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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Versucht das Schicksal der Opfer und der Täter zusammen zu denken
Eingestellt am 08. 03. 2013 19:38


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Eva Weaver, Jakobs Mantel, Droemer 2013, ISBN 978-3-426-19963-3

„Diese bewegende, vor dem Hintergrund des Warschauer Ghettos und seiner Nachwirkungen erzählte Gesichte ist ein beeindruckender Beweis der erlösenden Kraft von Kunst in einer brutalen, gewalttätigen Welt.“

Mit diesen Worten hat der Professor für Holocaust-Studien, Antony Polonsky, der selbst 1989 das Tagebuch von Abraham Lewin aus dem Warschauer Ghetto unter dem Titel „A Cup of Tears“ veröffentlicht hat, den hier vorliegenden Debütroman von Eva Weaver geadelt.

Eva Weavers Roman führt den Leser nicht nur zurück in das Leben der Juden im Warschauer Ghetto, sondern ist meines Wissens auch einer der ersten Romane, die das Schicksal der nationalsozialistischen Täter und das der jüdischen Opfer versuchen in einer Erzählung zusammen zu denken.

In einer Rahmenhandlung im schneeverschneiten New York am 12. Januar 2009 liest der alte Überlebende des Warschauer Ghettos Mika in der 72, Straße, in der er zusammen mit seinem dreizehnjährigen Enkel Daniel unterwegs ist, ein Plakat mit der Aufschrift „Der Puppenspieler von Warschau – seine bewegte Geschichte, von Puppen erzählt“. Auf dem Plakat ist ein alter Mantel zu sehen mit einem blauen Davidstern am Ärmel. Lange vergessen und auch verdrängt, steht ihm in diesem Augenblick seine eigene Geschichte vor Augen, und er schafft es mit Hilfe seines Enkels gerade noch so nach Hause. Dort lässt er Daniel aus einem alten Schrank ein in braunes Papier eingewickeltes Paket herausholen. „Ich will dir erzählen, wie es im Getto war, Danny. Bevor ich sterbe. Ich will dir die Wahrheit erzählen – dir und meinem Herzen. Deiner Mutter und vielleicht der ganzen Welt.“ Und er öffnet das Paket und holt einen alten Mantel heraus. „Die Soldaten haben die geheime Welt meines Mantels nie entdeckt, Danny, all die Taschen in den Taschen. Dieser Mantel besitzt seine ganz eigene Magie. Aber lass uns von vorne beginnen. Lass mich erzählen, wie es wirklich war.“

Und dann erzählt er, wie dieser Mantel für seinen Großvater Jakob, Professor für Mathematik von dem genialen Schneider Nathan 1938 geschneidert wurde. Doch nur kurz währt die Zeit der Freiheit. Schon bald, 1941, werden die Juden von den Nazis in das Ghetto zusammengepfercht und bald danach sein Großvater Jakob von den Nazis erschossen wird auf offener Straße, als er einem jungen Mädchen helfen will.

Mika erbt den schweren Mantel und die darin versteckten Puppen. Er stellt noch weitere Puppen her und erfreut unter anderem die Kinder in Janusz Korczaks Waisenheim mit seinem Spiel. Auch ein deutscher Offizier namens Max, der in der Folge auf der Täterseite als Hauptfigur von Eva Weaver eingeführt wird, entdeckt Mikas Spiel und findet Gefallen an dem Jungen. Es ist dieser Max, der letztendlich Mikas Leben rettet und von ihm dafür seine Lieblingspuppe geschenkt bekommt.

Mika engagiert sich im Widerstand im Ghetto, überlebt seine Zerstörung und geht irgendwann in die USA, wo er, wie so viele Überlebende über Jahrzehnte schweigt, bis zu jener Szene, als er auf dem Plakat seiner eigenen Geschichte wieder begegnet. Doch auch auf der Täterseite wird nach dem Krieg kräftig geschwiegen. Eva Weaver gelingt es hervorragend herauszuarbeiten, wie erst Max` Enkelin die Kraft findet, der Wahrheit über die Zeit des Großvaters im Warschauer Ghetto ans Licht zu bringen und die Wahrheit über den „Prinzen“, jene Puppe, die Mika dem Offizier Max im Ghetto geschenkt hatte als Gegenleistung für die Freiheit.

Mara, so heißt die Enkelin von Max, beschäftigt sich ausführlich mit der Geschichte der Puppe und des Puppenspielers, die ihr, sozusagen als Gegenstück zu der Erzählung des alten Mika nach langem Ringen und Drängen endlich von Max erzählt wird. Mara gründet eine Gruppe, mit der sie zunächst in kleinen Veranstaltungen die Geschichte des „Puppenspielers von Warschau“ erzählt. Die Berichte über die Laienspielgruppe in Nürnberg werden zahlreicher, und irgendwann erhält Mara eine Einladung nach New York. Dort sollen sie auf einen Festival ihr Stück präsentieren. Und so schließt sich der Kreis, indem es zu einer bewegenden Begegnung zwischen Mara und Daniel kommt.

„Jakobs Mantel“ ist ein ganz beachtliches Debüt und sollte bei der Auswahl für den deutschen Buchpreis 2013 nicht übersehen werden.





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