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Leselupe.de > Humor und Satire
Vom Seelenhunger
Eingestellt am 26. 02. 2004 12:32


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Tochter des Ozeans
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Ihr wollt also jetzt eine Geschichte. Oder eine Story, wie der moderne Mensch sagt. Ich k├Ânnte euch jetzt was erz├Ąhlen, was aufschreiben. Meine Hirngespinste, meine W├╝nsche, Tr├Ąume, ├ängste oder Spinnereien in Worte verfassen und euch hungernden Verlieren zu fressen geben. Ich soll „meiner Phantasie freien Lauf geben“, nur damit ihr eure leere Seelee f├╝ttert. Ihr erwartet eine Erz├Ąhlung, die euch den Kick gibt, wenn auch nur kurz. Damit ihr euer Leben, das so trist und grau ist, aufpeppen k├Ânnt und der Welt f├╝r einen Moment, oder auch etwas l├Ąnger, entfliehen k├Ânnt. Dann flieht ihr in meine Welt, die ich euch ertr├Ąumt habe.
Ihr wollt verzaubert werden, Honig ums Maul geschmiert bekommen. Immer nur passiv sein, ja, das gef├Ąllt euch. Und wenn ich dann fertig bin, wenn meine Story beendet ist, dann, ja dann schlagt ihr zu. Hackt alles kurz und klein, bewertet und kritisiert meine Tr├Ąume. MEINE Tr├Ąume, nicht EURE. Ihr beschwert euch ├╝ber Dies und Jenes, gebt mir Punkte, in denen ich mich zu verbessern habe. Dann zieht ihr weiter und macht alles so wie immer. Und wenn ihr dann wieder alle, leer und einsam seid, kommt ihr zu mir und bittet mich, euch eine Geschichte zu erz├Ąhlen.

Findet ihr das eigentlich OK? Ihr urteilt ├╝ber meinen Service, der f├╝r euch selbstverst├Ąndlich geworden ist. Mit euerer verkorksten Vorstellungskraft zieht ├╝ber meine Ideen her. Stopp! So kann das doch nicht weitergehen! Merkt ihr nicht, dass euch dieser kurze Kick euch nicht weiter bringt? Ein Hungriger sollte schlie├člich auch nicht zum Traubenzucker greifen, nur weil der am schnellsten ins Blut geht; er sollte lieber einen Teller Nudeln essen. Nudeln halten l├Ąnger satt. Also, ihr br├Ąuchtet meine Geschichten gar nicht, wenn ihr eure Phantasie regelm├Ą├čig in Einsatz br├Ąchtet.
Nat├╝rlich schreibe ich gerne, klar. Aber ich will nicht nur Serotinfutter erschaffen! Ich schreibe wann und wie ich will. Mit meinen W├╝nschen, Vorstellungen und Tr├Ąumen. Hey, stopp, so geht’s jetzt nicht. Ihr m├╝sst mich jetzt nicht voll jammern oder meine Geschichten hoch jubeln. Ich will eure ausgekotzten Seelen nicht. Ich will, dass ihr eure grauen Zellen wieder anmalt. Dass ihr euch selber zum Kick bringt.
Was, ihr streikt? Was sagt ihr? Ihr braucht mich gar nicht? Ach ja, h├Ątte ich fast vergessen. Da gibt es ja das Fernsehen. Das liefert euch Tag und Nacht, rund um die Uhr Storys. Meine Damen und Herren, ich pr├Ąsentiere Ihnen den einmaligen Serotinlieferant: Das Fernsehen! Sch├Ân, wie der Kasten bei euch im Wohnzimmer, oder noch schlimmer, im Schlafzimmer thront. Supper! Wenn euch eure Partner nicht richtig aufgeilt, mal wieder stresst oder nicht zu hause ist, zieht ihr euch ein tolles Unterhaltunsprogramm rein. Dann taucht ihr ab, in eine k├╝nstliche, unrealistische und ideale Welt. Ihr f├╝hlt euch dem Moderator oder dem Helden so nah, ja ihr habt beinah das Gef├╝hl selbst den T├Ąter zu ├╝berf├╝hren, oder Heidi Klum zu interviewen. Ihr f├╝hlt euch den tollen Leuten so nah, habt den Eindruck, sie zu kennen. Boah, eine sch├Âne Welt, nicht wahr?

Das kann lange so gehen. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem es Klick macht. Dann zerbrechen die Illusionen, die Bilder, und euch wird bewusst, dass das alles falsche Tr├Ąume waren. Dass ihr mit dem Wirklichen nichts zu tun habt. Ihr f├╝hlt eine immer gr├Â├čer werdende Leere in euch. Ihr f├╝hlt euch einsam. Und ihr erinnert euch vielleicht an mich. Ihr erinnert euch an meine Geschichten. Aber leider wisst ihr nicht mehr wo ich wohne, kennt meine Telefonnummer nicht mehr. Ich bin eurem Ged├Ąchtnis fast entschwunden. Fast. Aber jetzt kramt ihr die Erinnerungen wieder raus. Denkt an meine banalen W├Ârter, die euch nun so s├╝├č und lieblich vorkommen.
Was macht ihr? Eigentlich habt ihr nur zwei M├Âglichkeiten. Entweder, ihr lebt weiter wie bisher, versucht, das Loch, den Hunger eurer Seele zu ├╝bersehen, werdet sch├Ân cool und gef├╝hllos um den Schmerz nicht wahrnehmen zu m├╝ssen, verliert dabei eure Menschlichkeit, oder aber ihr lasst euch fallen. Lasst die High-Tech-Ger├Ąte ausgeschaltet, vergesst das Nichts, von dem ihr umgeben seit und konzentriert euch mal ganz auf euch selbst. Versucht, an nichts zu denken. Entdeckt das, was euch sonst nie auff├Ąllt. Das Verborgene. Ihr k├Ânnt nat├╝rlich nicht erwarten, dass ihr sofort Erfolg habt und eine spannende Geschichte erlebt. Habt Geduld mit euch und nehmt alles und nichts wahr. Die Phantasie ist nicht zu erzwingen. Aber vielleicht zur├╝ckzugewinnen.

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katia
???
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hui

liebe tochter des ozeans,

ich wei├č wohl, dass es wohl so ein genre gibt, wie du es mit deiner geschichte bedienst. f├╝r mich pers├Ânlich geht es zu weit, gleich zu beginn mit unterstellungen bombardiert zu werden, weil ich immer so herangehe: "ich habe eine menge zu erz├Ąhlen - aber mal sehen, was sie/er mir zu erz├Ąhlen hat." und wenn ich dann in die passivit├Ąt gedr├Ąngt werde, f├╝hle ich mich nicht wohl. ich habe mich durch den erhobenen zeigefinger durchgek├Ąmpft, mich aber eher angefeindet gef├╝hlt... und nichts gefunden, was auch nur im entferntesten mit mir zu tun haben k├Ânnte.
sorry, aber so war es nun mal.
katia


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egotrip
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Seelenhunger

Hallo liebe Ozeantochter,

ich bins nochmal. Hat mich interessiert was Du sonst noch schreibst. Diese Geschichte gef├Ąllt mir supergut. Dachte schon ich krieg einen Leseorgasmus. Es hat mich sehr angesprochen!!!

Lieber Gru├č


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Susaschreiben als Befreiung

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Tochter des Ozeans
Autorenanw├Ąrter
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Boaaaaffff!!!
Lieber Egotrip - falls deine Antwort ernst zu nehmen ist: Tausen Dank!

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egotrip
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Seelenhunger

Nat├╝rlich ist das Ernst. Ich dachte - wer r├╝ttelt und sch├╝ttelt mich hier wach - ich war doch grad so sch├Ân am d├Âsen. Hat wirklich, wirklich Spa├č gemacht. Merci!

Liebe, liebe Gr├╝├če


Susi
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