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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vollmondnacht
Eingestellt am 09. 02. 2014 15:02


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CoConut
Hobbydichter
Registriert: Feb 2014

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Es war dunkel im Zimmer. Der Mond die einzige Lichtquelle. Ich wollte es nicht sehen. Nicht die Sammlung von Stofftieren, fast vergessen in einer Ecke, auch nicht die Schwimmpokale auf dem Regal, die Ihm geh├Ârten. Wie weit lag das zur├╝ck? Leise und gleichm├Ą├čig h├Ârte ich Ihn atmen. Ein...aus....ein...aus. Wir ber├╝hrten uns nicht, doch Er war nah genug, dass ich Seine W├Ąrme sp├╝rte. Nah genug, dass ich mich mit Ihm verbunden f├╝hlte. War es richtig, dass gerade ich es war, die in diesem Moment bei Ihm sein konnte? Genau so gut h├Ątte es Mutter sein k├Ânnen. Noch vor einiger Zeit war sie hier gewesen, hatte Ihm aus dem Buch mit den Geschichten vorgelesen, die Er so liebte. Das gleiche jede Nacht. Er wollte auf die h├Âchsten Berge steigen, in den Tiefsten Meeren tauchen, der Held sein, der die Welt rettet und den Feind austrickst. Jede Nacht. Ob Er in diesem Moment von einer dieser Geschichten tr├Ąumen mochte? Ich war mir sicher, dass es Seine Absicht gewesen war. Niemand aus der Familie verstand, warum Er in dieser Zeit seine Leidenschaft f├╝r das Immergleiche entdeckte, warum Er sich nicht aufmachte, die Welt zu erkunden, warum Er jeden Morgen Haferbrei a├č, und nicht Vanilleeis zum Fr├╝hst├╝ck, f├╝r Seine Pr├╝fungen nach den Ferien lernte und still um die H├Ąuser zog. Warum Er allein schlafen wollte, in Seinem Zimmer, in Seinem Bett. Jede Nacht. Jede Nacht, bis auf diese, in der Er mir nur mit den Augen die Erlaubnis gab, ich nur mit den Augen einwilligte. In dieser Nacht ber├╝hrten wir uns nicht mehr. Mein Name war das einzige, was ├╝ber Seine Lippen kam. Fragend, forschend. Als wollte Er wissen, ob ich noch neben Ihm L├Ąge, auf der Blauen Matratze, ob ich nicht etwa gegangen war. Gehen? Ich? Nein, mich hielt Er fest wie alles andere, dass Er schon so lange festhielt. Von diesem war ich ein Teil und es war ein Teil von mir. Ja, ich brauchte Ihn, und Er brauchte mich. Mein Verlangen, Ihn anzusehen, wurde ├╝berm├Ąchtig. Nein, ich durfte ihm nicht nachgeben, musste mich mit der Vorstellung zufriedengeben. Sein feines blondes Haar, dass immer, sicher auch jetzt, ein wenig zerzaust war. Das rundliche, dennoch kleine Gesicht. Klein war alles an Ihm, kaum hatten die neun Jahre Seines Lebens Spuren an ihm hinterlassen. Nicht innen, nicht au├čen. Noch war Seine Haut zart wie die eines Kleinkindes. Seine Haut, die ich jetzt nicht mehr ber├╝hren w├╝rde. Nicht heute, dachte ich, doch es f├╝hlte fehlerhaft an, wie ein Puzzleteil, dem Ecken und Kanten fehlten. In Gedanken fuhr ich mit meinen Fingern Sein zartes Profil entlang, zuerst Seine Stirn, dann ├╝ber Seine leicht nach innen gew├Âlbte Nase, bis hinunter zum Kinn. Eine Geste, die uns beide so lange begleitet hatte, dass ich nicht mehr wusste, was ihr Ursprung gewesen war. Er war mir entfallen. W├╝rde mir irgendwann auch das L├Ącheln entfallen, mit denen Er meine Ber├╝hrungen, meine Worte, meinen Trost erwiderte? Seine Stimme in meinen Ohren? Seine Hand an meiner? Noch wusste ich keine Antwort. Ein...aus... ein...aus. Die Augen konnte ich nicht ├Âffnen. Zu schwer und zu ruhig f├╝hlte sich mein K├Ârper an, wie aus Blei. Ich konzentrierte mich auf meinen eigenen Atem, versuchte, mit Ihm zu atmen, aber schon bald gab ich dieses Spiel auf. Fast hatte ich vergessen, dass ich hier war, um zu schlafen, nat├╝rlich nicht schlafen durfte, nein. Das Wachbleiben fiel mir trotz der M├╝digkeit, die sich von den letzten Wochen in mir gesammelt hatte, nicht schwer. Diese war keine dieser qu├Ąlenden schlaflosen N├Ąchte, nein, sie war ein Geschenk, wie es jeder Moment an Seiner Seite f├╝r mich geworden war. Doch auch diese Nacht w├╝rde bald hinter uns liegen. Wie sp├Ąt mochte es sein? Drei Uhr, vier Uhr? Seltsam, wie man in manchen Momenten jedes Zeitgef├╝hl verliert. Doch das war mir gleich. Stunden, Minuten, Sekunden hatten unsere Welt l├Ąngst verlassen, Augenblicke blieben. Vielleicht, weil wir wussten, dass Zeit nicht mehr existierte. Nein, Zeit spielte keine Rolle mehr. Es war zu still. Das atmen hatte aufgeh├Ârt. Unspektakul├Ąr, und doch erbarmungslos. Meine Ohren h├Ârten es, wenn sie es denn h├Âren konnten: die Stille. Ich verbot ihnen, sie meinem Verstand zuzutragen, sie zu realisieren, schaltete mein Denken ab. Denken wollte ich noch nicht, denn Nichts hatte sich ge├Ąndert, und nichts w├╝rde sich ├Ąndern, solange wir so lagen, ich neben Ihm, Er neben mir, auf der blauen Matratze. Wenn der Sonnenaufgang nahte, wenn Mutter und Vater langsam aufstanden, wenn ich die Augen ├Âffnen musste, das wusste ich, w├╝rde ein neues Leben f├╝r mich beginnen. Doch jetzt w├╝rde ich noch bei Ihm bleiben, Seine W├Ąrme sp├╝ren, mein Inneres verschlie├čen und den Schl├╝ssel in tiefe Meere sinken lassen, viel tiefer als die Meere, in denen Er in seinen Tr├Ąumen tauchte. An nichts denken, nicht an morgen, nicht an ├╝bermorgen. Jetzt. Jetzt war es dunkel im Zimmer. Der Mond die einzige Lichtquelle. Vollmond.
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In jedem Menschen ist etwas kostbares, das in keinem anderen ist.

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