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Leselupe.de > Kurzprosa
Volljährig
Eingestellt am 13. 05. 2008 14:19


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Haarkranz
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Volljährig

Nach dem Kindergarten die Schule bis zur Vierten, danach Privatgymnasium. Kleine Klassen, zwei Lehrer. Hab nicht verstanden, gab’s nicht. Widerstand zwecklos. Der Stoff wurde vorgekaut, bis du kotztes. Endlich kapiert? Nein? Vergessen?
Man hatte Zeit und Geduld, am Ende gabst du auf. Jetzt hab ich Abitur, 1,9. Könnte Medizin studieren, Papa würd sich freuen. Zahnmedizin meint er, bringt die dickste Kohle.
Bin volljährig, scheiß ihm was. Fragte ihn beim Abendessen zu meinem Achtzehnten, warum er immer noch so scharf auf Kohle sei, hast doch genug, schob ich nach. Hi, hi, der hat doof geguckt. Zuerst nur so vor sich hin, dann blitzte er mich an und wollte wissen, wie ich an mein Einser-Abi gekommen sei.
„Gelernt halt, ich.“
„So gelernt?“ er, und weiter: „Wo gelernt, wenn’s dem Herrn noch erinnerlich ist?“
„Erinnerlich, Papa? Diese Quetsche, diesen Nürnbergertrichter vergess ich nie!“
„Aha, Quetsche, Nürnbergertrichter, nennt man wohl so. Was wäre ohne geworden, ohne Quetsche und Trichter? Die ich bezahlte, von meinem sauer verdienten Geld bezahlte, dass es dem Herrn Sohn einmal gut geht, er es leichter hat im Leben!“
„Er Zahnarzt werden kann,“ verlängerte ich seinen Satz, „es aber nicht werden wird, weil er Nullbock auf diesen profitablen Rachenguckberuf hat.“
„Gut, gut,“ lenkte er ein, weil meine Mutter mit ihrem scharfen „Hugo, bitte!“ eingriff, ihn an meinen Gebutstag erinnerte.
Wir saßen wie Piksieben um den festlich gedeckten Tisch. Papa schwieg, Mama lächelte. Scheiß Situation, die Mama tat mir leid. Hatte es all die Jahre nicht einfach mit mir und Hugo. Um die Stimmung aufzulockern fragte ich, soll ich was vorspielen?
Papa sofort, „Klavier?“
„Nein, Saxophon, Hugo,“ die Mama.
„Aha, Saxophon,“ er, und weiter: „Ja spiel uns was vor, Klavier wär mir lieber, aber bitte, Saxophon tut‘s auch.“
Ich spielte Strangers in the Night, Mama schloß die Augen, nahm Papas Hand, kuschelte. Ich hatte den Alten provozieren wollen, aber Mamas Gesicht ließ mich beim soften Sound bleiben. Als der Nachtisch serviert wurde, hörte ich auf. Mama fand mein Spiel toll, du spielst wie ein Profi, fand sie. Zwischen Schokoladeneis und Yoghurtkirsch lächelte ich ihr zu: „Erraten Mama, ich werde Profi. Kostet viel Arbeit, ist jedoch mein Ziel!“
Hugo starrte erst mich dann Mama an:
„Seid ihr beide von Sinnen, oder sollte ich meinen Ohren nicht trauen? Kapellmeister? Mein Sohn ein Kapellmeister?“
Ich unterbrach ihn:
„Nicht doch, Papa! Kapellmeister, wo denkst du hin! Bis ich soweit bin, vergehen Jahre! Mein Traum ist eine Band, mit eigenen Kompositionen und Arrangements. Ach was, Traum, ist Wirklichkeit. Uwe Hempel, Schlagzeug. Mimi List, Klarinette. Thomas Stark, Saxophon. Fehlt noch der Kontrabass und eventuell ein Pianist, dann geht‘s los!“
„Aha,“ der Alte, „und wie geht das mit dem Studium zusammen? Wenn schon nicht Zahnmedizin, wird doch sicher anderes studiert werden, oder täusch ich mich?“
Während er sich das mühsam beherrscht abquetschte, verfärbte eine blau rote Welle sein Gesicht, und die Augen bekamen den speziellen Glubschausdruck, der einem Wutanfall vorausging.
Ich nickte beruhigend, „Klar wird studiert, Papa. Wir haben nächste Woche einen Termin beim Konservatorium, vorspielen. Ich hoffe, die nehmen uns, genug geübt haben wir die letzten zwölf Monaten.“
„Konservatorium!? Bist du wahnsinnig geworden? Wovon willst du leben? Glaub nur nicht, ich unterstütze das! Von mir siehst du keinen Cent!“
Er riss den Knoten seiner Krawatte auf und schnappte nach Luft.
Die Mama schrie: „Hugo! Reg dich nicht auf, denk an dein Herz! Der Junge ist erwachsen, tanzt nicht mehr nach deiner Flöte!“
„Waaas? Nach meiner Flöte? Den werd ich tanzen lehren! Vor Hunger wird der tanzen! Aber du hast recht, was reg ich mich auf. Von mir ab sofort keinen roten Heller, es sei denn, er studiert Ordentliches, muss nicht Zahnklempner sein. Gute Ingenieure sind gefragt wie sonst nichts. Klimpern kann er in seiner Freizeit.“
Ich hörte Mama tief Luft holen, dann legte sie los:
„Mein lieber Hugo! Ich bitte dich inständigst, Vernunft anzunehmen. Thomas hat gegen deine Erwartungen ein prima Abi hingelegt. Jetzt hat er die ihm verhasste Schule hinter sich, kann endlich tun, was er will. Du hast ihm da nicht reinzureden! Was das Geld angeht, vergiss bitte nicht, wer deine Teilhaberin ist! Ich werde nicht dulden, dass du den Jungen weiter drangsalierst! Damit Punktum, ab sofort bekommt er seinen monatlichen Scheck von mir!“
Erst geschah nichts. Papa hockte auf seinem Stuhl, starrte an Mama vorbei die Wand an. Schüttelte mehrmals den Kopf, rappelte sich hoch, sein Stuhl fiel polternd um. Er stand seltsam verkrümmt, schwer atmend, mit beiden Händen am Tisch haltsuchend. Dann riss er mit einer einzigen, wilden Armbewegung die Tischdecke runter. Teller, Gläser, Besteck, Flaschen, die halbvolle Eisschüssel, alles krachte zu Boden, zerbarst oder kollerte durch den Raum.
Mama saß da wie versteinert. Papa fiel um, rutschte ein Stück über den Boden, lag da und zuckte merkwürdig mit den Beinen.
Ich raffte mich zusammen, beugte mich runter zu ihm und sah ihm direkt in die Augen. Das war er nicht mehr. Der Schlag hatte ihn getroffen.
Ich brach in die Knie. Bevor ich was sagen, schreien, weinen konnte, war Mama bei mir. „Der ist hin, Thomas,“ flüsterte sie, „aus und vorbei, mein lieber Hugo. Ruf Dr. Schack an, schnell.“

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