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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Völlig ausgeschlossen
Eingestellt am 19. 01. 2015 18:40


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aligaga
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Als man das kleine Appartement aufbrechen ließ, war das Wesen, dessen Reste über dem Stuhl hingen, längst geruchlos geworden.

Der Kriminalbeamte konstatierte einen Tod, der deutlich mehr als ein Jahr zurückliegen musste, denn er fand den PC auf dem Tisch vor der Leiche im standby-Modus laufend; die jüngste von dort versandte Botschaft stammte vom 21. Mai des Vorjahres. Nähere Untersuchungen ergaben, dass das Wesen die letzten beiden Jahre seines Lebens ausschließlich vor dem Computer zugebracht haben musste; am Ende hatte es sich wohl kaum mehr vom Stuhl erhoben, wie die hinter ihm aufgestapelten Fertiggericht-Behälter eines Services und die Urinspuren unter dem Tisch zeigten. Nachforschungen bei dem italienischen Lieferanten erbrachten, dass der Service täglich und bis ins Zimmer des Wesens erfolgt war; der letzte Lieferschein datierte vom 20. Mai des Vorjahres.

Die Obduktion der Leiche ergab keine Fremdeinwirkungen und auch keine Hinweise auf eine Selbsttötung; man erkannte auf „Herzversagen“. Auffallend sei, so vermerkte das Protokoll des Gerichtsmediziners, der schlechte Pflegezustand des Toten gewesen: Seine Fuß- und Fingernägel waren verschmutzt und zentimeterlang; sein schütteres, graues Haar war ohne jede Fasson und reichte bis weit über die Schultern. Seine Kleidung (er trug lediglich Unterwäsche) wies Spuren von mindestens zehn verschiedenen Nudel- und Pizzagerichten auf; die Unterhose war verkotet; falls das Wesen überhaupt im Liegen geschlafen hatte, diente ihm dazu wohl die Matratze, die ebenso verschmutzt wie der ganze Raum war und gleich neben dem Stuhl auf dem Boden gelegen hatte.

Die Analyse der Festplatte des Computers zeigte, dass das Wesen in so gut wie allen deutschsprachigen, so genannten „Literaturforen“ unter verschiedenen Decknamen in Erscheinung getreten war. Zwar hatte es immer wieder auch eigene, einfach gereimte Verse eingestellt, war aber eher damit beschäftigt gewesen, einzelne, ihm offenbar missliebige Webgänger zu beschimpfen. An manchen Tagen, so erwies sich, hatte es bis zu dreihundert „Hassmails“ in verschiedene Foren abgeschickt.

In einigen Auftritten hatte sich das Wesen als männlich, in anderen weiblich dargestellt. Seine paar unbeholfenen Reime und seine unzähligen Schmähungen Dritter ließen keinen eindeutigen Schluss auf eine sexuelle Orientierung zu; seine Weltsicht insgesamt war jene der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Gelesen hatte es, so ergab die Musterung des Wohnungsinventares, weder Bücher noch Zeitschriften. Das Wesen war elf Jahre vor seinem Tod wegen eines Herzleidens frühverrentet, die Sozialrente ebenso wie die Miete für das Appartement per Dauerauftrag auch nach dem Tod weiter überwiesen worden. Persönliche Kontakte – außer jene mit den Lieferanten des Pizzabäckers – hatten offenbar in den letzten Jahren seines Daseins nicht bestanden; Angehörige konnten nicht ermittelt werden.

Nach Klärung des Sachverhaltes wurden die Überreste des Wesens verbrannt und im kommunalen Massengrab entsorgt. An brauchbaren Werten fand sich in dem Appartement nichts; der veraltete PC und der Röhren-Fernseher kamen in den Sondermüll.

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DocSchneider
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Ein erschauderndes Szenario, vermutlich ist die Realität noch schlimmer, wie meistens.

Ich habe hier beinahe nichts zu meckern, das Einzige: Er muss sich täglich ein Mal erhoben haben, um die Pizzen anzunehmen, also von daher müssten die anderen Spuren etwas verteilter sein.

Und: Läuft ein PC so lange im Stand-by-Modus?


LG DS
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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aligaga
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Hallo @Doc,

vielen Dank für deine freundliche Beschäftigung mit dem Text.

quote:
Ich habe hier beinahe nichts zu meckern, das Einzige: Er muss sich täglich ein Mal erhoben haben, um die Pizzen anzunehmen, also von daher müssten die anderen Spuren etwas verteilter sein.

Und: Läuft ein PC so lange im Stand-by-Modus?

Im Text heißt es: "... am Ende hatte es sich wohl kaum mehr vom Stuhl erhoben, wie die hinter ihm aufgestapelten Fertiggericht-Behälter eines Services und die Urinspuren unter dem Tisch zeigten." Entweder hatte das Wesen am Ende die paar Schritte zur Tür noch geschafft oder es hatte einen Türöffner am Tisch (sowas gibt's inzwischen längst). Warum sollte der Flur verschmutzt sein wie der Aufenthaltsraum?

Und: So lange das Forum nicht dichtmacht, kannst du unbefristet online bleiben. Die Schwachstelle ist das Lüfterrad des PC, aber ein bis zwei Jahre Dauerbetrieb sollte es aushalten.

Wer je als Pizzabote, Rettungsassi, Notarzt oder Bulle in kommunalen Plattenbauten unterwegs war, weiß, dass das hier geschilderte Szenario ein keineswegs ungewöhnliches ist. Da gibt's noch viel Schlimmeres ...

Gruß

aligaga

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DocSchneider
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Alles klar. Nur noch eine Frage: Wer von den Nachbarn hat Verdacht geschöpft und das Appartement aufbrechen lassen? Etwas muss ja dazu geführt haben. Was einen Hauch Menschlichkeit zurücklassen würde.

Sonst glaube ich dir gern, dass - wie gesagt - die Realität weitaus schlimmer ist. Abgesehen davon, dass das "Wesen" - ein Gerichtsmediziner kann noch feststellen, welchen Geschlechts - seine Zeit in Foren und mit Hassmails zugebracht hat (auch das gibt es ja leider), gilt der Text auch für mich allgemeingültig für das generelle Desinteresse am Nächsten: Lass mich in Ruhe, und ich lass dich in Ruhe.

Der Text transportiert diese Gleichgültigkeit perfekt. Deshalb ist er so traurig. Und: Trotz vielfältiger Aktivitäten im Netz interessiert es keine Sau, wenn diese ausbleiben.

(Ich glaube, ich klingele mal bei den Nachbarn.)
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Profatus
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Hallo aligaga,

ein schöner Text über ein gruseliges Szenario. Sehr gelungen.
Die düstere Stimmung sowie das eklige Gesamtbild kommen sehr gut rüber, ohne dass dabei die Wortwahl zu direkt wird. Vieles spielt sich im Kopf des Lesers ab, das gefällt mir.

Deutlich erkennt man auch die gesellschaftlichen Kritikpunkte. Sowohl in der Beschreibung des verwahrlosten Toten und seines Lebens, als auch in Form des Pizzaservices, der trotz täglicher Lieferungen nichts unternimmt, sowie natürlich auch in Gestalt der Nachbarn, die offensichtlich den Gestank über Monate ignorierten.
Aktuell und brisant.

Die Thematik "Literaturforen" finde ich generell (für ein breites Publikum) etwas zu speziell. Da es hier in der LL aber natürlich sehr gut passt und witzig/satirisch rüberkommt, wollte ich es lediglich erwähnen, aber nicht beanstanden.

Gruß, Profatus

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aligaga
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Liebe @Doc, lieber @Profatus,

quote:
Nur noch eine Frage: Wer von den Nachbarn hat Verdacht geschöpft und das Appartement aufbrechen lassen? Etwas muss ja dazu geführt haben. Was einen Hauch Menschlichkeit zurücklassen würde.
Ich hätte schreiben können, dass die Heizkörper der Wohnanlage ausgetauscht werden mussten oder Wärmedämmungsmaßnahmen von Vermieterseite her angesagt waren, aber das hielt ich nicht für nötig und es schien mir zu dick aufgetragen für einen lapidaren "Bericht". Dass den Nachbarn der Verwesungsgeruch nicht zuviel wurde, könnte daran gelegen haben, dass auch deren Situationen prekär waren.

Dazu bewogen, den schon älteren Text einzustellen (eigentlich hab ich ja nur vor, die "Häuser am Fluss" stehen zu lassen, das ist Zeugs genug) hatte mich Valcanales Kurzgeschichte "Näheres ausgeschlossen". Ich hielt es für interessant, ein von allem persönlichen Betroffenheitskitsch entkleidetes Pendant danebenzustellen.

Ob die Leiche männlich oder weiblich war, ist offen geblieben. In meinen Augen ist sie neutrois, vielleicht auch androgyn: ein Avatar.

Gruß

aligaga

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