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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Victor war müde
Eingestellt am 08. 11. 1999 00:00


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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Victor war müde
Victor war müde. Schon seit Stunden war er unterwegs und doch kam er nicht richtig voran. Es dämmerte schon und draußen herrschte eine trübe Kühle, während in den Kaufhäusern die trockene und warme Luft waberte, die ihn in seinem dicken Mantel fast ersticken ließ. Erst für eine Enkelin hatte Victor bisher etwas gefunden, in jener weihnachtlichen Vorhölle. Jetzt streifte er durch die Spielzeugabteilung, etwas für seine Enkel zu finden. Bunt und grell waren die Spielzeuge in Höhe der Kinderaugen aufgereiht. Victor schwitzte. Aus einer Ecke drangen laute Stimmen und Musik. Ein Fernseher zeigte Ausschnitte aus einem Film, der als Videokaufkassette zu haben war. Vor dem Gerät fünf kleine, leere Stühle und ein Tischchen. Victor blickte sich um: andere Kunden hetzten durch die Gänge, keine Bedienung weit und breit. Warum also nicht, sagte er sich und nahm auf einem der freien Stühle Platz. Ein bißchen eng war der schon, die beiden Armlehnen klemmten sein Gesäß ein. Aber Victor war schmal gebaut und der dicke Mantel wirkte wie ein Sitzpolster. Es würde schon gehen, Hauptsache er saß erst mal.
Eine Weile folgte er, nicht uninteressiert, dem Kinderfilm. Ein kleines Mädchen kam durch die Regale auf die Stühle zu. Victor nahm sie wahr, als sie sich zwei Stühle von ihm entfernt hinsetzte. Sie sah ihn fragend an. Victor hob die Hand, lächelte und ließ ein freundliches Hallo hören. Die Kleine schien zufrieden; sie grinste und vertiefte sich dann in den Film. Victor beobachtete sie aus den Augenwinkeln und hatte Spaß an ihrer kindlichen Freude. Es schien ihm eine gute Idee gewesen zu sein, auf diesem Stuhl Platz zu nehmen. Eine Zufriedenheit des Augenblicks und die überheizte Kaufhausluft spielten seiner Müdigkeit in die Hände und lullten ihn ein. Bald befand er sich in einem Dämmerzustand, auf den der Schlaf gefolgt wäre, hätte ihn nicht der Schritt einer herbeirauschenden Frau geweckt. Sie trug einen geschmacklos schönen Pelz und ihr Make-up ragte knapp über die Grenze des Dezenten hinaus. Die Plastiktüten, die sie zahlreich in beiden Händen trug, nahm sie nun alle in die Linke, um mit der Rechten nach dem Arm des Kindes zu greifen:
- Julia, komm! Was machst du denn hier?
- Ich seh mir den Film an, Mama.
- Ja, aber doch nicht in so einer Umgebung, Schatz!
Diesen Satz aussprechend warf sie Victor einen verachtenden Blick zu, zog die Kleine von ihrem Stuhl und stiefelte, Julia hinter sich herziehend, davon.
Julia winkte Victor zaghaft mit der freien Hand und er lächelte und winkte zurück. Er sah noch ihr Lächeln, bevor sie hinter einem Regal voller Kuscheltiere verschwand.

Victor stand auf, wobei er den Stuhl regelrecht von seinem Hintern abziehen mußte und schlenderte dann in Richtung Rolltreppe, denn ihm war nach einem Schnaps. Außerdem war ihm ein bißchen nach Eskapaden. Also ging er als erstes in die Haushaltswarenabteilung und kaufte sich einen Flachmann aus Edelstahl, so einen wollte er schon immer haben. Dann ging er zur Kundentoilette, um die Neuerwerbung auszuspülen und von den Preisetiketten zu befreien. Die Toilettenfrau flatterte mit ihrem weißen Kittel um die Ecke, stockte kurz, als sie Victor mit dem Flachmann vor dem Spiegel sah, musterte ihn von Kopf bis Fuß, ging dann unschlüssig weiter und machte sich schließlich an der künstlichen Pflanze zu schaffen, die dem Vorraum einen traurig-dekorativen Touch gab. Victor war bemüht, sich von den Blicken der Frau nicht beeindrucken zu lassen. Natürlich wußte er, wie sein Bild auf sie hatte wirken müssen: ein Mann mit einer Schnapsflasche in einer öffentlichen Toilette. Aber er wußte ja, daß es nicht so war, reichte das nicht, insbesondere, wo ihm doch eben noch nach Eskapaden war? Nein, das reichte nicht, denn er fühlte sich gehetzt und beobachtet. Er hatte eben keine Übung in Eskapaden, drum steckte er den Flachmann in seinen Mantel und kramte in seinem Portemonnaie nach einer passenden Münze. Zu wenig würde wie eine Provokation wirken, zu viel wie ein Schweigegeld. Schließlich verließ er die Toilette und legte mit einem vernehmbaren Klimpern ein Fünfzigpfennigstück auf die Untertasse vor dem "Danke"-Schild. Die Klofrau reagierte nicht. Sie rührte weiter in den Hydrosteinchen der Plastikpflanze, als sei das eine zutiefst wichtige Aufgabe, die sie den Rest der Welt um sie herum vergessen ließe.
Victors Kreppsohlen quietschten auf dem Gummibelag des Bodens und als er den Metallgriff der Glastüre anfaßte, bekam er eine gewischt, was ihm wie eine Warnung erschien und ihn trotzig machte. Seine Schritte führten ihn in die Lebensmittelabteilung. Schnell hatte er die Halbliterflasche Absolut gefunden, gekauft und umgefüllt. Die leere Flasche ließ er am Sammelstand für Verpackungsmüll zurück. Auf der Rolltreppe, zwischen zwei Etagen, nahm er einen guten Schluck. Dann ging er wieder in die Spielzeugabteilung, schließlich fehlten ihm noch Geschenke. Victor zückte den Einkaufszettel, den Gedanken etwas alternatives zu finden hatte er aufgegeben, jetzt wollte er systematisch die Wünsche seiner Enkel abarbeiten. Er hatte dieses Kaufhaus, die Menschen darin und die es erfüllende Luft satt. Er wollte jetzt nur noch weg. Doch die Wünsche seiner Enkel waren ausgefallen, so daß er nach einigem Suchen doch eine Verkäuferin um Hilfe bat. So füllten sich mehrere Plastiktüten und Victor zahlte eine stattliche Rechnung. Die Verkäuferin gab ihm lächelnd und überaus freundlich das Wechselgeld heraus und wünschte ihm einen schönen Tag. Victor nickte, nahm die Tüten und machte sich auf den Rückweg. Als er wieder an der Videoecke vorbei kam, konnte er einfach nicht widerstehen; noch einmal setzte er sich auf den zu kleinen Stuhl und seine Tüten neben sich ab. Jetzt kam es auch nicht mehr drauf an! Er nahm den Flachmann und gönnte sich noch einen Schluck. Prompt tauchte die Verkäuferin auf:
- Entschuldigung, aber sie können nicht hier in der Kinderecke sitzen und trinken, mein Herr.
Victor schob einen Zwanziger auf den Kindertisch:
- Fünf Minuten, dann bin ich weg.
Die Verkäuferin wirkte unschlüssig. Zweimal atmete sie tief ein, als wolle sie zum Sprechen ansetzen, doch sie blieb stumm. Victor hatte Vergnügen daran, ihren inneren Gewissenskampf zu beobachten. Schließlich nahm sie das Geld und verschwand. Victor war zufrieden. Fast ein bißchen verrucht fühlte er sich, immerhin hatte er zum ersten mal in seinem Leben einen Menschen bestochen.
Das flimmernde Video, das ihn vorhin noch amüsiert hatte, ging ihm jetzt auf die Nerven und er wünschte sich, daß wieder ein Kind kommen möge. Dann hätte er wenigstens einen vorurteilsfreien Menschen um sich gehabt, nicht so verkorkst und verkommen, wie all die anderen, da machte er selbst keine Ausnahme. Im Gegenteil, er konnte förmlich spüren, wie er innerlich vermoderte und verrottete...
Während er so seinen Gedanken nachhing, bauten sich neben ihm zwei Uniformierte auf. Der Polizist sprach ihn an:
- Würden sie bitte mitkommen, mein Herr.
Victor blickte zu ihm hoch.
- Darf ich fragen warum?
- Es sind mehrere Beschwerden über sie eingegangen, denen wir nachgehen müssen.
Diesmal hatte die Polizistin gesprochen.
Hinter ihr sah Victor in sicherer Entfernung und doch nah genug, um alles verfolgen zu können, die Mutter, die Klofrau und die Verkäuferin.
- Ich wüßte nicht, was ich mir hätte zu Schulden kommen lassen. - sagte Victor ruhig.
- Mein Gott! - der Polizist wurde ungehalten - Sie sitzen hier Alkohol trinkend auf einem Kinderstuhl in der Spielzeugabteilung. Vorhin haben sie sich hier an ein kleines Mädchen rangemacht und sie machen hier auf unbescholtenen Gentleman. Jetzt kommen sie gefälligst mit und lassen sie die Show sein!
Victor verharrte noch einige Augenblicke, blickte nacheinander den fünf Menschen in die Augen, stand dann auf und nahm seine Tüten. Er wurde über die Hintertreppe abgeführt.

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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