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Leselupe.de > Kurzprosa
Vöglein an der Wand
Eingestellt am 01. 04. 2009 02:22


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Janosch
???
Registriert: Feb 2005

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(Die Königin steht in ihrem Zimmer, das schön prunkvoll eingerichtet ist, mit allerhand prunkvollen Gegenständen, die sich über das ganze Zimmer erstrecken und einem Fremden fast das Augenlicht nehmen würden, weil dort alles so unfassbar schön und prunkvoll in tausend holden Facetten erstrahlt. Die Königin beginnt schließlich aus freien Stücken heraus zu sprechen)

Königin: Vöglein, Vöglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?
(Das Vöglein klebt wie ein niedergewälzter Waschlappen an der überaus prunkvollen Wand, seine Federn ragen verquer aus dem Rumpf und segeln teilweise noch zu Boden. Wie durch ein spektakuläres Wunder fängt das Vöglein dennoch an zu sprechen)

Vöglein: Wenn du mich nicht hier an die Wand gepfeffert hättest, wie so `nen beschissenen
Froschkönig, wär’ ich jetzt vielleicht auch noch in der Lage mit dir Konversation zu machen und dir Rede und Antwort zu stehen!

Königin: Aber liebes Vöglein, warum sprecht ihr dann mit mir, wenn ihr doch darauf verharret zu eben diesem nicht befähigt zu sein?

Vöglein: Weil du dir das Alles nur einbildest, du alte Zippe.

Königin: Jedenfalls scheinen die Tatsachen mir holde gesonnen zu sein, denn da ihr ja so an der Wand klebt, liebes Vöglein, seid ihr augenscheinlich überaus geplättet von meiner Schönheit. Da bedarf es keiner weiteren Worte mehr. Und auch ich bin schließlich sprachlos, ob meiner Schönheit.

Vöglein: Warum sprichst Du dann eigentlich, wenn du doch eigentlich dafür plädierst sprachlos zu sein, du olle Schnepfe du?

Königin: Das mag daran liegen, dass ihr euch das Alles nur einbildet, wertes Vöglein.

Vöglein: Aha! Bilde ich mir dann also auch nur ein, dass das holde Schneewittchen, mit den 2 Bergen, tausendmal schöner ist, als du olle Schnepfe da?! Die versteht es wenigstens an den Zipfeln von sieben Zwergen gleichzeitig zu zupfen. Und bei dir würde sich ja sogar der Hofnarr zum narren machen, wenn er dir den Hof machen würde, der Narr.

Königin: Aber woher willst du denn wissen, dass dieses Schneewittchen tausendmal schöner ist als ich und nicht 598 mal - du bist ja noch nicht mal ein Spiegel, der sprechen kann!

Vöglein: Dafür bin ich aber ein toter Vogel an der Wand. Und Spiegel, die sprechen können gibt’s schließlich nur beim Händler, der Spiegel herstellt, die zur Sprache befähigt sind. Da musst du bei Kuhnerts fragen.

(In diesem Augenblick, wie vom Blitz getroffen, erkennt die Königin, dass der tote Vogel recht haben könnte mit dem Schneewittchen, dass tausendmal schöner ist als sie. Vor lauter Frust und Unbehagen, sowie Schüttelfrost, den sie nicht abschütteln konnte nach ihrem letzten hohen Fieber, kämmt sie sich erst einmal die Haare und beißt dabei genüsslich in einen großen, grünen Apfel, der so schön im Lichte glänzt, weil er über eine glatte Oberfläche verfügt und damit herrlich das Licht zu reflektieren vermag)

Königin: Die sprechenden Spiegel bei Kuhnerts sind aus. Da hatte ich letzte Woche schon angefragt. Aber wie kannst du mir denn beweisen, holdes Vöglein, dass Schneewittchen tausendmal schöner ist als ich? Da kann ja jeder kommen und behaupten, dass jemand anderes schöner ist, als jemand anderes, der er selber nicht ist!

Vöglein: Ich darf das behaupten, weil ich ein zuckersüßes Vöglein bin oder war, dass gut und gerne mal durch die luftigen Höhen geflattert ist, um ein herzallerliebstes Liedchen zu trällern, was die Menschen mit einem wohligen „Hach“ im Bauch an den Frühling denken lies. Und außerdem hab ich Schneewittchen mit ein paar Zwergen auf dem Klo beim Fummeln erwischt, als ich mich auf dem Fenstersims niederließ. Und eben dort ist mir erst bewusst geworden, über welch außergewöhnliche Schönheit Schneewittchen doch verfügt und welch unbegreifliche Herrlichkeit auch nur ein wohlgeschwungener Wimpernschlag ihrer übergroßen Kulleraugen zu offenbaren weiß.

(Die Königin knabbert derweil immer noch an ihrem Apfel und schickt sich nun an, den Griepsch samt Kernen Stück für Stück die Kehle runter zu schlingen wie eine Wildkatze beim reißen eines Känguruhs. Sie schmatzt noch kurz nach und fängt dann an zu sprechen)

Königin: Aber nein! Oh weh! Oh jemine. Wie kann das sein, dass sie so schön ist. Und dabei dachte ich doch immer, dass ich die schönste im ganzen Lande sei. Deswegen wollt ich mir ja auch einen Spiegel anschaffen, der mir das mündlich jeden Tag sagen kann. Aber nun, ach, nun, ach, oh liebes Vöglein mit der tanzenden Stimme, ach, nun weiß ich weder ein noch aus. Ich weiß nicht wie mir geschieht, oh käme doch ein holder Prinz, um mir wenigstens die Fersen abzuschneiden. Ach Vöglein, ihr seid jetzt der einzige tote Vogel, der mir noch helfen kann. Was soll ich nur tun?

Vöglein: Ich wüsste nicht warum ich dir helfen sollte, du alte Zippe du. Aber du könntest dich ja zum Beispiel als Großmutter verkleiden, die eigentlich keine Großmutter ist und Schneewittchen rote Käppchen verkaufen, die sie dann aufsetzt, sich im Spiegel zum kotzen findet und daraufhin den ungemeinen Drang verspürt sich das Leben zu nehmen.

Königin: Aber was, wenn sie doch dahinter käme, dass sie das rote Käppchen auch wieder ablegen könnte, auch wenn sie teures Geld dafür bezahlt hat?

Vöglein: Dann verkauf ihr das Käppchen eben einfach so teuer, dass sie es nie wieder absetzen mag, auch nicht im Schlaf. Dann wird sie schon früher oder später eingehen wie ein begossener Pudel oder ein unbegossener Orleanderstrauch.

(Gesagt getan: Die Königin verkleidet sich kurzerhand als Großmutter und schickt sich an Schneewittchen das rote Käppchen für einen unverschämt teuren Preis zu verkaufen, damit sie es nie mehr abnehmen würde und sich von da an zum kotzen findet. Schneewittchen allerdings war gerade am Ende des Monats und hatte kein Geld mehr übrig. Und so lebten alle unsagbar glücklich und zufrieden in herrlicher Eintracht bis an ihr Lebensende. Die Königin jedoch warf noch ein paar Tiere und Affen und Gnus, Fasane, südafrikanische Hängebauchschweine, sowie Wasserschildkröten aus Zwickau an die überaus prunkvolle Wand. Und bei Kuhnerts hatte man die Produktion sprechender Spiegel endgültig eingestellt. Die wollte natürlich keiner mehr kaufen, weil sie stets nur von der Wahrheit tönten.)

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