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Leselupe.de > Science Fiction
Verurteilt zum Leben
Eingestellt am 15. 06. 2016 15:35


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MIO
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Registriert: Feb 2014

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Viele Inseln sind im Laufe der Jahre überflutet. Die Insel auf der ich seit siebzig Jahren lebe, ist vom Rest der Welt abgeschnitten. Nur zu meiner Freundin Amalia hatte ich noch Kontakt. Vor einer Woche habe ich eine Nachricht von ihr bekommen. Sie schrieb, mein Vater liege im Sterben. Er habe einen letzten Wunsch; Er wollte mich noch einmal sehen. Während des Fluges beschlich mich eine böse Vorahnung.
Die Angst breitete sich mit jedem Schritt den ich die Stufen herunter stieg in mir aus. Fünf Genpos standen am Fuße der Rolltreppe. Daneben eine ihrer orangefarbenen Flugschalen. Es war eine Falle. Amalia hatte mich verraten. Später erfuhr ich, dass mein Vater lebte, wenn auch Jahr für Jahr eins seiner Organe ersetzt werden musste.

Ein Genpos stellte sich mir in den Weg. „Gesine Lohmann?“
Obwohl ich mich kaum an diesen Namen erinnerte, nickte ich stumm. Er legte mir Handschellen an und führte mich zum Flugwagen. Durch die getönte Scheibe fiel mein Blick auf die künstlichen Landschaften. Die andauernde Hitze hatte den natürlichen Lebensraum der Erde längst zerstört.
Als das Fahrzeug hielt, drückte ich mich tiefer in den Sitz. Ein Genpos warf mir einen stechenden Blick zu. Ich spürte einen heftigen Schmerz in der Brust. Willenlos erhob ich mich und folgte den Männern in den riesigen Gebäudekomplex.
In den unteren Geschossen befanden sich die Laboratorien.
Es roch nach Verwesung, kĂĽnstlichen Aromen und Chlor.
Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, trat einer der Obergenpos ein. Er fixierte mich mit leblos, leuchtend gelben Augen: „Gut, dass sie hier sind“, sagte er mit rauer Stimme. „Wir helfen Ihnen. Ihr Verschleiß ist schon sehr weit fortgeschritten.“
„Ich brauche Ihre Hilfe nicht.“
„Sie haben schon zwei Mal versucht sich das Leben zu nehmen.
Das müssen wir ernst nehmen.“
„Ja, einmal vor zweihundert siebenundzwanzig Jahren und einmal vor …“
Er nahm die Codetafel und suchte nach meinen Daten.
„Dreiundsiebzig Jahren“, sagte er. Damals haben sie die Behandlung abgebrochen. Das war keine kluge Entscheidung.“
Ich sah auf die verblassten Narben an meinen Handgelenken. Nach drei Tagen fanden sie mich blutleer und mehr tot als lebendig. Die Reanimation dauerte drei Stunden.
Beim zweiten Mal wollte ich keinen Fehler machen. Das Seil schnürte mir die Kehle zu. Halsnerven und Arterien verschlossen sich. Mein Körper zuckte. Mir kamen Tränen der Erleichterung. Dann verlor ich das Bewusstsein.
Mit aufgedunsenem Gesicht, violetten Lippen, aus Nase und Mund blutend, wurde ich in diese Klinik gebracht. Ein zäher Kampf begann, den ich auch diesmal verlor.
Der Obergenpos tippte seine Worte ein, während er sprach:
„In den nächsten Wochen injizieren wir Ihnen Enzyme und Mitochondrien-Gene. Wir stimulieren die Immunzellen, um die unerwünschte Ansammlung von Proteinen wegzuräumen und vorhandene Zellen zur Neuteilung anzuregen. Außerdem rate ich zu einer Therapie mit körpereigenen Stammzellen, allerdings genetisch verändert. Sie werden sich wie neu geboren fühlen.“
Wie gelähmt lag ich auf dem Bett. Keiner hatte mich ernst genommen. Ich sei verrückt, hatten sie gesagt. Diese Augen waren es, die sie verrieten. Diese starren, reglosen Augen. Anfangs waren es wenige. Sie trugen blaue Kontaktlinsen. Überall schlichen sie sich ein, übernahmen alle leitenden Positionen. Woher sie kamen, weiß bis heute keiner. Später teilten sie sich, quasi über Nacht. Für sie ist es ein Spiel, dass alle begeistert mitspielen.
Ein Bett wurde herein geschoben. Die Frau kam frisch aus dem OP. Bei einem Verkehrsunfall verlor sie das rechte Bein. Eine leere Hülle wurde transplantiert und hängt wie ein schlaffer Luftballon unter ihrem Knie. Sie wird mit Wachstumsgranulat gefüllt. In zwei bis drei Wochen kann sie wieder laufen und springen. Nur eine blasse Narbe wird bleiben.
„Hallo“, sagte sie etwas benommen. „Warum bist du hier?“
„Zellerneuerung und Gefühlsumstellung“, antwortete ich.
„Zellerneuerung. Hab ich letztes Jahr machen lassen. Ist eine tolle Sache.“
„Fehlt dir nichts?“
„Nein, was sollte mir fehlen?“
„Kinderlachen. Rosenduft. Der Geschmack von Schokoladeneis auf der Zunge. Gedichte. Musik.“
Sie schüttelte den Kopf, steckte sich ihre Kopfhörer in die Ohren und schloss die Augen.
Einer der Wärter kam mit einem Tablett herein.
„Abendessen.“
Er reichte mir ein gepresstes Nährstoffkonzentrat und zwei bunte, mit weißem Pulver gefüllte Kapseln. Alles löste sich augenblicklich im Mund. Mir war, als würden alle meine Gefühle von einem trockenen Schwamm aufgesaugt. Ich atmete tief ein. In meine Hand tropfte eine kostbare, letzte Träne.

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jon
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Das Thema ist nicht soo neu(*), aber aus meiner Sicht gut umgesetzt. Ein Feinschliff lohnt sich auf jeden Fall.

Der erste Schritt dazu wäre, eine Unlogik im Ansatz zu beheben: Der Ich-Erzähler wird am Ende zu einem dieser Zombies, erzählt aber rückwirkend - also als Zombie, was so manche emotionale Wertung unglaubhaft macht. Entweder die Erzählte Zeit auf die grammatische Zeit Gegenwart umstricken – das könnte aber zu einem noch kühleren Klang führen, den man wiederrum noch bewusster als Stilmittel kultivieren müsset. Man könnte auch vom Ich-Erzähler zu personaler Erzählweise wechseln, das wäre aus meiner Sicht am passendsten zum jetzigen Wortlaut.

In dem Zuge müsste auch der Einstiegsabsatz deutlich überarbeitet werden. Im Moment wirkt er wie eine krampfhaft zusammengestrichene Vorgeschichte. Abgefangen bei: „Wofür ist wichtig, dass viele Inseln überflutet sind?“ über die sprunghafte Ansage mit dem schlechten Gefühl (und dem falschen Absatz) bis zu der Erklärorgie nach „Fünf Genpos standen am Fuße der Rolltreppe." dem eigentlich nur (zur Sicherheit, dass der Leser versteht) ds "Es war eine Fall gewesen." ODER „Amalia hatte mich verraten.“ stehen sollte.
Abgesehen davon passt er in der Grundstimmung nicht zu dem schon erwähnten Zombie-Effekt.

Danach wären noch hier und da Details auszubessern. Wenn du möchtest, können wir das im zweiten Schritt in Angriff nehmen.


(* naja, was ist schon neu? )
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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