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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Vom Murks zum vernünftigen Leben
Eingestellt am 08. 05. 2010 09:32


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Herbert Schmelz
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Registriert: Oct 2009

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Der >fehlerhafte Bauplan< des menschlichen Gehirns ist akzeptabel

Die Evolution hat in unserem Kopf einen störanfälligen Murks angerichtet. Davon ist der New Yorker Psychologe Gary Marcus überzeugt. Hauptberuflich erforscht er die kindliche Sprachbildung. Sein neues Werk geht darüber hinaus, wird als ‚inspirierend’ bezeichnet. Im deutschen Titel steckt sein Programm: Der planlose Bau des menschlichen Gehirns.

Marcus arbeitet sich an der Vorstellung ab, das Gehirn sei zumindest das wichtigste Steuerungsorgan des Verhaltens. Die oft jeder Vernunft entbehrenden, katastrophalen Verhaltensweisen können somit nur als logische Folge aus ‚Baufehlern’ verstanden werden. ‚Fehlerhaft’ bedeutet dabei Abweichung von der unsre heutige Welt so dominierenden technischen Rationaliät – beispielsweise verkörpert im Computer.

Denkbare Wechselwirkungen mit weiteren Organen des menschlichen Körpers, also mit Herz, Blut, Lunge, Nieren, dem seelischen Apparat u.s.w., opfert er seiner These: „Unser genetisches Material hat sich zum allergrößten Teil in der Welt von Lebewesen entwickelt, die keine Sprache besaßen, keine Kultur kannten und keines reflektierten Denkens fähig waren. Und das bedeutet, dass die Wesenszüge, die uns am meisten als Menschen ausweisen -Sprache, Kultur, bewusstes Denken-, auf einem genetischen Fundament aufbauen, das ursprünglich ganz anderen Zwecken diente“

In einer Umgebung voller Werte und Reize, die in ihrer materiell immateriellen Verquicktheit noch immer Rätsel aufgeben, schleppen die Menschen also ein ‚fehlerhaftes’ genetisches Naturerbe mit sich herum. Und dies hat mit Mord und Todschlag, mit jeglichem Tabubruch, auch mit der Schädigung des eigenen Lebens kein Problem. Denn die genetischen Grundbausteine besitzen von sich aus keinerlei moralische und kulturelle Spurenelemente. Die sympathisch anregend geschilderte Unzuverlässigkeit des menschlichen Gedächtnisses ist durch neuro-psychologische Untersuchungen belegt. Typisch amerikanisch zielt Gary Marcus auf individuell verbesserte, selbstkritische Gestaltung des Lebens und nicht auf eine Umgestaltung der Gesellschaft oder gar die heute diskutierte, real möglich gewordene genetische Manipulation.

Das Gehirn kann große Datenmengen und Qualitäten unsrer Erfahrungen abspeichern und schnelle, lebenswichtige Reaktionen auslösen. Aber das Gespeicherte zuverlässig in unser Gedächtnis zu rufen –wie im Computer- ist ziemlich problematisch. Schon alltägliche Aufregung, die durch fehlerhafte Gedächtnisleistung ausgelöst wird, macht uns auf ‚konstruktive Mängel’ aufmerksam. Wenn wir, vor unsrer Wohnungstüre stehend, verzweifelt alle Taschen nach dem Schlüssel durchsuchen, statt gleich die richtige anzupeilen; wenn wir nach dem Betanken des Autos vor der Kasse die Kreditkarte an der gewohnten Stelle vermissen – hat unser Gedächtnis versagt, verrückt gespielt ?

Wir sind einfach unsrer archaischen Natur gefolgt, bezeichnenderweise aus gedankenloser Gewohnheit. Wir haben uns der Nahrungssuche gewidmet, während unser ‚kontextuelles Gedächtnis’ die konkreten Erfordernisse völlig ignorant behandelt hat. Das ‚kontextuelle Gedächtnis’ ist nach Marcus eine sehr allgemeine (kognitive) Eigenschaft unsres Gehirns, die nur dann passend eingesetzt wird, wenn die ‚richtigen’ Anhaltspunkte uns behilflich sind. Das bedeutet praktisch, dass wir in unserem Verhalten mehr von Zufällen unsres Erfahrungsumfelds abhängen als von bewussten Absichten.

Gary Marcus verfolgt systematisch und locker seine Idee von den Konstruktionsmängeln des menschlichen Gehirns beispielhaft an dessen Funktionen: Gedächtnis, Glauben, Entscheiden, Sprache, Lust. Seine Vergleiche zwischen Hirn und Computer legen die Frage nahe: Ist das Gehirn mehr als ein biologisches Organ?
Tatsächlich hilft es und initiiert auch, perfekter funktionierende technische Systeme hervorzubringen als seine genetische Beschaffenheit erwarten lässt. Es ist ein Medium und funktioniert auch so. Sicher ist, dass der evolutionäre Naturprozess wertvolle, aus der Hirntätigkeit erwachsende Errungenschaften der Menschengattung toleriert und ihre Entwicklung aktiv fördern kann. Diese Tatsache nennen wir kulturelle Evolution, die vom kognitiven Apparat des Gehirns ohne prinzipielle immunologische Abwehr betrieben wird.

„Das kontextuelle Gedächtnis mag sich als Notbehelf entwickelt haben, als plumpe Kompensation dafür, dass es der Natur nicht gelang, eine saubere Postleitzahlenzuordnung für den Zugriff auf gespeicherte Informationen zu schaffen. Dennoch besitzt das System, mit dem wir leben, einige offenkundige Vorzüge. Zum einen setzt das kontextuelle Gedächtnis Prioritäten (anders als der Computer, der alle Erinnerungen als gleichwertig behandelt). Es bringt uns Dinge, die uns am geläufigsten sind, mit denen wir in letzter Zeit zu tun hatten oder die zuvor unter ähnlichen Umständen wie den jetzt gegebenen wichtig waren, am schnellsten zu Bewusstsein – liefert uns also genau die Informationen, die wir am häufigsten brauchen.
… Hinzu kommt noch, dass wir (im Gegensatz zu Computern) nicht gezwungen sind, alle Details unserer internen Hardware zu kennen; in den meisten Fällen geht es beim Gebrauch unseres Gedächtnisses nicht etwa um das Aufspüren einer bestimmten Gruppe von Hirnzellen, sondern nur darum, die richtige Frage zu stellen.
Niemand weiß genau, wie das funktioniert, aber am wahrscheinlichsten scheint mir zu sein, dass die Erinnerungen in unserem Gehirn autonom, jede für sich, agieren – in Reaktion auf Anfragen, mit denen sie korrespondieren könnten. Dadurch entfällt das Erfordernis einer zentralen Instanz, die über eine Lagekarte sämtlicher Speicherstellen verfügt. Verlässt man sich auf Korrespondenzen statt auf bereits feststehende spezifische Adressen, dann ist natürlich nicht garantiert, dass sich die richtige Erinnerung auf die Anfrage meldet. Je weniger Anhaltspunkte man >eingibt<, desto mehr >Treffer< wird das Gedächtnis liefern, und so kann es passieren, dass die gesuchte Erinnerung unter den irrelevanten verschüttgeht.“

Marcus liegt richtig: noch weiß wohl niemand, wie das Gedächtnis genau funktioniert. Obwohl die professionellen Folterknechte bis heute experimentieren, um die Geheimnisse des menschlichen Gedächtnisses zum Zwecke inhumaner Manipulationen in den Griff zu nehmen, sind ihre stets misslingenden Absichten durchschaut und blamiert. Dagegen ist positiv am Text von Gary Marcus sein Ansatz, uns nicht in das Gefängnis der Naturentwicklung aus selbst verschuldeter Unmündigkeit einsperren zu müssen, sondern als denkende Menschen uns stets noch verbessern zu können. Eingeschlossen ist hierin der kritische Widerspruch an Gary Marcus Konzept vom fehlerhaften natürlichen Bau des menschlichen Gehirns: Die Fehlerhaftigkeit der Natur ist mehr Schein als Wirklichkeit, denn die gesellschaftlichen Kulturtatsachen haben an diesen 'Fehlern' einen hohen Anteil. So können die ‚dreizehn Anregungen’ für den Leser auch ein wenig nützen:
„1. Wann immer möglich, sollten Sie alternative Hypothesen in Betracht ziehen.
2. Stellen Sie sich die gleiche Frage in anderer Form
3. Vergessen Sie nie, dass aus Korrelationen keine Kausalität folgt
4. Lassen Sie nie den Umfang der Stichprobe außer Acht.
5. Berücksichtigen Sie Ihre eigene Impulsivität und Voreingenommenheit
6. Sich Ziele zu setzen genügt nicht. Wir brauchen auch Pläne für den Eventualfall.
7. Treffen Sie, wann immer möglich, keine wichtigen Entscheidungen, wenn Sie müde sind
oder anderes im Kopf haben.
8. Wägen Sie stets Nutzen und Kosten gegeneinander ab.
9. Stellen Sie sich vor, dass die Entscheidungen, die Sie treffen, stichprobenweise überprüft
werden.
10.Gewinnen Sie Abstand.
11. Hüten Sie sich vor allem, was Eindruck macht, persönlich anspricht, unmittelbares
Interesse erregt.
12. Setzen Sie Prioritäten.
13. Bemühen Sie sich um Rationalität.“


__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 08. 05. 2010 09:32
Version vom 10. 05. 2010 09:51
Version vom 08. 08. 2010 09:41

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Thys
???
Registriert: Mar 2010

Werke: 6
Kommentare: 223
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Hallo Herbert Schmelz,

ich glaube der Titel des Buches sollte ursprünglich Vom Murks zu vernünftigen Einnahmen heißen. Der schreibt nämlich da einen wirklich witzigen Murks zusammen um anschließend auf eigentlich schon sinnvolle Empfehlungen zu kommen, die einem aber der vernünftige Menschenverstand eingibt. Aber immerhin hab ich wirklich gelacht. Ich hoffe, das Buch war nicht allzu teuer.

Ach... ich MAAGGGGGG Psychologen

Lachende Grüße

Thys
__________________
Ja, is denn scho Weihnachten?

(F. Beckenbauer)

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