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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Virginia Woolf, Die Jahre
Eingestellt am 24. 07. 2011 13:30


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Arno Abendschön
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Gegen Ende des Romans denkt Lady Lasswade auf einer Abendgesellschaft von einem ihr noch Unbekannten: „Er muss ein Ausländer sein, denn er ist ganz unbefangen.“ Diese Stelle erinnert an eine in E. M. Forsters Maurice. Dort erklärt der Psychiater und Hypnotiseur Lasker Jones: „England neigte noch nie dazu, die menschliche Natur zu akzeptieren.“ In beiden Werken geht es auch um die Macht von Konventionen, um Denkverbote, Sprachhemmung, und zwar vor dem Hintergrund einer hoch entwickelten, materiell reichen Industriegesellschaft mit ausgeprägten Klassenunterschieden. Beide, Woolf wie Forster, gehörten der gleichen Generation an. Um 1880 geboren, waren sie midvictorians, nicht als Schriftsteller, doch nach ihrer ursprünglichen Sozialisation. Sie wurden zu Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, nahmen das Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht noch wahr - und den beginnenden Abstieg. Beide verarbeiteten die damit verbundenen Prozesse in ihren Büchern, beide gehörten der Bloomsbury Group an. Forster hat seinen Roman nicht bei Lebzeiten zu veröffentlichen gewagt. Die Jahre, erschienen 1937, wurde Virginia Woolfs letzter Roman – und einer ihrer erfolgreichsten, gemessen an den Verkaufszahlen.

Die Jahre hat die Kritik irritiert. Es steht bis heute in der literaturgeschichtlichen Wahrnehmung im Schatten von Mrs. Dalloway, Die Wellen, Die Fahrt zum Leuchtturm. Der formale Bruch mit ihrem früheren Erzählen ist offensichtlich. An die Stelle der 24-Stunden-Epen à la James Joyce scheint wieder eine traditionelle Form getreten zu sein – die fortgesetzte Schilderung einer Familiengeschichte über fünfzig Jahre hinweg (1880 – 1930). Dieser erste Eindruck täuscht jedoch in einem wesentlichen Punkt – der Roman ist vor allem Auseinandersetzung mit dem Werk von Marcel Proust. Woolf bezieht sich in der Anlage der Familiensaga wiederholt auf vergleichbare Konstellationen in der Recherche. Es gibt außerdem Details, die nicht anders denn als Zitate oder Anspielungen aufgefasst werden können. Gleichzeitig hat die Autorin Prousts Konzeption in zumindest einem wesentlichen Punkt verändert. Und sie gelangt am Ende auch nicht zu dessen Heilsgewissheit einer beglückenden immerwährenden Gegenwart. Nicht die Zeit an sich ist ihr Thema, sondern: Was fangen wir mit der Zeit an – und was die Zeit mit uns?

Im Roman geht es um die Geschichte der wohlhabenden Offiziersfamilie Pargiter, genauer: die Lebenswege von vier Töchtern und drei Söhnen. Dazu treten noch drei Kusinen – Verwandte der Mutter oder des Vaters - sowie in der folgenden Generation Tochter und Sohn eines der Pargiter-Söhne. Das sondierende und sich selbst, seine Umwelt und beider Veränderungen in der Zeit spiegelnde Bewusstsein des Ich-Erzählers bei Proust verteilt Woolf auf diese zwölf Protagonisten, die abwechselnd zu Wort kommen, d.h. ihren Bewusstseinstrom dem Leser offenbaren. Dabei sind die Gewichte sehr ungleich verteilt. Eleanor, die Älteste, scheint über weite Strecken die Hauptperson zu sein, ihre Schwestern Delia, Milly und Rose treten viel seltener auf, die Kusinen Kitty (Lady Lasswade), Maggie und Sally wiederum etwas häufiger als diese. Von den Söhnen spricht uns der Offizier Martin direkter an als Edward, der Altphilologe, oder der Anwalt Morris, ohne dass man diese beiden für weniger bedeutend halten dürfte. Am Schluss verlagert sich das Schwergewicht der Beobachtung auf Morris’ Kinder, die Ärztin Peggy und den aus Afrika zurückgekehrten Farmer Norman.

Es gibt elf meist mittelgroße Kapitel, die als Überschrift eine Jahreszahl tragen. Herausgehoben, schon durch ihre Länge, sind das Anfangs- und das Schlusskapitel 1880 und Gegenwart (1930). Im ersten stirbt die Mutter der Pargiter-Kinder, im letzten treffen sie sich auf einer Soiree, die bis zum Morgengrauen dauert. (Es gibt noch eine zweite, die ebenso prägnant den Leerlauf von Geselligkeit, den Überdruss an ihr und seine partielle Überwindung zum Thema hat - die Nähe zu Proust ist wieder unverkennbar.) Die kürzeren mittleren Kapitel drängen sich in der Periode von 1907 bis 1918. Gewöhnlich wird ein Kapitel durch eine Art Streiflicht eingeleitet, in dem die sinnlich wahrnehmbaren äußeren Umstände – Jahres- und Tageszeit, Wetter, Bewegungsmuster von Lebewesen – dem Leser wie in Rundpanoramen sehr einfühlsam vermittelt werden.

Wer ein genaues Abbild der Entwicklung von Gesellschaft und Zivilisation in England zwischen 1880 und 1930 erwartet, wird enttäuscht werden. Zwar spielen die Kapitel an den verschiedensten Orten in London oder auf dem Land, in reichen und ärmlichen Häusern, in Parks und Gärten, doch im Mittelpunkt steht fast immer das sich und die anderen reflektierende Bewusstsein der jeweiligen Hauptperson. Davon gibt es allerdings bemerkenswerte Ausnahmen. Wenn Woolf z.B. Sallys Zimmer in einem billigen Logierhaus charakterisiert, tut sie das auch mit Geräuschen, die von der Straße heraufdringen, einschließlich der Klänge der Straßenmusiken und der Rufe der ambulanten Händler, womit sie uns erneut zeigt, wie genau sie Proust studiert hat. Wiederum an Proust lehnt sich unverkennbar die Episode 1917 an, sie gibt die Situation eines deutschen Luftangriffs auf London wieder und das Verhalten der ihr Unterworfenen. Auf Proust und sein Motiv der Aeroplane wird noch einmal angespielt, wenn Eleanor später auf die Flugzeuge hinweist, die man aus ihrer neuen Wohnung sehen kann.

Zwei Drittel der Hauptpersonen sind weiblich. Sind Die Jahre ein Frauenroman? Ja und nein. Die fortschreitende Emanzipation der Frauen und ihre mannigfaltige Abstufung ist nur eines der großen Themen des Romans. Eleanor, die ledig bleibt, investiert Kapital in den Wohnungsbau für sozial Schwache, sie arbeitet in einer philanthropischen Organisation mit. Delia schwärmt für die Freiheit Irlands und heiratet einen irischen Landjunker, der sich später nach der Krone Britanniens zurücksehnt. Auch Milly verheiratet sich aufs Land. Rose, wiederum unverheiratet, geht im politischen Kampf so weit, dass sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Kitty wird Lady Lasswade. Maggie heiratet einen nach England eingewanderten Franzosen, ihre etwas phantastische Schwester Sally wird zu einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden alten Jungfer. Nur die alleinstehende Peggy aus der nächsten Generation hat einen wirklichen Beruf: Ärztin.

Auch Edward und Martin bleiben unverheiratet. Martin scheint Frauengeschichten gehabt zu haben. Edward hat Kusine Kitty nicht bekommen und sich damit ein für allemal beschieden. Norman, am Romanende auch schon ein Dreißiger, lernt da unter den Gästen eine junge Frau kennen, die er vielleicht heiraten wird. Es ist bemerkenswert, dass die Mehrzahl des Familiennachwuchses keine Ehe eingeht. Und damit sind wir bei einem damals heiklen Thema: verborgene Homosexualität. Woolf selbst hatte mindestens eine längere lesbische Beziehung, behandelt das Thema aber im Roman mit größter Delikatesse, sehr midvictorian. Frauen lieben hier keine Frauen, allenfalls berühren sie einander zärtlich. Edward wird als Student, so können wir vermuten, von einem Kommilitonen begehrt. Später scheint er sich verdächtig zu machen, indem er in Kittys Loge zu Siegfried einen attraktiven jungen Mann mitbringt – aber die Erzählerin verwischt die Spur alsbald wieder: Der Begleiter ist ein Verwandter von Kittys Mann. Ähnlich merkwürdig einige Details über Norman. Zurück aus Afrika besucht er Sally und sie zitieren Stellen aus alten Briefen. Norman hat ihr mal von einem Ausflug in die nächste Stadt berichtet, da hat er in einer Bar einen Mann kennengelernt und – nichts weiter. Norman denkt stattdessen befriedigt daran, dass er seiner Kusine damals manches verschwiegen hat. Auf der Soiree in 1930 geht er einerseits sehr zielgerichtet vor, in Bezug auf jene junge Dame, und lässt sich andererseits von einem unbekannten jungen Mann beeindrucken, will ihn ansprechen und schafft es vor dessen Aufbruch nicht. („Er fühlte sich zugleich angezogen und abgestoßen.“) Alle diese nur angedeuteten Ansätze realisiert der Pole Nicholas, stellvertretend, und tut es doch wiederum nicht, denn es geschieht nichts weiter, als dass Sally ihn 1917 vor den anderen als homosexuell outet. Da scheint Sodom und Gomorrha von Proust auf, aber ad usum Delphini. Onkel Edward könnte Charlus sein und Neffe Norman Saint Loup – aber sie leben schließlich in England … Daher Kittys erster Eindruck von Nicholas: Er muss ein Ausländer sein.

So unentschieden, nur andeutend und letztlich unbefriedigend, bleibt auch der Schluss des Romans. Die erstarrten Vertreter der älteren Generation wiederholen sich ständig in allem, in ihren Gedanken, Gefühlen, Aussprüchen. Peggy hat eine blasse, sich rasch wieder verflüchtigende Vision von einem anderen, nützlicheren, befriedigenderen Leben. Ihrem Bruder Norman geht es ähnlich. Nicholas wird daran gehindert, eine Rede zu halten – er hätte ohnehin nichts Wesentliches mitzuteilen gehabt. Gegen Morgen werden die Kinder des Hauswarts mit Torte traktiert, dann sollen sie etwas singen und zerstören die Illusion von sozialem Ausgleich mit einem kakophonischen Duett in Geheimsprache. Das Buch schließt mit einer morgendlich stillen Straßenszenerie: „Die Sonne war aufgegangen, und der Himmel über den Häusern hatte ein Aussehen von außerordentlicher Schönheit, Einfachheit und Frieden.“ Ein Stillleben - der Triumph des einfachen Lebens über Ideologien, Hochkultur und jede Form von Raffinement? Das Buch scheitert letztlich auf hohem Niveau.

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jon
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Die beiden Hauptproblem, die ich habe:

Du brichst am Anfang wie mitten in eine schon laufende Abhandlung hinein. Verstärkt wird dies durch den Umstand, dass fast nichts aus diesem lauten, schwergwichtigen Anfang im Rest wiederkommt. Im Gegenteil: Statt Forster ist Proust der "korrespondierende Autor", was soll also Forsters Erwähnung da vor?

Ich verstehe nicht, worin "das Buch scheitert". (Kann ein Buch überhaupt scheitern? Dazu müsste es selbst(! Nicht der Autor!) einen Anspruch, ein Ziel o. ä. haben.) Scheitert die Autorin darin, einen bestimmtes Buchziel zu erreichen? Welches und warum? Scheitern die Figuren des Buches in ihrem Leben, im Lebenssinngeben oder so? Ich kann das aus dem Text nicht rauslesen.


Ansonsten: Der Zugang zu dieser Rezi hängt (für meinen Geschmack zu sehr) von der Kenntnis Proustscher Werke ab, ist aber stilistisch für mich in Ordnung (also leicht lesbar).


PS:

quote:
Wer ein genaues Abbild der Entwicklung von Gesellschaft und Zivilisation in England zwischen 1880 und 1930 erwartet, wird enttäuscht werden. Zwar spielen die Kapitel an den verschiedensten Orten in London oder auf dem Land … doch im Mittelpunkt steht fast immer das sich und die anderen reflektierende Bewusstsein der jeweiligen Hauptperson.
Weder spricht "es spielt an vielen Ort" für ein genaues Abbilden der (kompletten) Gesellschaft, noch spricht "das sich und die andere reflektierende Bewusstsein" dagegen. Du stellst da also einen Zusammenhang her, der auf sehr wackligen Füßen steht. Der Knackpunkt scheint mir der zu sein: "Wer ein genaues Abbild der Gesellschaft erwartet, wird enttäuscht, dazu umfasst die Wahrnehmung und Reflexionsbreite der Hauptfiguren zu sehr ihre eigene, sehr eng gezogene Welt." Oder? (Kann ja auch sein, dass ein "geübter Leser" daraus auch "Gesellschaftseinflüsse" herauslesen könnte {wie du die beginnende Emanzipation}.)
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petrasmiles
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Hallo Arno,

Jon hat schon zwei sehr wesentliche Anmerkungen gemacht, deren Inhalt ich teile.

Ich würde mir zusätzlich wünschen, dass diese Anlehnung an Proust, die Du sehr ungenau in den Raum stellst, anhand von einigen wenigen, aussagekräftigen Zitaten untermauert wird.

quote:
... der Roman ist vor allem Auseinandersetzung mit dem Werk von Marcel Proust. Woolf bezieht sich in der Anlage der Familiensaga wiederholt auf vergleichbare Konstellationen in der Recherche. Es gibt außerdem Details, die nicht anders denn als Zitate oder Anspielungen aufgefasst werden können. Gleichzeitig hat die Autorin Prousts Konzeption in zumindest einem wesentlichen Punkt verändert. Und sie gelangt am Ende auch nicht zu dessen Heilsgewissheit einer beglückenden immerwährenden Gegenwart. Nicht die Zeit an sich ist ihr Thema, sondern: Was fangen wir mit der Zeit an – und was die Zeit mit uns?

Was meint hier:
quote:
in der Recherche
?

Ich habe den Eindruck, das Buch wird an etwas gemessen, was Du nicht benennst. Das wäre für den Leser aber unabdingbar, damit er auf der Grundlage der (von Dir genannten) Fakten seine eigene Meinung bilden kann.

Der Absatz über die Auseinandersetzung mit der Homosexualität in W.'s Roman hängt irgendwie lose in Deinem Text an einem wichtigen Ort (vorletzter Absatz) herum. Es scheint, die in Deinen Augen inadäquate Behandlung des Themas in ihrem Werk ist ein Malus für Deine Bewertung geworden. Wie überhaupt bei Dir kein Wert darin zu bestehen scheint, wenn ein Autor die Dinge so

quote:
unentschieden, nur andeutend und letztlich unbefriedigend

darstellt, wie sie sind.

Gegen Ende verwischt sich die belesene und objektive Kennerschaft in Meinung, die aber nicht wirklich zu fassen ist, weil Namen und Beziehungen angehäuft werden, die nur der versteht, der genau das kennt, was Du kennst.

FĂĽr eine vergleichende Besprechung bietet Dein Text zu wenig - fĂĽr eine Rezension von 'Die Jahre' entschieden zu viel.

Liebe GrĂĽĂźe
Petra
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Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug fĂĽr Gutwerter!

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