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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Vom Mann der niemandem ins Auge schaut
Eingestellt am 16. 04. 2018 17:05


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Etma
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2016

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Eine grobe Skizze

Vor einem Jahr einmal habe ich meinem Bruder zu intensiv in die Augen geschaut ÔÇô das hat mich ruiniert. Seitdem meide ich Gesichter. Ich kann sie nicht ertragen, diese konzentrierte Energie die mit einem Blick einhergeht. Es muss ├╝berhaupt kein strenger Blick sein. Es reicht, wenn man neutral oder sogar schwach schaut. Ja, sogar ein Gesicht mit verschlossenen Augen bereitet mir Angst.

Von sozialen Netzwerken halte ich mich heute fern. Das sind Gesichter und Augen, Gesichter und Augen. Auch Werbeplakate und Fernseher sind f├╝r mich unm├Âglich geworden. Ich lebe sozusagen wie ein Urmensch, einsam, obwohl ich in einer Gro├čstadt wohne. Jeden Tag gehe ich an hunderten Personen vorbei, doch keiner einzigen begegne ich. Niemals trifft mein Blick den Blick eines anderen. Wenn ich also zum Beispiel durch die Stadt spaziere oder einfach nur auf dem Weg zur Arbeit bin spiel ich mein Spiel: Dort ein Fu├č, hier ein Bauch, ein Hinterkopf doch keine Augen, kein Gesicht! So gehe ich dann mit gesenktem Blick voran oder fixiere mich auf ein Geb├Ąude in der Ferne, vielleicht sogar die Wolken, das Himmelzelt, doch niemals das kleine galaktische Farbspiel das wir Iris nennen und die Pupille darin. Das sind doch fremde Menschen, was k├╝mmert mich da ihr schwarzes Loch?

Meine Eltern haben sich mittlerweile schon an mich gew├Âhnt. Wenn ich sie besuchen fahre, steckt jeder in seiner Rolle: Beim Essen ist es einfach. Ich esse. Blick zum Teller. Wenn ich etwas zu sagen habe, rede ich mit meiner Suppe. Mutter antwortet, Vater schweigt ÔÇô beiderseits besorgt um mich. Wenn wir uns aber begr├╝├čen oder verabschieden, komme ich mir wie ein Kind vor. Das allerdings nicht aus dem Grund, dass es meine Eltern sind, sondern viel mehr, weil ich ├╝berall hinschaue, au├čer in das mitleidige Gesicht dieser meiner beiden allerliebsten Menschen auf der Welt. Manchmal habe ich das Gef├╝hl ich verliere sie. Mit jedem Tag, der verstreicht, distanziere ich mich immer mehr von ihnen. Ich bin ein Astronaut sozusagen ÔÇô auf einer Rakete durch das All in Richtung Unendlichkeit. Die Menschheit geh├Ârt meiner Vergangenheit an. Ich bin einsam und alleine und genie├če es.

Ich vergesse wie Gesichter aussehen, zeichnete mir mal eines, doch bin ausgerastet ÔÇô begann zu zittern. Die Augen: ich konnte sie nicht ertragen. Viel zu lebendig waren sie. F├╝r ein paar Momente aber konnte ich meinen Blick nicht loslassen, war komplett im Bann des Bildes, auf die Augen fixiert. Musste es schlie├člich zerrei├čen. Die Fetzen verbrannte ich.

Mein Spiegelbild ist mir eine ebenso gro├če Bedrohung, wie Mitmenschen. Das Rasieren lasse ich f├╝r eine Weile. Beim Friseur ist einmal ein Inzidenz passiert: unsere Augen trafen sich. Ich war gel├Ąhmt vor Angst. Seitdem wachsen meine Haare fr├Âhlich vor sich hin. Mir macht das nichts ÔÇô sehe ich eben aus wie ein Hippie. Au├čerdem glaube ich, dass mir Bart und Dutt stehen. Doch wie lange ist es her, dass ich mich selbst gesehen hab?

Die ersten paar Monate nach dem Trauma waren besonders schwierig. Intuitiv blickte ich immer wieder ins Antlitz anderer und stand still vor Furcht. Schnaufend. Ich sp├╝rte das Ende des Universums ÔÇô die Apokalypse an der T├╝r klopfen. Tatenlos musste ich zusehen wie meine Welt zusammenzubrechen droht. Doch mittlerweile bin ich schon ein Meister. Keine Seele kann es schaffen meinen Blick zu treffen. Dies stellt mich grundlegend zufrieden.


Version vom 16. 04. 2018 17:05

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