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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Voll ausgelebt
Eingestellt am 14. 08. 2012 19:20


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anbas
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Voll ausgelebt

Der Tag begann damit, dass ich den Wecker gegen die Wand schleuderte, als er klingelte. Nach einem kurzen R├Ąkeln drehte ich mich um und schlief zwei weitere Stunden. Anschlie├čend begann mein Tag in aller Ruhe mit einem ausgiebigen Fr├╝hst├╝ck. Dann erst ging ich gut gelaunt zur Arbeit. Man sah mir nach, dass ich so sp├Ąt kam ÔÇô schlie├člich galt ich als zuverl├Ąssiger Kollege und erschien sonst immer p├╝nktlich in der Firma.

Meine gute Laune verschwand allerdings, als mein Chef mir wegen eines Berechnungsfehlers Vorhaltungen machte. Meinen Beteuerungen, dass dieser Fehler andere Ursachen h├Ątte und nicht von mir verschuldet worden w├Ąre, glaubte er nicht. Irgendwann patzte mir der Kragen und ich wurde laut. Zehn Minuten lang br├╝llte ich meinen Vorgesetzten zusammen. Das tat mir richtig gut ÔÇô besonders, weil er sich entschuldigte und mir f├╝r den Rest des Tages frei gab.

So setzte ich mich kurze Zeit sp├Ąter in die U-Bahn, um an den Stadtrand zu fahren. Dort wollte ich spazieren gehen. Neben mir sa├č ein junger Mann, der laut ├╝ber seine Kopfh├Ârer Musik h├Ârte. Mich nervte diese R├╝cksichtslosigkeit. Irgendwann tat ich dann das, was ich schon immer einmal tun wollte: Ich z├╝ckte mein Taschenmesser und zerschnitt das Kabel von den Kopfh├Ârern. Der Typ schaute mich entgeistert an. Als er gerade Luft holte, um mich anzup├Âbeln, sagte ich ihm, dass er blo├č das Maul halten solle, weil ich ihm sonst noch etwas ganz anderes abschneiden k├Ânnte. Daraufhin stieg er wortlos an der n├Ąchsten Station aus.

Die Endstation lag direkt an einem Waldst├╝ck. Dort begann ich einen l├Ąngeren Spaziergang. Unterwegs traf ich eine wundersch├Âne junge Frau mit der ich ins Gespr├Ąch kam. Wir merkten allerdings bald, dass uns nicht nach reden zumute war. So schlugen wir uns in die B├╝sche und liebten uns. Danach ging jeder seines Weges weiter.

Kurz darauf kam mir dann eine Dame mit ihrem Hund entgegen. Wobei "Hund" eigentlich die falsche Bezeichnung war. "Elender Kl├Ąffer" w├╝rde besser passen. Er baute sich wild bellend vor mir auf und wollte mich nicht vorbei lassen. "Der tut nichts!" rief mir die Frau von weitem zu. Aber da hatte ich den K├Âter schon mit einem gut gezielten Kick zur Seite getreten. "Wenn Sie ihn richtig erzogen h├Ątten, w├Ąre das nicht passiert!" raunte ich noch der wie versteinert dastehenden Hundehalterin zu, w├Ąhrend ich an ihr vor├╝berging.

Sp├Ąter dann, auf der R├╝ckfahrt, sa├č eine Frau in meinem Bahnabteil, die laut und ohne Punkt und Komma telefonierte. Ihr belangloses Gerede f├╝llte den gesamten Wagen. Irgendwann war dann Schicht im Schacht. Ich setzte mich neben sie und holte ein Diktierger├Ąt aus meiner Jackentasche hervor. Dieses hielt ich ihr direkt neben das Handy. Sie war nat├╝rlich emp├Ârt. Doch ich sagte ihr, dass es wohl nichts Geheimes w├Ąre, was sie da reden w├╝rde. Schlie├člich k├Ânnten ja alle im Abteil mith├Âren. Ferner outete ich mich als Wissenschaftler, der gerade ├╝ber sinnloses Gelaber in der ├ľffentlichkeit eine Forschungsarbeit schrieb. In diesem Zusammenhang w├Ąre ich derzeit dabei, Fallbeispiele zu sammeln.

Die Frau schimpfte weiter und forderte mich auf, sofort das Diktierger├Ąt auszuschalten. Ich tat dies ÔÇô und sie setzte ihr Telefonat fort. Daraufhin begann ich, laut die Nationalhymne zu singen ÔÇô und zwar nicht nur einmal. Ich war erstaunt, in wie vielen Variationen, von Arie bis Rapp, ich sie vortragen konnte. Erst, als die Frau entnervt aufstand und den Wagen verlies, stellte ich meine Darbietung ein. Die ├╝brigen Fahrg├Ąste applaudierten mir. Ich f├╝hlte mich richtig gut.

Am Hauptbahnhof angekommen f├╝hrte mich mein Weg durch die Stadt zu meinem Stammcaf├ę. Die Fu├čg├Ąngerzone war voller Menschen, so dass ich nur m├╝hsam vorankam. St├Ąndig stand mir jemand im Wege oder schlenderte so langsam vor mir her, dass ich aufpassen musste, ihm nicht in die Hacken zu treten. Bei mir setzten Beklemmungsgef├╝hle ein. Darum begann ich kehlige, grelle Schreie auszusto├čen, und die Menschenmassen wichen zur Seite, lie├čen mich durch.

Im Caf├ę herrschte Ruhe ÔÇô ich liebte diese Ruhe. So machte ich es mir bequem und las die Tageszeitung. Leider wurde die Stille j├Ąh unterbrochen. Ein Vater mit zwei Kindern enterte diesen Ort der Entspannung. Die beiden G├Âren tobten schreiend durch den Raum, spielten Fangen und warfen dabei den einen oder anderen Stuhl um. W├Ąhrenddessen zischte der Vater ihnen mehrfach hilflos zu, sie sollten doch endlich leise sein und sich ruhig hinsetzen. Doch seine Blagen dachten gar nicht daran, ihm auch nur eine Sekundelang zuzuh├Âren, geschweige denn zu gehorchen. Na ja, irgendwann reichte es mir und ich tat das, was ich tun musste. Nachdem die Schreih├Ąlse im hohem Bogen aus dem Caf├ę geflogen waren und der Mann KO am Boden lag, ging es mir deutlich besser.

Trotzdem machte ich mich auf den Heimweg. Direkt vor meinem Haus hatte mein Nachbar wieder einmal den Gehweg zugeparkt. Ob er wohl meine Botschaft verstehen w├╝rde, diesen Tritt in die Beifahrert├╝r? Sicherheitshalber ritzte ich ihm noch ein paar nette Worte mit meinem Schl├╝ssel in die K├╝hlerhaube.

Der Tag endete so genial, wie er begonnen hatte. Die Frau meines Nachbarn klingelte am sp├Ąten Abend an meiner T├╝r. Sie war zwar nicht mehr die J├╝ngste, aber eine Kanone im Bett. Ihr war wieder mal langweilig. Das kam in den letzten Jahren ├Âfters vor, und meistens besuchte sie mich dann. Manchmal, wie auch heute, brachte sie mir auch etwas zum Essen vorbei. Sie war eine gute K├Âchin. Ihr Mann hatte sich wegen des demolierten Autos ins Delirium gesoffen ÔÇô aber auch sonst fand er immer wieder einen Grund daf├╝r, um den Biervorrat im K├╝hlschrank zu leeren. Wie so oft w├╝rde er ihr Fehlen gar nicht bemerken. Ich wusste, es w├╝rde eine fantastische Nacht werden.

Kurz vor dem Einschlafen, als bereits der Abspann von "Voll ausgelebt" ablief, nahm ich mir noch vor, dass ich morgen den Film "Mein Leben als Milliard├Ąr" einlegen w├╝rde. Doch f├╝r heute schloss mein Kopfkino und machte Feierabend.

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Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

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