Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92225
Momentan online:
66 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Ungereimtes
Vom Kreuz
Eingestellt am 17. 09. 2004 22:32


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
Kommentare: 783
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gareth eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

„Du musst verschwinden“, sagte jener auf der Erde,
einsam, krank und elend und verwundet,
„das wird mein Erbe sein, fĂŒr meine BrĂŒder, Schwestern,
nur das ist mir geblieben noch zu tun.
Ich sage es dies eine, letzte Mal.“

Fragend schwieg das Himmelreich zurĂŒck.

„So schweige nur, so schweige noch am Ende,
denn wahrlich, deiner Worte sind genug.
Betrachte deine Wege durch die Zeiten
und messe sie getrost an deinem Worte,
dann stell, o Herr, gerettet und verloren, die Bilanz
und sieh gleich mir die Folge deines Wirkens:

verloren die, die kritisch ihre Gaben
zu nutzen trachten, wie du sie geheißen,
gerettet noch die Ärgsten, so sie glauben.

Ein Dutzend Leben gegen tausend Tode,
ein GrÀnlein Weisheit gegen wilden Wahn.
Ein gnadenloses Schlachten dir zu Ehren,
von dir nicht nur geduldet, nein, begrĂŒĂŸt,
gewollt, so lesen sie in jenen Schriften,
die kĂŒnden von Gewalt und Mord durch dich.
Das ist was bleibt, von uns, von unserm Wollen,
das ist, was ich erreicht, mit meinem Plan.

Sie werden töten, brennen, morden, Jahr um Jahr,
in tausend Jahren noch in unserm Namen
und Religion um Religion wird sich erheben,
Gerechte, Ungerechte, niemand wird sie scheiden
und nie wird sein des Treibens je ein Ende.
Es dĂŒrstet mich, all das zu widerrufen,
was ich gesagt, die Menschen zu befreien,
den Blick auf deinem Himmel. Dieser Schuld
mich zu begeben, wenn ich gehe, schreit mein Herz.

Und zwing mich nicht, so lange hier zu reden,
die Zeit ist knapp, Jehova, höre gut:

Lass alles Spekulieren auf mein rasches Ende,
lass mich allein nun hier und geh davon
und zwing mich nicht, die Sache aufzuklÀren
an diesem Ort, von diesem Kreuz herab.“

Und Wind kam auf und es begann ein Ringen,
ein letzter Kampf um Wahrheit und um Liebe,
um Hoffnung und Versagen, Schuld und SĂŒhne,
begleitet wild von Sturm, Nacht, Blitz und Beben,
bis endlich der, der mit den vielen Namen,
der ewÂŽge Schweiger, dienstbar allen MĂ€chten,
das Himmelreich verließ und der am Kreuz
sein Leben gab, erschöpft im letzten Sieg.

Und dieses war der Handel, der geschlossen:

Ich, Jesus Christus, Mensch und reinen Herzens,
der Menschensohn und Hoffnung fĂŒr die Vielen,
die sich mir anvertraut, bin schuldig des Versagens.
Und doch, in dieser Stunde meines Todes
sei der Moment der Wahrheit und des Lichts.
Ich will Erlösung schaffen, Schutz fĂŒr alle Menschen,
um die ich einst geworben reinen Glaubens,
und Helfer wieder sein und nicht VerfĂŒhrer.
Das Wesen Gott, rachsĂŒchtig und versagend,
an das ich mich gebunden in Verblendung,
wird nicht mehr sein, sobald ich nicht mehr bin.
Dies soll uns sein ein eherner Vertrag
und mein VermÀchtnis, dass von allen Menschen
Verzeihung mir gewÀhrt sei nun zuletzt.

Und dies ist was ich biete, höre gut:
Ich will dich ‚Vater’ nennen noch dies eine Mal,
im Angesichte derer die mich lieben,
von diesem Kreuz herab im Angesicht des Todes,
herab von diesem Kreuze deiner Schande.

So werden sie dich wahren in den Herzen,
Musik und Dichtung widmen ihrem Höchsten,
mit reiner Seele und mit freiem Geist
aufstrebend sich bemĂŒhÂŽ n in ihren Besten.

Doch Krieg und Frieden, Krankheit und Verderben,
gelöst, entzogen ewig deinem Willen,
sei einzig nun anheim gestellt dem Walten
der KrĂ€fte dieser Welt fĂŒr die es eins bleibt:
Leben oder Tod, in wahrer Harmonie.
Und ebenso sei es mit all der Liebe,
mit all der ZĂ€rtlichkeit, die Menschen tief empfinden,
sie sei gelöst vom Glauben, fĂŒr und fĂŒr.
Ihr sollt einst leben ohne SĂŒnde, Scham und Schuld,
euch lieben ohne Furcht, folgt euren Herzen,
lasst ab von jedem Urteil nach dem Glauben,
seht in der Liebsten Augen und erkennt
darin, was immer euch zu wissen drÀngt.

Ihr werdet es verstehen eines Tages
und dann den ersten Schritt zur Freiheit tun
und Menschlichkeit, nicht Glaube wird euch leiten.
Ach könnt dereinst ich der sein, es zu kĂŒnden“.

Und jenes Wesen mit den vielen Namen,
geboren aus Entsetzen, Leid und Tod,
genÀhrt von Liebe, Einfalt, Schuld und Angst,
verließ das Himmelreich, das mit ihm endet.

Und wÀhrend schon sein Haupt sich sterbend neigte,
sprach laut des Menschen Sohn noch einmal: „Vater.
Es ist vollbracht!“, vernehmlich fĂŒr die Zeugen.

Dies Opfer, BrĂŒder, Schwestern, sollt ihr ehren
und seid gewiss, dass alles, was geschehen
auf dieser dĂŒnnen Kruste unsrer Erde
seit jenem Tag hat seinen Ursprung hier.

Und wenn ein Edler stirbt in jungen Jahren
und wenn ein Mörder, SchlÀchter, schwelgt als freier Greis,
dann sei der Mensch allein des Menschen Richter.
Sucht letzte GrĂŒnde, Hilfe nur in Euch.

Dies ist die Lehre, seht, die euer Bruder
zum Preis des eignen Lebens euch erstritten.

Der diese Kenntnis mĂŒhsam hat erworben,
er kann euch nur berichten, handelt selbst.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

An gareth

Als ich diesen Text las, fiel mir ein anderer von dir ein, den ich wieder und gerne las: Ein Junitag anno 98. Dort wie hier finde ich deine Auseinandersetzung mit jenem, den du Gott nennst, eigenwillig und gut in der AusfĂŒhrung.

Sowohl das Thema als auch der sprachliche Niederschlag verlangen mehr vom Leser als nur ein paar Minuten der oberflĂ€chlichen LektĂŒre. Zu lange ist es aber nicht. Das Sujet braucht LĂ€nge, Getragenheit des Versmaßes und eine angemessene Sprache. Und dies hast du getan.

Selbst Handeln. Damit vor allem kann ich mich identifizieren. Weil ich immer schon den Gedanken des Handelns vertreten habe. Nicht den des Wartens und des sich in die Opferrolle Begebens.

Lotte Werther

Bearbeiten/Löschen    


Kasoma
Guest
Registriert: Not Yet

Na, lieber Gareth...

ist denn heut schon Weihnachten?
Da hast Du uns ein schönes, schweres Geschenk gemacht...
Von der Aussage her gebe ich Lotte recht: sehr weise und wahr, alles in allem. Aber: sprachlich sehe ich ein ungewisses Kuddelmuddel... ne, das klingt nicht, zumindest nicht in meinen Ohren!
Schon im ersten Abschnitt die drei "und", dann die Stelle, dass der Himmel schweigend zurĂŒck blickt - außerdem viel zu viele steife Hauptwörter...
Ich habe es durchgehalten, weil ich die Botschaft erfassen wollte und das ging dann auch...

trotzdem, sei herzlichst gegrĂŒĂŸt von Kasoma

P.S Oh, ich sehe gerade, es sind nicht drei "und", es sind nur zwei, aber drei Adjektive stehen dazwischen...sei es drum: Ich mag es nicht! Aber alles rein gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig, bin kein Lyrikexperte, sorry

Bearbeiten/Löschen    


gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
Kommentare: 783
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gareth eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Ja, ich kenn die auch, Kasoma,

die Lehren, die besagen, dass wir möglichst wenig Adjektive und wenig steife Hauptwörter einsetzen sollen. Das sind schöne, einfache Regeln, die man sich gut merken kann *seufz*.
FĂŒr deine Bereitschaft, es zu Ende zu lesen, obwohl du es nicht magst, sei dir gedankt.

Dir, liebe Lotte Werther, danke ich ebenfalls fĂŒr die Auseinandersetzung mit dem Text und das Finden von Begriffen, die sich von 'ungewissem Kuddelmuddel' fĂŒr meine armen Ohren wohltuend abheben, nachdem ich mir so viel MĂŒhe mit der Metrik gemacht hab :o)

So viel fĂŒr den Moment von

gareth

Bearbeiten/Löschen    


Kasoma
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Gareth,

nein, ich kenn sie nicht diese Regeln, um so mehr scheinen sie mir ihre Berechtigung zu haben, wenn es sie denn gibt...
Ich finde der Ausdruck "Kuddelmuddel" ist hier gut gewÀhlt, er beschreibt laienhaft, was ich denke, doch er trifft den Kern...

In der Bibel herrscht ein Ton vor, der feierlich, tragend und von eingĂ€ngiger Melodie ist...dennoch ist er schlicht und nicht verworren - so hĂ€tte ich mir dieses StĂŒck gewĂŒnscht...wenn Du verstehst...

Von diesen SÀtzen werde ich morgen keinen mehr wissen und das tut mir leid, weil Du mir ein echtes Geschenk hÀttest machen können, Du ja...

Gruß von Kasoma, die nett und nicht gern anderer Meinung ist

Bearbeiten/Löschen    


lapismont
Foren-Redakteur
HĂ€ufig gelesener Autor

Registriert: Jul 2001

Werke: 223
Kommentare: 7560
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um lapismont eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Gareth,

mir scheint Form und Ausarbeitung perfekt zusammenzuspielen.
Entgegen gewöhnlichen Texten, die sich mit der Eigenverantwortlichkeit des Menschen beschĂ€ftigen, nimmst Du Dir die Zeit und das Recht eine Argumentation ĂŒber den Umweg ihrer Herkunft zu fĂŒhren.
Einen Held der Christen zu wÀhlen, ist hier wohl dem kulturellen Umfeld geschuldet.
Das Jesus am Kreuz seinen Gott besiegt, macht ihn Prometheus gleich.
Allerdings bleibt auch hier der dunkle Nachgeschmack, mit welchem Recht sich ein Einzelner zum Befreier Aller aufgerufen fĂŒhlt, denn in letzter Konsequenz brauchen die Menschen selbst das nicht.

cu
lap

__________________
Kunst passiert.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Ungereimtes Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!