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Leselupe.de > Humor und Satire
Viele Grüße von Iwan Snittmeer (E-Mail in die Zukunft)
Eingestellt am 18. 12. 2002 10:56


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Rolf-Peter Wille
???
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Viele Grüße von Iwan Snittmeer


Rolf-Peter Wille


Es war einmal ein Mensch, der die Zukunft fangen wollte. Dieser Mann, namens — ich weiß nicht mehr (nennen wir ihn einfach Iwan Snittmeer) — ; dieser Iwan Snittmeer, nun also, war im Internet auf ein Gedicht von Tagore gestoßen. Sonst war es nicht Iwans Gewohnheit, Gedichte von Tagore zu lesen. Aber — worauf stößt man halt nicht alles, im Internet...

"Vielleicht", hatte der große Tagore verkündet, "werden diese Zeilen noch über die Wogen der Zeit tanzen, wenn ich bereits längst vergangen bin."
       ‘Das stimmt!’, dachte Snittmeer gerührt. ‘Ich lese sie ja selbst gerade, diese Zeilen. Also tanzen sie auch noch über’s Meer. Es hat funktioniert. Er hat mir sozusagen ein E-mail aus der Vergangenheit geschickt. Herzlichen Glückwunsch, Herr Tagore!’
       Aber Tagore war tot, und man konnte ihn nicht mehr erreichen. ‘Interessant. Er hat sich gewissermaßen selbst transzendiert, dieser Tagore.’, dachte Iwan Snittmeer. ‘Das wollen wir doch auch einmal probieren. Also paß auf: Morgen nachmittag um 3 Uhr wirst Du Deinen doppelten Espresso trinken [das war so eine Gewohnheit von Snittmeer: Er pflegte jeden Nachmittag um 3 Uhr einen doppelten Espresso zu trinken]. Dann wirst Du, wie immer, gelangweilt aus dem Fenster schauen. Und dann also, wenn Dein Blick auf die alte Weide fällt, und zwar genau auf das Vogelhäuschen...; nun dann: Viele Grüße von Iwan Snittmeer!’

Gesagt, getan. Den nächsten Tag hatte Iwan — ein vergeßlicher Mensch (seine weiteren Eigenschaften habe ich übrigens ebenfalls bereits vergessen) — bereits alles vergessen. Doch nachmittags um 3 Uhr schlürfte er, wie gewohnt, seinen doppelten Espresso. Und als seine Augen, wie stets gelangweilt aus... Potz Blitz! Da war es ja: Es hatte funkioniert!
       "Viele Grüße von Iwan Snittmeer.", murmelte Iwan Snittmeer erfreut. Er hatte sich selbst ein E-mail aus der Vergangenheit geschickt. Ohne Draht, sozusagen, und — noch dazu — ganz kostenfrei.

Und Iwan Snittmeer, der in der besten Laune war — sowohl angeregt durch den doppelten Espresso als auch durch das eben erhaltene kostenfreie E-mail, schickte sich noch gleich drei weitere Botschaften kostenfrei in die Zukunft: ‘Morgen früh, beim Zähneputzen. Wenn das köstliche Aroma der importierten Zahnpasta in Deinem Rachen erblüht: Viele Grüße von Iwan Snittmeer! Wenn Dein Blick auf der Straße auf jene idiotische Frau mit der langen Nase fällt: Es grüßt Dich Iwan Snittmeer! Und vor dem Schlafengehen, wenn Du die Nachttischlampe ausknipst: Iwan Snittmeer!’
       In der Tat erhielt Snittmeer alle seine eigenen E-mails mit Ausnahme der Nachttischlampe, denn er schlief ein, bevor er sie ausknipste.

Nun war der gute Snittmeer kein Mann von falscher Bescheidenheit. Er wollte sich, alla Tagore, verewigen. ‘Wie kann ich’, überlegte er, ‘der Menschheit eine Botschaft schicken, die noch in hundert Jahren erhalten wird? Nun sind hundert Jahre so lange nicht; sagen wir also einmal..., — tausend Jahre. Es ist nicht leicht! Vielleicht werden die Menschen in tausend Jahren nicht einmal mehr doppelten Espresso trinken, sonder diesen nur in Form von Tabletten...; — nun ja: Auf’s Klo werden sie noch müssen.’, dachte Iwan Snittmeer.
       'Schicken wir ihnen also eine nette Message in’s Klo.’
       ‘Aber wie’, dachte Iwan Snittmeer, ein Mensch, der — geben wir es ruhig einmal zu — eigentlich gar nicht existiert — ‘verschicke ich meine Botschaft? Nun ja, ich werde halt einen existierenden Menschen, den Fast-Bestseller-Autor Rolf-Peter Wille, bitten. Dieser wird mir den Wunsch nicht abschlagen, und gewiß diese Zeilen [genau diese, die Sie gerade lesen] auf den Wogen des Internets in der LESELUPE verkünden.’

Erinnern Sie sich also, lieber Leser: Wenn Sie nun auf’s Klo müssen..., und zwar genau in dem Moment, wo das Papier Ihren Allerwertesten an seiner empfindlichsten Stelle berührt..., nun dann: Viele Grüße von Iwan Snittmeer!



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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
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Die Sache mit der E-Mail habe ich nicht verstanden, ersetzt du damit "Gruß" oder "Nachricht"?

Trotzdem köstlich und amüsant.
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Der ErnstFall Michael Schmidt

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Rolf-Peter Wille
???
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Hallo Michael,

danke fuer's Lesen! Ja, eigentlich ist es nur ein Gruss, bzw. der zweifelhafte Wunsch, sich zu verewigen. (Als ich die Geschichte schrieb, vor ein paar Jahren, haftete dem "E-Mail" noch etwas Magisches an...)

Es gibt uebrigens eine englische Version der Geschichte unter "Fremdsprachiges" hier.

Gruss,
Rolf-Peter

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eufemiapursche
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wirklich klasse, Deine Zukunfts-@mail!


@mail gedicht

du schickst uns diese Zeilen
und weißt, dass ich sie lösch
doch vorher brennen deine Worte
sich unauslöschlich in mein..


die Lösung, "Unsterblichkeit" mit dem Grundbedürfnis der Erleichterung zu koppeln, nutzte weiland bereits der große Dichter Goethe:

Ein junger Mensch, ich weiß nicht wie,
starb einst an der Hypochondrie
und ward dann auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei
Der hatte einen Stuhldampf frei,
wie’s denn so Leute haben.
Der setzt notdürftig sich aufs Grab
Und legte da sein Häuflein ab
Beschaute freundlich seinen Dreck
Ging wohl eratmet wieder weg
Und sprach zu sich bedächtig:
"Der gute Mensch, wie hat er sich verdorben!
Hätt er geschissen so wie ich,
er wäre nicht gestorben!"

Goethe, 1775


Lieber Gruß

Femi



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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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Hallo Femi,

Dank fuer Kommentar und Gedichte (Deins und Goethes)!

...oh ja, der Goethe! Ich hatte das Gedicht mal in Weimar im Museum gelesen, ich glaube es heisst "Die Freuden des jungen Werther". Also man stelle sich vor, ...hunderte von jungen "Poethen" haben sich im Anfall von Sentimentalitaet alla Werther erschossen, erhaengt, etc., etc., und Goethe schreibt dann das... Aber dann habe ich irgendwo gelesen, dass ein gewisser Friedrich Nicolai eine (sehr seichte und viel beschimpfte) Parodie mit "happy-end" (Werther und Lotte heiraten, etc.) auf "Die Leiden..." schrieb, naemlich "Die Freuden des jungen Werther", und Goethes Gedicht ist wiederum eine Parodie auf diese Parodie. Angeblich leitete dieser Nicolai Skandal den "Krieg" zwischen Klassikern und Romantikern ein. Du siehst also von welch historischer Bedeutung dieses "Haeuflein auf dem Grab" ist...

Mit vorweihnachtlichen Gruessen,
RP



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eufemiapursche
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Hallo Rolf-Peter,

mit den Freuden des jungen Werther return zu Iwan Snittmeer : wie wird wohl der Kampf der klassischen und der romantischen @mails in tausend Jahren aussehen?

Tausend Jahre Traum
Schaffen dieses Wunderwerk
Ein Wortcollier mit Kettengliedern
Aus einem Zeitalter ins nächste
Im Orbit Snittmeers Ewigkeit

lieber Gruß
Femi

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