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Leselupe.de > Humor und Satire
Verzeih' mir...
Eingestellt am 13. 09. 2011 16:11


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AliasI
???
Registriert: Apr 2005

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Scherbel Bittach, die berühmte Talkmasterin blickt zur Tür, durch die gerade ihr heutiger Hauptgast eintritt. Es handelt sich um eine junge Frau, sie ist dunkelhaarig mit feinen Gesichtszügen, sehr hübsch anzusehen, von perfekter Gestalt und mit einer nahezu makellosen leicht ins bräunliche spielenden Hautfarbe.

„Hallo Dörte.“ Mit ihrem unnachahmlich netten Lächeln begrüßt die Moderatorin die junge Frau, welche vollkommen ahnungslos scheint.

„Hallo Scherbel“, sagt Dörte. Dörte ist so um die zwanzig.

„Und du hast wirklich keine Ahnung, warum du hier bist?“, fragt die Moderatorin.

"Nein, absolut nicht!" Auch wenn Dörte möglicherweise eine bestimmte Ahnung hat, darf sie das nicht zugeben, denn dann wäre ja die Luft raus, und außerdem muss sie sich an die Regieanweisungen halten.

„Also Dörte, da ist jemand, der dich unbedingt um Verzeihung bitten will“, sagt Scherbel mit beschwörender Stimme, während sie wie gebannt auf den Zettel guckt, den sie in ihrer Hand hält.

„Ach ja?“, sagt Dörte freundlich.

„Es ist“, hier stockt die Stimme von Scherbel Bittach ein wenig, aber das können nur Leute im Publikum hören, die noch nicht total abgestumpft sind, also keiner... „dein Exfreund Erwin.“

Ein leicht befriedigter Ausdruck zieht über Dörtes schönes Gesicht mit den feinen Gesichtszügen, so als wollte sie sagen: Na, hab' ich's doch gewusst!

„Und du hast nichts dagegen, ihn hier zu treffen?“

„Och neee!”, sagt das junge Mädchen teils ein wenig unentschlossen, teils ein wenig befriedigt.

„Du willst ihn also sehen“, fragt Scherbel Bittach ungläubig, „obwohl er deine Mutter bestohlen hat?“

„Er hat es doch zurückgegeben“, sagt Dörte mit leicht vorwurfsvoller Stimme.

„Na gut, er hat es also zurückgegeben.“ Scherbel Bittachs Gesichtsausdruck nimmt etwas Fragendes an, bevor sie fortfährt: „Sag mal Dörte, wie konnte das überhaupt passieren?“

„Hmmm“, Dörte überlegt sichtlich, bevor sie weiterspricht: „Ich hab' ihn auf dem Flug nach Istanbul kennen gelernt. Er hatte so was Verwegenes. Er war Flugbegleiter.“

„Na gut und weiter?“

„Wir haben uns sofort ineinander verknallt. Und deswegen habe ich ihn auch mitgenommen, weil wir zusammen wohnen wollten.“

„Du hast eine eigene Wohnung?“

„Nicht direkt“, sagt Dörte nach kurzem Zögern.

„Du hast also keine eigene Wohnung?“

„Also gut, ich wohne bei meiner Mutter“, gibt Dörte zu.

„Aaa ja! Und wie groß ist die Wohnung deiner Mutter?“

„Weiß nicht, vielleicht um die vierzig Quadratmeter?“

„Das scheint mir nicht sehr groß zu sein“, meint Scherbel Bittach nachdenklich.

„Ja, aber meine Mutter und auch mein Stiefvater, die sind selten zuhause...“

„Das ist doch gut“, meint die Moderatorin. „Und wie lief es dann so mit euch beiden?“

„Es lief gut. Zumindest am Anfang.“ Dörtes Stimme wird etwas leiser. „Bis meine Mutter dann nach zwei Monaten die Telefonrechnung bekam...“

„Die Telefonrechnung?“

„Na ja, sie war ein bisschen höher als normalerweise...“

„Um wie viel höher war sie denn?“

„Äääh...Sie war ziemlich hoch. Genauer gesagt war sie so hoch wie noch nie.“

„Wie hoch genau?“

„Es ging um sechshundert Euro...“

„Oh, das ist ja wirklich eine ganze Menge. Und wurde die Sache aufgeklärt?“ Scherbels Stimme klingt irgendwie unerbittlich.

„Äääh ja... Zuerst wollte er es nicht zugeben, aber dann hat er es doch zugegeben...“

„Wer? Und was hat er dann zugegeben?“

„Erwin... Er hat“, man kann förmlich sehen, wie diese junge hübsche Frau mit den feinen Gesichtszügen sich innerlich und äußerlich windet, „es zuerst geleugnet...“

„Und dann?“ hakt die Moderatorin erbarmungslos nach.

„Na, dann hat er es eben doch zugegeben“, fährt Dörte fort. „Meine Mutter hat sich eine Aufstellung von der Telekom schicken lassen, da konnte er nicht mehr anders....“

„Er hat es also zugegeben“, sagt Scherbel Bittach.

„Klar. Er hatte ein paar Nullhundertneunzigernummern angerufen...“

„Ich verstehe nicht“, sagt die Moderatorin.

„Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit ihm geschlafen.“

Ein Raunen geht durch das Publikum, und einige empörte Buhrufe werden laut, die sich aber wohl nicht auf Erwin und die Nullhundertneunzigernummern beziehen, sondern auf die Tatsache, dass Dörte an die zwei Monate lang nicht mit Erwin geschlafen hat.

„Upps“, sagt Scherbel Bittach mit einem irgendwie verzweifelten Gesichtsausdruck, während sie stumpfsinnig auf den kleinen Zettel stiert, den sie in ihrer Hand hält.

„Ich hätte mit ihm schlafen sollen“, sagt Dörte verzweifelt. „Aber ich hab' die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich mit einem Mann schlafe, er an nichts anderes mehr denken kann. Und ein Mädchen will doch noch ein bisschen Spaß nebenbei haben... Oder?“

„Klar“, sagt die Moderatorin. „Also war Erwin derjenige, der deiner Mutter diese hohe Telefonrechung bereitet hat?“

„Ja, es war Erwin“, sagt Dörte mit fester Stimme.

„Und was passierte dann?“

„Na ja, meine Mutter wollte Erwin rausschmeißen....“

„Und warum hat sie es nicht getan?“

„Ich glaube, sie hatte Angst um mich. Wenn sie Erwin rausgeschmissen hätte, dann wäre ich mit ihm gegangen und dann...“

„Wovor hatte deine Mutter denn Angst, Dörte?“

„Ich glaube, sie hatte Angst, dass ich für Erwin vielleicht auf den Strich gegangen wäre...“

Das Publikum bekommt auf einmal sehr große Ohren und ist sehr ruhig und konzentriert.

„Sag mal Dörte, was meinte eigentlich dein Stiefvater zu der ganzen Sache?“

„Mein Stiefvater?“ Dörte guckt erstaunt. „Der wusste doch gar nichts davon!“

„Ah ja.... Ihr habt euch also alle – bis auf deinen Stiefvater, der nichts davon wusste – wieder vertragen?“

„Ja. Erwin hat versprochen, die Telefonrechnung nach und nach abzustottern.“

„Und was ist dann ein paar Monate später passiert?“

Dörte schlägt die Augen nieder, als ob ihr das ganze ein wenig peinlich wäre. Aus den Augenwinkeln sieht sie, dass ihre Mutter gerade in den Raum hineingekommen ist und sich niedergesetzt hat. Ihre Mutter ist so an die fünfzig, sie sieht noch recht knackig aus, und sie sieht außerdem so aus, als führe sie durchaus noch ein eigenes Leben. So als Frau. Die beiden lächeln sich zu.

„Hmmm ja, also Erwin wohnte immer noch bei uns, er hatte zwischendurch ein bisschen gekellnert irgendwo, und er hat auch bisschen von der Telefonrechnung abbezahlt. Aber er ist nun mal so ein Typ, der mit anderen nicht gut auskommt...“

„Und was heißt das im Klartext?“

„Sie haben ihn rausgeschmissen.“

„Und was passierte dann?“

„Eines Abends kam meine Mutter von der Arbeit nach Hause...“

„Du und Erwin, ihr wart nicht da?“

„Nee, ich hab gearbeitet, und Erwin wollte sich einen neuen Job besorgen.“

„Das ist ja sehr lobenswert von Erwin." In Scherbel Bittachs Stimme schwingt ein leichter Hohn mit, den sie wohl beim besten Willen nicht unterdrücken kann.

„Ja.... Nein...“ Dörtes Stimme stockt, und sie nimmt einen neuen Anlauf: „Also, meine Mutter kam nach Hause und fand ihre Schmuckschatulle auf dem Küchentisch.“ Wieder stockt ihre Stimme.

„Nun, das ist ja nichts Ungewöhnliches.“

„Aber sie war aufgebrochen, ein Küchenmesser lag daneben...“

Im Publikum lacht jemand.

„...Und die elftausend Euro waren weg.“

„Das ist ja wohl ein Ding“, sagt Scherbel Bittach irgendwie bewundernd.

„Meine Mutter hat zuerst gedacht, es wäre jemand eingebrochen, aber dann wäre ja die Wohnungstür kaputt gewesen.“

Wieder lacht jemand im Publikum, und andere fallen in das Lachen ein. Man hört Ausrufe wie:
Mit einem Küchenmesser, hahahaha! Was’n das für'n Penner? So was kann man doch mit der Hand aufbrechen! Was für'n Vollidiot!

Die Heiterkeit ist unbeschreiblich.

„Aber sag mal Dörte, wieso hatte deine Mutter denn so viel Geld zu Haus?“

„Auf die Bank konnte sie es nicht bringen, weil mein...“ Dörte wird rot, und man sieht, dass sie schon bereut, das gesagt zu haben.

„Ist ja auch egal. Und wie seid ihr drauf gekommen, wie es passiert ist?“

„Ich hab Erwin auf dem Handy angerufen, er war im Zug nach München....“

„Also war es Erwin“, mutmaßte Scherbel Bittach.

„Aber ich konnte ihn überreden, zurückzukommen und sich selber anzuzeigen.“

„Wow, das finde ich aber sehr tapfer von Erwin.“

„Ja, was soll er machen? Er ist ja schließlich vorbestraft, und wenn meine Mutter ihn angezeigt hätte, dann wäre er wahrscheinlich wieder in den Bau gegangen.“

Wieder hört man ein Raunen im Publikum. Und lautes Kichern.

„Möglicherweise. Er ist also wieder zurückgekommen, hat das Geld zurückgegeben und sich selber angezeigt.“

„Na ja, von dem Geld war nicht mehr alles da. Es waren nur noch achttausend Euro, aber meine Mutter war so froh, dass es ihr egal war.“

„Dann war ja Friede, Freude, Eierkuchen....“ Scherbel Bittach überlegt kurz. „Und lass mich mal raten... Dein Stiefvater weiß von nichts?“

„Um Gottes Willen nein! Na ja, diesmal durfte Erwin natürlich nicht mehr bei uns wohnen, er hat sich was eigenes genommen.“

„Und ihr hattet keinerlei Kontakt mehr zueinander?“

„Nee!“

„Würdest du denn mit ihm sprechen wollen?

„Ach ja, vielleicht....“

„Dann habe ich ihn hier für dich“ sagt Scherbel Bittach mit triumphierender Stimme, eine Art Fanfare erklingt, und durch eine Tür betritt ein ziemlich unscheinbarer dunkelhaariger junger Mann den Saal, begrüßt durch aufmunternde Pfiffe und Gejohle des Publikums.

Er stellt sich unbeholfen neben Dörte hin.

„Er will dich um Verzeihung bitten“ meint Scherbel Bittach aufmunternd und wirkt ein bisschen enttäuscht. Sie scheint sich mehr Emotionen vorgestellt zu haben, die beiden stehen so seltsam unbeteiligt nebeneinander, und man kann erkennen, dass Zärtlichkeit für dieses Paar keine große Rolle spielt.

„Verzeihst du ihm denn?“, fragt Scherbel Bittach schließlich nach einer Weile, als die beiden immer noch untätig und stumm nebeneinander stehen.

„Och ja...“

Scherbel Bittach sieht aus, als würde sie innerlich fluchen über diese anscheinend emotionslosen jungen Leute von heute.

Die fesche Mutter aber – die in der vordersten Reihe sitzt und die bisher nicht gerade begeistert dreingeschaut hat – wischt sich ein paar Tränchen aus den Augen, und man kann erkennen, dass sie dem Glück der Kinder nicht im Wege stehen wird...

ENDE?
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Die Lust ist eine Kunst, aber die Kunst ist nicht immer eine Lust (von mir oder von irgendeinem anderen).

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