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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Vom Glühen (Terzinen-Sonett)
Eingestellt am 01. 10. 2014 10:49


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Bernd
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O wilder Dichter, der du Verse schreist,
tief in die Nacht hinaus, in grimmen Frost,
(dort sind die Fenster und die Seen vereist,)

der Zauber deines Lauts verwandelt Rost
in rotes Glühen und in gelben Dunst,
doch sieh, durch Überwürzen stirbt die Kost.

Durch Überwürzen schaffst du niemals Kunst,
schreib einfach, sanft und ohne jeden Zorn,
doch gib ihr dich, weil sie ja sonst verunst.

Und dann beginnst du noch einmal von vorn,
zerreist das Blatt, auf dem die Dichtung sprüht,
(die Flinte wirfst du nicht so schnell ins Korn,)

Du dichtest weiter, doch es klingt bemüht,
und immer weiter, bis die Feder glüht.

__________________
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Mondnein
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Hyperbeln und andere Stilwürzen

Die 14-Zahl der Verse und das Paar am Ende machen die Terzinen wohl zu einem Sonett? Zu einem Terzinensonett. Sehr harmonische Form, schwingender als die (meistens auch eher ruhig betrachtenden) Quartette der Sonette).
Am Anfang habe ich eher so ein Oxymoron von "glühendem Frost" erwartet (das ich selber schon fast zu häufig verwende), aber von der Temperatur springt die Metaphernfolge auf den Geschmack und die Würze über: die Zunge glüht. In der Tat kenne ich es aus dem tropisch-heißen Indien, wie sehr einerseits die Zunge von den Messern der Gewürze zerfleischt werden kann (Chili chillt nicht), und wie - in Geschmacks-Entsprechung - die Dichtung in die Extreme der Stilfigurenblüten getrieben werden kann. Die indische Dichtungstheorie reflektiert das in dem Beispielvers:

quote:
Der Schöpfer hat das Weltenall zu klein gemacht
Und nicht bedacht, daß einst dein Busen derart schwellen würde

"Zerreisen" (etwa in Labyrinthen, oder in dem Fluchtpunkt am Horizont, wo die beiden Gleise der Bahn einander berühren) ist gewiß nicht dasselbe wie "zerreissen" - oder ist das in der 2.Sg. Präsens ununterscheidbar?

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sato bandhum asati nir avindan
hridi pratishya kavayo manisha

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Bernd
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Danke. Mondnein, ich habe die Form von hier: Hier klicken "Every Sonnet" - Terza Rima Sonnet Hier klicken (in Englisch)

Es ist gewissermaßen ein Experiment.

"Zerreist" ist eigentlich ein Rechtschreibfehler, aber ich sah, dass in Deiner Interpretation viel drinsteckt (zerreisen statt zerreißen).

Das hilft, da auch ein anderer Neologismus drin ist und obendrüber die Form verformt wird, es sind gewissermaßen F1-Hybriden aus Sonett und Terzine.

In England tauchte die Form im 19. Jahrhundert auf.

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Mondnein
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Aha: englische Form - wo das englische Sonett ja nicht umarmend abba sondern kreuzreimt abab; so fängt es mit einem englischen Quartett an (aba-b); erst die Schlußzeile des (wenn man die Vierergruppen abab cbcd gliedert) zweiten "Quartetts" reimt nicht mehr im cbcb-Wechsel, sondern schwingt im cbcdcd-Terzinenwechsel weiter.
Der "andere" (eigentliche, also einzige) Neologismus ist wohl die Stummelverbform "verunst.", die mit ihrem Punkt wie die Abkürzung von "verunstaltet" aussieht; zugleich steckt das Personal- bzw. Reflexivpronomen "uns" darin, primär aber gewiß das verbalisierte Verneinungspräfix "un": verunsen. Oder war es noch ganz anders gemeint?

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Bernd
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... Alles gemeinsam.
uns un verunstaltet - vorrangig aber verunst - vs. vermicht/verihrt usw.

---
In England tauchte diese spezielle Form von Terzinen auf, wenn ich der angegebenen Quelle vertrauen darf.
Klar ist, dass die Reime dann den Terzinen folgen müssen.

Es ist also nicht die klassische Sonettform, sondern die Terza-Rima-Sonnett-Form gemeint.
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cellllo
Guest
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Hallo Bernd :
"verunst" klingt eben nicht "einfach und sanft",
sondern eben wirklich ziemlich "bemüht" !
Da angeblich ein blindes Huhn auch mal ein Körnchen finden kann,
wage ich folgenden Vorschlag :

"Durch Überwürzen schaffst du niemals Kunst,
schreib einfach, sanft und ohne jeden Zorn
und diene ihr, weil du sie sonst verhunzt."

cellllo

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Bernd
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Hallo, Cellllo,
ich hatte zuerst "verhunzt" stehen, in einer leicht anderen Fassung, als die von Dir vorgeschlagene.
Davon abgewichen bin ich, um es zu zeigen, statt es zu beschreiben.

Ich bin aber einverstanden.

O wilder Dichter, der du Verse schreist,
tief in die Nacht hinaus, in grimmen Frost,
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der Zauber deines Lauts verwandelt Rost
in rotes Glühen und in gelben Dunst,
doch sieh, durch Überwürzen stirbt die Kost.

Durch Überwürzen schaffst du niemals Kunst,
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doch gib ihr dich, weil du sie sonst verhunzt.

Und dann beginnst du noch einmal von vorn,
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(die Flinte wirfst du nicht so schnell ins Korn,)

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