schwachen Brandung einordnen.
Die zahllosen Insekten waren auch plötzlich, ihrem uralten Zeitplan gemĂ€ĂŸ, verstummt und so hörten wir nur diese imaginĂ€re Brandung und uns selbst.
„Kommt, hier wollen wir uns ein bißchen hinsetzen.“
Na da hĂ€ttest du Lottchen erleben mĂŒssen. Um nichts in der Welt war sie dazu zu bewegen, auch nur einen Fuß, geschweige denn ihren kleinen Hintern auf die geweihten Stufen zu setzen.
„Nein, nich hinsetzen, wir wollen doch pazieren. Wir wollen doch den Mond kucken und die Terne. Mein Mond und meine Terne, wa? Komm Papa, wir wollen hier laufen.“
Nun ja, versprochen war versprochen, wenn die AutoritĂ€t gewahrt bleiben soll, muß man auch mal auf ein paar warme Granitstufen verzichten.
So gingen wir also weiter, auf der anderen Seite der Ruine den HĂŒgel hinauf, einen verwaschenen Trampelpfad entlang, erst im völligen Dunkel einiger HartlaubgewĂ€chse und plötzlich standen wir auf einer plateauĂ€hnlichen RasenflĂ€che, schon deutlich höher als die Ruine und Lotte sagte, als ob sie gewußt hĂ€tte, daß dieser Platz hier oben ist:
„Hier kann man den Mond sehen.
Und die Terne.
Meinen Mond.
Und meine Terne.“
Und ich nahm sie auf meinen Arm und wie um den unendlichen Himmel besser erreichen zu können, streckte sie die HÀnde nach oben und fing an, die Gestirne zu verteilen.
„Der Kleine da ist Mamas Tern.
Und diss ist Papas Tern. Die andern sind alle meine, wa?“
Wir konnten ihr nur beipflichten.
Bis hier alles in Ordnung.
Wenn man sich nun MĂŒhe gibt, kann man eine nette kleine Geschichte daraus machen, etwas abschweifen, zurĂŒckfinden, Pointen setzen, Dialoge basteln, aber wer will sowas lesen?
Wenn ich soweit bin, daß ich diesen Abend aus der Sicht des Kindes schildern kann, mit allem Drum und Dran, wenn ich schildern kann, warum sie mit uns zu diesem schönen Platz auf dem Plateau wackelte, ohne zu wissen oder genau wissend, daß dieser Platz da ist, wenn ich die Phantasie habe, ihre Gedanken in adĂ€quate Worte zu fassen und zwar dergestalt, daß ein erwachsener Leser mit einer verschĂŒtteten Kindheitserinnerung Ă€hnlicher Art sagt: „Stimmt, so war das damals und ich bin nach oben gegangen, weil ich in meinem letzten Spiel vor dem Dunkelwerden ein MarienkĂ€fer war und weil KĂ€fer immer, ob an der Hand oder einem Stock, nach oben klettern.“-wenn ich das kann, dann bin ich soweit, daß etwas von mir veröffentlicht werden kann.
Bis dahin werde ich wohl bei meinen FingerĂŒbungen bleiben.

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