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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vincenzo
Eingestellt am 07. 12. 2014 11:04


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Vagant
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Vincenzo

   Vincenzo war empf├Ąnglich f├╝r gedimmte Tage. Tage an denen ein schwerer Himmel wie ein Decke ├╝ber der Stadt lag, das Thermometer bei der Null verharrte und nur ein paar Kerzen sein kleines Stehcaf├ę in karamellfarbenen Licht versinken lie├č.
Zum Feierabend l├Âschte er die Kerzen und nahm die Jacke von Haken. Bevor er die T├╝r schloss schaute sich noch einmal um.
Vincenzo 'Sheriff' Gambroli, dachte er sich, der kleine Itaker aus der Nordstadt, der, dem aber auch niemand jemals etwas zugetraut hatte, dieser Bastard, genau der, der hatte sich dies hier aufgebaut, Chacka. Und er w├╝nschte, sein Vater k├Ânne dies alles sehen.
Er schloss den Laden, schlug den Kragen hoch, vergrub die H├Ąnde in den Taschen und ging.

Er sah, dass in 'Heng's Khmer Wok' noch Licht brannte. 'Heng's Khmer Wok' war neu im Viertel. In seiner Kindheit befand sich in diesem Ladengesch├Ąft eine kleine Schusterwerkstadt, in der seine Mutter regelm├Ą├čig Vincenzos Fu├čballschuhe flicken lie├č, bis nichts mehr an ihnen zu retten war. Er hatte den Gestank von altem Leder und Klebstoff noch Jahre sp├Ąter in der Nase und konnte sich gut an die m├╝rrischen Blicke des Meisters erinnern, der die Schlappen hundert Mal in seinen H├Ąnden drehte, und dessen Blick zu sagen schien, dass diese ganze N├Ąherei, f├╝r die drei Mark die Vincenzos Mutter zahlen konnte, ihn noch in den Ruin treiben werde.
Er ├Âffnete die T├╝r und ging hinein. Vincenzo mochte diesen fernen Hauch von Sesam├Âl, Ingwer und Garam-Masala der die W├Ąnde nun wie eine Patina ├╝berzogen hatte, er mochte die leise Musik, die immer irgendwo nahe der Zimmerdecke zu schweben schien, und er mochte die zur├╝ckhaltende Freundlichkeit mit der die Hengs ihr Gesch├Ąft f├╝hrten.
Frau Heng war gerade damit besch├Ąftigt die drei kleinen Tische abzuwischen. Als sie Vincenzo bemerkte, legte sie die Handfl├Ąchen aneinander, hob sie zum Kinn und sagte ein kaum h├Ârbares 'djum reap sua'. Vincenzo fragte, ob er noch etwas bekommen k├Ânne. Frau Heng ging zum Tresen, rief etwas in die K├╝che und deutet Vincenzo er solle nach hinten gehen. Bitte, schauen sie, Herr Sheriff, schauen sie.

Vincenzo lehnte im T├╝rrahmen, der einmal den Laden von der Werkstadt des Schusters trennte, und schaute Herrn Heng dabei zu, wie er die Wokpfanne noch einmal ├╝ber die Flamme stellte, ├ľl, Ingwer und Zwiebeln dazu gab und dies alles gekonnt durch r├╝hrte. Bei jedem Handgriff schaute Herr Heng ├╝ber seine Schulter, sagte ᧮᧪᧯ ᧢᧼᧫᧰᧾᧶᧴᧡ und ᧢᧯᧶᧭᧡᧻᧿᧨᧦᧤᧫, deutete auf die vor ihm liegenden Karotten, Paprika und Dinge die Vincenco nicht erkennen konnte, nickte, wartete auf Vincenzos zustimmendes Nicken, l├Ąchelte ein kurzes L├Ącheln, das wie ein Luftballon aufzusteigen schien, sagte dann ᧫᧰ ᧡᧺᧯ ᧦᧤᧢᧨᧻᧼᧽ ᧾᧸᧦ und warf eines nach dem anderen in die Pfanne. Er schaute wieder ├╝ber seine Schulter, nickte erneut, lie├č den n├Ąchsten Ballon steigen, sagte ᧪᧬ ᧧᧪᧫ ᧼ , griff dann nach der Sojaso├če, dann nach verschiedenen Pasten, r├╝hrte erneut alles durch und kommentierte dies mit '᧢᧯᧽᧦ ᧼᧸᧨᧡᧱ ᧽᧾᧨ ', was Vincenzo aber genau so wenig verstand wie das Vorangegangene.
Um ihm zu bescheinigen, dass es so sicher perfekte, ja fast schon meraviglioso sei, nickte Vincenzo nun noch heftiger. Und als Vincenzo da nun dort im T├╝rrahmen stand, in Herrn Hengs lebhafte Augen blickte, sich dem Klang dieser fernen Sprache hingab und dabei das L├Ącheln dieses alten Mannes sah, da f├╝hlte er sich, vielleicht das erste Mal seit Jahren, zur├╝ckversetzt in eine Szene aus seiner Kindheit, die er schon l├Ąngst vergessen glaubte. Er war sieben, vielleicht acht, und es war das einzige Mal, dass die Familie die Eltern seines Vaters in Italien besuchten. Er sieht sich im T├╝rrahmen dieser lichtgefluteten umbrischen K├╝che stehen und schaut dabei zu, wie seine Gro├čmutter und eine seiner Tanten damit besch├Ąftigt sind den Teig f├╝r die Pasta zu kneten, Tomaten und Zucchini zu schneiden, Kr├Ąuter zu hacken, und dabei die ganze Zeit in einer fremden Sprache, von der Vincenzo allenfalls ein paar Brocken versteht, auf ihn einreden. Immer wieder streichen sie ihm ├╝ber den Kopf und sagten etwas wie bello ragazzo, una bello ragazzo. Und diese nebligen Erinnerungen mischten sich nun mit den Ger├╝chen dieser fremden K├╝che und den Ger├Ąuschen dieser fernen Sprache, sodass es ihm schwer ums Herz wurde, und er froh dar├╝ber war, sich im T├╝rrahmen festhalten zu k├Ânnen.

Sie sind nur einmal zu den Gro├čeltern gefahren, denn f├╝r weitere Reisen fehlte ihnen immer das Geld. Der Vater sei ein Tagtr├Ąumer, sagte seine Mutter immer, ein Tagtr├Ąumer der dem lieben Gott den Tag stiehlt ÔÇô worunter sich Vincenzo nie etwas Genaues vorstellen konnte. Und dieser Tagedieb hat den lieben langen Tag nichts anders zu tun als darauf zu warten, dass der Visconti oder Pasolini oder wei├č der Kuckuck wie der hei├čt hier anruft und ihm ein Billet f├╝r den Zug nach Cinacitt├á schickt, damit er dort den Italowestern retten kann, der Tr├Ąumer.
Vincenzo war zehn als der Vater die Familie verlassen hatte. Seine Mutter hatte seit diesem Tag nie wieder ein Wort Italienisch mit ihm gesprochen.

Er lie├č sich das Essen einpacken, zahlte und verabschiedete sich. Als er zu Hause angekommen war h├Ârte er seinen Anrufbeantworter ab. Es gab eine Nachricht. Kathrin bat, dass er zur├╝ckrufen solle. Er kannte Kathrin schon so lange wie er zur├╝ckdenken konnte und irgendwann in all den Jahren hatten sie mal was zusammen. Vincenzo stellte das Essen auf den K├╝chentisch, lehnte sich an den K├╝hlschrank und w├Ąhlte ihre Nummer. Sie redeten ein paar Minuten ├╝ber dieses und jenes, ├╝ber gemeinsame alte Bekannte, ihre Eltern und Geschwister, ├╝ber die Bars die neu in der Stadt waren, und die Schuppen die es nun schon lange nicht mehr gab.
Dann sagte sie, dass sie manchmal an ihn denken m├╝sse und er sich gerne ├Âfter mal bei ihr melden k├Ânne, und dass sie heute Abend nichts weiter vor h├Ątte und er vielleicht mal auf ein Glas vorbei schauen k├Ânnte, oder sie sich zusammen einen Film anschauen k├Ânnten, er mochte doch immer die Sachen vom Fatih Akin so gern.
Und nun versuchte sich Vincenzo vorzustellen, wie Kathrin zu Hause auf ihren F├╝├čen sitzt, mit einer Hand in den Haaren spielt oder nach einer Tasse Tee greift.
Es gelang ihm nicht.
Er h├Ątte gerade ein Essen auf dem Herd, log er, und dass er heute doch recht m├╝de sei, sich aber in den n├Ąchsten Tagen mal bei ihr melden werde, sicher.
Ja, sagte sie, sie w├╝rde verstehen. Und eigentlich sei sie ja auch m├╝de.
Sie redeten noch einige Minuten. Dann legten sie auf.

Vincenzo schaltete den Fernseher an, zappte sich auf der Suche nach irgendeiner Fu├čball├╝bertragung durch die Kan├Ąle und a├č. Nach dem Essen ging er auf den Balkon und z├╝ndete sich eine Zigarette an.
Es ist verdammt kalt, dachte er, w├Ąhrend der Rauch von einer B├Âe davon getragen wurde. Er sog langsam die Luft durch die Nase. Es roch nach Schnee.
Er trat von der Br├╝stung zur├╝ck und beschloss den Rest der Zigarette in der Balkont├╝r zu rauchen. Als er fertig war schnippte er die Kippe in die Nacht und blieb noch ein paar Augenblicke auf der Schwelle stehen. Und als er da so stand dachte er, dass es immer die T├╝rschwellen gewesen sind, auf denen er sich am wohlsten gef├╝hlt hat.


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