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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Vom Erstarren
Eingestellt am 05. 08. 2016 01:04


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lilactime
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2016

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Der Morgen graute. Es versprach ein freundlicher, sonniger Tag zu werden, soweit man das am wolkenlosen Himmel ablesen konnte.

Sie hatte wieder auf dem Sofa geschlafen und trug noch die Kleidung des letzten Tages. Selbst ihre Schuhe aus d├╝nnem Leinenstoff hatte sie nicht ausgezogen.
Der Fernseher lief stumm, das Licht brannte.
Auf der Seite liegend, die Beine angewinkelt, einen Arm unter den Kopf geklemmt, beobachtete sie regungslos, wie der Himmel von einem diffusen bleigrau zu immer freundlicheren T├Ânen aufhellte.

Sie dachte an die Ferien ihrer Kindheit, in der diese sechs Wochen im Sommer kein kurzer Abschnitt eines schnell durchlebten Jahres waren, sondern ewig w├Ąhrende, weitl├Ąufige Zeit-Inseln in einem Meer aus M├Âglichkeiten.
Damals begr├╝├čte sie jeden Morgen mit einem pers├Ânlichen Handschlag.
Was war nur mit dem Ph├Ąnomen der Zeit geschehen?, fragte sie sich.
Wo sich fr├╝her Ewigkeiten auftaten, begegnete sie sechs Wochen heute mit einem gleichg├╝ltigen Schulterzucken.
Aus dem Handschlag am Morgen war im besten Fall ein Weiterwinken geworden, zumeist jedoch ein spontanes Abwinken.

Ihr Mund war trocken, sie sp├╝rte das Verlangen, nach dem Rest des Wein-Wasser Gemisches zu greifen, welches vor ihr auf dem Wohnzimmertisch stand ÔÇô doch hatte sie Bedenken, ihre Starre zu durchbrechen.
Dynamik in jeder Form war ihr fremd geworden. Selbst der Griff zum Glas war ein Kraftakt, der zun├Ąchst geplant und anschlie├čend geleistet werden musste.
Das Bild eines kleinen Beutetieres kam ihr in den Sinn, welches angesichts des Greifes, des Fuchses, der Schlange nicht um sein Leben rennt, sondern um sein Leben erstarrt, unsichtbar wird.

Ihr pers├Ânlicher Fressfeind war der Alltag.
Es waren keine au├čergew├Âhnlichen, kraftraubenden Dinge, die ihr die F├Ąhigkeit und den Willen raubten, am Morgen aufzustehen.
Es waren die zerm├╝rbenden Kleinigkeiten. Das Z├Ąhneputzen. Der Weg durch den Hausflur. Die Bedienung der Kaffeemaschine. Das Vibrieren ihres Telefons, welches sie seit einiger Zeit konsequent ignorierte.

Der Tag hatte sich inzwischen voll entfaltet und hielt sein fr├╝heres Versprechen.
Die Sonne schien durch die tr├╝be Fensterscheibe und malte verspielte Muster auf die Tischplatte vor ihr.
Sie starrte an die gegen├╝berliegende Wand ÔÇô ohne einen Wimpernschlag seit Ewigkeiten.
Auch das Starren hatte seine Vorteile. War die k├Ârperliche Unbeweglichkeit ein Schutz gegen die Anforderungen des Alltags, bes├Ąnftigte das Starren das penetrante Kreisen unscharfer Bilder vor ihrem inneren Auge, welche eine hintergr├╝ndige Bedrohlichkeit mit sich brachten, die sie sich nicht erkl├Ąren konnte.
Sie litt nicht in einer klaren, offensichtlichen Form. Auch versp├╝rte sie keine Traurigkeit, keine Schuldgef├╝hle oder Scham.
Die L├Ąhmung war eine effektive Taktik gegen den Druck der verstreichenden Tage und ihr war trotz allem bewusst, dass diese Taktik komplett unvereinbar mit jeglichen Anforderungen des Lebens war.

Es klingelte an der T├╝r.
Der Greif, der Fuchs, die Schlange ÔÇô sie schlugen zu in diesem Moment.
Der schrille Ton bohrte sich ungebremst in ihren Kopf, er kam einher mit dem Beigeschmack von Forderungen und Verpflichtungen sowie der unendlichen M├╝he, die es sie kostete, den pers├Ânlichen Kontakt mit Menschen auszuhalten.
Der Impuls, einfach noch ein wenig mehr einzufrieren, den Atem anzuhalten und die Situation so zu ├╝berstehen, war m├Ąchtig. Was jedoch noch m├Ąchtiger erschien, war ein lebenslang ge├╝btes, aufkonditioniertes Pflichtgef├╝hl: Wenn es klingelt, geht man an die T├╝r und ├Âffnet. Der Zwang hinter der lauten T├╝rklingel schien ihr ein gr├Â├čerer zu sein als der ihres nur vibrierenden Telefons.
Die alte Gewohnheit siegte. Nach kurzem Z├Âgern erhob sie sich und war auf den Beinen. Kurz ging ihr Pawlows sabbernder Hund durch den Kopf, der unwillk├╝rlich mit Speichelbildung auf den Ton einer Klingel reagiert, die Futter verspricht.
Der Eindruck, dass sie inzwischen fast nur noch mechanisch funktionierte, verst├Ąrkte sich.
Ihr Kreislauf kam schleppend in Gang, Schwindel verlangsamte ihre Schritte, als sie den kurzen Weg durch den Flur zur Wohnungst├╝r hinter sich brachte.

Widerwillen, Abneigung ├╝berkamen sie, als sie den Summer dr├╝ckte, der den Weg in den Hausflur freigab und sie die schnellen, nachdr├╝cklichen Schritte des Postzustellers die Treppe hinaufpoltern h├Ârte.

Ohne ihr ins Gesicht zu schauen lie├č der gehetzt wirkende, schwitzende Mann sich ein kleines Paket quittieren und ├╝bergab es ihr zusammen mit einem Einschreiben, auf dessen Umschlag sie bei einem fl├╝chtigen Blick als Absender die Adresse ihrer Mutter erkannte.

Sie kehrte ins Wohnzimmer zur├╝ck und lie├č das Paket achtlos auf den Tisch gleiten.
Der Drang, sich aufs Sofa zur├╝ckzuziehen und den Prozess des Erstarrens erneut in Gang zu setzen, war fast ├╝berm├Ąchtig.
In den letzten Tagen hatte sie eine seltsame Angst davor entwickelt, sich nachts ins Schlafzimmer und in ihr Bett zu begeben. Im Bett, so ihre Bef├╝rchtung, in dem Wust aus Kissen und Decken, k├Ânnte es passieren, dass die Starre sie so vereinnahmen w├╝rde, dass sie ihr am Ende nichts mehr entgegenzusetzen h├Ątte - und das Aufstehen somit endg├╝ltig ein Ding der Unm├Âglichkeit w├Ąre.
Deshalb bevorzugte sie das ÔÇ×sicherereÔÇť, weil ├Ąu├čerst unkomfortable Sofa.

Den Umschlag hielt sie noch in der Hand.
Es war das erste Mal, dass ihre Mutter ihr schrieb. Solange sie sich zur├╝ckerinnern konnte, hatte seit ihrem Auszug jeglicher Austausch ├╝bers Telefon oder im Zuge der seltenen Treffen stattgefunden. Ihre Mutter lebte weit entfernt in einer s├╝ddeutschen Gro├čstadt.
Sie erinnerte sich verschwommen an die Penetranz und H├Ąufigkeit, mit der in den letzten Tagen das Telefon vibriert hatte und f├╝hlte ein leises Gef├╝hl der Betroffenheit in sich aufsteigen.

Der Text war knapp und n├╝chtern.

Ihr j├╝ngerer Bruder, der seine Ausbildung nahe der Heimatstadt ihrer Mutter absolvierte, sei bei einem Autounfall schwer verletzt worden.
Er liege auf der Intensivstation in einem Krankenhaus der Landeshauptstadt.
Man warte auf ihr Eintreffen, so schnell wie nur m├Âglich. Ein Zimmer sei bereits reserviert.

Sie las die Worte zweimal, legte den Bogen dann zur Seite.
Die Emotionsflut angesichts der Nachricht blieb aus.
Um dieser eine zweite Chance zu geben, verharrte sie und horchte in sich hinein, hoffte auf ein Heranrollen von Besorgnis, Mitgef├╝hl oder zumindest irgendeiner eindeutigen R├╝ckmeldung ihrer inneren Systeme.
Diese kam nicht.

Ihr kleiner Bruder war ihr stets nahe gewesen. Auch, wenn ihre Verbindung durch die gro├če Entfernung zeitweise f├╝r mehrere Wochen abbrach, konnte sie sicher sein, dass nichts Fremdes oder Distanziertes zwischen ihnen stand, wenn sie sich anschlie├čend wiedersahen oder telefonierten.
Die Vorstellung dieses energiegeladenen, manchmal fast hyperaktiv wirkenden Menschen in einem Bett auf der Intensivstation schien ihr so grundlegend falsch zu sein, dass ein klares Bild davon sich nicht einstellen wollte.

Vor ihrem inneren Auge sah sie sich ihre Sachen packen, die Wohnung verschlie├čen, in das Taxi zum Bahnhof steigen, die lange Zugfahrt absolvieren.
Sie sah ihre Mutter vor sich, die sie am Bahnsteig in Empfang nehmen w├╝rde, den Weg zum Krankenhaus, die sterilen G├Ąnge, das Krankenzimmer, das Bett, die Ger├Ąte ÔÇô nur ihr Bruder selbst passte beim besten Willen nicht in die Szenerie.

Endlich f├╝hlte sie angesichts dieser Vorstellung, wie Regungen begannen durch ihre innere Sperre zu sickern.
Eine Mischung aus Angst, Unglauben und Besorgnis stieg in ihr auf. Ein unangenehmes Kribbeln der Unruhe setzte ein und startete einen Aktionismus, den sie verbl├╝fft zur Kenntnis nahm ÔÇô so fremd war er ihr geworden.

Sie k├Ânnte den Zug, der gegen Mittag fuhr, noch erreichen, w├Ąre dann abends vor Ort.
Um zu packen bliebe ihr eine halbe Stunde Zeit.
Wahllos und fahrig begann sie, Kleidung in eine abgenutzte Reisetasche zu stopfen und Bargeld aus den Taschen getragener Jeans zusammenzutragen.
Je l├Ąnger ihr Tatendrang anhielt, desto deutlicher sp├╝rte sie, wie ihre Bewegungen schwerf├Ąlliger und ungerichteter wurden.

Als sie ins Bad ging, um dort die letzten n├Âtigen Dinge zu holen, verharrte sie in der T├╝r, hatte vergessen, was zu tun war. Sie lie├č sich auf den Rand der Badewanne sinken und sa├č dort lange. Starrend.


*


Die D├Ąmmerung, die auf den freundlichen, sonnigen Tag folgte, schlich sich durch die tr├╝ben, ungeputzten Fensterscheiben ihrer Wohnung.
Der Tag ging farbgewaltig zur Neige, in T├Ânen, die so intensiv waren, dass sie unecht wirkten.

Auf der Seite liegend, die Beine angezogen, einen Arm unter den Kopf geklemmt, beobachtete sie das Schauspiel vom Sofa aus.
Regungslos.

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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